Mourose
steuerte die Intruder weiter westwärts. Sie wagte einen heimlichen
Seitenblick auf die in Trance liegende Lilly. Sie sah fast so aus, als
würde sie schlafen, doch von Zeit zu Zeit murmelte sie seltsames
Zeug.
„Nacht und Sterne...“ flüsterte sie, „Lichter überall,
Silberlicht...“
Sie hatte sah vor ihrem inneren Auge wahrscheinlich schon den Ort, an
dem Luzifer sich aufhielt, wenn auch nur undeutlich. Damit hatten sie
schon mal einen Hinweis, dass er sich in Europa aufhielt, wo gerade Abend
war.
„Siehst du genaueres?“ fragte Mourose vorsichtig nach. Lilly
zog die Stirn vor Anstrengung kraus.
„Nur undeutlich, verschwommen. Zu viele Lichter, zu viele Menschen,“
antwortete sie leise.
Mourose seufzte. Die Bordinstrumente zeigten noch nichts an. Sie ärgerte
sich über Luzifer. Es war ja nicht das erste Mal, dass er einen solchen
„Ausflug“ unternahm. Doch seitdem Lilly wieder bei ihm war,
hatte Mourose gehofft, er würde es in Zukunft aus Rücksicht
auf sie unterlassen. Aber anscheinend ließ er sich diese Freiheit
von niemanden nehmen, nicht einmal von ihr. Mourose hoffte, dass es nicht
wieder so ein Spektakel wie beim letzten Mal geben würde. Eine junge
Köchin von Luzifer hatte sich in einen katholischen Italiener verliebt
und wollte das Reich darauf verlassen. Er ließ sie auch gehen, aber
sie drohte ihm plötzlich damit, ihn an die Öffentlichkeit zu
verraten und wollte eine nicht unerhebliche Summe damit erpressen. Auf
ihrer Hochzeit platzte Luzifer dann unerwartet in die Kirche und verteilte
pornographisches Photomaterial der Braut, welches ihr enttäuschter
Ex ihm hat zukommen lassen. Natürlich platzte die Trauung, der Bräutigam
wollte sich rasend vor Zorn auf die Braut stürzen, was wiederum ihre
Familie zu verhindern versuchte. Das ganze endete in einer großen
Schlägerei, bei der auch ein erheblicher Sachschaden an der Kircheneinrichtung
verursacht wurde. Luzifer hatte sich in dem Chaos rechtzeitig und unbemerkt
davongestohlen, aber es hatte Mourose einen riesigen Aufwand gekostet,
die Sache zu vertuschen, von den hohen Bestechungsgeldern die sie zahlen
musste, ganz abgesehen. Sie hoffte daher, dass es dieses Mal nicht so
weit kommen würde. Bei dem Stichwort Kirche kam ihr plötzlich
eine Idee.
„Lilly, siehst du irgendwelche Kirchen oder andere historische Gebäude?“
Erst dachte Mourose, Lilly hatte sie nicht gehört, aber dann antwortete
sie:
„Grüne Türme...“
„Wie viele?“
„Zwei doppelt, fünf alleine.“
Mourose wusste sofort Bescheid.
„OK, er ist wohl in Lübeck, das ist nicht mehr weit.“
Sie war schon oft in Lübeck gewesen und hatte ihm davon erzählt.
Das Zentralgebäude des Nephilim Ordens war ja nur eine Stadt weiter,
in Hamburg. Schlagartig wurde Lilly wieder wach.
„Dieser...Mistkerl!“ rief sie entrüstet.
„Was ist denn los?“ fragte Mourose und ahnte schlimmes.
„Da sind zwei Mädchen bei ihm, die ich nicht kenne!“
„Wenn es nur das ist,“ dachte Mourose.
„Lilly, mach ihm aber bitte keine Szene, wenn wir ankommen. Wir
wollen uns so diskret wie möglich davon machen.“
„Das sagst du so leicht!“ schnaubte sie verärgert, „der
kann was erleben!“
„Bitte, Lilly. Wenn wir zurück sind, kannst du mit ihm machen,
was du willst. Aber es fehlt noch, dass ihr euch mitten auf dem Markt
in die Haare bekommt. Versprochen?“
„Ja,“ presste sie heraus und verschränkte schmollend
die Arme vor der Brust.
„Arme Lilly,“ dachte Mourose. Sie wollte wirklich nicht mit
ihr tauschen. Sie war froh, dass sie den ganzen Ärger, den Beziehungen
mit sich bringen, für immer hinter sich hatte. Sie seufzte. Leider
stimmte das nicht ganz, denn mittlerweile mußte sie die Beziehungsstreitigkeiten
von Lilly und Luzifer schlichten.
Es dauerte nicht mehr lange und das Signal das Siegelsteines wurde von
den Instrumenten erfasst.
„Er ist auf dem Marktplatz, ich versuche aber in einer Seitenstraße
runterzukommen.“
Lilly reagierte nicht, sondern starrte immer noch schmollend nach vorne.
Mourose ließ die Intruder in einer engen Straße herabsinken
und parkte sie in einer dunklen Ecke, damit niemand gegen das getarnte
Schiff rannte. Als sie ausstiegen, schlug ihnen eiskalte Luft entgegen.
„Scheißkälte!“ fluchte Lilly und hielt sich ihre
Hände auf ihre nackten Schultern. Mourose hatte ihren Kampfanzug
an, der sich jedem Klima anpasste, aber Lilly trug noch ein sehr dünnes
Kleid.
„Hier, zieh das an,“ sagte Mourose und holte einen dicken
Wintermantel aus der Heckklappe der Intruder. Lilly machte ein verwundertes
Gesicht und wickelte sich sofort in den langen Mantel.
„Warum hast du denn einen Mantel dabei,“ fragte Lilly erstaunt.
„Man weiß ja nie, wo man mal notlanden muss,“ erklärte
Mourose beiläufig und aktivierte das Tarnfeld.
„Mourose, du bist echt ein Engel,“ freute sich Lilly und kuschelte
sich in das warme Futter.
„Nur ein halber,“ grinste Mourose.
Darauf gingen sie Richtung Marktplatz und es dauerte nicht lange, bis
sie sich in drängelnden Menschenmassen befanden.
„Das ist ja kaum auszuhalten,“ seufzte Lilly und Mourose stimmte
ihr zu. Sie beide mochten keine großen Ansammlungen von Menschen.
Luzifer zu finden war nicht schwer, er stand mit zwei jungen Mädchen
an einem Glühweinstand. Er hatte den Reisverschluss seines Overalls
bis zum Bauchnabel runtergezogen und zeigte den beiden seine Kriegsverletzungen.
„...und da wurde ich von Michael aufgespießt, wie ein Brathähnchen!“
Die beiden Mädchen kicherten verlegen. Mourose verdrehte entnervt
die Augen. Anscheinend war er schon etwas angetrunken, dann war seine
Hemmschwelle noch niedriger als sonst. Lilly biss sich auf die Unterlippe
und war vor Wut rot angelaufen. Mourose legte ihr ihre Hand auf die Schulter
und warf ihr einen vielsagenden Blick zu. Lilly verstand anscheinend und
atmete tief durch.
„Immer ran an den Feind,“ sagte Mourose mehr zu sich selbst
und ging mit federnden Schritten zu Luzifer. Lilly zögerte einen
Moment, kam aber dann hinterhergelaufen.
„N’Abend allerseits, amüsieren wir uns auch prächtig?“
grüßte Mourose mit leicht sarkastischen Tonfall. Luzifer grüßte
nicht zurück, sondern sah auf die Turmuhr.
„Eine Stunde, 32 Minuten. Du wirst von mal zu mal schneller,“
bemerkte er mit einem breiten Grinsen. Die beiden Mädchen starrten
Mourose verschreckt an. In ihrem schwarzen, asiatisch anmutenden Kampfanzug, mit den beiden
tätowierten Punkten unter ihren Augen und dem langen Schwert am Gürtel
sah sie schon sehr gefährlich aus. Lilly kam dazu und sah Luzifer
vorwurfsvoll an, ihre Unterlippe zitterte vor unterdrückter Wut.
Sie sprach wahrscheinlich nicht, weil sie wusste, dass sie in diesem Moment
sowieso nur schimpfen könnte.
„Und? Kommst du jetzt mit uns?“ fragte Mourose. Er seufzte.
„Können wir uns einmal kurz unterhalten?“ fragte er,
doch es klang vom Tonfall eher wie ein Befehl.
„Immer doch,“ antwortete Mourose.
„Ich bin gleich wieder da,“ sagte er zu den beiden Mädchen.
„Ist schon OK, wir müssen sowieso los,“ erwiderte die
Blonde.
„Wir sehen uns aber wieder, irgendwann“ sagte er zu ihnen
und lächelte ihnen charmant zu.
„Jetzt reicht’s aber!“ zischte Lilly leise, packte ihn
am Ärmel und zog ihn in eine dunkle Seitenstraße. Mourose mußte
sich durch eine Horde Menschen durchdrängeln und kam ein paar Sekunden
später an. Zu spät, die beiden stritten sich schon.
„Was denkst du dir eigentlich, einfach abzuhauen? Und dann diese
Mädchen, die waren doch höchstens vierzehn!“ rief Lilly.
„Sie waren fünfzehn,“ antwortete er.
„Macht das einen Unterschied? Was wäre denn gewesen, wenn wir
dich nicht weggeholt hätten?“
„Ja, was denkst du wohl? Wirst du langsam paranoid? Denkst du ich
war scharf auf sie?“
“Ja, das denke ich wohl! So wie du sie angesehen hast!“
„Darf ich jetzt nicht einmal mehr reden mit wem ich will? Muss ich
für alles was ich tue immer die Zustimmung von dir bekommen?“
„Nein, aber wir könnten wenigstens darüber reden! Aber
nein, du nimmst überhaupt keine Rücksicht auf mich!“
„Du verbietest mir ja auch alles! Was bleibt mir anderes übrig?“
„Dich mit Minderjährigen rumzutreiben, was denn sonst!“
rief Lilly sarkastisch.
„Hey, sie stehen wenigstens auf mich!“
„Du chauvinistisches Arschloch!“ schrie Lilly und schlug mit
der Hand nach ihm, doch er konnte gerade so ausweichen.
„Ach, sind wir jetzt schon so weit, dass du mich schlagen willst?“
rief er und wollte ihre Handgelenke greifen.
„Jetzt reicht es aber!“ rief Mourose mit donnernder Stimme
und schlug ihr Katana zwischen die beiden Kontrahenten. Erschrocken wichen
sie zurück.
„Reißt euch mal zusammen, das ist ja peinlich!“
Mourose hasste es so sehr, wenn die beiden stritten. Sie riss sich für
sie den Arsch auf, und ihnen fiel nichts besseres ein, als sich wegen
Kleinigkeiten zu keilen. Meistens hörten sie auf, wenn Mourose dazwischenging,
aber diesmal schien es nicht so schnell zu Ende zu gehen.
„Misch dich nicht ein! Dich geht das gar nichts an!“ zischte
Luzifer sie an.
Mourose war verwirrt darüber, dass er sie plötzlich im Visier
hatte.
„Jetzt mach mal halblang. Mich geht das sehr wohl etwas an,“
sagte sie so ruhig wie möglich.
„Das ist ja das Problem! Überall musst du deine Finger drin
haben! Als wenn ich nicht alleine zurechtkäme!“
Mourose steckte entschlossen ihr Katana weg.
„In Ordnung. Dann werde ich also nicht mehr gebraucht.“
Darauf machte sie kehrt und machte sich auf den Rückweg zur Intruder.
Lilly rief ihr noch hinterher, aber das war ihr auch egal.
Immerhin hatte sie ihr Versprechen ihr gegenüber gebrochen.
„Blödes Pack,“ knurrte sie und stieg in den Gleiter.
Zum Glück war es nicht weit bis zum Nephilim Zentralgebäude.
Sie hatte sich vorgenommen, nicht zu weinen, aber sie konnte es nicht
verhindern, dass ihre Augen nass wurden. Wenn sie doch nur wüssten,
wie sehr es ihr schmerzte, wenn sie sich stritten!
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