Kapitel 8

Der kalte Wind trug Luzifer wie einen Nachtschatten über das Land. Der Mond stand als helle Silberscheibe am Himmel und die Sterne funkelten über ihm. Die Welt unter ihm war vom frischen, weißen Schnee bedeckt. Seine Flügel rauschten mächtig im Wind und trugen ihn immer höher, Wolkenfetzen zogen lautlos vorbei. Angst entdeckt zu werden, hatte er nicht. Er flog zu hoch, als dass man ihn im dunklen Nachthimmel von einem großen Vogel unterscheiden könnte. Mit seinen scharfen Falkenaugen betrachtete er die Welt unter sich. Noch befand er sich auf dem Lande, nur kleine Dörfer waren zwischen Äckern und Wäldern verstreut. Doch auch sie erstrahlten in hellerem Licht als sonst. Überall standen die Nadelbäume in den Vorgärten im glitzernden Lichterschein, ebenso viele Fenster. Er war in dieser Jahreszeit noch nie über die Oberfläche geflogen, weil es ihm immer zu kalt gewesen war. Um so mehr erstaunte ihn die Schönheit der winterlichen Welt.

In der Ferne tauchte bald die Stadt auf. Die Dörfer wurden zu Siedlungen, die Siedlungen schlossen sich zur Vorstadt. Als er in die Richtung der Altstadt blickte, traute er seinen Augen nicht. Als er neugierig näher flog, offenbarte sich ihm eine farbenfrohe Erscheinung. Lichterketten überspannten die Straßen, viele Menschen waren trotz der späten Uhrzeit noch unterwegs. Mit Einkaufstüten bepackte und mehr oder weniger gestresst wirkende Leute drängelten sich vorwärts, ebenso aber solche, die um die Buden am Marktplatz standen, essen tranken und sich ausgelassen amüsierten. Nicht wenige hatten alberne rote Weihnachtsmützen auf dem Kopf, der Weihnachtsmann war auch fünfzehnfach vor Ort. Er segelte sanft und lautlos tiefer hinab, um dem Geschehen näher zu kommen. Jetzt musste er langsam aufpassen, nicht entdeckt zu werden. Es war ihm ein leichtes, die Aufmerksamkeit der Menschen telepatisch von ihm abzulenken, dass sie ihn „übersahen,“ trotzdem hielt er sich möglichst in den Schatten der großen Gebäude. Es machte ihm immer großen Spaß, durch Häuserschluchten zu fliegen, denn erst dann bekam er zu spüren, wie schnell er tatsächlich unterwegs war. Es war lange hergewesen, dass er unter freien Himmel geflogen war. Musikfetzen vermengten sich mit lautstarken Schwatzen und dem üblichen Lärm eines Weihnachtsmarktes. Immer wieder drangen Worte zu ihm hoch, die deutlich machten, wie sehr sich die Menschen über den Schnee freuten. Märchenhaft verzauberte die glitzernde weiße Pracht die sowieso schon romantisch wirkenden Altstadtbauten. Er rauschte dicht an einem riesigen Weihnachtsbaum vorbei und staunte nicht schlecht über die Mühen, die in diese Erscheinung gesteckt worden war. Er durchflog eine Wolke alkoholischen Geruches, der sehr stark an Lillys Sabbatwein erinnerte. Anscheinend nannte man das Zeug hier Glühwein. Und er sah schon das dritte Werbeplakat mit Frauen in aufreizenden Dessous. Ein beliebtes Weihnachtsgeschenk also. Er grinste. Ihm war dieses bunte Treiben überraschenderweise doch sehr sympathisch. Doch langsam wurde ihm kalt. Er hatte zwar seinen engen, schwarzen Lederoverall an, der ihn gut wärmte und ihn im Flug nicht behinderte, aber allmählich war die Kälte durch den scharfen Fahrtwind doch hineingekrochen. Außerdem trieb ihn die Neugierde. Er segelte noch tiefer und landete unbemerkt in einer Seitenstraße. Er konnte jetzt aufhören, sich zu verstecken. Die Menschen ignorierten ihn meist, wenn er seine Flügel angelegt hatte, wahrscheinlich weil sie es für ein Kostüm hielten. Aber wenn er einfach so angeflogen kommen würde, würde er wohl das Weltbild der meisten zerstören und sie eventuell zu heftigen Reaktionen provozieren.


Wie erwartet erntete er zwar verwunderte Blicke als er sich unter die Menschen begab, aber keine Reaktion die darüber hinausging. Er grinste ins sich hinein. Er könnte wahrscheinlich auch nackt rumlaufen, und es würde lange Zeit keiner reagieren. Menschen waren allesamt Meister im Ignorieren. Er schlenderte durch die Fußgängerzone, vorbei an bunt geschmückten und von Menschen umringten Buden. Einige verbreiteten verlockende Gerüche, andere gefielen seiner feinen Nase ganz und gar nicht, aber das lag wohl einfach daran, dass er den Geruch von toten Fleisch nicht ausstehen konnte. Der Menschenstrom teilte sich plötzlich unerwartet und er sah sofort warum: Ein todernst dreinblickender Mann stand mitten auf dem Weg, vorne und hinten mit einem Pappschild umhängt, auf dem stand: „Ich will nicht, dass ihr in die Hölle kommt.“
Womit Menschen doch ihre Zeit verschwendeten, dachte er amüsiert. Keiner schien sich für das Männlein zu interessieren, alle drängelten sich entnervt an ihm vorbei. Mit einem schadenfrohen Grinsen ging er auf ihn zu. Den Spaß wollte er sich gönnen. Als der Mann sah, dass er nicht mehr ignoriert wurde, sah mit einem irren Blick Luzifer an.
„Rette deine Seele, bevor es zu spät ist!“ rief er beschwörerisch und wedelte einen schief bedruckten Flyer vor seiner Nase rum.
„Ist ja gut. Mir kannst du da eh nicht mehr helfen. Aber mach dir mal nicht ins Hemd. So schnell kommt kein Normalsterblicher zu mir, da muss man schon einiges auf dem Kasten haben und sich gewaltig anstrengen.“
Irritiert sah das Männlein zu ihm hoch. Sein Verstand war vom stundenlangen Stehen in der Kälte wahrscheinlich ziemlich eingerostet, und in seinem „wie-fange-ich-verängstigte-Dummköpfe-und-knöpf-ihr-Geld-ab-Seminar“ war eine solche Situation wahrscheinlich nicht dran gewesen. Luzifer klopfte ihm auf die Schulter und lächelte milde.
„Kauf dir ein Bier und fang was vernünftiges an.“
Als der Typ keine Reaktion zeigte, die über blödes Anstarren hinausging, senkte Luzifer seinen Blick bedrohlich und sagte mit dunkler Stimme:
„Sofort! Sonst komm ich und hol dich!“
Der Mann reagierte erst gar nicht, kam dann plötzlich zu der Erkenntnis, dass es angebracht wäre, Panik zu bekommen, machte Kehrt und gab Hackengas. Luzifer schüttelte belustigt den Kopf und schlenderte darauf zufrieden grinsend weiter.


„Bist du ein Engel?“ fragte ein kleines Mädchen, vielleicht fünf Jahre alt. Es waren immer die Kinder, die zuerst fragten. Den nackten Kaiser in Grimms Märchen hatte auch ein kleines Kind entlarvt. Kinder sahen die Welt noch so wie sie war, und nicht wie sie sie zu sehen hatten.
„Sehe ich denn aus wie ein Engel?“ grinste er sie an. Sie überlegte und schaute ihn mit großen Kulleraugen an.
„Du bist ein komischer Engel,“ entschied sie.
„Ganz normal bin ich wirklich nicht,“ antwortete er schmunzelnd.
„Bist du eine Frau oder ein Mann?“ fragte sie unverblümt weiter. Er war nicht beleidigt wegen der Frage. Die Geschlechter von Engeln waren für Menschen nicht leicht zu unterscheiden.
„Na dann rate mal.“
Sie schaute betreten nach unten und drehte mit der Fußspitze am Boden.
„Weiß ich nicht.“
“Dann mach die Augen zu,“ sagte er. Sie guckte erst verwundert, tat es dann aber.
„Und jetzt höre mal auf meine Stimme. Na, was meinst du, was bin ich?“
“Ein Mann!“ rief sie.
„Siehst du, war doch gar nicht so schwer,“ grinste er.
„Charlene! Charlene!“ rief eine mit Einkaufstüten behangene Frau, die sich durch den Strom der Passanten kämpfte.
„Charlene, wie oft habe ich schon gesagt, du sollst nicht stehen bleiben,!“ schimpfte sie und nahm ihre Hand, um sie wegzuziehen. Doch der Blick der Kleinen klebte immer noch an Luzifer und sie wollte nicht gehen.
„Das ist ein Engel!“ rief sie und zeigte auf ihn. Die Mutter zog darauf das Kind energisch zu sich.
„Lüg doch nicht rum, es gibt doch gar keine...“
„Keine was?“
Als sie zu ihm hochsah, erstarrte sie verwirrt. Er grinste undurchsichtig und zog eine Augenbraue hoch.
„Was fällt ihnen ein, einem unschuldigen Kind solchen Irrsinn in den Kopf zu pflanzen?“ rief sie entrüstet.
Er zuckte nonchalant mit den Schultern.
„Ich hab nur die Wahrheit gesagt und bin mir keiner Schuld bewusst. Sie sollten es aber sein."
"Wieso das denn?" fragte sie zischend und mit lauernden Blick.
"
Passen sie besser auf ihr Kind auf,“ sagte er völlig unberührt von ihrer drohenden Haltung.
Auf diese Bloßstellung hin wurde ihr Gesicht puterrot vor Zorn.

„Halten sie mir keine Vorträge! Sie wollen ein Engel sein? Das ich nicht lache! Wenn überhaupt sind Engel körperlose Lichtgestalten.“
“Oh, na klar. Das wissen sie natürlich viel besser,“ schmunzelte er spöttisch.
„Diese Frechheiten werde ich mir nicht weiter bieten lassen!“ schnarrte sie und fegte davon. Heimlich drehte sich das Kind noch mal zu ihm um und winkte. Als die beiden im Getümmel verschwunden waren, fiel sein Blick auf zwei etwa fünfzehn Jahre alte Mädchen, die verstohlen in seine Richtung grinsten. Aber als er ihnen ins Gesicht sah, senkten sie ihre Blicke.
„Ist irgendwas?“ rief er zu ihnen. Die beiden hatten wohl nicht damit gerechnet, dass er sie ansprach, denn sie waren sichtlich verlegen. Er ging zu ihnen.
„N-nein,“ stotterte die Blonde und wich seinem Blick aus.
„Warum habt ihr denn eben so blöd rumgegrinst?“ fragte er schelmisch und beugte sich vor, um ihre gesenkten Blicke aufzufangen. Sie kicherten verlegen über diese Annäherung und drehten sich weg.
„Das war voll cool,“ nuschelte die Blonde in ihren dicken Schal versunken, aber sie sah ihn jetzt wenigstens an. Er hob eine Augenbraue.
„Cool?“
„Das war unsere blöde Englischlehrerin,“ sagte die Brünette schon viel selbstsicherer und deutete in die Richtung, in der die Frau gegangen ist.
„Ach so,“ grinste er, „hätte ich mir auch denken können, dass sie Lehrerin ist. Furchtbarer Charakter.“
Die beiden nickten zustimmend.
„Man darf den Lehrern nie die Meinung sagen, sonst bekommt man schlechte Noten reingewürgt,“ beklagte sich die Blonde.
„Das kann ich ja für euch machen,“ grinste er.
„Echt jetzt?“ fragte die Brünette mit großen Augen. Er lachte.
„Nein, dazu habe ich eigentlich gar keine Zeit.“
„Och schade!“ riefen sie ihm Chor.
„Hey, ich bin nicht dazu da, eure Probleme zu lösen. Das bekommt ihr auch alleine hin. Lernt gut, dann bleibt ihnen kaum etwas anderes übrig als euch gute Noten zu geben. Und bleibt immer sachlich und ruhig, so können sie euch nichts mehr anhaben.“
„Das sagt sich so leicht!“ rief die Blonde.
„Trotz hilft euch da nicht weiter,“ erklärte Luzifer weiter,“ nur Scharfsinn und Weisheit. Bietet ihnen nicht die Zielscheibe, die sie haben wollen. Dafür seit ihr noch zu wehrlos ihrer Willkür ausgesetzt.“
„Was arbeiten sie denn überhaupt?“ fragte die Brünette.
Luzifer war etwas verwirrt davon, von den Menschen hier gesiezt zu werden. Selbst in seiner offiziellen Stellung als Reichsfürst wurde er von allen geduzt. Ein paar kriecherische Spinner gab es natürlich immer. Er nutzte aber ihre uneingeschränkte Loyalität für undankbare Aufgaben aus, die sie auch mit großer Begeisterung ausführten.
„Ich brauche kein Geld zu verdienen. Das heißt aber nicht, dass ich nichts zu tun habe.“ sagte er und zwinkerte.
„Sind sie denn wirklich ein Engel?“ fragte die Brünette überraschenderweise doch noch. Er lächelte fast ein wenig schüchtern.
„Was würde denn passieren, wenn ich wirklich einer wäre?“
Die beiden machten ratlose Gesichter.
„Ich glaub das ist eigentlich egal, was sie sind. Sie sind aber echt cool drauf,“ sagte die Blonde und schenkte ihm einen verlegenen Augenaufschlag. Er grinste in sich hinein. Ihm war sehr wohl bewusst, dass die Mädchen ihn attraktiv fanden. Gerade auf junge Mädchen hatte er schon immer eine sehr starke Anziehung ausgeübt. Und er wusste, dass er in seiner schwarzen Lederkleidung verdammt gut aussah.
„Ihr könnt mir ruhig duzen, so alt bin ich wirklich noch nicht.“
Das war zwar eine Riesenlüge, aber ihnen das erklären zu wollen, hätte ewig gedauert.
„Ich bin übrigens Marie und das ist Anna!“ sagte die Blonde, sichtlich erfreut über die Situation. Er überlegte einen Moment, ob es wirklich klug war, den Mädchen seinen Namen zu sagen. Er entschied sich dann aber doch dazu, schließlich konnte er im Notfall immer noch das Tor benutzen.
„Luzifer.“
Die beiden öffneten überrascht ihre Münder und sahen sich darauf an.
„Der gefallene Engel? Der Teufel?“ fragte Marie mit einer Mischung aus Furcht und Verwirrung.
„Na ja, wie ein Teufel sehe ich doch nicht aus, oder? Den Teufel hat die mittelalterliche Kirche sich ausgedacht. Sie haben den gehörnten Sonnengott Cerunnos dämonisiert, wie so ziemlich alle heidnischen Götter damals.“
„Bist du denn böse?“ fragte Anna etwas verängstigt.
„Du meinst, ob ich unschuldigen Menschen die Seele wegnehme und so? Nein. Ich war vielen zu unbequem, daher wollten sie mich loswerden. Nicht wenige fürchteten, dass ihre absolutistische Macht zerfallen würde, nähmen ihre Untergebenen meine Lehren an. Daher ernannten sie mich zum Erzfeind aller Menschen. So waren sie sich sicher, dass niemand mir mehr Gehör schenken würde.“
„Wirklich?“ fragte Marie immer noch verunsichert. Er zuckte gleichgültig mit den Schultern.
„Ihr könnt jetzt auch gehen, wenn ihr wollt. Was sehr schade wäre. Oder wir trinken zusammen einen Glühwein. Was euch eben lieber ist.“


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