Der
kalte Wind trug Luzifer wie einen Nachtschatten über das Land.
Der Mond stand als helle Silberscheibe am Himmel und die Sterne funkelten
über ihm. Die Welt unter ihm war vom frischen, weißen Schnee
bedeckt. Seine Flügel rauschten mächtig im Wind und trugen
ihn immer höher, Wolkenfetzen zogen lautlos vorbei. Angst entdeckt
zu werden, hatte er nicht. Er flog zu hoch, als dass man ihn im dunklen
Nachthimmel von einem großen Vogel unterscheiden könnte.
Mit seinen scharfen Falkenaugen betrachtete er die Welt unter sich.
Noch befand er sich auf dem Lande, nur kleine Dörfer waren zwischen
Äckern und Wäldern verstreut. Doch auch sie erstrahlten in
hellerem Licht als sonst. Überall standen die Nadelbäume in
den Vorgärten im glitzernden Lichterschein, ebenso viele Fenster.
Er war in dieser Jahreszeit noch nie über die Oberfläche geflogen,
weil es ihm immer zu kalt gewesen war. Um so mehr erstaunte ihn die
Schönheit der winterlichen Welt.
In der Ferne tauchte bald die Stadt auf. Die Dörfer wurden zu Siedlungen,
die Siedlungen schlossen sich zur Vorstadt. Als er in die Richtung der
Altstadt blickte, traute er seinen Augen nicht. Als er neugierig näher
flog, offenbarte sich ihm eine farbenfrohe Erscheinung. Lichterketten
überspannten die Straßen, viele Menschen waren trotz der
späten Uhrzeit noch unterwegs. Mit Einkaufstüten bepackte
und mehr oder weniger gestresst wirkende Leute drängelten sich
vorwärts, ebenso aber solche, die um die Buden am Marktplatz standen,
essen tranken und sich ausgelassen amüsierten. Nicht wenige hatten
alberne rote Weihnachtsmützen auf dem Kopf, der Weihnachtsmann
war auch fünfzehnfach vor Ort. Er segelte sanft und lautlos tiefer
hinab, um dem Geschehen näher zu kommen. Jetzt musste er langsam
aufpassen, nicht entdeckt zu werden. Es war ihm ein leichtes, die Aufmerksamkeit
der Menschen telepatisch von ihm abzulenken, dass sie ihn „übersahen,“
trotzdem hielt er sich möglichst in den Schatten der großen
Gebäude. Es machte ihm immer großen Spaß, durch Häuserschluchten
zu fliegen, denn erst dann bekam er zu spüren, wie schnell er tatsächlich
unterwegs war. Es war lange hergewesen, dass er unter freien Himmel
geflogen war. Musikfetzen vermengten sich mit lautstarken Schwatzen
und dem üblichen Lärm eines Weihnachtsmarktes. Immer wieder
drangen Worte zu ihm hoch, die deutlich machten, wie sehr sich die Menschen
über den Schnee freuten. Märchenhaft verzauberte die glitzernde
weiße Pracht die sowieso schon romantisch wirkenden Altstadtbauten.
Er rauschte dicht an einem riesigen Weihnachtsbaum vorbei und staunte
nicht schlecht über die Mühen, die in diese Erscheinung gesteckt
worden war. Er durchflog eine Wolke alkoholischen Geruches, der sehr
stark an Lillys Sabbatwein erinnerte. Anscheinend nannte man das Zeug
hier Glühwein. Und er sah schon das dritte Werbeplakat mit Frauen
in aufreizenden Dessous. Ein beliebtes Weihnachtsgeschenk also. Er grinste.
Ihm war dieses bunte Treiben überraschenderweise doch sehr sympathisch.
Doch langsam wurde ihm kalt. Er hatte zwar seinen engen, schwarzen Lederoverall
an, der ihn gut wärmte und ihn im Flug nicht behinderte, aber allmählich
war die Kälte durch den scharfen Fahrtwind doch hineingekrochen.
Außerdem trieb ihn die Neugierde. Er segelte noch tiefer und landete
unbemerkt in einer Seitenstraße. Er konnte jetzt aufhören,
sich zu verstecken. Die Menschen ignorierten ihn meist, wenn er seine
Flügel angelegt hatte, wahrscheinlich weil sie es für ein
Kostüm hielten. Aber wenn er einfach so angeflogen kommen würde,
würde er wohl das Weltbild der meisten zerstören und sie eventuell
zu heftigen Reaktionen provozieren.
Wie erwartet erntete er zwar verwunderte Blicke als er sich unter die
Menschen begab, aber keine Reaktion die darüber hinausging. Er
grinste ins sich hinein. Er könnte wahrscheinlich auch nackt rumlaufen,
und es würde lange Zeit keiner reagieren. Menschen waren allesamt
Meister im Ignorieren. Er schlenderte durch die Fußgängerzone,
vorbei an bunt geschmückten und von Menschen umringten Buden. Einige
verbreiteten verlockende Gerüche, andere gefielen seiner feinen
Nase ganz und gar nicht, aber das lag wohl einfach daran, dass er den
Geruch von toten Fleisch nicht ausstehen konnte. Der Menschenstrom teilte
sich plötzlich unerwartet und er sah sofort warum: Ein todernst
dreinblickender Mann stand mitten auf dem Weg, vorne und hinten mit
einem Pappschild umhängt, auf dem stand: „Ich will nicht,
dass ihr in die Hölle kommt.“
Womit Menschen doch ihre Zeit verschwendeten, dachte er amüsiert.
Keiner schien sich für das Männlein zu interessieren, alle
drängelten sich entnervt an ihm vorbei. Mit einem schadenfrohen
Grinsen ging er auf ihn zu. Den Spaß wollte er sich gönnen.
Als der Mann sah, dass er nicht mehr ignoriert wurde, sah mit einem
irren Blick Luzifer an.
„Rette deine Seele, bevor es zu spät ist!“ rief er
beschwörerisch und wedelte einen schief bedruckten Flyer vor seiner
Nase rum.
„Ist ja gut. Mir kannst du da eh nicht mehr helfen. Aber mach
dir mal nicht ins Hemd. So schnell kommt kein Normalsterblicher zu mir,
da muss man schon einiges auf dem Kasten haben und sich gewaltig anstrengen.“
Irritiert sah das Männlein zu ihm hoch. Sein Verstand war vom stundenlangen
Stehen in der Kälte wahrscheinlich ziemlich eingerostet, und in
seinem „wie-fange-ich-verängstigte-Dummköpfe-und-knöpf-ihr-Geld-ab-Seminar“
war eine solche Situation wahrscheinlich nicht dran gewesen. Luzifer
klopfte ihm auf die Schulter und lächelte milde.
„Kauf dir ein Bier und fang was vernünftiges an.“
Als der Typ keine Reaktion zeigte, die über blödes Anstarren
hinausging, senkte Luzifer seinen Blick bedrohlich und sagte mit dunkler
Stimme:
„Sofort! Sonst komm ich und hol dich!“
Der Mann reagierte erst gar nicht, kam dann plötzlich zu der Erkenntnis,
dass es angebracht wäre, Panik zu bekommen, machte Kehrt und gab
Hackengas. Luzifer schüttelte belustigt den Kopf und schlenderte darauf zufrieden grinsend weiter.
„Bist du ein Engel?“ fragte ein kleines Mädchen, vielleicht
fünf Jahre alt. Es waren immer die Kinder, die zuerst fragten.
Den nackten Kaiser in Grimms Märchen hatte auch ein kleines Kind
entlarvt. Kinder sahen die Welt noch so wie sie war, und nicht wie sie
sie zu sehen hatten.
„Sehe ich denn aus wie ein Engel?“ grinste er sie an. Sie
überlegte und schaute ihn mit großen Kulleraugen an.
„Du bist ein komischer Engel,“ entschied sie.
„Ganz normal bin ich wirklich nicht,“ antwortete er schmunzelnd.
„Bist du eine Frau oder ein Mann?“ fragte sie unverblümt
weiter. Er war nicht beleidigt wegen der Frage. Die Geschlechter von
Engeln waren für Menschen nicht leicht zu unterscheiden.
„Na dann rate mal.“
Sie schaute betreten nach unten und drehte mit der Fußspitze am
Boden.
„Weiß ich nicht.“
“Dann mach die Augen zu,“ sagte er. Sie guckte erst verwundert,
tat es dann aber.
„Und jetzt höre mal auf meine Stimme. Na, was meinst du,
was bin ich?“
“Ein Mann!“ rief sie.
„Siehst du, war doch gar nicht so schwer,“ grinste er.
„Charlene! Charlene!“ rief eine mit Einkaufstüten behangene
Frau, die sich durch den Strom der Passanten kämpfte.
„Charlene, wie oft habe ich schon gesagt, du sollst nicht stehen
bleiben,!“ schimpfte sie und nahm ihre Hand, um sie wegzuziehen.
Doch der Blick der Kleinen klebte immer noch an Luzifer und sie wollte
nicht gehen.
„Das ist ein Engel!“ rief sie und zeigte auf ihn. Die Mutter
zog darauf das Kind energisch zu sich.
„Lüg doch nicht rum, es gibt doch gar keine...“
„Keine was?“
Als sie zu ihm hochsah, erstarrte sie verwirrt. Er grinste undurchsichtig
und zog eine Augenbraue hoch.
„Was fällt ihnen ein, einem unschuldigen Kind solchen Irrsinn
in den Kopf zu pflanzen?“ rief sie entrüstet.
Er zuckte nonchalant mit den Schultern.
„Ich hab nur die Wahrheit gesagt und bin mir keiner Schuld bewusst.
Sie sollten es aber sein."
"Wieso das denn?" fragte sie zischend und mit lauernden Blick.
"Passen
sie besser auf ihr Kind auf,“ sagte er völlig unberührt
von ihrer drohenden Haltung.
Auf diese Bloßstellung hin wurde ihr Gesicht puterrot vor Zorn.
„Halten sie mir keine Vorträge! Sie wollen ein Engel sein?
Das ich nicht lache! Wenn überhaupt sind Engel körperlose
Lichtgestalten.“
“Oh, na klar. Das wissen sie natürlich viel besser,“
schmunzelte er spöttisch.
„Diese Frechheiten werde ich mir nicht weiter bieten lassen!“
schnarrte sie und fegte davon. Heimlich drehte sich das Kind noch mal
zu ihm um und winkte. Als die beiden im Getümmel verschwunden waren,
fiel sein Blick auf zwei etwa fünfzehn Jahre alte Mädchen,
die verstohlen in seine Richtung grinsten. Aber als er ihnen ins Gesicht
sah, senkten sie ihre Blicke.
„Ist irgendwas?“ rief er zu ihnen. Die beiden hatten wohl
nicht damit gerechnet, dass er sie ansprach, denn sie waren sichtlich
verlegen. Er ging zu ihnen.
„N-nein,“ stotterte die Blonde und wich seinem Blick aus.
„Warum habt ihr denn eben so blöd rumgegrinst?“ fragte
er schelmisch und beugte sich vor, um ihre gesenkten Blicke aufzufangen.
Sie kicherten verlegen über diese Annäherung und drehten sich
weg.
„Das war voll cool,“ nuschelte die Blonde in ihren dicken
Schal versunken, aber sie sah ihn jetzt wenigstens an. Er hob eine Augenbraue.
„Cool?“
„Das war unsere blöde Englischlehrerin,“ sagte die
Brünette schon viel selbstsicherer und deutete in die Richtung,
in der die Frau gegangen ist.
„Ach so,“ grinste er, „hätte ich mir auch denken
können, dass sie Lehrerin ist. Furchtbarer Charakter.“
Die beiden nickten zustimmend.
„Man darf den Lehrern nie die Meinung sagen, sonst bekommt man
schlechte Noten reingewürgt,“ beklagte sich die Blonde.
„Das kann ich ja für euch machen,“ grinste er.
„Echt jetzt?“ fragte die Brünette mit großen
Augen. Er lachte.
„Nein, dazu habe ich eigentlich gar keine Zeit.“
„Och schade!“ riefen sie ihm Chor.
„Hey, ich bin nicht dazu da, eure Probleme zu lösen. Das
bekommt ihr auch alleine hin. Lernt gut, dann bleibt ihnen kaum etwas
anderes übrig als euch gute Noten zu geben. Und bleibt immer sachlich
und ruhig, so können sie euch nichts mehr anhaben.“
„Das sagt sich so leicht!“ rief die Blonde.
„Trotz hilft euch da nicht weiter,“ erklärte Luzifer
weiter,“ nur Scharfsinn und Weisheit. Bietet ihnen nicht die Zielscheibe,
die sie haben wollen. Dafür seit ihr noch zu wehrlos ihrer Willkür
ausgesetzt.“
„Was arbeiten sie denn überhaupt?“ fragte die Brünette.
Luzifer war etwas verwirrt davon, von den Menschen hier gesiezt zu werden.
Selbst in seiner offiziellen Stellung als Reichsfürst wurde er
von allen geduzt. Ein paar kriecherische Spinner gab es natürlich
immer. Er nutzte aber ihre uneingeschränkte Loyalität für
undankbare Aufgaben aus, die sie auch mit großer Begeisterung
ausführten.
„Ich brauche kein Geld zu verdienen. Das heißt aber nicht,
dass ich nichts zu tun habe.“ sagte er und zwinkerte.
„Sind sie denn wirklich ein Engel?“ fragte die Brünette
überraschenderweise doch noch. Er lächelte fast ein wenig
schüchtern.
„Was würde denn passieren, wenn ich wirklich einer wäre?“
Die beiden machten ratlose Gesichter.
„Ich glaub das ist eigentlich egal, was sie sind. Sie sind aber
echt cool drauf,“ sagte die Blonde und schenkte ihm einen verlegenen
Augenaufschlag. Er grinste in sich hinein. Ihm war sehr wohl bewusst,
dass die Mädchen ihn attraktiv fanden. Gerade auf junge Mädchen
hatte er schon immer eine sehr starke Anziehung ausgeübt. Und er
wusste, dass er in seiner schwarzen Lederkleidung verdammt gut aussah.
„Ihr könnt mir ruhig duzen, so alt bin ich wirklich noch
nicht.“
Das war zwar eine Riesenlüge, aber ihnen das erklären zu wollen,
hätte ewig gedauert.
„Ich bin übrigens Marie und das ist Anna!“ sagte die
Blonde, sichtlich erfreut über die Situation. Er überlegte
einen Moment, ob es wirklich klug war, den Mädchen seinen Namen
zu sagen. Er entschied sich dann aber doch dazu, schließlich konnte
er im Notfall immer noch das Tor benutzen.
„Luzifer.“
Die beiden öffneten überrascht ihre Münder und sahen
sich darauf an.
„Der gefallene Engel? Der Teufel?“ fragte Marie mit einer
Mischung aus Furcht und Verwirrung.
„Na ja, wie ein Teufel sehe ich doch nicht aus, oder? Den Teufel
hat die mittelalterliche Kirche sich ausgedacht. Sie haben den gehörnten
Sonnengott Cerunnos dämonisiert, wie so ziemlich alle heidnischen
Götter damals.“
„Bist du denn böse?“ fragte Anna etwas verängstigt.
„Du meinst, ob ich unschuldigen Menschen die Seele wegnehme und
so? Nein. Ich war vielen zu unbequem, daher wollten sie mich loswerden.
Nicht wenige fürchteten, dass ihre absolutistische Macht zerfallen
würde, nähmen ihre Untergebenen meine Lehren an. Daher ernannten
sie mich zum Erzfeind aller Menschen. So waren sie sich sicher, dass
niemand mir mehr Gehör schenken würde.“
„Wirklich?“ fragte Marie immer noch verunsichert. Er zuckte
gleichgültig mit den Schultern.
„Ihr könnt jetzt auch gehen, wenn ihr wollt. Was sehr schade
wäre. Oder wir trinken zusammen einen Glühwein. Was euch eben
lieber ist.“
© 2003 by Codo Stellaris