Am
nächsten Tag herrschte helle Aufregung.
„Mourose! Mourose! Luzifer ist weg!“ rief Lilly verzweifelt
und stürmte in den riesigen Ballsaal, wo Mourose üblicherweise
trainierte.
„Was heißt das: 'weg’?“ fragte sie und wischte
sich den Schweiß von der Stirn.
Lilly gestikulierte wild mit den Armen.
„Er ist einfach nicht mehr da! Keiner weiß, wo er hin ist!
Außerdem wurde das Tor aktiviert!“
„Scheiße!“ fluchte Mourose, steckte ihr Katana weg
und rannte zu Lilly.
„Wie kann er einfach ohne mich abhauen, ich bin doch für
seine Sicherheit da!“
„Wir müssen ihn suchen! Aber wo? Hätte er denn nicht
wenigstens Bescheid sagen können?“
Lilly heulte fast vor Verzweiflung.
„Ganz ruhig, du sagtest, das Tor wurde aktiviert?“
Lilly nickte und wischte sich eine Träne aus dem Augenwinkel.
„Dann hat er den Siegelstein bei sich, sonst würde er ja
nicht zurückkommen können.“
„Und wenn er nicht zurückkommen will? Vielleicht haben wir
ihn doch mehr verletzt als wir dachten?“
Lilly schrie fast.
„Na, so schlimm wird es schon nicht sein. Gestern war er doch
wieder ganz normal. Wir fliegen jetzt zusammen mit der Intruder los
und suchen ihn. Wenn wir bis auf fünfzig Kilometer an ihn herankommen,
können wir den Siegelkristall mit Hilfe der Bordinstrumente orten.“
„Woher sollen wir dann wissen, wo er ist? Er könnte überall
auf der Erde sein!“
„Er sich Weihnachten ansehen wollte,“ kam es plötzlich
aus der anderen Ecke des Ballsaales. Es war Cepris, das kleine Teufelchen.
Er schaute Mourose gerne beim Training zu.
„Wie meinst du das, Cepris? Noch ist doch gar nicht Weihnachten?“
Der Kleine kam angeflattert und setzte sich auf Mouroses Schulter.
„Er nur gesagt, Weihnachten ansehen. Ich nicht mehr weiß.“
„OK, das ist immerhin etwas, machen wir uns auf den Weg, vielleicht
fällt uns unterwegs ja noch etwas ein. Cepris, sag Lydia bitte,
dass wir Luzifer suchen sind.“
Der loyale Cepris nickte eifrig, aber Lilly sah ihre Freundin verwundert
an.
„Wäre es nicht, besser ihr nichts davon zu erzählen?
Das beunruhigt sie doch nur.“
Mourose schüttelte den Kopf.
„Sie sollte wissen, was los ist. Ihr würde es sicherlich
komisch vorkommen, wenn plötzlich alle weg sind. Und wenn wir ihr
etwas verheimlichen, wird sie nur sauer.“
Darauf rannten sie los zum Hangar. Neben den von der noch brauchbaren
Technik ausgeschlachteten Resten des gigantischen Raumschiffes, mit
dem Luzifer vor fast mehreren Tausend Jahren zusammen mit all seinen Anhängern
auf der Erde abgestürzt war, stand hier auch ein von Mourose selbst
konstruiertes Raumschiff, das zwar keine Überlichtgeschwindigkeit
erreichen konnte, aber für den atmosphärischen und orbitalen
Flug mehr als ausreichend war. Es war extrem schnittig, klein wie ein
PKW, und war wendig genug, um bei falscher Steuerung die Insassen durch
extreme Beschleunigungen zu töten. Es hatte nur kurze Stummelflügel
mit T-förmigen Winglets, aber dafür einen schnellen Ionenantrieb
und unter der langen, flachen Nase einen extrem nützlichen Tarnfeldgenerator.
Es musste ja nicht jeder Mensch gleich von ihrer Existenz erfahren.
Mourose nutzte die Intruder, um Lydia jeden Tag zur Schule zu bringen.
Nur wenn Lydia mit Lilly zusammen durch eines der Tore reiste, blieb
er im Hangar. Mourose öffnete die durchsichtige Haube und sie stiegen
ein. Starke Gurte zerrten sie fest in die Sitze. Die Haube schloss sich
wieder und Mourose ließ die Düsen schrill aufheulen.
„Ich weiß nicht, ob das was für mich ist,“ klagte
Lilly als sie die Vibrationen des Antriebs in ihrem Sitz spürte.
„Das wird schon, entspann dich. Immerhin suchen wir Luzifer, das
sollte dich doch aufmuntern.“
Lilly atmete tief durch. Wenn das der dafür Preis war ihn wiederzusehen,
dann wollte sie ihn gerne zahlen. Mourose griff nach den Steuerhörnern
und ließ den Gleiter senkrecht aufsteigen.
„Wo geht es denn hier raus?“ fragte Lilly und sah sich im
Hangar um.
Mourose drückte einen Knopf im Armaturenbrett.
„Da raus,“ sagte sie und deutete auf ein Tor, dass sich
darauf zweihundert Meter vor ihnen geöffnet hatte. Mourose drückte
die Steuereinheit nach vorne und die Intruder schoss kreischend nach
vorne.
„Scheiße, ist das schneeeeell!“ kreischte Lilly, als
sie auf die blendend helle Kreisscheibe zurasten. Ein heller Blitz und
ein lauter Knall, und schon flogen sie durch hellblauen Himmel, weiße
Wolken rasten an ihnen vorbei.
„Wir sind im Moment über China, ich glaube, hier werden wir
wohl nicht fündig.“
„Wieso denn China?“
„Hier über dem Himalaja gibt es noch keine Technik, die unser
Auftreten durch das Tor entdecken könnte. Das Schiff können
wir tarnen, das Tor leider nicht. Über dem Pazifik wäre auch
eine Möglichkeit, nur ist der Weg von da viel weiter.“
Lilly sah etwa einen Kilometer unter sich endlose, schneeweiße
Berge.
„Wo fangen wir denn an zu suchen?“
Mourose überlegte.
„Wenn wir Weihnachten suchen, würde ich vorschlagen, eine
Runde über Europa zu drehen und dann nach Amerika weiterzufliegen,
falls wir ihn nicht finden. In einer halben Stunde sollten wir die Grenze
nach Europa überfliegen. Schneller geht es leider nicht, sonst
versagt die Schalldämpfung.“
„Eine halbe Stunde? Und das machst du jeden Morgen, um Lydia zur
Schule zu bringen?“
„Na klar, ihr könnt doch alle diesen Teufelsschlitten nicht
steuern, außerdem pennt ihr alle immer viel zu lang,“ grinste
Mourose.
„Das wusste ich gar nicht,“ gab Lilly kleinlaut zu.
„Mourose, wenn ich dir einen Gefallen tun kann, dann lass es mich
wissen, OK?“
„Natürlich, aber meistens komme ich ganz gut alleine zurecht.“
„Wie du meinst,“ seufzte Lilly resigniert. Mourose ließ
sich selten helfen, das war eine sehr typische Eigenschaft an ihr. Blöderweise
plagte einen man dann immer ein um so schlechteres Gewissen, wenn sie
einen aus der Patsche geholfen hatte. Sie sah wieder herunter. Die Wolken
wurden immer dichter und Mourose zog die Intruder höher. Lilly
wusste nicht, was sie von der Situation halten sollte. Sie machte sich
sehr große Sorgen um Luzifer und wusste beim besten Willen nicht,
was ihn angetrieben hatte, einfach Hals über Kopf sich davonzustehlen.
Ob es ihm egal gewesen war, dass sie sich Sorgen machte? Nein, das bestimmt
nicht. Er hatte also bestimmt einen guten Grund gehabt, es ihr nicht
zu sagen.
„Du könntest mir aber sehr helfen,“ sagte Mourose plötzlich
und riss sie aus den Gedanken.
„Wie denn?“
„Du meinst doch, du hättest eine telepatische Verbindung
zu Luzifer. Vielleicht hilft uns deine Intuition, ihn zu finden. Falls
du etwas spürst, lass es mich wissen.“
„Oje, ich weiß nicht, ob ich das hinbekomme. Aber ich versuch
es,“ sagte Lilly und schloss die Augen. Behutsam versuchte sie
ihren Geist von allen Sorgen zu befreien und sich zu entspannen. Die
leisen Düsengeräusche der Intruder kamen bald nur noch von
weiter Ferne. Alle Sinneseindrücke ihres Körper schwanden,
sie spürte wie sie sich von ihm löste. Sie begab sich auf
eine Reise, in der sie ihn nicht mehr brauchte.
© 2003 by Codo Stellaris