Kapitel 7

Am nächsten Tag herrschte helle Aufregung.
„Mourose! Mourose! Luzifer ist weg!“ rief Lilly verzweifelt und stürmte in den riesigen Ballsaal, wo Mourose üblicherweise trainierte.
„Was heißt das: 'weg’?“ fragte sie und wischte sich den Schweiß von der Stirn.
Lilly gestikulierte wild mit den Armen.
„Er ist einfach nicht mehr da! Keiner weiß, wo er hin ist! Außerdem wurde das Tor aktiviert!“
„Scheiße!“ fluchte Mourose, steckte ihr Katana weg und rannte zu Lilly.
„Wie kann er einfach ohne mich abhauen, ich bin doch für seine Sicherheit da!“
„Wir müssen ihn suchen! Aber wo? Hätte er denn nicht wenigstens Bescheid sagen können?“
Lilly heulte fast vor Verzweiflung.
„Ganz ruhig, du sagtest, das Tor wurde aktiviert?“
Lilly nickte und wischte sich eine Träne aus dem Augenwinkel.
„Dann hat er den Siegelstein bei sich, sonst würde er ja nicht zurückkommen können.“
„Und wenn er nicht zurückkommen will? Vielleicht haben wir ihn doch mehr verletzt als wir dachten?“
Lilly schrie fast.
„Na, so schlimm wird es schon nicht sein. Gestern war er doch wieder ganz normal. Wir fliegen jetzt zusammen mit der Intruder los und suchen ihn. Wenn wir bis auf fünfzig Kilometer an ihn herankommen, können wir den Siegelkristall mit Hilfe der Bordinstrumente orten.“
„Woher sollen wir dann wissen, wo er ist? Er könnte überall auf der Erde sein!“
„Er sich Weihnachten ansehen wollte,“ kam es plötzlich aus der anderen Ecke des Ballsaales. Es war Cepris, das kleine Teufelchen. Er schaute Mourose gerne beim Training zu.
„Wie meinst du das, Cepris? Noch ist doch gar nicht Weihnachten?“
Der Kleine kam angeflattert und setzte sich auf Mouroses Schulter.
„Er nur gesagt, Weihnachten ansehen. Ich nicht mehr weiß.“
„OK, das ist immerhin etwas, machen wir uns auf den Weg, vielleicht fällt uns unterwegs ja noch etwas ein. Cepris, sag Lydia bitte, dass wir Luzifer suchen sind.“
Der loyale Cepris nickte eifrig, aber Lilly sah ihre Freundin verwundert an.
„Wäre es nicht, besser ihr nichts davon zu erzählen? Das beunruhigt sie doch nur.“
Mourose schüttelte den Kopf.
„Sie sollte wissen, was los ist. Ihr würde es sicherlich komisch vorkommen, wenn plötzlich alle weg sind. Und wenn wir ihr etwas verheimlichen, wird sie nur sauer.“
Darauf rannten sie los zum Hangar. Neben den von der noch brauchbaren Technik ausgeschlachteten Resten des gigantischen Raumschiffes, mit dem Luzifer vor fast mehreren Tausend Jahren zusammen mit all seinen Anhängern auf der Erde abgestürzt war, stand hier auch ein von Mourose selbst konstruiertes Raumschiff, das zwar keine Überlichtgeschwindigkeit erreichen konnte, aber für den atmosphärischen und orbitalen Flug mehr als ausreichend war. Es war extrem schnittig, klein wie ein PKW, und war wendig genug, um bei falscher Steuerung die Insassen durch extreme Beschleunigungen zu töten. Es hatte nur kurze Stummelflügel mit T-förmigen Winglets, aber dafür einen schnellen Ionenantrieb und unter der langen, flachen Nase einen extrem nützlichen Tarnfeldgenerator. Es musste ja nicht jeder Mensch gleich von ihrer Existenz erfahren. Mourose nutzte die Intruder, um Lydia jeden Tag zur Schule zu bringen. Nur wenn Lydia mit Lilly zusammen durch eines der Tore reiste, blieb er im Hangar. Mourose öffnete die durchsichtige Haube und sie stiegen ein. Starke Gurte zerrten sie fest in die Sitze. Die Haube schloss sich wieder und Mourose ließ die Düsen schrill aufheulen.
„Ich weiß nicht, ob das was für mich ist,“ klagte Lilly als sie die Vibrationen des Antriebs in ihrem Sitz spürte.
„Das wird schon, entspann dich. Immerhin suchen wir Luzifer, das sollte dich doch aufmuntern.“
Lilly atmete tief durch. Wenn das der dafür Preis war ihn wiederzusehen, dann wollte sie ihn gerne zahlen. Mourose griff nach den Steuerhörnern und ließ den Gleiter senkrecht aufsteigen.
„Wo geht es denn hier raus?“ fragte Lilly und sah sich im Hangar um.
Mourose drückte einen Knopf im Armaturenbrett.
„Da raus,“ sagte sie und deutete auf ein Tor, dass sich darauf zweihundert Meter vor ihnen geöffnet hatte. Mourose drückte die Steuereinheit nach vorne und die Intruder schoss kreischend nach vorne.
„Scheiße, ist das schneeeeell!“ kreischte Lilly, als sie auf die blendend helle Kreisscheibe zurasten. Ein heller Blitz und ein lauter Knall, und schon flogen sie durch hellblauen Himmel, weiße Wolken rasten an ihnen vorbei.
„Wir sind im Moment über China, ich glaube, hier werden wir wohl nicht fündig.“
„Wieso denn China?“
„Hier über dem Himalaja gibt es noch keine Technik, die unser Auftreten durch das Tor entdecken könnte. Das Schiff können wir tarnen, das Tor leider nicht. Über dem Pazifik wäre auch eine Möglichkeit, nur ist der Weg von da viel weiter.“
Lilly sah etwa einen Kilometer unter sich endlose, schneeweiße Berge.
„Wo fangen wir denn an zu suchen?“
Mourose überlegte.
„Wenn wir Weihnachten suchen, würde ich vorschlagen, eine Runde über Europa zu drehen und dann nach Amerika weiterzufliegen, falls wir ihn nicht finden. In einer halben Stunde sollten wir die Grenze nach Europa überfliegen. Schneller geht es leider nicht, sonst versagt die Schalldämpfung.“
„Eine halbe Stunde? Und das machst du jeden Morgen, um Lydia zur Schule zu bringen?“
„Na klar, ihr könnt doch alle diesen Teufelsschlitten nicht steuern, außerdem pennt ihr alle immer viel zu lang,“ grinste Mourose.
„Das wusste ich gar nicht,“ gab Lilly kleinlaut zu.
„Mourose, wenn ich dir einen Gefallen tun kann, dann lass es mich wissen, OK?“
„Natürlich, aber meistens komme ich ganz gut alleine zurecht.“
„Wie du meinst,“ seufzte Lilly resigniert. Mourose ließ sich selten helfen, das war eine sehr typische Eigenschaft an ihr. Blöderweise plagte einen man dann immer ein um so schlechteres Gewissen, wenn sie einen aus der Patsche geholfen hatte. Sie sah wieder herunter. Die Wolken wurden immer dichter und Mourose zog die Intruder höher. Lilly wusste nicht, was sie von der Situation halten sollte. Sie machte sich sehr große Sorgen um Luzifer und wusste beim besten Willen nicht, was ihn angetrieben hatte, einfach Hals über Kopf sich davonzustehlen. Ob es ihm egal gewesen war, dass sie sich Sorgen machte? Nein, das bestimmt nicht. Er hatte also bestimmt einen guten Grund gehabt, es ihr nicht zu sagen.
„Du könntest mir aber sehr helfen,“ sagte Mourose plötzlich und riss sie aus den Gedanken.
„Wie denn?“
„Du meinst doch, du hättest eine telepatische Verbindung zu Luzifer. Vielleicht hilft uns deine Intuition, ihn zu finden. Falls du etwas spürst, lass es mich wissen.“
„Oje, ich weiß nicht, ob ich das hinbekomme. Aber ich versuch es,“ sagte Lilly und schloss die Augen. Behutsam versuchte sie ihren Geist von allen Sorgen zu befreien und sich zu entspannen. Die leisen Düsengeräusche der Intruder kamen bald nur noch von weiter Ferne. Alle Sinneseindrücke ihres Körper schwanden, sie spürte wie sie sich von ihm löste. Sie begab sich auf eine Reise, in der sie ihn nicht mehr brauchte.



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