Kapitel 6

Lydia, Lilly und Mourose saßen zusammen und steckten ihre Köpfe in eine Frauenzeitschrift, die vor ihnen auf dem Couchtisch lag. Luzifer beobachtete die Szene gelangweilt von seinem Sofa aus. Manchmal klebten die Frauen zusammen, beschäftigten sich mit seltsamen Dingen und führten komische Gespräche, die er nicht hören durfte, da er sie angeblich sowieso nicht verstehen würde. Wenn er dann mal die Gespräche mitverfolgen durfte, war es ihm einfach zu langweilig. Nicht, dass er an der Zeitschrift interessiert war, aber er fühlte sich schon irgendwie wie das fünfte Rad am Wagen.
„Interessant?“ fragte er nonchalant.
„Schon,“ sagte Lilly mysteriös lächelnd.
„Hier steht, dass Männer den ganzen Tag an Sex denken. Stimmt das, Papa?“ fragte Lydia unverblümt und grinste ihn wie ein Honigkuchenpferd an.
„Du hältst deinen Schnabel, solange du noch nicht durch die Pubertät bist,“ wies er sie zurecht.
„So ein Schund steht da drin?“ fragte er darauf ungläubig.
„Wieso Schund? Das ist wissenschaftlich erwiesen. Im Durchschnitt denken Männer alle zwei Minuten an Sex,“ erklärte Mourose mit akademischer Selbstsicherheit.
„Und Frauen?“ fragte er zurück.
„Steht da nicht. Aber bestimmt viel weniger häufig!“ antwortete Lilly.
„Glaub ich nicht,“ grinste er und warf Lilly einen vielsagenden Blick zu, der sie erröten ließ.
Es dauerte aber nicht mehr lange, und die Frauen waren wieder festgelesen. Mittlerweile lasen sie sich flüsternd kurze Passagen vor und kicherten darauf kollektiv.
„Meine Güte, ihr seit echt ein Hühnerhaufen heute,“ grummelte er und legte sich längs auf das Sofa. Er fand es nicht gerade höflich, ihn so auszuschließen.
„Ach komm, es ist gerade total witzig, was da drin steht!“ erklärte Lilly.
„Ach ja? Lass mich raten, es geht wieder um Sex.“

„Na ja, das ist eben die Titelgeschichte: Der große Sex-Guide für das nächste Jahr. Mit Horoskop, Energy-Sex-Tipps, erotischen Rezepten und psychologischer Beratung.“
„Hochinteressant,“ grinste er, "aber ich glaube kaum, dass ich das brauche.“
„Vielleicht kriegt ihr das denn ja endlich mal vernünftig hin, so dass ich einen kleinen Bruder bekomme,“ rief Lydia.
„Das hättest du wohl gerne! Du machst schon genug Ärger.“
„Ich will aber einen Bruder!“ nölte Lydia.
„Komm Luzi, wir gucken mal was dein Horoskop sagt!“ beschloss Lilly.
„Ja klar. Es gilt ja auch nur für das statistische Zwölftel der Bevölkerung.“
„Komm schon, du Miesepeter, ist doch nur Spaß. Was bist du denn?“
„Skorpion,“ gähnte er gelangweilt und hoffte, dass dieser Irrsinn bald vorbei war.
Mourose und Lilly sahen sich darauf an und vielen gemeinsam in einen lauten Gackeranfall.
„Was ist denn jetzt schon wieder?“ fragte er entnervt.
Lilly fasste sich wieder etwas und versuchte zu erklären.
„Es ist nur so: Das Sternzeichen Skorpion ist dir wie auf den Leib geschrieben. Das fanden wir gerade eben komisch.“
„Ja, das ist wahnsinnig witzig,“ seufzte er und schob sich ein Sofakissen unter den Kopf. Womit Frauen freiwillig ihre Zeit verplemperten, war ihm manchmal echt ein Rätsel.
„Also, für nächstes Jahr steht hier, dass du bis zum März ziemliche Probleme mit dem Liebesleben haben wirst, weil du zu viel von deinem Partner verlangst. Er wird deine leidenschaftliche Sehnsucht als Machtgier verstehen und wird sich aus Unsicherheit sexuell zurückziehen. Du solltest ihm mehr Freiraum lassen,“ las Lilly darauf unberührt vor.
„Klingt so, als würde ich nächstes Jahr schwul werden,“ grinste Luzifer.
„Nein! Ich will einen Bruder!“ nörgelte Lydia.
„Ab Mitte des Jahres erwartet dich aber eine Zeit der rauschenden Leidenschaft, die dein Leben fast schmerzhaft dominieren wird.“
Er zuckte mit den Schultern.
“Wo ist der Unterschied zu jetzt?“
„Warum macht ihr mir dann keinen Bruder?“ rief Lydia entrüstet. Er stand auf und krallte sie sich, um sie durchzukitzeln.
„Du alte Nervensäge! Solange du nicht vernünftig wirst, werden hier keine neuen Kinder produziert!“
Lydia quietschte und wand sich wie ein Wurm, aber sie entkam ihm nicht. Mourose seufzte und wandte sich mit einem würdevollen Blick an Lilly.
„Ich merk schon, er behandelt das Thema nicht mit dem angemessenen Respekt. Lassen wir es lieber.“
„Der erste vernünftige Satz, den ich heute höre,“ stimmte er ihr zu und ließ Lydia wieder frei.
Die Frauen widmeten sich darauf wieder ihrer seltsamen Lektüre und er legte sich wieder auf das Sofa. Solange sie lesen, konnte er ja ein Nickerchen halten. Er hatte eben noch mitbekommen, dass sie sich heimlich angezwinkert haben. Wer weiß, was die schon wieder im Schilde führten. Er wusste aber, wenn er sie darauf ansprechen würde, käme nur wieder ein scheinheiliges „Nichts!“ und dann Gekicher. Sie würden ihn sowieso nicht einweihen, und daher verschwendete er keinen Gedanken mehr darauf.


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