Lydia,
Lilly und Mourose saßen zusammen und steckten ihre Köpfe
in eine Frauenzeitschrift, die vor ihnen auf dem Couchtisch lag. Luzifer
beobachtete die Szene gelangweilt von seinem Sofa aus. Manchmal klebten
die Frauen zusammen, beschäftigten sich mit seltsamen Dingen und
führten komische Gespräche, die er nicht hören durfte,
da er sie angeblich sowieso nicht verstehen würde. Wenn er dann
mal die Gespräche mitverfolgen durfte, war es ihm einfach zu langweilig.
Nicht, dass er an der Zeitschrift interessiert war, aber er fühlte
sich schon irgendwie wie das fünfte Rad am Wagen.
„Interessant?“ fragte er nonchalant.
„Schon,“ sagte Lilly mysteriös lächelnd.
„Hier steht, dass Männer den ganzen Tag an Sex denken. Stimmt
das, Papa?“ fragte Lydia unverblümt und grinste ihn wie ein
Honigkuchenpferd an.
„Du hältst deinen Schnabel, solange du noch nicht durch die
Pubertät bist,“ wies er sie zurecht.
„So ein Schund steht da drin?“ fragte er darauf ungläubig.
„Wieso Schund? Das ist wissenschaftlich erwiesen. Im Durchschnitt
denken Männer alle zwei Minuten an Sex,“ erklärte Mourose
mit akademischer Selbstsicherheit.
„Und Frauen?“ fragte er zurück.
„Steht da nicht. Aber bestimmt viel weniger häufig!“
antwortete Lilly.
„Glaub ich nicht,“ grinste er und warf Lilly einen vielsagenden
Blick zu, der sie erröten ließ.
Es dauerte aber nicht mehr lange, und die Frauen waren wieder festgelesen.
Mittlerweile lasen sie sich flüsternd kurze Passagen vor und kicherten
darauf kollektiv.
„Meine Güte, ihr seit echt ein Hühnerhaufen heute,“
grummelte er und legte sich längs auf das Sofa. Er fand es nicht
gerade höflich, ihn so auszuschließen.
„Ach komm, es ist gerade total witzig, was da drin steht!“
erklärte Lilly.
„Ach ja? Lass mich raten, es geht wieder um Sex.“
„Na ja, das ist eben die Titelgeschichte: Der große Sex-Guide
für das nächste Jahr. Mit Horoskop, Energy-Sex-Tipps, erotischen
Rezepten und psychologischer Beratung.“
„Hochinteressant,“ grinste er, "aber ich glaube kaum,
dass ich das brauche.“
„Vielleicht kriegt ihr das denn ja endlich mal vernünftig
hin, so dass ich einen kleinen Bruder bekomme,“ rief Lydia.
„Das hättest du wohl gerne! Du machst schon genug Ärger.“
„Ich will aber einen Bruder!“ nölte Lydia.
„Komm Luzi, wir gucken mal was dein Horoskop sagt!“ beschloss
Lilly.
„Ja klar. Es gilt ja auch nur für das statistische Zwölftel
der Bevölkerung.“
„Komm schon, du Miesepeter, ist doch nur Spaß. Was bist
du denn?“
„Skorpion,“ gähnte er gelangweilt und hoffte, dass
dieser Irrsinn bald vorbei war.
Mourose und Lilly sahen sich darauf an und vielen gemeinsam in einen
lauten Gackeranfall.
„Was ist denn jetzt schon wieder?“ fragte er entnervt.
Lilly fasste sich wieder etwas und versuchte zu erklären.
„Es ist nur so: Das Sternzeichen Skorpion ist dir wie auf den
Leib geschrieben. Das fanden wir gerade eben komisch.“
„Ja, das ist wahnsinnig witzig,“ seufzte er und schob sich
ein Sofakissen unter den Kopf. Womit Frauen freiwillig ihre Zeit verplemperten,
war ihm manchmal echt ein Rätsel.
„Also, für nächstes Jahr steht hier, dass du bis zum
März ziemliche Probleme mit dem Liebesleben haben wirst, weil du
zu viel von deinem Partner verlangst. Er wird deine leidenschaftliche
Sehnsucht als Machtgier verstehen und wird sich aus Unsicherheit sexuell
zurückziehen. Du solltest ihm mehr Freiraum lassen,“ las
Lilly darauf unberührt vor.
„Klingt so, als würde ich nächstes Jahr schwul werden,“
grinste Luzifer.
„Nein! Ich will einen Bruder!“ nörgelte Lydia.
„Ab Mitte des Jahres erwartet dich aber eine Zeit der rauschenden
Leidenschaft, die dein Leben fast schmerzhaft dominieren wird.“
Er zuckte mit den Schultern.
“Wo ist der Unterschied zu jetzt?“
„Warum macht ihr mir dann keinen Bruder?“ rief Lydia entrüstet.
Er stand auf und krallte sie sich, um sie durchzukitzeln.
„Du alte Nervensäge! Solange du nicht vernünftig wirst,
werden hier keine neuen Kinder produziert!“
Lydia quietschte und wand sich wie ein Wurm, aber sie entkam ihm nicht.
Mourose seufzte und wandte sich mit einem würdevollen Blick an
Lilly.
„Ich merk schon, er behandelt das Thema nicht mit dem angemessenen
Respekt. Lassen wir es lieber.“
„Der erste vernünftige Satz, den ich heute höre,“
stimmte er ihr zu und ließ Lydia wieder frei.
Die Frauen widmeten sich darauf wieder ihrer seltsamen Lektüre
und er legte sich wieder auf das Sofa. Solange sie lesen, konnte er
ja ein Nickerchen halten. Er hatte eben noch mitbekommen, dass sie sich
heimlich angezwinkert haben. Wer weiß, was die schon wieder im
Schilde führten. Er wusste aber, wenn er sie darauf ansprechen
würde, käme nur wieder ein scheinheiliges „Nichts!“
und dann Gekicher. Sie würden ihn sowieso nicht einweihen, und
daher verschwendete er keinen Gedanken mehr darauf.
© 2003 by Codo Stellaris