Kapitel 5

Am nächsten Tag machten Lilly und Mourose eine geheime Krisensitzung. Um auf keinen Fall von Luzifer erwischt zu werden, hatten sie sich in der Waffenkammer von Mourose verschanzt.
„Bevor wir überlegen, was wir als Wiedergutmachung anstellen wollen, müssen wir als erstes rausfinden, wann er Geburtstag hat,“ begann Mourose.
„Das wird schwierig werden, vor allem, wenn wir ihn nicht direkt fragen wollen,“ sagte Lilly, „die Teufelchen wissen es nicht, die habe ich schon gelöchert.“
Mourose dachte nach.
„Er führt doch schon seit Ewigkeiten diese komische Chronik, vielleicht finden wir da etwas.“
„Meinst du? Eigentlich ist es ja mehr eine Aufzeichnung der menschlichen Geschichte und seines Reiches. Ich glaube kaum, dass wir da persönliche Einträge finden werden.“
„Es ist einen Versuch wert, findest du nicht?“
Lilly nickte.
„Wir können uns von hier aus, ohne von jemanden gesehen zu werden, in die Bücherei durchschleichen,“ sagte Mourose.
„Je eher wir loslegen, desto besser.“
Mourose führte sie durch enge Gänge, die anscheinend kaum offiziell benutzt wurden, denn sie waren unbeleuchtet und ziemlich stickig. Mourose musste eine Holzfackel entzünden, damit sie überhaupt etwas sahen. Lilly wunderte sich, dass es so zahlreiche Schleichwege gab. Als Leibwächterin war es für Mourose sicherlich von Vorteil, sich hier besonders gut auszukennen.
„Na toll, hier endet unsere Reise wohl,“ seufzte Lilly als sie vor dem verschlossenen, bronze glänzenden Flügeltor zur Bücherei standen.
Mourose zog mit einem breiten Grinsen einen Dietrich hervor.
„Ich wusste, dass er mir irgendwann einmal nützlich sein wird,“ sagte sie und fingerte damit geschickt am Schloss herum. Es dauerte nicht lange, und sie konnten die schweren Torflügel aufstemmen.
„Ich schließ uns besser ein,“ sagte Mourose und schob einen langen Riegel von innen vor.
Lilly staunte. Sie hatte die Bücherei schon einmal gesehen, aber sie war erneut beeindruckt von der riesigen Bücherwand, die bis unter die Decke reichte. Man musste auf ein fragil wirkendes Gerüst klettern, wenn man die Bücher von oben holen wollte. Anscheinend war das Regal ursprünglich so konstruiert worden, dass man bestimmte Bücher nur fliegend erreichen konnte.
Auf einem breiten Schreibpult lag ein riesiges in Leder eingeschlagenes Buch. Die aufgeschlagene Seite war mit fremdartigen Schriftzeichen gefüllt, die mit einer Tintenfeder handschriftlich eingetragen worden waren.
„Was ist das?“ fragte Lilly neugierig, „ diese Schrift sieht sehr seltsam aus.“
„Das ist Engelsschrift,“ erklärte Mourose.
„Ist das etwa die Chronik?“
„Wahrscheinlich die aktuelle Ausgabe,“ vermutete Mourose und blätterte ein paar Seiten weiter, die aber noch unbeschrieben waren.
„Und wie sollen wir da irgendetwas rauslesen?“ fragte Lilly resigniert.
„Ich musste die Schrift lernen, vielleicht krieg ich das ja hin.“
“Warum musstest du sie denn lernen?“
Lilly schaute Mourose verwundert an.
„Es gehört zu meiner Ausbildung. Wir Nephilim tragen das Blut und die Macht der Engel in uns, daher lernen wir auch ihre Sprache und Schrift.“
„Schade, dass ich seine Sprache nicht sprechen kann,“ sagte sie und strich ehrfürchtig über die schönen Buchstaben. Mourose grinste.
„Früher konntest du sie angeblich fließend sprechen, vielleicht fällt es dir ja wieder ein.“
Lilly sah sie erstaunt an.
„Ich kann mich nicht daran erinnern, die Schrift sieht total fremd für mich aus,“ sagte sie dann melancholisch.
„Aber jetzt lies endlich vor, was da steht!“
„Hier steht: Me’hara te sebeth. Oje, das ist kompliziert. 'fünftes Jahr nach Sebeth.' Diese komische Zeitrechnung habe ich nie so recht verstanden. Sebeth steht an zwölfter Stelle im Zyklus, wobei ein Jahr 432 Tage hat, und ein Tag 26 Stunden, damit wären wir dann im Jahre...“
Mourose zog die Stirn in Falten und murmelte leise Zahlen vor sich hin. Lilly staunte immer wieder über die computerartige Präzision, mit der Mourose solche Probleme lösen konnte.
„...2002. Oh, das ist der letzte Eintrag bis zum heutigen Tag. Viel gab es wohl nicht zu berichten. Mal sehen, in welchen Zeiträumen er Einträge gemacht hat.“
Sie blätterte sich zum vorletzten Eintrag zurück. Wieder überlegte sie das Datum.
„2001. Aber der Eintrag ist sehr lang. Mal sehen: Se mianath m’eras...echèlem...Argh, ich hätte besser Vokabeln lernen sollen!“
„Kannst du das ungefähr übersetzten?“ fragte Lilly neugierig.
„Also sinngemäß steht hier:
' Die Zukunft für uns alle liegt im Dunkeln. Die Welt wandelt sich an einem Tag so schnell wie zuvor in einem Jahrhundert. Doch die Dinge, die sich ändern sollten, bleiben bestehen...
Mhh, klingt ziemlich melancholisch. Es ging ihm wohl nicht gerade gut. Damals lagst du ja noch im Koma.“
Lilly nickte traurig. Mourose hatte ihr erzählt, wie furchtbar er unter der Situation gelitten hatte. Er hatte über viele Jahre hinweg niemanden gehabt, mit dem er seinen Schmerz teilen konnte. Wäre Mourose nicht gewesen, wäre die Sache wohl nie gut ausgegangen.
„Also Lilly, wie ich das sehe, ist das nicht nur eine rein objektive Schilderung. Was mich wundert ist die Tatsache, dass er so wenig in letzter Zeit eingetragen hatte. Ich glaube, wir sollten mal ein älteres Buch holen,“ dachte Mourose laut und wuchtete ein Buch aus dem ersten Drittel des Regals heraus und legte es auf den Tisch.
Nath’hara te nileph, das ist schon sehr viel früher. Die Schrift ist auch noch ganz anders, siehst du?“
Lilly sah den Unterschied auch. Die Buchstaben waren stärker nach rechts geneigt und viel schwungvoller gezogen. Insgesamt wirkte das Schriftbild aber nicht ganz so ausgeglichen wie in dem letzten Eintrag.
„Das ist das Jahr 18.052 vor Christus! Wow, dass er schon so alt ist! Das gibt eine Menge Kerzen auf dem Kuchen,“ witzelte Mourose.
„Er hat viele Jahrtausende dazwischen in den Regenerationskammern geschlafen, sollen wir die verschlafenen Jahre etwa dazurechnen?“ fragte Lilly und wusste selbst nicht, ob sie das ernst meinte oder nicht.
„Sag mal Mädel, dann bist du ja auch nicht mehr ganz jung, oder? Immerhin seit ihr zusammen, seitdem er siebzehn und du fünfzehn war,“ grinste Mourose.
„Eine Dame fragt man nicht nach dem Alter,“ bemerkte Lilly gespielt schnippisch. Mourose schlug wahllos eine Seite auf.
„Hier steht:
' Für Lilith ist es nicht leicht, ihre frühere Heimat unter Eis vergraben zu wissen. Das Klima hier unten bliebt glücklicherweise konstant, und es gibt trotz der kilometerdicken Eisschicht, die über uns liegt, auch keine tektonischen Bewegungen, die uns gefährlich werden könnten. Doch sie war immer ein Kind der Sonne und wird nicht glücklicher in diesen dunklen Gemäuern aus Fels und Stein. Ich wünschte, ich könnte ihr ein Reich schenken, in dem immer die Sonne scheint.
Das ist ja richtig romantisch,“ grinste Mourose. Lilly hüstelte verlegen. Obwohl sie sonst nicht sehr genant war, war es ihr peinlich, persönliche Dinge über ihr früheres Leben zu erfahren, an das sie sich selbst nicht erinnern konnte.
„Aber es hilft uns leider auch nicht weiter,“ seufzte sie.
Mourose nickte und blätterte sich durch die Seiten. Sie las immer die ersten Worte eines jeden Eintrags, überlegte kurz und blätterte dann zum nächsten durch.
M’echa renath ityl…” murmelte sie vor sich hin.
Lilly erstarrte verwundert.
„Was hast du gesagt?“
„Nichts, ich hab nur für mich gelesen.“
„Lies noch mal!“
Mourose sah ihre Freundin verwundert an, aber tat ihr dann den Gefallen.
M’echa renath ityl sel’ha. Damit fängt der Eintrag an. Unser Weg ist...
..der, den wir gewählt haben!“ vollendete Lilly und sah die verwirrte Mourose an.
„Ich kann die Sprache, Mourose! Ich kann sie doch noch!“ rief sie und fiel ihr freudig um den Hals.
„Wie kommt denn das? Ich dachte, du kannst die Schrift nicht lesen?“
„Vielleicht konnte ich die Schrift nie, die Sprache aber schon? Ich hab ja hauptsächlich mein episodisches Gedächtnis verloren. Das meiste weiß ich ja noch, aber ich weiß nicht mehr wie ich es gelernt habe.“
„Hey, das ist ja echt eine Überraschung! Luzifer wird bestimmt begeistert sein!“ freute sich Mourose. Lilly überlegte.
„Vielleicht spare ich mir die Überraschung noch auf. Aber wie, verdammt noch mal, erfahren wir den endlich den Geburtstagstermin?“
Mourose stützte den Kopf auf das Kinn und dachte nach.
„Irgendwo wird es hier schon drinstehen. Ein ganzes Jahr durchzulesen würde wahrscheinlich Wochen dauern. Es wäre besser, wenn wir wenigstens einen Hinweis auf die Jahreszeit oder den Monat hätten, damit ich mich nicht durch den ganzen Text quälen muss.“
Lilly grinste plötzlich schelmisch.
„Ich habe da eine Idee.“


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