Kapitel 4

Mourose wunderte sich nicht schlecht, als Luzifer zwei Stunden vor seiner eigentlichen Aufstehzeit barfuss und nur in seinen Morgenmantel in die Küche getappt kam. Das war aber nicht weiter gesundheitlich bedenklich, weil der Boden warm genug war, um den ganzen Tag barfuss rumzulaufen.
„Morgen, Murray!“ flötete er und drückte ihr einen dicken Bussi auf die Wange. Mourose hatte dank ihres Engelblutes eine übermenschlich feine Nase und bemerkte Lillys Pheromone an ihm.
„Was ist denn mit dir los? Habt ihr etwa gar nicht geschlafen heute nacht? Oder hast du versagt, und sie hat dich rausgeschmissen?
„Du bist doch nur eifersüchtig,“ griente er und holte eine Kaffeetasse aus dem Schrank.
„Über solch irdisches Verlangen bin ich schon längst erhaben,“ sagte Mourose würdevoll.
„Ist noch Kaffee da?“
„Nein. Setz dich, ich mach dir welchen.“
„Aber nur, wenn du nichts besseres vorhast,“ sagte er und setzte sich an den Tisch. Die Küche war klein und wurde nur für die Zubereitung des Frühstücks und anderer kleiner Mahlzeiten benutzt. Mourose frühstückte jeden Morgen hier zusammen mit einem kleinen roten Teufelchen namens Cepris, da sie so ziemlich die einzigen waren, die zu dieser Uhrzeit schon wach waren. Mittlerweile war Cepris aber schon wieder weg, und sie wollte gerade ein wenig Zeitung lesen. Danach stand üblicherweise ihr Kampftraining auf dem Programm, aber daraus wurde wohl nichts mehr.
„Ist Lydie schon zur Schule?“ fragte Luzifer.
„Ja, ich habe sie eben weggebracht.“
Er gähnte herzhaft. Anscheinend war er doch noch ganz schön müde. Sie fragte sich, warum er nicht bei Lilly im Bett geblieben war.
„Ich hab gestern noch mit Lilly geredet...“
„Nein, ehrlich? So müde wie du warst?“ fiel ihm Mourose ins Wort und grinste wissend.
Er streckte ihr seine lange spitze Zunge raus.
„Ihr dürft meinetwegen Weihnachten feiern,“ sagte er danach so beiläufig als wäre es das normalste der Welt.
Mourose stutzte.
„Wie jetzt. Ehrlich?“
„Was ist so seltsam daran?“
“Du hast gestern ziemlich am Rad gedreht deswegen.“
„Darf ich in meinem hohen Alter nicht die Weisheit besitzen, meine Meinung auch mal zu ändern?“
„Doch, doch. Hier ist dein Kaffee.“
Mourose beobachtete ihn genau. Wie geistesabwesend er in die Tasse starrte, gefiel ihr überhaupt nicht. Irgendwas wurmte ihn, und er wollte eigentlich darüber sprechen, wusste nur nicht wie. Sonst wäre er kaum zu dieser Zeit zu ihr gekommen, die einzige Zeit des Tages, wo sie ungestört waren. Sie wusste zwar, dass es angebracht wäre, mit ihm zu reden, doch manchmal tat sie sich schwer damit, den richtigen Anfang zu finden. Sie war kein Meister der Diplomatie und brachte die Dinge manchmal zu schmerzhaft auf den Punkt. Gerade bei Luzifer befand man sich dann schnell auf einer Gratwanderung zwischen konstruktiver Konfliktbewältigung und einem handfesten Streit, auch wenn das gar nicht in ihrer Absicht lag. Sie legte ihre Hand auf seine und sah ihn einfach nur an. Er lächelte sie kurz an, senkte den Blick danach aber wieder.
„Was ist denn nur los mit dir? Seitdem das mit Weihnachten angefangen hat, stehst du irgendwie neben dir.“
Er antwortete nicht.
„Nun sag schon, deswegen bist du doch hergekommen.“
Er seufzte.
„Warum in aller Welt ist Weihnachten nur so beliebt? Man stellt sich einen toten Baum ins Zimmer, behängt ihn mit kitschigen, bunten Zeug, und schenkt sich gegenseitig teuren Kram, den keiner braucht.“
„Na ja, den Leuten gefällt es eben. Menschen brauchen diese blöden Feste, das ist wissenschaftlich erwiesen.“
„Ich versteh es nicht. An Jesus und das Zeugs drumherum glaubt doch eh kaum noch einer, warum feiern dann trotzdem alle seinen Geburtstag?“
Mourose seufzte. Solche Dinge waren schwer zu erklären. Sie war nie eine gläubige Christin gewesen, und doch hatte ihr Weihnachten immer großen Spaß gemacht.
„Weihnachten ist gar kein rein christliches Fest. Es gibt in der Bibel ja weder das Wort „Weihnachten,“ noch eine Aufforderung, Jesus Geburt zu feiern. Weihnachten ist ein Fest, in denen sich viele keltische und germanische und Traditionen mit dem christlichen Anlass vermischen. Das ursprüngliche Julfest am 25.Dezember ist auch erst seit nicht allzu langer Zeit der Termin für Weihnachten, vorher war es am 6.Januar. Es ist ursprünglich ein Fest, in der man die Wiedergeburt des neuen Jahreszyklus feiert, da die Tage wieder länger werden. Man gedenkt des vergangenen Jahres und der Toten. Der Gedanke des Vergehens und Wiederaufblühen des Lebens zeigt sich auch heute noch im Weihnachtsfest. Der Adventskranz ist nicht nur zufällig einem Trauerkranz ähnlich, der immergrüne, kerzenhelle Tannenbaum als Symbol der Wiedergeburt und der den Winter und die Dunkelheit überdauernden Fruchtbarkeit. Die Kugeln symbolisieren dabei die Früchte des Baumes. Stechpalmen und Mistelzweige haben ihren Ursprung ebenfalls in keltischen Bräuchen. Der Weihnachtsmann stammt aus der germanischen Mythologie und sein heute verbreitetes Aussehen wurde von Coca-Cola entworfen. Das beliebte Rentier Rudoph wurde von einer amerikanischen Supermarktkette ebenfalls für eine Werbekampagne kreiert.
Wie der Papst Gregor I einmal sagte: 'Man soll die Bräuche und Glaubenslehren der Völker nutzen und nicht versuchen, sie auszulöschen. Wenn eine Gemeinschaft einen Baum anbete, so solle man ihn, anstatt ihn umzuhauen, dem Christus weihen und sie ihre Anbetung fortsetzen lassen.’
So gesehen ist Weihnachten das größte, heidnische Fest des Abendlandes überhaupt, und ist nur entstanden, um den Naturvölkern den christlichen Glauben möglichst bequem und konfliktfrei aufs Auge zu drücken.“
„Und obwohl du das alles weißt, willst du trotzdem noch Weihnachten feiern? Obwohl das alles nur eine fadenscheinige Flickschusterei verschiedener Religionen ist? “
„Weißt du, ich glaube, es geht für viele nicht um den Glauben, sondern daran, dass es schön ist, mal anderen eine Freude zu machen und sie mit ihnen kollektiv zu teilen. Weihnachten feiert man Liebe und Freundschaft. Vielleicht würden wir alle in tiefe Depressionen verfallen, wenn wir nicht dieses Fest des Lichts und der Liebe inmitten der kalten, dunklen Jahreszeit hätten. Wir Hexen feiern die Wintersonnenwende ja auch nicht, weil wir an eine personifizierte Gottheit und ihre Handlungen glauben, sondern weil wir uns darauf besinnen wollen, dass das Rad der Wiederkehr sich ewig weiterdreht, und wir in diesen Kreislauf verwoben sind wie alle anderen Mächte des Universum. Wenn man einfach nur jeden Tag einfach so daherlebt, verliert man manchmal die Perspektive für wichtige Dinge. Feiertage und Rituale zwingen uns quasi dazu, über den Tellerrand zu schauen und uns selbst und unsere Handlungen zu reflektieren.“
„Ich finde es trotzdem albern, dass der Geburtstag eines Menschen so hochstilisiert wird.“
„Wie es nun dazu kam, weiß ich auch nicht. Jedenfalls hat die Kirche genug Aufwand betrieben, um die Wichtigkeit zu rechtfertigen.“
Luzifer seufzte schwer und zog die Hand zurück. Mourose verzweifelte innerlich. Irgendwie war sie mit ihrer Weisheit am Ende. Sie waren genauso weit wie vorher und hatten sich im Kreis gedreht.
„Ich geh wieder zu Lilly,“ sagte er und stand auf.
„Wenn du reden willst, dann kannst du ja zu mir kommen, OK?“
Mehr als dieses Angebot zu machen, fiel ihr nicht ein. Er lächelte dünn.
„Ich weiß, auf dich kann ich immer zählen.“
Er umarmte sie kurz und trabte dann aus der Küche. Mourose blieb mit einem unwohlig flauen Gefühl zurück.

Später war sie mit Lilly im Schlossgarten auf der anderen Uferseite des Acheron Kräuter pflücken. Es war die größte Höhle des ganzen Reiches, die felsigen Wände und die Decke über ihnen waren so weit entfernt, dass sie im Dunkel verschwanden. Mourose mochte diesen Ort. Die prunkvolle blau-violette Palastfassade erhob sich majestätisch direkt am Ufer des mächtigen Flusses und blaue Rosen rankten an ihr empor.
„Das Licht aus den Kristallstrahlern ist ja ganz OK, aber ich bezweifle, dass die Pflanzen genauso viel Energie sammeln wie unter echten Himmel,“ sagte Lilly und machte um eine Riesenvenusfalle einen respektvollen Bogen.
„Wahrscheinlich nicht, aber was bleibt uns anderes übrig? Wenigstens ist die Luft hier unten besser es gibt keinen sauren Regen. Wahrscheinlich läuft es am Ende auf das selbe hinaus.“
Mourose schnitt die jungen Früchte des Blaukappenpilzes und legte sie in ihren Korb. Der Pilz war Teil der seltsamen und fremdartigen Flora in diesen Höhlen. Viele Pflanzen, die hier wuchsen, waren schon vor Jahrtausenden auf der Oberfläche ausgestorben. Die Samen und Sporen waren wahrscheinlich durch das Wasser oder Felsspalten hier heruntergekommen und waren dann im Licht der Palastfassaden aufgeblüht. Andere wiederum waren so unwirklich, dass sie gar nicht von dieser Welt schienen. Fremdartige, große Schmetterlinge tanzten um sie herum und zirpten leise wie Grillen. Lilly sammelte Feuerhut, eine kleine Pflanze mit roter, glockenförmiger Blüte.
„Was machst du damit?“ fragte Mourose neugierig. In Kräuterkunde war Lilly sehr viel gebildeter, Mourose hatte ihren Wissensschwerpunkt auf schwarzer Magie und Kampfkunst.
„Als Salbe fördert es die Durchblutung,“ erklärte Lilly.
„Von was?“
„Na von der Stelle, wo man es raufschmiert!“
Die beiden grinsten sich schmutzig an.
„Ich frag mich nur, für wen du das anrührst, ihr braucht das doch bestimmt nicht,“ frotzelte Mourose.
„Sorry, absolute Schweigepflicht!“
Mourose überprüfte, ob noch genug junge Blaukappenpilze übrig bleiben würden. Ausgewachsen war die Pilzkappe fast einen Meter im Durchmesser und nicht mehr zu gebrauchen, aber sie durfte natürlich nicht alle jungen Triebe abschneiden. Der Pilz enthielt einen Saft, der starke Muskellähmung hervorrief und daher gut für das Vergiften von Waffen geeignet war.
„Weißt du das Luzifer heute morgen bei mir war?“ fragte sie darauf.
Lilly sah erstaunt zu ihr.
„Nein, da hab ich wohl noch ziemlich fest geschlafen.“
“Er hat mit mir noch mal geredet. Er hat sich sehr seltsam benommen. Irgendetwas ist da noch, was ihn an Weihnachten stört. Ich habe es aber nicht aus ihm herausbekommen.“
„Schade. Mir wollte er es auch nicht sagen, nur das übliche 'Ich-hasse-alles-was-mit-Christen-zu-tun-hat.' "
Mourose nickte.
„Er hat mich gefragt, warum die Menschen Weihnachten feiern, es wäre doch nur ein biblischer Geburtstag, der mit keltischen Bräuchen gefeiert wird. Irgendwie hat er meine Erklärungsversuche nicht recht verstanden, am Ende hat es ihn kein bisschen überzeugen können. Er fand es immer noch überzogen, aus einem Geburtstag so etwas...“
Plötzlich verstummte Mourose und ein seltsames Gefühl durchströmte sie. Als sie sich gerade reden gehört hatte, war ihr etwas furchtbares eingefallen.
„Verdammt Lilly, ich glaub ich weiß was los ist,“ sagte sie mit dunkler Stimme.
„Wirklich? Sag schon!“
„Du bist doch jetzt seit fast einem Jahr mit ihm zusammen, davor habt ihr euch doch nur unregelmäßig gesehen oder?“
Lilly nickte.
„Wieso? Hat das was damit zu tun?“
„Nun, ich kenne ihn seit etwa zwei Jahren, aber war auch lange Zeiten wegen meiner Ausbildung nicht bei ihm...“
„Worauf willst du hinaus, Mourose, sag schon!“
„Weißt du, wann er Geburtstag hat?“
Lilly sah Mourose schockiert an, dann sah sie auf einmal furchtbar traurig aus.
„Oh nein.“
„Oh ja,“ knurrte Mourose, sich über sich selbst ärgernd und schlug einen Fluch ausstoßend mit der Faust auf den Boden.
„Er hat nie etwas gesagt!“ rief Lilly verzweifelt.
„Zu mir auch nicht. Aber ich war zu blöd, ihn zu fragen.“
„Ich doch auch,“ schluchzte Lilly, „ das tut mir so furchtbar leid!“
Mourose schüttelte den Kopf.
„Wir müssen das irgendwie wieder gut machen, denkst du nicht auch?“
Lilly nickte energisch.
„Da müssen wir uns aber ganz schön was einfallen lassen.“

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