Mourose
ärgerte sich, dass sie die schwere Reisetasche von Lilly tragen
musste. Sie hätte ihrer besten Freundin sowieso den Gefallen getan,
und dank ihres Kampftrainings war sie auch fit genug dazu, aber dass
der werte Herr nicht Gentleman genug war, seiner Angebeteten diese Last
persönlich abzunehmen, machte sie wütend. Sie wollte die Stimmung
aber nicht vermiesen, daher hielt sie die Klappe und trabte hinter der
seltsamen Familie durch die langen von Lüstern erhellten Korridore
hinterher. Sie war ja schon so einiges gewöhnt. Eigentlich war
sie Luzifers Leibwache, aber nicht selten war sie Mädchen für
alles. Nicht, weil sie dazu gezwungen wurde, sondern weil ihr sehr wohl
bewusst war, dass ohne sie so gut wie gar nichts laufen würde.
Sie hatte es sogar geschafft, dass die beiden wieder ein Paar geworden
sind, obwohl sich Lilly an ihre gemeinsame Vergangenheit kaum erinnern
konnte. Darüber hinaus konnte Lilly Luzifer zuerst überhaupt
nicht ausstehen, und seine Annäherungsversuche waren nicht gerade
unaufdringlich gewesen. OK, Mourose fragte sich auch nicht gerade selten,
was sie hier unten eigentlich zu suchen hatte, und warum sie freiwillig
ausgerechnet diesen Spinner beschützen wollte. Im Moment wollte
ihr beim besten Willen nicht einfallen, was so beschützenswert
an seiner Person war.
Nachdem
Lilly und Lydia ihre königlich ausgestatteten Kammern bezogen hatten,
half Mourose Lilly beim Auspacken. Lilly war ins Bad verschwunden, um
sich frisch zu machen und sehr viel leichtere Kleidung anzuziehen, schließlich
war es wie immer recht warm hier. Die Tür hatte sie aber offen gelassen,
daher konnten sie weiterhin miteinander reden.
„Sag mal Mourose, hast du früher Weihnachten gefeiert?“
Mourose stutzte. Eine sehr unerwartete Frage, gerade weil sie von Lilly
kam. Sie lebte erst seit kurzer Zeit in dieser Epoche und daher sollte
ihr dieses Fest eigentlich ziemlich egal sein.
„Früher, als ich noch in meiner Familie lebte, schon. Aber
seitdem ich dem Orden der Nephilim Hexenmeister beigetreten bin, feire
ich nur noch die Wintersonnenwende am 21. Dezember. Das gemeinsame Fest
der Wicca Hexen mit den Nephilim Hexen war sehr schön, fandest du
nicht? Auch wenn wir uns den Arsch abgefroren haben. Und ich von deiner
komischen Räucherung fast ohnmächtig geworden bin.“
Lillys Lachen kaum aus dem Bad.
„Ach komm, so schlimm war es doch nicht. Was kann ich dafür,
dass der Wind genau auf deine Nase stand? Du hast die Sylphen des Ortes
wohl irgendwie verärgert. Schade, dass wir dieses Jahr nicht zusammen
feiern können.“
Mourose seufzte.
„Die Vorbereitung für die Lehrlingsprüfungen im Januar
sind im vollen Gange. Daher fällt die Wintersonnenwende alle vier
Jahre etwas knapper aus.“
Lilly kam aus dem Bad und trug ein buntes Blümchenkleid, das leicht
um ihrer Knie flatterte.
„Wie findest du’s?“ fragte Lilly und drehte sich im
Kreis.
„Äh, ein wenig eng um die Brust.“
Dass sich ihre Brustwarzen sehr stark unter dem dünnen Stoff abzeichneten
und ihr Busen oben aus dem Ausschnitt quoll, wollte Mourose nicht so direkt
aussprechen.
Lilly sah an sich herunter und drückte an ihrer Oberweite herum.
„Mh, vielleicht hast du recht. Ich hab etwas zugenommen.“
„Macht nichts, dir steht es wirklich gut. Aber du solltest vielleicht
ein anderes Kleid anziehen, sonst weiß der arme Luzi gar nicht mehr,
wohin mit seinen Hormonen.“
Lilly sagte darauf nichts, grinste wissend und verschwand im Wandschrank.
„Vielleicht hab ich ja etwas weniger sommerliches. Zieh doch auch
mal ein Kleid an. Und mach mal diesen strengen Knoten auf, du hast doch
so schöne lange, blonde Haare. Warum rennst du immer nur in deiner
Kampfkleidung rum?“
„Was ist denn, wenn es zum Kampf kommt? Ich möchte dann nicht
in einem Kleid stecken, das sich mir dann um die Füße wickelt. “
„Ach, was soll schon passieren. Hier kann doch keiner raus oder
rein ohne seine Erlaubnis. Außerdem kann er auch ganz gut alleine
auf sich aufpassen. Mach dich nicht hysterisch.“
„Na ja, vielleicht heute Abend.“
Lilly kam in einem mittelalterlichen, roten Kleid heraus, dass ihre Figur
weniger pornographisch betonte.
„Richtig weihnachtlich, was?“ freute sich Lilly.
„Du hast es irgendwie mit Weihnachten. Wie kommst du plötzlich
darauf?“ wunderte sich Mourose.
“Ich finde es schade, dass wir es nicht feiern. Alle Welt feiert
es. Wie war es denn früher für dich so?“
Mourose überlegte.
„Es war schön, besonders als ich Kind war. Es ist so dunkel
und kalt im Winter, da ist es immer angenehm gewesen, dass man es sich
wieder etwas heller und gemütlicher gemacht hat. Irgendwie hatte
man das Gefühl, die Welt wäre an Weihnachten ein bisschen weniger
schlecht.“
„Ich glaube, es würde Lydia gefallen. Sie hatte bisher kein
einziges schönes Weihnachtsfest.“
„Wir sind es ihr schuldig. Weihnachten gehört einfach zu ihrer
Kultur. Die Frage ist, wie wir das Luzi beibringen. Ich glaube, er wäre
davon mäßig begeistert.“
„Weißt du, Murray, das ist mir ehrlich gesagt ziemlich egal,“
grinste Lilly.
“Nenn mich nicht immer Murray, es reicht schon, wenn Luzifer das
immer macht.“
“Du bist doch auch ein Kerl. Aber ein prima Kerl.“
„Ja danke auch,“ grinste Mourose.
Lilly
ging darauf zu Lydia, um mit ihr Hausaufgaben zu machen. Mourose machte
sich auf dem Weg, um Luzifer die Hiobsbotschaft zu überbringen. Die
Frage war nur, wie. Es bestand eine gewisse Wahrscheinlichkeit, dass es
ihm egal sein würde. Aber mindestens ebenso wahrscheinlich war es,
dass er davon gar nichts hielt. Er lümmelte sich auf einem Sofa in
dem Musikzimmer und blätterte in einem evangelischen Gesangbuch.
„Hi Murray. Was macht meine Braut?” fragte er beiläufig
und ohne zu ihr hochzusehen.
„Ach weißt du, ich habe gerade verhindert, dass sie halbnackt
herumläuft.“
„Wie konntest du nur!“ rief er und schleuderte ihr ein Kissen
ins Gesicht, doch Mouroses Reflexe waren blitzartig und sie fing das Kissen
mit der linken Hand auf. Er grinste sie schelmisch an.
„Hast du alte Spannerin ihr etwa beim Umziehen zugesehen?“
„Nein, wieso?“
„Ich weiß doch, wie rum du gepolt bist. Sie gehört mir,
damit das klar ist!“
Sie klatschte ihm das Kissen auf den Kopf.
„Du und deine perversen Phantasien. Wir sind Freunde, klar? Mehr
nicht.“
„Ja klar doch,“ grinste er allwissend und blätterte weiter
in dem Buch.
“Luzi, Lilly und ich haben uns unterhalten und wir wollten dich
fragen....“
„Weißt du eigentlich, dass einige Kirchenlieder versteckte
Botschaften enthalten? Zum Beispiel dieses hier...“
„Also Lilly und ich haben uns unterhalten und...“
„...wenn man die Worte „Gnade“ und „Schade“,
„Fried“ und „Fehd’“ vertauscht....“
„Luzi...“
“Dann kommt da so was bei raus,“
Er sang darauf mit seinem glockenhellen Tenor:
„Allein
Gott in der Höh' sei Ehr'
Und Dank für seine Schade,
Darum daß nun und nimmermehr
Uns rühren kann kein Gnade.
Ein Wohlgefall'n Gott an uns hat,
Nun ist groß' Fehd' ohn' Unterlaß,
All' Fried' hat nun ein Ende.“
Wenn
das mal kein Zufall ist!“
Er kicherte albern. Mourose verschränkte verärgert die Arme
vor der Brust.
„Hast du wieder irgendwas getrunken?“
„Nicht viel, mir ist nur langweilig. Ihr habt ja alle besseres zu
tun, als euch mit mir zu beschäftigen.“
Mourose kochte langsam innerlich.
„Du Idiot! Ich wollte mit dir über etwas wichtiges reden und
du hörst mir nicht mal zu!“
Er setzte sich auf und machte ein fragendes Gesicht, als wäre ihm
gerade etwas klar geworden.
„Werden jetzt die wichtigen Gespräche erst unter euch Weibern
gemacht, und ich am Schluss nur über das Ergebnis informiert?“
„Nein, wir hatten nur eine Idee und wollen deine Meinung dazu hören.“
„Na dann, schieß los.“
Mourose seufzte. Es wäre wohl am besten, so schnell wie möglich
zum Punkt zu kommen, solange sie seine Aufmerksamkeit noch hatte.
„Wir haben uns überlegt, dass es für Lydia schön
wäre, wenn wir dieses Jahr Weihnachten feiern. Was hältst du
davon? Sie würde sich bestimmt freuen.“
Luzifers Gesicht war von einer Sekunde auf die andere wie versteinert.
„Das ist nicht dein Ernst, oder?“ fragte er sie mit sehr dunkler
Stimme.
Mourose ließ sich davon nicht beeindrucken, sie hatte die Reaktion
ja fast erwartet.
„Na ja, du sagst ja immer, dir ist es egal, was wir feiern oder
welcher Religion wir angehören.“
„Ich habe mich gerade erst an eure komischen Hexenfeste gewöhnt.
Jetzt kommt ihr mir mit so einem Scheiß! Ich dachte, dieser Irrsinn
könnte nicht zu uns vordringen.“
Er stand auf und brachte das Buch zurück ins Regal. Er schien sehr
aufgebracht, das hatte Mourose wiederum nicht erwartet. Ihr war beim besten
Willen nicht klar, was so schlimm daran wäre, Weihnachten zu feiern.
„Komm schon, mit einem christlichen Fest hat das doch gar nichts
mehr zu tun. Du sagst ja immer, hier dürfe jeder tun was er will,
solange niemanden damit geschadet wird. Das ist das einzige geltende Gesetz
hier.“
Er drehte sich zu ihr um, sein Gesicht vor Abscheu dämonisch verzogen.
„Dann gibt es ab heute eben ein zweites Gesetz: Weihnachten wird
hier nicht gefeiert!“
„Na, das ist ja sehr demokratisch von dir!“
„Ich kann mich nicht erinnern, dass wir in einer Demokratie leben!“
fauchte er sie im Vorbeigehen an und fegte aus dem Raum.
Als
sie später zusammen beim Abendessen saßen, lag eine drückende
Stille über ihnen. Lilly warf heimlich einen fragenden Blick zu Mourose
und nickte mit dem Kopf in Richtung Luzifer. Mourose schüttelte nur
kurz den Kopf. Lilly verstand anscheinend sofort, dass das Gespräch
nicht gerade toll verlaufen sein müsste und aß traurig weiter.
Es wäre das beste, ihn für den heutigen Abend nicht mehr darauf
anzusprechen, dachte Mourose. Er hatte aber die geheime Zeichensprache
der beiden mitbekommen.
„Wenn ihr etwas zu sagen habt, dann sagt es bitte laut und macht
hier nicht so eine Geheimniskrämerei.“
Der barsche Tonfall ließ die junge Dienerin hinter ihm zusammenfahren,
und sie ließ beinahe das Teeservice fallen. Mourose hob beschwichtigend
die Hände.
„Es ist nichts. Wir wollten dich nur nicht noch mehr verärgern.“
„Was ist denn los?“ fragte Lydia darauf verwundert und blickte
mit großen, traurigen Augen in die Runde. Mourose seufzte. Das Mädchen
hatte genug sinnlose Streiterein in seinen vorherigen Leben mitmachen
müssen, hoffentlich dachte Luzifer in diesem Moment auch daran.
„Nichts ist los,“ sagte er und streichelte seiner Adoptivtochter
über den Kopf.
Mourose atmete leise auf. Hoffentlich fing Lydia diesen Abend nicht auch
noch mit Weihnachten an, ansonsten wäre die Situation für den
Moment gerettet. Ein Glück, dass es das Mädchen gab, ansonsten
wäre sie mit ihrer Weisheit ziemlich am Ende gewesen.
Nach dem Essen schien auch alles wieder vergessen. Sie saßen in
einem der kleineren Wohnzimmer auf einer niedrigen Couchgruppe. Lydia
erzählte ausgiebig von ihrem Schulalltag und machte wieder einmal
deutlich, dass sie keine Lust darauf hatte.
„Ich möchte aber, dass du so normal wie möglich aufwächst
und mit dem menschlichen Leben zurechtkommst. Lilly geht auch zur Uni,“
versuchte Luzifer sie zu überzeugen.
„Ich mag die Lehrer aber nicht, ich will von dir unterrichtet werden,“
maulte Lydia.
„Der bequemste Weg ist selten der beste,“ sagte er, doch sie
war natürlich nicht zu überzeugen. Lilly unterbrach die beiden.
„Es ist schon spät, Lydie, du musst ins Bett.“
„Ich will aber nicht! Ich bin nicht müde!“
„Wenn du jetzt nicht ins Bett gehst, wirst du morgen aber furchtbar
müde sein. Komm, ich bring dich auch.“
Lydia war zwar alt genug, alleine schlafen zu gehen, doch sie war verständlicherweise
für ihr Alter sehr anhänglich. Sie gab Luzifer einen Gutenachtkuss
und trottete dann mit Lilly aus dem Zimmer.
„Dann können wir ja endlich die ab-18-Bremse lösen,“
grinste er und ging zur Vitrine.
„Och nö, ich will jetzt nichts trinken,“ sagte Mourose
und streckte sich genüsslich.
„Nix da, so wie du mich heute geärgert hast, hab ich das Recht
dich abzufüllen.“
„Komische Logik. Lass mich raten: Ist das jetzt das dritte Gesetz?“
Mit einem schelmischen Grinsen schenkte er ihr ein Glas Absinth ein. Sie überlegte, ob es gut wäre, das Thema noch mal aufzugreifen.
Sie versuchte es mit einer anderen Taktik.
„Ich fand deine Reaktion schon ein bisschen übertrieben,“
begann sie mit beiläufigen Tonfall.
„Und ich fand deinen Vorschlag beknackt.“
Weiter kamen sie nicht, denn in diesem Moment kam Lilly wieder rein und
sah den Alkohol.
„Ihr trinkt? Ohne mich?“
Ihre Augen weiteten sich gierig und sie leckte sich gespielt erwartungsvoll über die Lippen.
„Oh nein, rettet die Vorräte!“ rief Luzifer und warf
der überraschten Mourose die Absinthflasche hin. Aber anstatt sie
wegzustellen wedelte sie lockend damit in Lillys Richtung.
„Mourose, du Verräterin!“ lachte Luzifer und ließ
sich wieder auf sein Sofa fallen.
Lilly setzte sich neben ihn und krallte sich die Flasche.
©
2003 by Codo Stellaris
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