Kapitel 2

Mourose ärgerte sich, dass sie die schwere Reisetasche von Lilly tragen musste. Sie hätte ihrer besten Freundin sowieso den Gefallen getan, und dank ihres Kampftrainings war sie auch fit genug dazu, aber dass der werte Herr nicht Gentleman genug war, seiner Angebeteten diese Last persönlich abzunehmen, machte sie wütend. Sie wollte die Stimmung aber nicht vermiesen, daher hielt sie die Klappe und trabte hinter der seltsamen Familie durch die langen von Lüstern erhellten Korridore hinterher. Sie war ja schon so einiges gewöhnt. Eigentlich war sie Luzifers Leibwache, aber nicht selten war sie Mädchen für alles. Nicht, weil sie dazu gezwungen wurde, sondern weil ihr sehr wohl bewusst war, dass ohne sie so gut wie gar nichts laufen würde. Sie hatte es sogar geschafft, dass die beiden wieder ein Paar geworden sind, obwohl sich Lilly an ihre gemeinsame Vergangenheit kaum erinnern konnte. Darüber hinaus konnte Lilly Luzifer zuerst überhaupt nicht ausstehen, und seine Annäherungsversuche waren nicht gerade unaufdringlich gewesen. OK, Mourose fragte sich auch nicht gerade selten, was sie hier unten eigentlich zu suchen hatte, und warum sie freiwillig ausgerechnet diesen Spinner beschützen wollte. Im Moment wollte ihr beim besten Willen nicht einfallen, was so beschützenswert an seiner Person war.

Nachdem Lilly und Lydia ihre königlich ausgestatteten Kammern bezogen hatten, half Mourose Lilly beim Auspacken. Lilly war ins Bad verschwunden, um sich frisch zu machen und sehr viel leichtere Kleidung anzuziehen, schließlich war es wie immer recht warm hier. Die Tür hatte sie aber offen gelassen, daher konnten sie weiterhin miteinander reden.
„Sag mal Mourose, hast du früher Weihnachten gefeiert?“
Mourose stutzte. Eine sehr unerwartete Frage, gerade weil sie von Lilly kam. Sie lebte erst seit kurzer Zeit in dieser Epoche und daher sollte ihr dieses Fest eigentlich ziemlich egal sein.
„Früher, als ich noch in meiner Familie lebte, schon. Aber seitdem ich dem Orden der Nephilim Hexenmeister beigetreten bin, feire ich nur noch die Wintersonnenwende am 21. Dezember. Das gemeinsame Fest der Wicca Hexen mit den Nephilim Hexen war sehr schön, fandest du nicht? Auch wenn wir uns den Arsch abgefroren haben. Und ich von deiner komischen Räucherung fast ohnmächtig geworden bin.“
Lillys Lachen kaum aus dem Bad.
„Ach komm, so schlimm war es doch nicht. Was kann ich dafür, dass der Wind genau auf deine Nase stand? Du hast die Sylphen des Ortes wohl irgendwie verärgert. Schade, dass wir dieses Jahr nicht zusammen feiern können.“
Mourose seufzte.
„Die Vorbereitung für die Lehrlingsprüfungen im Januar sind im vollen Gange. Daher fällt die Wintersonnenwende alle vier Jahre etwas knapper aus.“
Lilly kam aus dem Bad und trug ein buntes Blümchenkleid, das leicht um ihrer Knie flatterte.
„Wie findest du’s?“ fragte Lilly und drehte sich im Kreis.
„Äh, ein wenig eng um die Brust.“
Dass sich ihre Brustwarzen sehr stark unter dem dünnen Stoff abzeichneten und ihr Busen oben aus dem Ausschnitt quoll, wollte Mourose nicht so direkt aussprechen.
Lilly sah an sich herunter und drückte an ihrer Oberweite herum.
„Mh, vielleicht hast du recht. Ich hab etwas zugenommen.“
„Macht nichts, dir steht es wirklich gut. Aber du solltest vielleicht ein anderes Kleid anziehen, sonst weiß der arme Luzi gar nicht mehr, wohin mit seinen Hormonen.“
Lilly sagte darauf nichts, grinste wissend und verschwand im Wandschrank.
„Vielleicht hab ich ja etwas weniger sommerliches. Zieh doch auch mal ein Kleid an. Und mach mal diesen strengen Knoten auf, du hast doch so schöne lange, blonde Haare. Warum rennst du immer nur in deiner Kampfkleidung rum?“
„Was ist denn, wenn es zum Kampf kommt? Ich möchte dann nicht in einem Kleid stecken, das sich mir dann um die Füße wickelt. “
„Ach, was soll schon passieren. Hier kann doch keiner raus oder rein ohne seine Erlaubnis. Außerdem kann er auch ganz gut alleine auf sich aufpassen. Mach dich nicht hysterisch.“
„Na ja, vielleicht heute Abend.“
Lilly kam in einem mittelalterlichen, roten Kleid heraus, dass ihre Figur weniger pornographisch betonte.
„Richtig weihnachtlich, was?“ freute sich Lilly.
„Du hast es irgendwie mit Weihnachten. Wie kommst du plötzlich darauf?“ wunderte sich Mourose.
“Ich finde es schade, dass wir es nicht feiern. Alle Welt feiert es. Wie war es denn früher für dich so?“
Mourose überlegte.
„Es war schön, besonders als ich Kind war. Es ist so dunkel und kalt im Winter, da ist es immer angenehm gewesen, dass man es sich wieder etwas heller und gemütlicher gemacht hat. Irgendwie hatte man das Gefühl, die Welt wäre an Weihnachten ein bisschen weniger schlecht.“
„Ich glaube, es würde Lydia gefallen. Sie hatte bisher kein einziges schönes Weihnachtsfest.“
„Wir sind es ihr schuldig. Weihnachten gehört einfach zu ihrer Kultur. Die Frage ist, wie wir das Luzi beibringen. Ich glaube, er wäre davon mäßig begeistert.“
„Weißt du, Murray, das ist mir ehrlich gesagt ziemlich egal,“ grinste Lilly.
“Nenn mich nicht immer Murray, es reicht schon, wenn Luzifer das immer macht.“
“Du bist doch auch ein Kerl. Aber ein prima Kerl.“
„Ja danke auch,“ grinste Mourose.

Lilly ging darauf zu Lydia, um mit ihr Hausaufgaben zu machen. Mourose machte sich auf dem Weg, um Luzifer die Hiobsbotschaft zu überbringen. Die Frage war nur, wie. Es bestand eine gewisse Wahrscheinlichkeit, dass es ihm egal sein würde. Aber mindestens ebenso wahrscheinlich war es, dass er davon gar nichts hielt. Er lümmelte sich auf einem Sofa in dem Musikzimmer und blätterte in einem evangelischen Gesangbuch.
„Hi Murray. Was macht meine Braut?” fragte er beiläufig und ohne zu ihr hochzusehen.
„Ach weißt du, ich habe gerade verhindert, dass sie halbnackt herumläuft.“
„Wie konntest du nur!“ rief er und schleuderte ihr ein Kissen ins Gesicht, doch Mouroses Reflexe waren blitzartig und sie fing das Kissen mit der linken Hand auf. Er grinste sie schelmisch an.
„Hast du alte Spannerin ihr etwa beim Umziehen zugesehen?“
„Nein, wieso?“
„Ich weiß doch, wie rum du gepolt bist. Sie gehört mir, damit das klar ist!“
Sie klatschte ihm das Kissen auf den Kopf.
„Du und deine perversen Phantasien. Wir sind Freunde, klar? Mehr nicht.“
„Ja klar doch,“ grinste er allwissend und blätterte weiter in dem Buch.
“Luzi, Lilly und ich haben uns unterhalten und wir wollten dich fragen....“
„Weißt du eigentlich, dass einige Kirchenlieder versteckte Botschaften enthalten? Zum Beispiel dieses hier...“
„Also Lilly und ich haben uns unterhalten und...“
„...wenn man die Worte „Gnade“ und „Schade“, „Fried“ und „Fehd’“ vertauscht....“
„Luzi...“
“Dann kommt da so was bei raus,“
Er sang darauf mit seinem glockenhellen Tenor:

„Allein Gott in der Höh' sei Ehr'
Und Dank für seine Schade,
Darum daß nun und nimmermehr
Uns rühren kann kein Gnade.
Ein Wohlgefall'n Gott an uns hat,
Nun ist groß' Fehd' ohn' Unterlaß,
All' Fried' hat nun ein Ende.“

Wenn das mal kein Zufall ist!“
Er kicherte albern. Mourose verschränkte verärgert die Arme vor der Brust.
„Hast du wieder irgendwas getrunken?“
„Nicht viel, mir ist nur langweilig. Ihr habt ja alle besseres zu tun, als euch mit mir zu beschäftigen.“
Mourose kochte langsam innerlich.
„Du Idiot! Ich wollte mit dir über etwas wichtiges reden und du hörst mir nicht mal zu!“
Er setzte sich auf und machte ein fragendes Gesicht, als wäre ihm gerade etwas klar geworden.
„Werden jetzt die wichtigen Gespräche erst unter euch Weibern gemacht, und ich am Schluss nur über das Ergebnis informiert?“
„Nein, wir hatten nur eine Idee und wollen deine Meinung dazu hören.“
„Na dann, schieß los.“
Mourose seufzte. Es wäre wohl am besten, so schnell wie möglich zum Punkt zu kommen, solange sie seine Aufmerksamkeit noch hatte.
„Wir haben uns überlegt, dass es für Lydia schön wäre, wenn wir dieses Jahr Weihnachten feiern. Was hältst du davon? Sie würde sich bestimmt freuen.“
Luzifers Gesicht war von einer Sekunde auf die andere wie versteinert.
„Das ist nicht dein Ernst, oder?“ fragte er sie mit sehr dunkler Stimme.
Mourose ließ sich davon nicht beeindrucken, sie hatte die Reaktion ja fast erwartet.
„Na ja, du sagst ja immer, dir ist es egal, was wir feiern oder welcher Religion wir angehören.“
„Ich habe mich gerade erst an eure komischen Hexenfeste gewöhnt. Jetzt kommt ihr mir mit so einem Scheiß! Ich dachte, dieser Irrsinn könnte nicht zu uns vordringen.“
Er stand auf und brachte das Buch zurück ins Regal. Er schien sehr aufgebracht, das hatte Mourose wiederum nicht erwartet. Ihr war beim besten Willen nicht klar, was so schlimm daran wäre, Weihnachten zu feiern.
„Komm schon, mit einem christlichen Fest hat das doch gar nichts mehr zu tun. Du sagst ja immer, hier dürfe jeder tun was er will, solange niemanden damit geschadet wird. Das ist das einzige geltende Gesetz hier.“
Er drehte sich zu ihr um, sein Gesicht vor Abscheu dämonisch verzogen.
„Dann gibt es ab heute eben ein zweites Gesetz: Weihnachten wird hier nicht gefeiert!“
„Na, das ist ja sehr demokratisch von dir!“
„Ich kann mich nicht erinnern, dass wir in einer Demokratie leben!“ fauchte er sie im Vorbeigehen an und fegte aus dem Raum.

Als sie später zusammen beim Abendessen saßen, lag eine drückende Stille über ihnen. Lilly warf heimlich einen fragenden Blick zu Mourose und nickte mit dem Kopf in Richtung Luzifer. Mourose schüttelte nur kurz den Kopf. Lilly verstand anscheinend sofort, dass das Gespräch nicht gerade toll verlaufen sein müsste und aß traurig weiter. Es wäre das beste, ihn für den heutigen Abend nicht mehr darauf anzusprechen, dachte Mourose. Er hatte aber die geheime Zeichensprache der beiden mitbekommen.
„Wenn ihr etwas zu sagen habt, dann sagt es bitte laut und macht hier nicht so eine Geheimniskrämerei.“
Der barsche Tonfall ließ die junge Dienerin hinter ihm zusammenfahren, und sie ließ beinahe das Teeservice fallen. Mourose hob beschwichtigend die Hände.
„Es ist nichts. Wir wollten dich nur nicht noch mehr verärgern.“
„Was ist denn los?“ fragte Lydia darauf verwundert und blickte mit großen, traurigen Augen in die Runde. Mourose seufzte. Das Mädchen hatte genug sinnlose Streiterein in seinen vorherigen Leben mitmachen müssen, hoffentlich dachte Luzifer in diesem Moment auch daran.
„Nichts ist los,“ sagte er und streichelte seiner Adoptivtochter über den Kopf.
Mourose atmete leise auf. Hoffentlich fing Lydia diesen Abend nicht auch noch mit Weihnachten an, ansonsten wäre die Situation für den Moment gerettet. Ein Glück, dass es das Mädchen gab, ansonsten wäre sie mit ihrer Weisheit ziemlich am Ende gewesen.


Nach dem Essen schien auch alles wieder vergessen. Sie saßen in einem der kleineren Wohnzimmer auf einer niedrigen Couchgruppe. Lydia erzählte ausgiebig von ihrem Schulalltag und machte wieder einmal deutlich, dass sie keine Lust darauf hatte.
„Ich möchte aber, dass du so normal wie möglich aufwächst und mit dem menschlichen Leben zurechtkommst. Lilly geht auch zur Uni,“ versuchte Luzifer sie zu überzeugen.
„Ich mag die Lehrer aber nicht, ich will von dir unterrichtet werden,“ maulte Lydia.
„Der bequemste Weg ist selten der beste,“ sagte er, doch sie war natürlich nicht zu überzeugen. Lilly unterbrach die beiden.
„Es ist schon spät, Lydie, du musst ins Bett.“
„Ich will aber nicht! Ich bin nicht müde!“
„Wenn du jetzt nicht ins Bett gehst, wirst du morgen aber furchtbar müde sein. Komm, ich bring dich auch.“
Lydia war zwar alt genug, alleine schlafen zu gehen, doch sie war verständlicherweise für ihr Alter sehr anhänglich. Sie gab Luzifer einen Gutenachtkuss und trottete dann mit Lilly aus dem Zimmer.
„Dann können wir ja endlich die ab-18-Bremse lösen,“ grinste er und ging zur Vitrine.
„Och nö, ich will jetzt nichts trinken,“ sagte Mourose und streckte sich genüsslich.
„Nix da, so wie du mich heute geärgert hast, hab ich das Recht dich abzufüllen.“
„Komische Logik. Lass mich raten: Ist das jetzt das dritte Gesetz?“
Mit einem schelmischen Grinsen schenkte er ihr ein Glas Absinth ein. Sie überlegte, ob es gut wäre, das Thema noch mal aufzugreifen. Sie versuchte es mit einer anderen Taktik.
„Ich fand deine Reaktion schon ein bisschen übertrieben,“ begann sie mit beiläufigen Tonfall.
„Und ich fand deinen Vorschlag beknackt.“
Weiter kamen sie nicht, denn in diesem Moment kam Lilly wieder rein und sah den Alkohol.
„Ihr trinkt? Ohne mich?“
Ihre Augen weiteten sich gierig und sie leckte sich gespielt erwartungsvoll über die Lippen.
„Oh nein, rettet die Vorräte!“ rief Luzifer und warf der überraschten Mourose die Absinthflasche hin. Aber anstatt sie wegzustellen wedelte sie lockend damit in Lillys Richtung.
„Mourose, du Verräterin!“ lachte Luzifer und ließ sich wieder auf sein Sofa fallen.
Lilly setzte sich neben ihn und krallte sich die Flasche.

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