„Wie
kommt ihr darauf, meinen Geburtstag zu feiern?“ fragte Luzifer.
„Die Idee kam uns ganz spontan,“ grinste Mourose.
„Was soll die Frage, freu dich doch,“ sagte Lilly und kraulte
ihm neckisch den Nacken.
„Es kommt mir nur irgendwie komisch vor. Und dann ausgerechnet an
Weihnachten. Ihr habt vielleicht Ideen.“
„Warum?“ fragte Lilly unschuldig,“ gerade an Weihnachten
kann man doch Fehler wieder gut machen.“
Er lachte und schüttelte den Kopf.
„Ihr habt keinen Fehler gemacht. Mein Geburtstag wurde das letzte
Mal 988 gefeiert. Danach war ich ja die ganze Zeit alleine da alle anderen
im Tiefschlaf waren. Da vergisst man so einiges, sogar den eigenen Geburtstag.“
Lilly sah ihn mit großen Augen an.
„Heißt das, du freust dich nicht?“
Er gab ihr einen Kuss.
„Doch, natürlich. Ich hätte aber nie mit gerechnet, dass
ihr mich derartig überrascht. Ich hätte das nicht von euch erwartet.“
Mourose grübelte.
„Gibt es denn einen bestimmten Grund, dass du so gallig wegen Weihnachten
warst? Wir dachten, das lag daran, dass wir deinen Geburtstag vergessen
hatten.“
Er seufzte.
„Mourose, du machst dir wie immer zu viele Gedanken.“
Lydia stürmte zu der Gruppe und hielt ihm ein Geschenk unter die
Nase.
„Für dich!“ rief sie und strahlte.
„Äh, Geschenke gibt es auch?“ fragte er verlegen und
nahm das Päckchen.
Alle drei grinsten breit.
„Na klar, es ist schließlich Weihnachten,“ sagte Mourose.
„Mach schon auf!“ quengelte Lydia. Unter der bunten Papierhülle
kam ein Buch hervor.
„2001 Benimmregeln?“ fragte er ungläubig. Mourose und
Lilly waren genauso überrascht wie er und fingen an zu lachen.
„Du bist immer so ultra-peinlich!“ erklärte Lydia.
„Du bist mir ja eine Tochter,“ grinste er und blätterte
in dem Buch.
„Gewöhnen sie sich das Fluchen zu allen Zeiten ab, auch wenn
sie alleine sind oder sich unbeobachtet fühlen, es verroht ihren
Charakter,“ las er mit lehrerhafter Stimme vor,“ auch einzelne
Kraftausdrücke sollten sie nie in den Mund nehmen. Schon ein einzelnes
falsches Wort lässt sie vor ihrem Gegenüber als unseriös,
primitiv und frivol erscheinen.“
Lilly und Mourose kugelten sich vor Lachen. Lydia sah ihn aber todernst
an.
„Versprich mir, dass du es liest!“
Er grinste.
„Das schon. Ich kann dir aber nicht versprechen, dass es was bringt.“
„Ich weiß,“ sagte Lydia trocken,“ aber man darf
doch wohl noch Träume haben.“
„Aufhören!“ rief Lilly unter Tränen lachend.
„Ich weiß nicht was daran so witzig ist. Meine Tochter nimmt
meine Erziehung eben sehr ernst,“ sagte Luzifer gelassen und klopfte
ihr anerkennend auf die Schulter.
Als Mourose sich darauf endlich von dem Lachanfall erholt hatte, wischte
sie sich die Tränen aus den Augen und holte ihr Geschenk für
ihn.
„Von dir auch? Du magst mich also doch noch?“ fragte er.
Sie grinste einfach nur. Er packte es aus und hielt den Inhalt überrascht
in den Händen.
„Das ist ja ein Ding,“ sagte er mehr zu sich selbst.
„Ich hoffe, es gefällt dir,“ sagte Mourose mit fragenden
Blick. Er sah zu ihr.
„Wo hast du es gefunden? Ich habe das seit Ewigkeiten gesucht!“
Sie lächelte mysteriös.
„Ich weiß. Es war zwischen den Seiten 1336 und 1337 in Band
2.“
„Du hast in den Chroniken gelesen?“ fragte er ungläubig.
Sie nickte.
„Irgendwie mussten wir ja deinen Geburtstag erfahren, damit wir
wissen wann wir feiern können. Da es der 13. November ist, dachten
wir, wir könnten ihn heute nachfeiern, sonst hätten wir bis
zum nächsten gewartet. Da ist mir das zufällig in die Hände
gefallen.“
“Was ist es denn?“ fragte Lilly neugierig.
Er zeigte es ihr. Es war ein Portrait von Lilly, mit Kreiden auf einem
alten Stück Papier gemalt. Es war anscheinend ziemlich zerknickt
gewesen, doch Mourose hatte es soweit es ging restaurieren lassen und
auf ein Stück feste Pappe geklebt. Dann hatte sie es noch in einen
Rahmen gelegt, uns so sah es wirklich richtig edel aus.
„Es sieht gut aus,“ sagte Lydia,“ wer hat das denn gemalt?“
„Das war ich,“ sagte Luzifer,“ ich habe es aus dem Gedächtnis
gemalt als ich 16 war. Lilly und ich hatten uns kennen gelernt, als ich
12 war. Danach waren wir für viele Jahre getrennt, und es war unklar,
ob wir uns je wieder sehen könnten. Ich habe damals versucht, die
Erinnerung an ihr Aussehen als Kind auf das der damaligen Zeit zu übertragen.
Anscheinend war es mir gelungen,“ sagte er und sah zu Lilly, die
immer noch verstohlen auf das Bild blickte. Er legte einen Arm um sie.
„Wie bist du denn auf so eine Idee gekommen?“ fragte sie.
„Ich war zwar noch ein Kind, als ich dich kennen lernte. Aber mir
war schon damals klar, dass ich wenn überhaupt nur dich jemals lieben
könnte. Durch das Bild warst du immer bei mir. Ich musste es damals
immer verstecken, daher hat es ganz schön gelitten. Als wir später
zusammen waren, und die Zeiten turbulenter wurden, habe ich es leider
verlegt und für lange Zeit vergessen.“
„Vielleicht war es aber auch gut so,“ sagte Mourose,“
dadurch, dass du es zwischen die Buchseiten gelegt hast, hat es die Jahrtausende
nahezu unbeschadet überdauert.“
„Du bist wirklich ein Schatz, Mourose. Ihr seit wirklich alle so
lieb zu mir, und ich habe euch so angegnaddelt in der letzten Zeit.“
„Schon gut, wir wissen ja, dass du kompliziert bist,“ grinste
Mourose. Er hob eine Augenbraue.
„Kompliziert?“
Lilly kuschelte sich an seine Seite.
„Macht aber nix, wir wissen ja auch, dass du manchmal ganz lieb
sein kannst.“
Er seufzte.
„Lieb? Also jetzt reicht es aber. Ich hab ja nicht mal Geschenke
für euch.“
“Bescheidenheit steht dir überhaupt nicht,“ lachte Mourose.
Er grinste schelmisch.
„Stimmt eigentlich. Lilly, was schenkst du mir denn?“
„Das bekommst du später. Wenn wir alleine sind.“
„Aber es ist nicht das, was du mir versprochen hast?“
„Nein, das kriegst du aber auch noch,“ grinste sie und kniff
ihm in den Hintern.
„So, jetzt gibt es aber erst mal was zu trinken,“ beschloss
Mourose, um von Thema abzulenken, und teilte eine ziemlich alkoholisch
riechende Flüssigkeit aus. Lydia quengelte natürlich, dass sie
auch etwas wollte, aber sie musste sich mit Apfelsaft begnügen.
„Starkes Zeug,“ stellte Luzifer mit heiserer Stimme fest.
Lilly nickte zustimmend unter Tränen des Schmerzes.
„Wieso? Das ist doch nur Whiskey mit Zimt, roten Pfeffer und Feuerhutsirup,“
erklärte Mourose völlig unberührt und trank ihr Glas in
einem Zug leer. Danach wurden die restlichen Geschenke ausgepackt. Lilly
bekam von Mourose einen schönen Stoff geschenkt, denn sie hatte schon
lange geplant, sich ein Kleid zu schneidern. Lydia bekam ein von Mourose
selbstgeschmiedetes Übungsschwert mit stumpfer Klinge und sie freute
sich tierisch darüber. Außerdem bekam Lydia von Lilly einen
Edelsteintalisman. Mourose staunte jedenfalls nicht schlecht darüber,
was Lilly ihr schenkte.
„Was ist das denn?“ fragte sie angewidert und hielt das Ding
hoch.
„Ein Vibrator!“ krähte Lydia fröhlich und fuchtelte
mit ihrem Schwert, so dass eine Glaskugel vom Baum in tausend Stücke
zersprang.
„Mach das wieder sauber,“ befahl Luzifer. Lydia war damit
erst mal beschäftigt, die entsprechenden Utensilien dafür zu
beschaffen, so dass sie für einen Moment ungestört waren. Kaum
war Lydia draußen, fielen alle in einen lauten Lachanfall.
„Soll das etwa ein Wink mit dem Zaunpfahl sein?“ fragte Mourose
amüsiert und inspizierte das pervers nach Plastik stinkende Teil.
„Der hat ganz viele Funktionen und ist stufenlos regelbar,“
erklärte Lilly. Luzifer konnte sich ein Lachen kaum noch halten.
In dem Moment fand Mourose gerade raus, wie man ihn anschalten konnte.
Das Ding surrte furchtbar laut drauf los und Mourose ließ es vor
Schreck fallen. Es plumpste auf den Tisch und bewegte sich laut brummend
und vibrierend gezielt auf Luzifer zu.
„Nehmt das Ding von mir weg!“ rief er und sprang auf, um sich über die Sofalehne zu retten. Lilly fing das schreckliche
Gerät wieder ein und schaltete es aus. In dem Moment kam Lydia mit
einem Staubsauger rein, und sie versteckte es schnell hinter einem Sofakissen.
„Ist es weg?“ fragte Luzifer gespielt verängstigt über
den Rand das Sofas. Nach Lillys Nicken atmete er erleichtert auf und setzte
sich wieder zu ihnen.
„Mourose, ich hab natürlich noch ein richtiges Geschenk für
dich,“ sagte Lilly und holte ein weiteres Packet hervor. Mourose
packte es aus. Es war ein gerahmtes kleines Photo von ihr mit Lydia, Lilly
und Luzifer am Strand. Sie waren damals zusammen im Urlaub in Griechenland
gewesen. Es war ihre erste gemeinsame Zeit zu viert gewesen und für
alle ein unvergessliches Erlebnis gewesen, das sie alle zusammengeschweißt
hatte. Mourose war richtig gerührt.
„Danke Lilly, es ist echt toll,“ sagte sie und umarmte sie.
„Ich hab es ausgesucht, weil wir alle zusammen darauf sind. Ich
finde, wir sind eine richtige Familie geworden, nicht wahr?“
„Eine chaotische und komplizierte Familie,“ sagte Mourose,
„ aber seltsamerweise haben wir uns doch alle irgendwie lieb.“
„Und wir wären keine Familie, wenn du nicht da wärst,“
sagte Luzifer.
In diesem rührseligen Augenblick dröhnte der Staubsauger plötzlich
drauflos.
„Lydia, stell das Teil aus!“ brüllte Luzifer verärgert.
“Was denn? Erst soll ich es wegmachen, dann wieder nicht...“
protestierte sie, aber sie machte ihn wieder aus. Er winkte sie zu sich.
„Gruppenknuddeln!“ riefen alle wie aus einem Munde und es
wurde geknuddelt, bis allen die Arme lahm wurden.
„Jetzt wird aber gegessen, sonst werde ich vor Hunger noch besinnungslos!“
sagte Mourose. Es gab gebackenen Camembert mit eingelegter
Birne, Sahne und Preiselbeeren und danach noch Schnittchen. Dass während
des Essens plötzlich ein lautes elektrisches Brummen hinter Lillys Rücken zu hören war und
sie deswegen den dämlichsten Gesichtsausdruck überhaupt in ihrem
Leben bekam, wurde dank des mittlerweile hohen Alkoholisierungsgrad
aller Beteiligten schnell vergessen. Lydia war schon vor Müdigkeit
total weggetreten und bekam den Zwischenfall gar nicht mehr mit. Lilly
brachte sie darauf ins Bett. Als Mourose und Luzifer deswegen alleine
waren, bohrte Mourose ein letztes Mal nach.
„Jetzt sag endlich: Was hast du gegen Weihnachten? Wenn es nicht
dein vergessener Geburtstag war, was dann?“
Er seufzte, aber sagte nichts.
„Wenn du das nicht auf der Stelle sagst, verzeih ich dir den Kuss
niemals!“
Er sah sie ernst an, doch es dauerte, bis er endlich mit der Antwort kam.
„Es ist nicht wegen Weihnachten selbst. In dieser Zeit erhob die
Engelsarmee das Schwert gegen uns. Es war eine furchtbare Zeit. Tausende
von Toten, ich selbst habe unverzeihliches getan. Doch das schlimmste
war, dass Lilly von den Menschen gefangen und gefoltert wurde und ich
ihr nicht helfen konnte. Ich wollte diese Tage wie jedes Jahr einfach
nur hinter mich bringen. Und dann kommt ihr mit so einem überdrehten
Kitschfest ausgerechnet der Religion an, die die Grausamkeiten an Lilly
befohlen hatte.“
Sie sah in betreten an und legte ihre Hand auf seine.
„Das wussten wir doch alles nicht. Wir wollten dich nicht verletzen.“
„Ihr könnt ja nichts dafür, aber es war trotzdem sehr
schwer für mich.“
“Schon klar,“ sagte Mourose mit versöhnlicher Stimme,“
du solltest aber das hier und jetzt sehen. Lilly ist bei dir und die hast
eine Tochter die dich braucht. Es wird nie wieder so dunkle Tage geben
wie damals. Dafür werde ich schon sorgen.“
Er lächelte dünn.
„Danke Mourose.“
„Vielleicht wird dir Weihnachten in Zukunft als schöne Zeit
in Erinnerung bleiben. Der heutige Tag hat uns doch allen Spaß gemacht,
glaube ich.“
“Ja, das stimmt. Ihr habt euch sehr viel Mühe gegeben. Ich
denke, ihr habt meine Einstellung schon ein klein wenig geändert.“
Sie lächelte zufrieden. Lilly kam darauf wieder und sie saßen
noch zusammen, um sich über die Geschehnisse der letzten Tage auszutauschen,
wobei die eine oder andere heitere Anecktode den jeweils daran unbeteiligt
Gewesenen erzählt wurde. Doch obwohl alle noch voller Motivation
waren, die Nacht zum Tage zu machen, übernahm die Müdigkeit
doch irgendwann die Oberhand. Mourose löschte die Kerzen am Baum
und alle trotteten von Zufriedenheit und Glück erfüllt zu ihren
Betten.
©
2003 by Codo Stellaris
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