Kapitel 15

„Wie kommt ihr darauf, meinen Geburtstag zu feiern?“ fragte Luzifer.
„Die Idee kam uns ganz spontan,“ grinste Mourose.
„Was soll die Frage, freu dich doch,“ sagte Lilly und kraulte ihm neckisch den Nacken.
„Es kommt mir nur irgendwie komisch vor. Und dann ausgerechnet an Weihnachten. Ihr habt vielleicht Ideen.“
„Warum?“ fragte Lilly unschuldig,“ gerade an Weihnachten kann man doch Fehler wieder gut machen.“
Er lachte und schüttelte den Kopf.
„Ihr habt keinen Fehler gemacht. Mein Geburtstag wurde das letzte Mal 988 gefeiert. Danach war ich ja die ganze Zeit alleine da alle anderen im Tiefschlaf waren. Da vergisst man so einiges, sogar den eigenen Geburtstag.“
Lilly sah ihn mit großen Augen an.
„Heißt das, du freust dich nicht?“
Er gab ihr einen Kuss.
„Doch, natürlich. Ich hätte aber nie mit gerechnet, dass ihr mich derartig überrascht. Ich hätte das nicht von euch erwartet.“
Mourose grübelte.
„Gibt es denn einen bestimmten Grund, dass du so gallig wegen Weihnachten warst? Wir dachten, das lag daran, dass wir deinen Geburtstag vergessen hatten.“
Er seufzte.
„Mourose, du machst dir wie immer zu viele Gedanken.“
Lydia stürmte zu der Gruppe und hielt ihm ein Geschenk unter die Nase.
„Für dich!“ rief sie und strahlte.
„Äh, Geschenke gibt es auch?“ fragte er verlegen und nahm das Päckchen.
Alle drei grinsten breit.
„Na klar, es ist schließlich Weihnachten,“ sagte Mourose.
„Mach schon auf!“ quengelte Lydia. Unter der bunten Papierhülle kam ein Buch hervor.
„2001 Benimmregeln?“ fragte er ungläubig. Mourose und Lilly waren genauso überrascht wie er und fingen an zu lachen.
„Du bist immer so ultra-peinlich!“ erklärte Lydia.
„Du bist mir ja eine Tochter,“ grinste er und blätterte in dem Buch.
„Gewöhnen sie sich das Fluchen zu allen Zeiten ab, auch wenn sie alleine sind oder sich unbeobachtet fühlen, es verroht ihren Charakter,“ las er mit lehrerhafter Stimme vor,“ auch einzelne Kraftausdrücke sollten sie nie in den Mund nehmen. Schon ein einzelnes falsches Wort lässt sie vor ihrem Gegenüber als unseriös, primitiv und frivol erscheinen.“
Lilly und Mourose kugelten sich vor Lachen. Lydia sah ihn aber todernst an.
„Versprich mir, dass du es liest!“
Er grinste.
„Das schon. Ich kann dir aber nicht versprechen, dass es was bringt.“
„Ich weiß,“ sagte Lydia trocken,“ aber man darf doch wohl noch Träume haben.“
„Aufhören!“ rief Lilly unter Tränen lachend.
„Ich weiß nicht was daran so witzig ist. Meine Tochter nimmt meine Erziehung eben sehr ernst,“ sagte Luzifer gelassen und klopfte ihr anerkennend auf die Schulter.
Als Mourose sich darauf endlich von dem Lachanfall erholt hatte, wischte sie sich die Tränen aus den Augen und holte ihr Geschenk für ihn.
„Von dir auch? Du magst mich also doch noch?“ fragte er.
Sie grinste einfach nur. Er packte es aus und hielt den Inhalt überrascht in den Händen.
„Das ist ja ein Ding,“ sagte er mehr zu sich selbst.
„Ich hoffe, es gefällt dir,“ sagte Mourose mit fragenden Blick. Er sah zu ihr.
„Wo hast du es gefunden? Ich habe das seit Ewigkeiten gesucht!“
Sie lächelte mysteriös.
„Ich weiß. Es war zwischen den Seiten 1336 und 1337 in Band 2.“
„Du hast in den Chroniken gelesen?“ fragte er ungläubig. Sie nickte.
„Irgendwie mussten wir ja deinen Geburtstag erfahren, damit wir wissen wann wir feiern können. Da es der 13. November ist, dachten wir, wir könnten ihn heute nachfeiern, sonst hätten wir bis zum nächsten gewartet. Da ist mir das zufällig in die Hände gefallen.“
“Was ist es denn?“ fragte Lilly neugierig.
Er zeigte es ihr. Es war ein Portrait von Lilly, mit Kreiden auf einem alten Stück Papier gemalt. Es war anscheinend ziemlich zerknickt gewesen, doch Mourose hatte es soweit es ging restaurieren lassen und auf ein Stück feste Pappe geklebt. Dann hatte sie es noch in einen Rahmen gelegt, uns so sah es wirklich richtig edel aus.
„Es sieht gut aus,“ sagte Lydia,“ wer hat das denn gemalt?“
„Das war ich,“ sagte Luzifer,“ ich habe es aus dem Gedächtnis gemalt als ich 16 war. Lilly und ich hatten uns kennen gelernt, als ich 12 war. Danach waren wir für viele Jahre getrennt, und es war unklar, ob wir uns je wieder sehen könnten. Ich habe damals versucht, die Erinnerung an ihr Aussehen als Kind auf das der damaligen Zeit zu übertragen. Anscheinend war es mir gelungen,“ sagte er und sah zu Lilly, die immer noch verstohlen auf das Bild blickte. Er legte einen Arm um sie.
„Wie bist du denn auf so eine Idee gekommen?“ fragte sie.
„Ich war zwar noch ein Kind, als ich dich kennen lernte. Aber mir war schon damals klar, dass ich wenn überhaupt nur dich jemals lieben könnte. Durch das Bild warst du immer bei mir. Ich musste es damals immer verstecken, daher hat es ganz schön gelitten. Als wir später zusammen waren, und die Zeiten turbulenter wurden, habe ich es leider verlegt und für lange Zeit vergessen.“
„Vielleicht war es aber auch gut so,“ sagte Mourose,“ dadurch, dass du es zwischen die Buchseiten gelegt hast, hat es die Jahrtausende nahezu unbeschadet überdauert.“
„Du bist wirklich ein Schatz, Mourose. Ihr seit wirklich alle so lieb zu mir, und ich habe euch so angegnaddelt in der letzten Zeit.“
„Schon gut, wir wissen ja, dass du kompliziert bist,“ grinste Mourose. Er hob eine Augenbraue.
„Kompliziert?“
Lilly kuschelte sich an seine Seite.
„Macht aber nix, wir wissen ja auch, dass du manchmal ganz lieb sein kannst.“
Er seufzte.
„Lieb? Also jetzt reicht es aber. Ich hab ja nicht mal Geschenke für euch.“
“Bescheidenheit steht dir überhaupt nicht,“ lachte Mourose.
Er grinste schelmisch.
„Stimmt eigentlich. Lilly, was schenkst du mir denn?“
„Das bekommst du später. Wenn wir alleine sind.“
„Aber es ist nicht das, was du mir versprochen hast?“
„Nein, das kriegst du aber auch noch,“ grinste sie und kniff ihm in den Hintern.
„So, jetzt gibt es aber erst mal was zu trinken,“ beschloss Mourose, um von Thema abzulenken, und teilte eine ziemlich alkoholisch riechende Flüssigkeit aus. Lydia quengelte natürlich, dass sie auch etwas wollte, aber sie musste sich mit Apfelsaft begnügen.
„Starkes Zeug,“ stellte Luzifer mit heiserer Stimme fest. Lilly nickte zustimmend unter Tränen des Schmerzes.
„Wieso? Das ist doch nur Whiskey mit Zimt, roten Pfeffer und Feuerhutsirup,“ erklärte Mourose völlig unberührt und trank ihr Glas in einem Zug leer. Danach wurden die restlichen Geschenke ausgepackt. Lilly bekam von Mourose einen schönen Stoff geschenkt, denn sie hatte schon lange geplant, sich ein Kleid zu schneidern. Lydia bekam ein von Mourose selbstgeschmiedetes Übungsschwert mit stumpfer Klinge und sie freute sich tierisch darüber. Außerdem bekam Lydia von Lilly einen Edelsteintalisman. Mourose staunte jedenfalls nicht schlecht darüber, was Lilly ihr schenkte.
„Was ist das denn?“ fragte sie angewidert und hielt das Ding hoch.
„Ein Vibrator!“ krähte Lydia fröhlich und fuchtelte mit ihrem Schwert, so dass eine Glaskugel vom Baum in tausend Stücke zersprang.
„Mach das wieder sauber,“ befahl Luzifer. Lydia war damit erst mal beschäftigt, die entsprechenden Utensilien dafür zu beschaffen, so dass sie für einen Moment ungestört waren. Kaum war Lydia draußen, fielen alle in einen lauten Lachanfall.
„Soll das etwa ein Wink mit dem Zaunpfahl sein?“ fragte Mourose amüsiert und inspizierte das pervers nach Plastik stinkende Teil.
„Der hat ganz viele Funktionen und ist stufenlos regelbar,“ erklärte Lilly. Luzifer konnte sich ein Lachen kaum noch halten. In dem Moment fand Mourose gerade raus, wie man ihn anschalten konnte. Das Ding surrte furchtbar laut drauf los und Mourose ließ es vor Schreck fallen. Es plumpste auf den Tisch und bewegte sich laut brummend und vibrierend gezielt auf Luzifer zu.
„Nehmt das Ding von mir weg!“ rief er und sprang auf, um sich über die Sofalehne zu retten. Lilly fing das schreckliche Gerät wieder ein und schaltete es aus. In dem Moment kam Lydia mit einem Staubsauger rein, und sie versteckte es schnell hinter einem Sofakissen.
„Ist es weg?“ fragte Luzifer gespielt verängstigt über den Rand das Sofas. Nach Lillys Nicken atmete er erleichtert auf und setzte sich wieder zu ihnen.
„Mourose, ich hab natürlich noch ein richtiges Geschenk für dich,“ sagte Lilly und holte ein weiteres Packet hervor. Mourose packte es aus. Es war ein gerahmtes kleines Photo von ihr mit Lydia, Lilly und Luzifer am Strand. Sie waren damals zusammen im Urlaub in Griechenland gewesen. Es war ihre erste gemeinsame Zeit zu viert gewesen und für alle ein unvergessliches Erlebnis gewesen, das sie alle zusammengeschweißt hatte. Mourose war richtig gerührt.
„Danke Lilly, es ist echt toll,“ sagte sie und umarmte sie.
„Ich hab es ausgesucht, weil wir alle zusammen darauf sind. Ich finde, wir sind eine richtige Familie geworden, nicht wahr?“
„Eine chaotische und komplizierte Familie,“ sagte Mourose, „ aber seltsamerweise haben wir uns doch alle irgendwie lieb.“
„Und wir wären keine Familie, wenn du nicht da wärst,“ sagte Luzifer.
In diesem rührseligen Augenblick dröhnte der Staubsauger plötzlich drauflos.
„Lydia, stell das Teil aus!“ brüllte Luzifer verärgert.
“Was denn? Erst soll ich es wegmachen, dann wieder nicht...“ protestierte sie, aber sie machte ihn wieder aus. Er winkte sie zu sich.
„Gruppenknuddeln!“ riefen alle wie aus einem Munde und es wurde geknuddelt, bis allen die Arme lahm wurden.
„Jetzt wird aber gegessen, sonst werde ich vor Hunger noch besinnungslos!“ sagte Mourose. Es gab gebackenen Camembert mit eingelegter Birne, Sahne und Preiselbeeren und danach noch Schnittchen. Dass während des Essens plötzlich ein lautes elektrisches Brummen hinter Lillys Rücken zu hören war und sie deswegen den dämlichsten Gesichtsausdruck überhaupt in ihrem Leben bekam, wurde dank des mittlerweile hohen Alkoholisierungsgrad aller Beteiligten schnell vergessen. Lydia war schon vor Müdigkeit total weggetreten und bekam den Zwischenfall gar nicht mehr mit. Lilly brachte sie darauf ins Bett. Als Mourose und Luzifer deswegen alleine waren, bohrte Mourose ein letztes Mal nach.
„Jetzt sag endlich: Was hast du gegen Weihnachten? Wenn es nicht dein vergessener Geburtstag war, was dann?“
Er seufzte, aber sagte nichts.
„Wenn du das nicht auf der Stelle sagst, verzeih ich dir den Kuss niemals!“
Er sah sie ernst an, doch es dauerte, bis er endlich mit der Antwort kam.
„Es ist nicht wegen Weihnachten selbst. In dieser Zeit erhob die Engelsarmee das Schwert gegen uns. Es war eine furchtbare Zeit. Tausende von Toten, ich selbst habe unverzeihliches getan. Doch das schlimmste war, dass Lilly von den Menschen gefangen und gefoltert wurde und ich ihr nicht helfen konnte. Ich wollte diese Tage wie jedes Jahr einfach nur hinter mich bringen. Und dann kommt ihr mit so einem überdrehten Kitschfest ausgerechnet der Religion an, die die Grausamkeiten an Lilly befohlen hatte.“
Sie sah in betreten an und legte ihre Hand auf seine.
„Das wussten wir doch alles nicht. Wir wollten dich nicht verletzen.“
„Ihr könnt ja nichts dafür, aber es war trotzdem sehr schwer für mich.“
“Schon klar,“ sagte Mourose mit versöhnlicher Stimme,“ du solltest aber das hier und jetzt sehen. Lilly ist bei dir und die hast eine Tochter die dich braucht. Es wird nie wieder so dunkle Tage geben wie damals. Dafür werde ich schon sorgen.“
Er lächelte dünn.
„Danke Mourose.“
„Vielleicht wird dir Weihnachten in Zukunft als schöne Zeit in Erinnerung bleiben. Der heutige Tag hat uns doch allen Spaß gemacht, glaube ich.“
“Ja, das stimmt. Ihr habt euch sehr viel Mühe gegeben. Ich denke, ihr habt meine Einstellung schon ein klein wenig geändert.“
Sie lächelte zufrieden. Lilly kam darauf wieder und sie saßen noch zusammen, um sich über die Geschehnisse der letzten Tage auszutauschen, wobei die eine oder andere heitere Anecktode den jeweils daran unbeteiligt Gewesenen erzählt wurde. Doch obwohl alle noch voller Motivation waren, die Nacht zum Tage zu machen, übernahm die Müdigkeit doch irgendwann die Oberhand. Mourose löschte die Kerzen am Baum und alle trotteten von Zufriedenheit und Glück erfüllt zu ihren Betten.

© 2003 by Codo Stellaris