Die nächste
Zeit war für Mourose mit viel Arbeit verbunden. Lilly war in den
Wochen zur Uni und kam nur an den Wochenenden. In der Zeit musste Mourose
in den Chroniken mühsam nach Hinweisen nach Luzifers Geburtsdatum
erfahren. Manchmal saß sie im Kerzenschein bis in die Nacht über
den alten Büchern. Wenn Lilly zwischenzeitlich da war, übten
sie zusammen die Sprache der Engel, damit Lilly sie wieder perfekt beherrschen
konnte. Sie hatte zwar eine gutes, intuitives Verständnis für
die Sprache, aber fehlten ihr viele Vokabeln und die komplexe Grammatik
bereitete ihr häufig Probleme. Es war furchtbar schwierig, das alles
vor ihm geheim zu halten, und er hatte auch schon Verdacht geschöpft,
dass etwas hinter seinem Rücken lief, aber er hatte anscheinend noch
keine Ahnung was genau es war.
Mourose gönnte sich eine Auszeit und ging mit Lydia in das große
Schwimmbad, dessen weitläufige und zeitlose Architektur wie überall
aus dem Fels geschlagen war, aber teilweise noch ein paar natürliche
schöne Felsformationen behalten durfte, was dem Ort eine außergewöhnliche
Stimmung verlieh. Lydia planschte ausgelassen mit dem Teufelchen Cepris,
der erstaunlicherweise auch gerne badete, und Mourose war froh, einen
Moment für sich zu haben. Sie streckte sich auf einem warmen, flachen
Stein aus und schloss die Augen. Sie konnte sich aber nicht wirklich entspannen,
denn ihr fiel beim besten Willen nicht ein, was sie Luzifer schenken konnte.
Er konnte sich alles selbst kaufen, und alles was ihn an materiellen Gütern
interessierte, hatte er schon. Sie seufzte. Lilly hatte wirklich das schönste
Geschenk überhaupt für ihn. Es würde ihn sicherlich überraschen,
dass sie seine Sprache wieder sprechen konnte. Aber was könnte Mourose
nur schenken? Plötzlich spürte sie etwas furchtbar kaltes auf
ihrem Bauch. Erschrocken richtete sie sich auf, und blickte in Luzifers
Grinsen. Er hatte ihr ein Eis auf den Bauch gelegt. Er nahm es wieder
in die Hand und hielt es ihr unter die Nase.
„Für dich.“
„Ich werde zu fett,“ sagte Mourose und lehnte sich wieder
zurück. Eine nicht unwahre Aussage. Lilly und sie hatten viele leckere
Plätzchen- und Lebkuchenrezepte ausprobiert und das Ergebnis natürlich
pflichtbewusst wieder vernichtet.
„Das würde dir aber gar nicht schlecht stehen,“ sagte
er und kniff ihr in die Seite. Mourose brummte nur missmutig. Er sagte
ihr ständig, dass sie zu dünn war. Sie war es natürlich
nicht, sie war nur sehr muskulös.
„Dann esse ich es eben selbst,“ seufzte er und setzte sich
neben sie auf den Stein.
Sie legte sich ein Handtuch unter den Kopf, um ihn besser sehen zu können.
Ihr kam es fast so vor, als würde er bewusst provokativ das Eis mit
der Zunge abschlecken. Mourose fühlte sich unbehaglich. Sie wollte
an diese Zunge nicht erinnert werden. Er sah, dass sie schnell ihren Blick
abwendete.
„Ich hätte das nicht machen sollen, nicht wahr?“ fragte
er.
Mourose tat unwissend.
„Was meinst du?“
„Den Kuss.“
Sie blickte zu ihm. Erstaunlichweise sah er sie ernst an.
„Warum hast du das getan?“ fragte sie. Er zuckte mit den Schultern.
„Keine Ahnung, ehrlich gesagt. Zuviel Glühwein, der Stress
davor. Ich weiß es nicht.“
„Ziemlich krasse Aktion dafür, dass du überhaupt nicht
weißt warum,“ bemerkte Mourose trocken. Er seufzte.
„Du tust mir so leid. Du bist so furchtbar enttäuscht worden
in der Liebe. Seit vielen Jahren lebst du in freiwilliger Abstinenz und
wirst es wahrscheinlich dein Leben lang tun. Und du hast ständig
Lilly und mich vor Augen, und fürchtest jeden Tag von uns ausgestoßen
zu werden. Vielleicht wollte ich dir zeigen, dass ich dich auch liebe.“
“Wie bitte?“
Er sah ihr ernst in die Augen.
„Mourose, ich liebe dich wirklich. Es ist doch viel mehr als Freundschaft,
das uns verbindet.“
„Stopp jetzt mal! Pass auf, was du da sagst, sonst bereust du es
später nur.“
„Es ist nicht so wie du denkst,“ erklärte er, „ich
würde mir so sehr wünschen, dass du wieder eine erfüllte
Partnerschaft erlebst. Es ist nichts körperliches, was mich an dir
anzieht.“
“Ach nein? Und was war denn der Kuss? Der war ja sehr freundschaftlich.“
„Tut mir leid. Ich war so froh, dass du wieder bei uns warst. Ich
hatte echt Angst, dich nie wieder sehen zu dürfen. Es ist so wahnsinnig
schwer, durch dein dich umgebendes Schutzschild zu brechen und dich dahinter
zu erreichen. Du lässt kaum etwas an dich heran. Da war das vielleicht
ein verzweifelter Versuch, meine Zuneigung zu dir zu zeigen. Ich hoffe,
ich habe jetzt nicht irgendetwas kaputt gemacht zwischen uns.“
Mourose seufzte. Warum macht er es ihr nur immer so schwer?
“Ich weiß es ehrlich gesagt nicht. Ich bin im Moment etwas
verwirrt,“ gestand sie.
„Das bin ich auch,“ sagte er leise.
„Wie meinst du das?“
“Da war irgendetwas beim Kuss. Ich habe etwas gespürt.“
Sie starrte ihn verwirrt und erfüllt von schlimmer Vorahnung an.
„Was hast du gespürt?“
„Etwas besonderes. Ich kann dir nicht sagen was. Aber ich weiß jetzt, dass du mir mehr bedeutest als mir zuvor bewusst war.“
Sie fühlte sich nun noch mehr unbehaglich, denn sie hatte auch etwas
gespürt. Sie hätte sich gegen ihn wehren können, hatte
es aber nicht getan. Sie war wie in Trance gewesen, ihr Geist völlig
umnebelt. Sie sah ihn darauf lange und prüfend an.
„Ich hoffe nur, dass du dir über deine Gefühle zu Lilly
im Klaren bist.“
Er nickte.
„Sie bedeutet mir alles. Ich kann nur sie auf die Art lieben wie
ich es tue. Du weißt ja, die Biologie der Engel.“
Er lächelte dünn. Engel waren von Natur aus um einiges monogamer
als Menschen. Er hatte ihr einmal anvertraut, dass er sich sorgte, ob
Lilly auch so lange bei ihm bleiben wollte oder irgendwann das Interesse
verlor.
„Das beruhigt mich,“ seufzte Mourose.
„Verzeihst du mir den Kuss?“ fragte er und machte ein furchtbar
unschuldiges Gesicht. Mourose grinste.
„Mal sehen.“
Er sprang plötzlich auf.
„Kommst du mit ins Wasser oder willst du dich weiter auf dem Stein
grillen?“
“Ich könnte eine Abkühlung gebrauchen,“ stellte
sie fest und gemeinsam gingen sie zu Lydia, um mit ihr ausgelassen im
flachen Wasser zu toben.
Es war der 20. Dezember. Am nächsten Tag sollte zusammen mit den
Hexen der Schwarzen Garde die Wintersonnenwende, die Wiedergeburt des
Lichts, gefeiert werden. Was wiederum bedeutete, dass Mourose nur noch
zwei Tage blieben, um sich ein Geschenk für Luzifer einfallen zu
lassen. Aber sie sollte tatsächlich noch rechtzeitig eine Idee bekommen.
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