Kapitel 12

Mourose und Lilly hatten sich schon den zweiten Glühwein geholt, und Luzifer war immer noch nicht angekommen. Lilly seufzte.
„Ich such mal ein Klo, pass mal auf mein Alk auf,“ sagte sie und drängelte sich durch die Menschenmassen. Kaum war sie weg, kam Luzifer mit einem breiten Grinsen angeschlendert.
„Bist du so lahm oder hast du uns extra warten lassen?“ fragte Mourose entnervt.
„Lahm? Ich flieg so um die 120, das ist doch wirklich nicht lahm.“
“Dann erklär doch mal, warum hat denn das so lange gedauert?“
„Ich habe noch was schönes gekauft.“
Er deutete auf einen altmodisch aussehenden Hut, den er in der Hand hielt.
„Was soll das denn schon wieder darstellen?“ fragte sie verwundert.
„Nun, da ist ein Mistelzweig dran. Wenn ich den also aufhabe, darf ich jeden abknutschen, der mir über den Weg läuft. Praktisch, nicht?“
Er setzte ihn sich auf und pirschte sich an Mourose an.
„Du bleibst mir schön vom Leib!“ rief sie schockiert und nutzte den runden Stehtisch als Schutzschild, indem sie immer um ihn herumging.
„Tradition ist Tradition!“ grinste er und jagte sie mehrmals um den Tisch. Mourose war schnell und er bekam sie nicht zu packen, obwohl er mehrfach versuchte, sie durch Richtungswechsel zu täuschen.
„Seit wann achtest du denn irgendwelche Traditionen?“ rief sie, in jeden Moment bereit wegzulaufen. Er leckte sich mit einem erwartungsvollen Grinsen über die Lippen.
„Wenn sie mir gefallen, hab ich gar nichts gegen Traditionen!“
„Luzi nein!“
„Ich darf das!“
„Hör bitte auf damit, ich will das nicht,“ sagte sie ernst. Er machte einen traurigen Schmollmund.
„Och schade. Jetzt hab ich das ganze schöne Geld umsonst ausgegeben.“
Mourose rollte mit den Augen.
„Als ob du nicht genug davon hättest.“
Er nahm den Hut wieder ab und zuckte mit den Schultern.
„Du bist echt viel zu prüde,“ sagte er vorwurfsvoll.
„Ja klar. Und was ist wenn Lilly dich dabei erwischt, wenn du mich oder jemand anderes abknutscht?“
„Mit dem Hut ist das erlaubt,“ sagte er altklug und wedelte das Teil vor ihrem Gesicht.
„Du spinnst,“ seufzte Mourose, lehnte sich wieder an den Tisch und trank einen großen Schluck Glühwein.
Sie konnte gar nicht so schnell reagieren, wie er den Hut wieder aufhatte und sie packte.
„Neinneinnein!“ rief sie und wehrte sich gegen seinen Griff, aber gegen seine Körperkraft kam sie nicht an. Ein Passant drehte sich zu ihnen und sagte nur beiläufig:
„Mädchen, Tradition ist Tradition!“
Mourose ärgerte sich über die Ungerechtigkeit der Welt, denn sie hörte auf einmal wie die Passanten Luzifer anfeuerten. Plötzlich spürte sie seine Lippen auf ihren. Wie betäubt lag sie in seinen Armen und ließ es geschehen. Er küsste sie nicht nur kurz und freundschaftlich wie sonst, es war ein langer, intensiver Kuss. Nach schier endloser Zeit erwachte sie aus ihrer Trance und sah sein triumphierendes Grinsen vor sich, im Hintergrund lautes Applaudieren und Johlen.
„Du Arschgesicht hast mich hypnotisiert!“ zischte sie nur für ihn hörbar durch die Zähne.
„Hab ich nicht. Das würde bei dir sowieso nicht bringen,“ sagte er mit unschuldigen Blick.
Er ließ die völlig verwirrte und benommene Mourose wieder frei. Gerade in diesem Moment kam Lilly dazu. Sie blickte verwundert die vielen Menschen an, die gaffend um die Szene standen.
„Was ist denn hier los?“ fragte sie. Mourose wurde feuerrot und starrte zu Boden.
„Wir amüsieren uns nur ein bisschen. Weihnachten gefällt mir immer besser,“ grinste Luzifer und küsste sie zur Begrüßung. Mourose verspürten einen gewissen Ekel bei dem Anblick, schließlich hatte er vor ein paar Sekunden noch sie geküsst.
„Jetzt will ich aber auch endlich etwas trinken,“ stellte er fest und bestellte sich einen Glühwein mit einer Menge Amaretto drin.
„Du wirst wieder total blau sein. Wie willst du dann noch fliegen?“ fragte Lilly. Er zuckte mit den Schultern.
„Dann bringt ihr mich eben durchs Tor zurück.“
„Du meinst, wir tragen dich dann durch,“ grinste sie.

Später schlenderten sie noch über den Weihnachtsmarkt. Luzifer war trotz der drei Amaretto- Glühweine erstaunlich wenig betrunken und eierte kaum, Lilly aber um so mehr, bei der nur wenige Mengen Alkohol reichten, um ihr Gleichgewichtsgefühl erheblich zu stören. Da sie sich gegenseitig im Arm hielten, gingen sie im Mittel aber relativ gerade aus. Mourose trabte neben her und schleppte ein paar Tannenzweige und anderen weihnachtlichen Kram, den Lilly für viel zu viel Geld gekauft hatte. Sie war immer noch furchtbar benommen von dem Kuss, aber sie versuchte es zu verdrängen. Es hatte sie an ihre alte Liebe erinnert, und daran, dass ihr solche Dinge eigentlich verboten waren. Luzifer waren natürlich sämtliche Verbote egal, auch ihre. Sie hoffte aber, dass er genug Anstand vor Lilly besaß, den Vorfall geheim zu halten. Mourose hasste den Gedanken, aber sie musste sich eingestehen, dass er wirklich gut küssen konnte.
Plötzlich raste ein Schneeball auf sie zu, aber Luzifer riss den Flügel auf und ließ den Schneeball daran zerbersten. Mourose spürte die Wut aufsteigen. Gerade deswegen war ihr Liebe verboten. Sie war in Gedanken und unaufmerksam gewesen. Wenn dies tatsächlich ein tödliches Geschoss gewesen wäre, hätte sie es nicht aufhalten können.
Luzifer legte den Flügel wieder an, strich die Schneereste bedächtig aus den Federn und blickte in Richtung der Attentäter. Drei Jungs grinsten sie aus einer Seitenstraße an. Er erhob seine Stimme.
„Das bedeutet Krieg!“ rief er und schob sich aus dem Schnee einer niedrigen Mauer schnell einen Schneeball zusammen und feuerte ihn auf die Jungs. Er war sehr treffsicher, das spornte die Jungs natürlich an, immer mehr Bälle auf ihn zu werfen, denen er geschickt auswich. Lilly grinste Mourose an, rannte dazu und beteiligte sich an der Schneeballschlacht. Sie war ihm allerdings keine große Hilfe, denn sie konnte kaum gerade stehen, geschweige denn einen Schneeball in die gewünschte Richtung werfen. Ein recht amüsanter Anblick war es allemal. Mourose schüttelte den Kopf, aber als plötzlich ein weißes Geschoss auf sie zuraste, dem sie nur gerade so eben ausweichen konnte, packte sie ebenfalls der Übermut. Sie legte die Einkäufe auf die Mauer und mischte darauf hin kräftig mit. Da die Seiten sehr unausgeglichen waren, schlossen sich immer mehr Leute den Jungs an, erst jüngere, schließlich aber auch viele Ältere. Es entartete in eine riesige Schneeballschlacht mit fast einem Dutzend Beteiligten auf jeder Seite. Viele fehlgeleitete Bälle jagten in die Buden und Verkaufsstände und richteten teilweise ziemlichen Schaden an.
„Das reicht, ich rufe die Polizei!“ rief ein Budenbesitzer laut und sehr verärgert. Alle hielten plötzlich inne und starrten sich betreten gegenseitig an.
„Kein Problem, Chef,“ rief Luzifer aus der kriegerischen Meute heraus, ging auf den Mann zu und gab ihm eine viel zu hohe Summe Bargeld auf die Hand.
„Tut uns leid, das mit dem Schnee,“ sagte er und ließ den vor Glück fassungslosen Mann zurück, um den anderen Verkäufern ebenfalls eine Abfindung zu zahlen. Als die Schneeballkrieger merkten, dass die Situation sich wieder entspannt hatte, klopften sie sich selbst und gegenseitig freundschaftlich den Schnee ab und gingen danach langsam und in Frieden wieder auseinander.
„Geld ist eine wunderbare Sache,“ grinste Luzifer und nahm Lilly in den linken, Mourose in den rechten Arm. Gemeinsam machten sie sich auf den Weg zurück.

© 2003 by Codo Stellaris