Kapitel 11

Es war nicht schwer auf eine Idee zu kommen, wo Mourose sich aufhielt. Lilly und Luzifer traten vor das große, unheimlich anmutende Gebäude im gotischen Baustil. Sie hatten das Tor benutzt, um zu dem Zentralgebäude des Nephilim Ordens zu kommen. Das kleine Tor, dass einzelne Personen transportierte, erzeugte zu wenig elektromagnetische Strahlung, als dass es entdeckt werden könnte, man musste nur aufpassen, dass es niemand sah. Anders verhielt es sich mit dem Tor, dass die Intruder benutzte. Es war viel größer und hatte eine hohe Reichweite. Daher setzte es auch viel mehr messbare Energie frei. Lilly hielt sich an Luzifers Arm fest.
„Und was machen wir jetzt?“ fragte sie. Er zuckte mit den Schultern.
„Wir gehen rein. Ganz einfach.“
Ob es aber wirklich so einfach war? Immerhin waren die Nephilim die Nachfahren jener gefallenen Engel, die ihm nicht unter die Erde folgten und ein Leben zusammen mit den Menschen vorgezogen hatten. Mit der Zeit begannen sie aber wieder, sich von den Menschen abzugrenzen und jene wie Mourose auszubilden, damit sie Kontrolle über ihre Macht erlangen konnten. Nicht wenige Nephilim hatten ihre teilweise enorme Macht aus niederen Beweggründen missbraucht.
Sie stiegen die breite Treppe zum großen Tor herauf und klopften gegen das kunstvoll bearbeitete Holz. Es dauerte lange, bis das Echo verhallt war und sich Schritte näherten. Ein junger Mann mit einem Zopf öffnete ihnen. Er sagte nichts, sondern sah die beiden nur lange und prüfend an. Dann trat er wieder zurück und verschloss die Tür wieder vor ihnen. Verwirrt starrten sie sich an.
„Hast du dich bei denen etwa unbeliebt gemacht?“ fragte Lilly.
„Nö, nicht dass ich wüsste.“
Sie seufzte.
„Und jetzt?“ fragte sie enttäuscht.
Wie auf Kommando öffneten sich darauf wieder die Flügel des Tores wie von alleine.
„Siehst du, war doch ganz einfach,“ grinste Luzifer.
Sie traten hinein in die prächtige Empfangshalle. Eine ältere Frau in fremdartigen, aber edlen Kleidern trat ihnen entgehen. Ihre Engelsgene waren in ihrem strengen Gesicht unverkennbar, ihr weißes Haar fiel wie ein Wasserfall fast bis zum Boden und hüllte ihren zarten Körper wie ein Schleier ein.
„Seid uns gegrüßt, Elohim der Morgenröte und Frau des Bergvolkes. Ich bin Naz’sial und repräsentiere die Gilde der Weißen. Was führt euch nach so langer Zeit zu uns, die euch verlassen haben?“
“Wir suchen jemanden,“ sagte Luzifer,“ einen Lehrling namens Mourose. Sie müsste vor kurzem eingetroffen sein.“
Die eisblauen Augen der Alten sahen ihn scharf an.
„Ihr wisst anscheinend nicht, welche Waffe ihr mit ihr in den Händen haltet, sonst würdet ihr anders mit ihr umgehen,“ sagte sie mit strenger Stimme. Luzifer hob erstaunt eine Augenbraue.
„Wie meint ihr das? Ich dachte, sie wäre noch ein Lehrling.“
“Und doch ist ihre Macht größer als die unserer ältesten Meister. Sie hat sie nur noch nicht erforscht. Seit 10.000 Jahren besagt die Prophezeiung, dass das Blut der Nephilim sich einen wird zu einer neuen Macht, die den Lauf der Welt für immer verändern wird. Seid daher gewarnt. Nicht jeder von uns sieht es mit Freuden, dass sie auf eurer Seite steht. Die Schwarze Garde, der sie angehört, ist als Aufgabe zugeschrieben unsereins zu schützen, daher brauchen wir ihre Loyalität. Gerade wir Weißen machen uns Sorgen über den friedlichen Verlauf der Zukunft. Es sammeln sich unheilvolle Kräfte.“
Er verstand sofort, was die Frau fürchtete.
„Ich werde sicherlich keinen Krieg gegen euch führen wollen, ich habe keinen Grund dazu. Ich habe euch damals in Frieden gehen lassen und hege keinen Gräuel gegen euch. Und Mourose hat sich mit freiwillig angeschlossen. Es war alleine ihre Entscheidung. Ihr steht es meinetwegen frei, zu gehen oder zu bleiben.“
Die Alte sah ihn prüfend mit ihren scharfen Augen an.
„Wenn ihr zu ihr gehen wollt, wird Maruel euch zu ihr bringen.“
Der junge Mann von vorhin führte sie hinunter in ein dunkles Gewölbe unterhalb des Gebäudes. Er öffnete eine alte, schwere Holztür und ging darauf wieder.
Luzifer und Lilly standen in einem niedrigen von Fackeln erhellten Raum. Unmengen kunstvoller Waffen hingen an den Wänden und standen in Schränken. Von Nebenan ertönte ein lautes metallisches Hämmern. Sie schlichen sich an und sahen Mourose im Scheine eines Schmiedefeuers eine glühende Klinge behämmern, bei jedem Schlag stoben rote Funken auf. Sie trug nur ein kurzes Hemd ohne Ärmel am Oberkörper und der Schweiß lief ihren muskulösen Körper herunter. Plötzlich hielt sie inne und tauchte das heiße Metall in einen Wasserbottich, so dass fauchend Dampf aufstieg.
„Was wollt ihr?“ fragte sie recht unfreundlich und drehte sich zu ihnen um.
„Ich für meinen Teil möchte mich entschuldigen,“ sagte Luzifer.
„Wofür?“
„Ich hab Sachen gesagt, die ich nicht hätte sagen sollen.“
Mourose durchbohrte ihn mit ihrem Blick.
„Ich möchte mich auch entschuldigen,“ sagte Lilly kleinlaut, „Du hattest Recht, ich hätte mein Versprechen halten sollen.“
Luzifer machte sich Sorgen, ob sie überhaupt eine Chance hatten, Mourose wiederzubekommen. Sie war eine starke Persönlichkeit und hatte schon lange unter ihren Streitereien gelitten. Vielleicht hatte sie auch ein für alle mal genug.
„Entschuldigungen angenommen,“ sagte sie plötzlich, „ aber ich glaube kaum, dass ich noch Interesse daran habe, für euch den Therapeuten zu spielen.“
Luzifer und Lilly grinsten sich an.
„Ich glaube, das brauchst du auch nicht mehr,“ sagte Luzifer und nahm Lilly in den Arm. Mourose starrte sie verwirrt an.
„Wie soll ich das verstehen?“ fragte sie.
„Wir haben uns wieder lieb,“ sagte Lilly und kuschelte sich an seine Schulter.
Mourose schüttelte ungläubig den Kopf.
„Nur damit ich das richtig verstehe: Ihr habt euch wieder vertragen? Nach diesem heftigen Streit? Ganz alleine?
Die beiden nickten. Mourose überlegte einen Moment.
„Dann braucht ihr mich doch gar nicht mehr. Was wollt ihr denn noch von mir?“
„Wir würden dich vermissen, wenn du nicht mehr da wärst. Für mich bist du eine unersetzliche Freundin,“ sagte Luzifer.
„Für mich auch,“ fügte Lilly hinzu, „Kein anderer Mensch könnte jemals deinen Platz einnehmen. Du bist einzigartig und genau deswegen mögen wir dich auch.“
Mourose sah sie lange an und senkte dann ihren Blick.
„Ich befürchte, dass ich eines Tages nur noch das fünfte Rad am Wagen für euch bin. Ihr habt eure Liebe. Wenn wir auseinandergehen, habe ich niemanden mehr.“
„Mourose, du bist meine beste Freundin. Ohne dich wäre ich nicht das, was ich bin,“ sagte Luzifer. Lilly sah zu ihm hoch.
„Moment mal, sie ist meine beste Freundin!“ rief sie mit gespielter Entrüstung.
„Dann müssen wir uns sie teilen,“ grinste er sie an.
„Nix da, sie gehört mir! Frauen halten zusammen, nicht wahr Mourose?“
Mourose hob nur eine Augenbraue.
„Ich hab sie aber zuerst gefunden,“ bemerkte Luzifer.
„Na und? Das hat gar nichts zu bedeuten!“
Mourose starrte die beiden an, lachte dann aber plötzlich laut los.
„Ihr habt echt einen Schaden!“ sagte sie und wischte sich über die Augen.
„Gruppenknuddeln!“ rief Luzifer, und sie rannten auf die verdutzte Mourose zu, um sie zu umarmen.
„Aua! Nicht so doll!“ protestierte sie, doch darauf wurde keine Rücksicht genommen.
„Ärgh, du brauchst dringend eine Dusche!“ rief Luzifer angewidert, nachdem beide ihr Opfer wieder freigegeben hatten.
„Stell dich nicht so an. Wo gehobelt wird, fallen Späne,“ grinste Mourose zurück. Er rümpfte die Nase.
„Du riechst jetzt auch schon wie ein Kerl, Murray.“
„Sag endlich mal: Wie bist du eigentlich auf 'Murray’ gekommen?“ fragte sie und stemmte die Hände in die Hüften.
„Heißt das, du kennst Murray nicht? Den dämooonischen Totenschädel?“
„Mooooment,“ unterbrach Mourose, „du hast mich nach diesem lächerlichen Schädel aus Monkey Island benannt?“
Er grinste frech.
„Wieso? Passt doch!“
„Du fängst dir gleich welche!“ rief Mourose gespielt entrüstet und holte mit dem heißen Schürhaken aus.
„Ich bin harmlos, ich bin harmlos!“ rief er und rannte weg. Und landete in den Armen der verdutzen Naz’sial, die in der Tür stand.
„Nun, wollen wir hoffen, das dem so ist, Lord Luzifer,“ sagte sie trocken. Er grinste sie an.
„Warum so ernst, Schneekönigin? Ich verstehe euch Nephilim nicht. Erst seid ihr mir gefolgt, um endlich frei zu sein, und dann legt ihr euch selbst wieder Fesseln an.“
Sie ließ sich nicht provozieren.
„Die Fesseln müssen sein, um anderen und uns selbst nicht zu schaden,“ erklärte sie würdevoll.
„Unser Blut ist durch die Menschen unrein geworden. Wir können unsere Macht nicht immer kontrollieren so wie ihr Elohim.“ sagte Mourose.
Er schüttelte den Kopf.
„Du bist viel zu verbissen, Mourose. Es wird wirklich mal Zeit, dass du wieder einen Lover hast, sonst endest du auch noch als knöcherne Jungfrau,“ sagte er und warf einen vielsagenden Seitenblick auf Naz’sial.
„Ich kann die Entscheidung meiner Ahnen, euch nicht zu folgen, mit jeder Sekunde besser verstehen,“ sagte sie darauf mit beherrschter aber unüberhörbarer Entrüstung.
„Wir haben jedenfalls sehr viel mehr Spaß als ihr. Und mehr Sex. Darum ging es doch eigentlich nur. Als ob eure Ahnen irgendwelche Heiligen waren! Sie wollten es mit vollbusigen Menschenfrauen treiben! Ging mir ja selbst nicht anders.“
Da musste selbst Mourose sich ein Lachen verkneifen, und Lilly kicherte verlegen.
Naz’sial schnaufte verärgert.
„Ihr seid zu obszön, als dass ich eure Anwesenheit noch länger dulden könnte!“
“Soweit ich mich erinnere, haben die Weißen keine Befugnis über die Räumlichkeiten der Schwarzen Garde zu bestimmen,“ bemerkte Mourose beiläufig.
Auf dem Gesicht der Alten zeigte sich keine Regung mehr. Sie drehte sich um und verließ die Schmiede wortlos. Darauf fielen alle drei in einen lauten Lachanfall.
„Du bist echt unmöglich, Luzi!“ sagte Mourose und wischte sich die Tränen aus den Augenwinkeln.
„Ist doch wahr.“
„Die Weißen spielen gerne die Moralapostel. Viel zu sagen haben sie nicht, aber sie versuchen sich gerne als wichtig dazustellen,“ sagte Mourose.
„Du meinst, es sind nicht alle so wie sie? Da bin ich ja beruhigt. Ich habe mir schon Sorgen um dich gemacht.“
Mourose schmunzelte.
„Wie rührend. Aber im Ernst, die meisten von uns Nephilim halten immer noch sehr viel von dir. Hier in den alten Gewölben ist sogar noch das alte Tor zu deinem Reich, aber ich bezweifle, dass es noch funktioniert nach all den Jahrhunderten.“
„Was machen wir jetzt?“ fragte er darauf.
„Ich für meinen Teil will noch mal auf den Weihnachtsmarkt!“ rief Lilly. Luzifer sah auf seinen nur noch schwach glimmenden Siegelstein.
„Mist, der hat erst in zwei Stunden wieder genug Energie zum Transport. Wusste ich, dass ich heute so viel umherreisen muss?“
„Na, dann fliegen wir halt alle zusammen mit der Trude!“ sagte Lilly, und benutzte damit den seltsamen Spitznamen der Intruder. Luzifer verzog das Gesicht.
„Nicht mit mir! Ich steig in das Teil nicht ein!“
Lilly und Mourose wechselten einen erstaunten Blick.
„Wo ist das Problem?“ fragte Mourose.
„Ich flieg lieber selbst, als dass in einem Ding sitze aus dem ich nicht rauskomme, wenn es abstürzt.“
Mourose grinste schief.
„Schon klar. Also fliegst du selbst und ich nehme mit Lilly die Intruder.“
„Dann sind wir aber viel schneller da,“ bemerkte Lilly. Luzifer streckte ihr die Zunge raus.
„Schon gut, ich muss mich sowieso noch duschen, dann lassen wir dir eben den Vorsprung,“ sagte Mourose

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