Kapitel 10

Luzifer und Lilly standen ziemlich belämmert da und sahen zu, wie Mourose in der dunklen Straße verschwand.
„Mourose, warte doch!“ rief Lilly verzweifelt, aber sie ging einfach weiter als hätte sie nichts gehört. Leise begann Lilly zu schluchzen. Der Gedanke, dass Mourose ging, löste bei ihr völlige Hilflosigkeit aus. Sie war sonst immer in solche Situationen für sie da gewesen. Jetzt war sie alleine mit Luzifer, für den sie im Moment nur Hass empfand. In solchen Moment fragte sie sich, warum sie überhaupt mit ihm zusammen war. Sie hatten ansonsten eine tolle Beziehung, aber wenn es Streit oder Probleme gab, wurde er immer ausgesprochen widerlich. Sie lehnte sich an eine Wand und weinte in ihre Hände. Sie wollte nicht mehr hier sein, nur noch weit weg. Sie hörte, dass er auf sie zu kam.
„Lilly...“ begann er mit leiser, tröstender Stimme.
“Lass mich in Ruhe!“ rief sie ohne ihn anzusehen, „geh doch zu den Mädchen, die sind wenigstens scharf auf dich!“
„Sie bedeuten mir doch gar nichts!“
Er ging zu ihr und wollte sie umarmen, doch sie stieß ihn unsanft weg.
„Meinst du denn, das Thema ist so leicht gegessen?“ schluchzte sie und blickte ihn vorwurfsvoll mit tränenunterlaufenen Augen an.
„Kannst du mir denn nicht vertrauen?“ fragte er sie und strich über ihr rotes Haar.
„Nein!“
„Ich möchte aber, dass du mir vertraust. Was muss ich dafür tun?“
„Du tust alles dafür, dass ich dir nicht vertrauen kann!“
Darauf drehte sich weg und wollte weglaufen. Er hielt sie fest, und obwohl sie sich nach Kräften wehrte, hielt er sie in seinen Armen. Sie hasste es, wenn er das tat. Sie wollte ihm nicht nahe sein, nicht in diesem Moment.
„Ich kann nicht ohne dich, ich liebe dich doch.“
Sie hörte auf, sich gegen ihn zu wehren, da sie gegen seine Kraft sowieso nicht ankam, und weinte gegen seine Brust. Sie wusste, dass es sinnlos war, sich etwas anderes einzureden. Je länger er sie hielt, umso mehr wollte sie ihm nahe sein, in seinen Armen liegen.
„Ich habe für dich so viel geopfert, meinst du denn ich gebe dich einfach so auf?“ sagte er leise und küsste sie auf die Stirn. Seine Liebe zu ihr war ungebrochen, aber sie war unergründlich tief und gefährlich wie der vom Sturm gepeitschte Ozean. Sie fürchtete darin zu ertrinken. Und doch konnte sie nicht anders als ihn zu lieben. Auch wenn sie nicht mehr wusste, wie ihre Liebe früher war, ihre Seelen zogen sich auch heute noch an wie zwei entgegengesetzte Pole eines Magneten.
„Warum tust du so etwas?“ presste sie heraus.
„Du und Mourose habt mich so genervt in den letzten Tagen, daher war ich vielleicht etwas überreizt.“
„Schon gut,“ sagte Lilly kaum hörbar und schniefte, „ aber sag das nächste Mal wenigstens Bescheid, wenn du weggehst. Wir haben uns echt Sorgen gem...“
Weiter kam sie nicht, denn er verschloss ihre Lippen mit einem Kuss.
„Das ist echt gemein,“ sagte sie darauf und lächelte dünn.
„Wieso?“
„Du hältst mich fest, und dann küsst du mich auch noch. Einfach so.“
„Anders bist du alte Furie doch nicht unter Kontrolle zu kriegen,“ grinste er und küsste sie wieder, bevor sie etwas entgegnen konnte. So sehr sie seine Küsse auch genoss, schaffte sie es, sich ihm zu entziehen. Verwirrt starrte er sie an.
„Jetzt sag ehrlich, was sollte das ganze?“ sagte sie mit fester Stimme.
Er sah sie mit einem undeutbaren Blick an. Seine leise Antwort kam erst nach langem Schweigen.
„Liebst du mich?“
Lilly blickte ihn irritiert an.
„Was soll die Frage?“
“Ja oder nein?“
Sie zuckte verständnislos mit den Schultern.
„Natürlich. Sonst würde ich doch nicht mit dir zusammen sein.“
Er seufzte traurig.
„Warum sagst du es denn nie?“
„Ist es denn nötig?“ fragte sie entnervt. Zu ihrer Überraschung ließ er sie darauf plötzlich los. Obwohl sie noch dicht beieinander standen, spürte sie plötzlich eine Barriere zwischen ihnen.
„Woher soll ich denn sonst wissen, ob du mich liebst?“ fragte er kaum hörbar. Er sah so zerbrechlich aus in diesem Moment, dass Lilly es mit der Angst zu tun bekam.
„Warum ist dir das denn so wichtig?“ fragte sie vorsichtig.
„Du hast es mir früher jeden Tag mindestens hundertmal gesagt. Ich habe nicht mehr das Gefühl, dass du mit mir zusammen bist, weil du mich liebst, sondern weil du weißt, dass es einst so gewesen ist. Ich glaube, wenn du das nicht wüsstest, würdest du mich nicht wieder wählen.“
Lilly wusste erst nicht, was sie darauf sagen sollte und spürte, wie ihre Augen wieder nass wurden.
„Ich weiß doch selbst nicht, warum ich so fühle wie ich fühle! Ich kann es dir nicht erklären! Vielleicht ist meine Liebe zu dir nur ein Fragment meiner Vergangenheit, das ich nicht verstehe, vielleicht habe ich mich aber wieder neu in dich verliebt. Ist das denn wichtig? Ich liebe dich, egal aus welchem Grund!“
Er blickte ihr wieder ins Gesicht und plötzlich liefen ihm die Tränen aus den Augen.
„Ich liebe dich auch, damals wie heute,“ sagte er mit zitternder Stimme und drückte sie wieder an sich. Lange umarmten sie einander. Es ging einfach nicht anders, sie konnten nicht ohne einander sein.
„Hast du deswegen abgehauen? Damit ich mir Sorgen mache?“ fragte Lilly leise. Er sah ihr ins Gesicht.
„Nein. Es ist aber trotzdem gut zu wissen, dass du dich um mich sorgst. Ich wusste nicht mehr, woran ich bei dir war, da brauchte ich den Abstand.“
„Und was ist mit den Mädchen?“
Er dachte nach und biss sich dabei auf die Unterlippe.
„Es war Zufall, dass ich mit den beiden ins Gespräch gekommen bin. Aber wenn ich ehrlich bin, hat es mir schon gefallen, dass ich anziehend auf sie wirkte. Dein Auftauchen hat mich dann provoziert, denn du hast mir dieses Gefühl nicht mehr gegeben. Da bin ich dann irgendwie durchgedreht. Ich wollte dich eifersüchtig machen. Es tut mir leid.“
Er senkte beschämt seinen Blick. Seine Worte schmerzten ihr, aber wenigstens war er ehrlich, das wusste Lilly sehr zu schätzen. Gnädig lächelte sie ihn an.
„Du wolltest eine Liebeserklärung von mir, und wenn es ein Eifersuchtsanfall wäre, nicht war?“
Er nickte langsam.
„Mach mir so was aber nie wieder!“ sagte sie streng und zog an seinem Ohr. Er umfasste ihre strafende Hand und legte ihren Arm um seinen Hals.
„Und du versuch nie wieder mich zu schlagen,“ tadelte er neckisch und rieb seine Nasenspitze an ihrer. Sie grinste.
„Nur wenn du dich ab jetzt benimmst.“
„Das wird nicht möglich sein,“ grinste er zurück und küsste sie leidenschaftlich.

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