Kapitel 1

Lilly zog sich den Kragen hoch, als sie aus der Uni kam. Es hatte diesen Winter zwar noch nicht geschneit, aber der Wind war schon sehr frostig geworden und zerrte in ihrem langen roten Haar und ließ es tanzen wie Feuerzungen. Die Sonne strahlte aber in einen gletscherblauen, klaren Himmel und ließ einen die Kälte fast vergessen. Es war der 13. Dezember und die Meteorologen verbreiteten die Hoffnung, dass es weiße Weihnachten geben würde. Sie wusste nicht so recht, ob ihr das etwas bedeuten sollte. Schließlich ist es gerade mal zwei Jahre hergewesen, dass sie weitgehend ihr episodisches Gedächtnis an ihr früheres Leben verloren hatte, und sie sich daher an kein Weihnachten erinnern könnte, dass von dem üblichen Plastikbaumaufstellen in der WG und ein paar blöde Geschenke von ihren Mitbewohnern erhalten abwich. Ihr war jedenfalls klar, dass es den anderen Menschen schon irgendetwas bedeuten musste, schließlich gab es diesen ganzen Trubel jedes Jahr aufs neue. Alle im Weihnachtsrausch zu sehen, hinterließ bei ihr immer ein seltsames Gefühl der Leere.


Sie sah auf die Uhr. In einer halben Stunde musste sie Lydia von der Schule abholen, also machte sie sich auf den Weg. Das Mädchen war ihr sehr ans Herz gewachsen. Sie war schon fast so etwas wie ihre Tochter geworden. Im Grunde genommen war sie es auch, schließlich war sie mit ihrem Vater zusammen. Eigentlich war er aber nicht ihr richtiger Vater, denn er beteuerte immer wieder, nicht mit Lydias Mutter geschlafen zu haben, und sie nur adoptiert war. Sie hatte angeblich eine schwere Krankheit gehabt und konnte nur durch eine Gentherapie geheilt werden. Das hatte den seltsamen Effekt, dass Lydia ihrem „neuen“ Vater immer ähnlicher wurde. Ihre Haarfarbe ist innerhalb eines Jahres von hellbraun zu blauschwarz gewechselt, was ihrer Frisur eine seltsame Zweifarbigkeit verlieh, und ihre Augen wurden auch immer dunkler und mandelförmiger. Es würde sie nicht überraschen, wenn ihr auch noch ein Paar Flügel aus dem Rücken wachsen würde. Sie überlegte, was Lydia von Weihnachten hielt. Sie war gerade elf Jahre alt und musste früher als Einzelkind mit ihrer alleinerziehenden alkoholkranken Mutter auch nicht gerade schöne Weihnachten verbracht haben. Und in ihrem neuen Zuhause wurde kein Weihnachten gefeiert. Sie stellte sich vor, dass das Lydias Mitschülern bestimmt seltsam vorkommen würde. Lilly seufzte. Denen würde bestimmt noch so einiges seltsam vorkommen, wenn sie nur wüssten, wie verrückt Lydias und ihr Leben wäre. Sie setzte sich auf eine niedrige Mauer vor dem Gymnasium und ließ die Sonne auf ihr von Sommersprossen besprenkeltes Gesicht scheinen. Sie würde ihr Licht für die nächsten Tage nicht mehr genießen können.

Lydia kam zusammen mit einem Strom anderer Schüler aus dem Tor gerannt und rief laut lachend und winkend nach Lilly. Lilly war kaum aufgestanden, da war das Mädchen ihr schon in den Arm gesprungen.
„He, nicht so stürmisch, du wirfst mich noch mal um!“ rief sie und strubbelte ihr durch die Haare.
„Bei dem Verhältnis von unseren Körpergewichten wäre es wahrscheinlicher, dass ich von dir abpralle, als dass ich dich umwerfe,“ neckte Lydia sie und kniff ihrer Adoptivmutter in den Hintern. Lilly grinste. So etwas würde man eigentlich nicht von einer Elfjährigen erwarten. Die genetische Ähnlichkeit schien sich jetzt auch im Charakter zu zeigen.
„Sei nicht so frech, dein Vater gefällt mein Hintern so wie er ist.“
„Mein Vater hat manchmal echt 'ne Meise,“ grinste die Kleine und kniff ihr noch mal in den Hintern.“
“Au, du kleines Biest! Na warte!“
Lydia schmiss ihre Schultasche auf den Boden und rannte kreischend weg. Lilly hatte ziemliche Probleme ihr hinterher zu jagen. Leichtfüßig brauste das kleine Mädchen hackenschlagend über den Schulhof, nicht ohne ihr in regelmäßigen Abständen neckisch die Zunge rauszustrecken.
„Du kriegst mich nicht, du kriegst mich nicht!“ rief sie, ihr Pagenschnitt wirbelte im Wind um ihren Kopf.
„Ich krieg dich, wart’s nur ab! Dann fress ich dich mit Haus und Haar!“
Lydia war zwar schnell und flink, aber irgendwann hatte Lilly sie dann doch gepackt. Sie wuchtete das kreischende und lachende Kind hoch und biss ihr in den Hintern.
„Du wärst froh, wenn du mal einen so schönen runden Hintern wie ich bekommst! ARRRRRH“
„Ich geb auf, ich geb auf!“ rief Lydia und strampelte, dass es zu gefährlich war, sie weiter festzuhalten. Lilly ließ sie daher wieder frei und merkte erst dann wie sehr sie außer Atem war. Lydia schien im Gegensatz zu ihr gar nicht erschöpft. Plötzlich fiel ihr auf, dass ein paar Mütter, die wie sie ihre Kinder abgeholt hatten, die beiden extrem befremdlich anstarrten.
„Gibt es ein Problem?“ fragte sie die Frauen, aber wie erwartet kam keine Antwort, nur betretenes Schweigen.
„Laß doch die Spießer, die sind einfach zu alt um Spaß zu haben,“ rief Lydia mit ihrer rotzig rauen Stimme.
Lilly grinste, als die Frauen Worte der Empörung ausstießen und sich darauf schnell aus dem Staub machten. Lydia hatte recht, die Frauen waren allesamt mindestens zehn Jahre älter als Lilly.
„Kommst du endlich? Mir wird kalt und ich habe Hunger,“ nörgelte Lydia und wuchtete den Schulranzen auf ihren Rücken.
„Hey, ohne mich kommst du nirgendwo hin, also benimm dich,“ tadelte Lilly mit leichtem Spott.

Als sie dann im Auto saßen und sich durch den Stadtverkehr quälten, fiel Lilly wieder ein, worüber sie zuvor nachgedacht hatte.
„Was hältst du von Weihnachten?“ fragte sie Lydia, die auf dem Beifahrersitz saß.
„Find ich doof,“ war ihre lapidare Antwort.
„Wieso? Habt ihr denn gar nicht gefeiert früher?“
Lydia zog eine Grimasse des Abscheus.
„Meine frühere Mutter hat Weihnachten noch mehr gesoffen als sonst. Ich hab dann ein bisschen Geld bekommen, um mir was zu kaufen. Wenn überhaupt. Meist saß ich dann alleine vor der Glotze.“
„Aber wenn wir Weihnachten jetzt mal richtig schön feiern? Wir holen uns einen echten Baum und dann essen wir was leckeres. Vielleicht bekommst du dann auch ein Geschenk.“
Obwohl Lilly den letzten Satz betont verlockend ausgesprochen hatte, regte sich auf Lydias hübschen Gesicht keine Miene. Lilly merkte, dass Lydia das Thema belastete und sie sagte darauf nichts mehr. Lange schwiegen sie einander an, und die Straße führte sie aus der Stadt heraus.
„Papa will bestimmt nicht, dass wir Weihnachten feiern,“ sagte Lydia dann plötzlich.
Lilly überlegte und grinste.
„Und wenn wir Mourose auf unsere Seite bekommen? Gegen uns drei hat er doch keine Chance.“
„Meinst du?“
Plötzlich war auf Lydias Gesicht ein wenig Interesse zu sehen.
„Sonst feiern wir eben alleine!“ bestimmte Lilly feierlich und grinste wie ein Honigkuchenpferd.
Sie bogen von der Landstraße in einen kleinen Feldweg, der zu einem Waldstück führte. Lange Zeit holperte der kleine Wagen über den Sandweg immer tiefer in den winterlich kargen Wald. An einer kleinen hölzernen Waldhütte hielten sie an.
„Endstation Nordtor,“ verkündete Lilly und stiegt aus. Die kleine Hütte war seit einiger Zeit ihre Wochenendbehausung. Hier konnte sie ungestört von dem Rest der Welt ihren Studien nachkommen und die nötige Ruhe vom Trubel der Zivilisation finden. Sie brachten die Sachen in die Hütte und holten neues Gepäck, welches sie nun benötigten. Bepackt mir ein paar schweren Reisetaschen stapften sie darauf noch tiefer in den Wald. Das gefrorene Laub knackte unter ihren Schritten. Lydia moserte nicht, sie kannte die Prozedur schon. Unter drei mächtigen Eichen kam sie endlich keuchend zum Stehen, ihr Atem kondensierte in weißen Wölkchen. „Leg deine Sachen hier hin und beweg dich nicht,“ sagte Lilly.
„Klar,“ machte Lydia und steckte gelangweilt die kalten Hände in die Jackentasche.
Lilly holte einen Hasennussstab mit einem glasklaren Kristall an der Spitze aus der Tasche. Sie sah kurz zur mittlerweile schon tiefer gesunkenen Sonne, um die Himmelsrichtung herauszufinden.
Lilly stellte sich nach Norden, wartete einen Moment und breitete beschwörend die Arme aus.
Mit lauter und voller Stimme rief sie in den stillen, kalten Wald:

„Boreas, Wächter des Nordens, Wächter der Erde und des Winters, ich rufe dich.“

Lange schallte ihre Stimme wieder, darauf folgten wieder Sekunden der Stille. Plötzlich ertönte wie aus weiter Ferne ein leises Grollen, dass aber schnell heranschwoll. Der Wind kreischte durch die dürren Zweige und tanzte darauf um die beiden herum. Das Grollen wurde zu einem lauten Donnern, die Erde erbebte unter ihren Füßen als würde sie in Stücke reißen wollen. Lydia hatte Mühe, dass Gleichgewicht zu halten, aber Lilly stand fest mit der Erde verwurzelt wie ein Baum.

„Boreas, leih uns deine Kraft, den Kreis zu schließen und das Tor zu öffnen!“

rief sie und streckte den Stab nach oben, bis der Kristall hell strahlte. Dann richtete sie den Stab zur Erde, worauf fauchend ein gleißend heller Strahl aus seiner Spitze austrat. Lilly ging einen großen Kreis um Lydia und das Gepäck. Dort wo der Strahl die Erde berührt hatte, strahlte das Licht heraus, als wäre die Erde dort aufgeschnitten worden und ihr heißes Inneres würde herausquellen wollen. Bald war der Kreis vollendet, und die beiden waren von einer Wand aus hellem Licht umgeben. Lilly stellte sich wieder in die Mitte und erhob die Arme.

„Boreas, Wächter des Nordens
Leite uns auf unserem Weg
Führe uns durch Wurzeln, Sand und Fels
Zu den glühenden Flüssen
Vorbei an den Wassern des Acheron
In den Palast aus Lapislazuli und Amethyst
Das Tor sei uns geöffnet!“

Das Licht loderte auf und brauste wie ein Orkan. Immer schneller strudelte die Energie um sie herum, bis in diesem Inferno plötzlich der Boden nachgab und verschwand. Sie fielen durch die schwarze, luftleere Stille bis unter ihren schwerelosen, unsichtbaren Füßen ein winziger Lichtpunkt erglomm. Rasend schnell wurde er heller und größer und mit einem lauten Knall umarmte er sie. Dann war es plötzlich vorbei. Das große Pentagramm unter ihren Füßen erlosch flackernd wie Kerzen im Wind. Lilly sah sich um. Ein großes Gewölbe aus grauen Gestein umgab sie, die Luft war warm, ein paar Fackeln erhellten den Raum. Sie waren sicher angekommen. Das große Tor vor ihnen schwang wie von alleine auf. Herein trat, gefolgt von seiner weiblichen Leibwache, der Herr dieses Ortes. Langes, blauschwarzes Haar umrahmte ein jugendlich und zeitlos zugleich wirkendes Gesicht überirdischer Schönheit, die Haut hell und ebenmäßig wie Porzellan. Schwarze Mandelaugen blickten unter steil aufsteigenden Augenbrauen hervor. Die Lippen waren katzenartig geschwungen und verliehen seinem Lächeln etwas beinahe spöttisches. Gekleidet war er in einen altertümlich anmutenden Grafenrock, der seine schlanke und doch muskulöse Figur betonte. An seinen spitzen Ohren hingen silberne Ohrringe. Zwei riesige, dreigefaltete Flügel waren auf seinem Rücken, die Farbe der Federn schwarz, doch in herrlichen Farben schimmernd. Er grinste die beiden herausfordernd an.
„Wer als erstes hier ist, bekommt einen Kuss.“
Lydia war natürlich sofort losgerannt und Lilly gönnte ihr den Spaß so zu tun, als würde sie versuchen wollen sie einzuholen. Lydia holte sich ihre Belohnung und ließ sich zur Begrüßung umarmen.
„Und was ist mit mir? Bekomm ich denn keinen Kuss mehr?“ fragte Lilly mit gespielter Enttäuschung.
Er kam auf sie zu und blickte sie amüsiert an.
„Hast du mich etwa vermisst?“ neckte er sie.
Ohne ein weiteres Wort schlang Lilly die Arme um ihn und sie versanken in einen langen, leidenschaftlichen Kuss.
„Das ist ja eklig! Sofort aufhören!“ protestierte Lydia im Hintergrund, aber das störte die beiden nicht.
Lilly lehnte ihren Kopf an seine Brust und lange Zeit hielten sie sich wortlos aneinander fest.
„Ich habe dich sehr vermisst, Luzifer.“

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