Der Skorpion, neunter Teil
Mourose kam nur sehr langsam wieder zu Atem. Ihr Brustkorb und ihre Beine schmerzten und ihr Mund war trocken. So schnell war sie noch nie in ihrem Leben gelaufen. Sie schloss die Augen. Es hätte nicht viel gefehlt und das Biest hätte sie getötet. Und sie wäre sicherlich nicht die einzige geblieben. Ihr wurde richtig schwindelig, als sie den Gedanken weiter dachte. Ausgerechnet sie wäre Schuld daran gewesen. Sie, die eigentlich die Sicherheit von Luzifer und des Reiches garantieren sollte! In seiner Zelle hatte das Wesen endlich aufgehört zu schreien und zu toben, es ging nun wie ein hungriger Löwe vor dem Gitter hin und her und schnaufte von Zeit zu Zeit. Mourose wunderte sich darüber etwas. Die Zeit davor hatte es immer überflüssige Bewegung vermieden, sich bei jeder Gelegenheit irgendwo in eine dunkle Ecke zurückgezogen und regelrecht Energie gespart. Sie war froh, dass das schwere Gitter zwischen ihnen war. Der Lärm hatte sicherlich einige Leute geweckt. Sie sah auf die Uhr. Seit sie den Hangar verlassen hatte, waren gerade mal zehn Minuten vergangen. Es war ihr wie eine Ewigkeit vorgekommen. Luzifer schlief wenn sie Glück hatte noch nicht, und es wurde langsam Zeit, dass er erfuhr, was geschehen war. Wenn sie noch länger wartete, verschlimmerte es die Situation nur noch mehr. Sie atmete tief durch und rief ihn über ihr Handy an. Er klang etwas überrascht. „Ist noch irgendwas?“ „Du machst mir wirklich langsam Angst. In Ordnung, ich bin gleich da.“ „Du bist wirklich blöder als ich dachte,“ sagte sie leise,“ deine Gefangenschaft hast du dir ganz alleine zuzuschreiben. Ich habe dich befreit, dir mein Blut gegeben, dich hierher gebracht. Und was ist der Dank? Ich habe dir gesagt, dass es aussichtslos ist, sich gegen mich zu stellen. Dachtest du, ich hätte dich in der Hoffnung angelogen, du ließest dich davon abhalten mich anzugreifen? Das habe ich wirklich nicht nötig. Ich habe es geahnt, dass du dich so verhältst. Aber ich habe das Gegenteil gehofft.“ Sie seufzte und rieb sich die schmerzenden Oberschenkel. Neben ihr war leise ein grässlich quietschendes Geräusch zu hören. Es waren die Metallzähne, die vergeblich versuchten die Stangen zu durchbeißen. Ob es ihr überhaupt zuhörte, war ihr egal. Sie konnte diese Stille im Moment nicht ertragen. „Du kennst wahrscheinlich nicht die Fabel vom Löwen und dem Skorpion, oder? Ein Löwe wollte einen Fluss überqueren. Da fragte ihn ein Skorpion, ob er ihn nicht auf dem Rücken mit über das Wasser tragen könnte, da er selbst nicht schwimmen konnte. Aber der Löwe sagte: Ich muss doch verrückt sein. Du bist ein Skorpion, du wirst mich stechen! Darauf antwortete der Skorpion: Das wäre doch reichlich blöd von mir. Dann würde ich selbst ja auch ertrinken. Das überzeugte den Löwen und er nahm den Skorpion auf den Rücken. In der Mitte des Flusses stach der Skorpion zu und vergiftete den Löwen tödlich. Noch bevor er sterbend im Wasser versank, fragte der Löwe: Warum hast du das getan? Du wusstest, dass es auch dein Tod ist. Und der Skorpion antwortete: Ich kann nicht anders, es ist meine Natur.“ Sie sah in das Gehege. Das Biest war immer noch mit ungebremster Energie dabei, seine Zähne in die Stangen zu schlagen. Sie schüttelte den Kopf. „Du bist ein Skorpion. Du scheinst dich intelligent zu verhalten, doch letztendlich bist du nur ein Sklave deiner selbst. Zu dumm von mir, dass ich das nicht erkennen wollte.“ In dem Moment hörte sie Schritte und sah auf. Luzifer kam gerade um die Ecke. „Mourose, da bist du ja. Was ist....“ Weiter kam er nicht, denn es ertönte ein schriller Schrei aus dem Gehege, was ihn sofort sehen ließ, was der Grund war. „Was zum Henker ist das?“ rief er und deutete auf das Biest, das wieder tobte und mit dem Schwanz gegen die Stangen schlug, so dass Funken aufstoben. Mourose stand unter Mühen auf. „Ich weiß nicht, was es ist. Aber es war auf dem fremden Schiff.“ Luzifer stand wie angewurzelt und starrte es an. „Und du hast es hergebracht?“ „Naja. Es ist irgendwie auf den Transporter gekommen. Es muss die Docktüren geöffnet haben.“ Mit einem ungläubigen Blick drehte er sich zu ihr um. „Dieses...Tier soll die Docktüren geöffnet haben?“ Mourose zuckte mit den Schultern. „Ich kann es mir nicht anders erklären. Einen anderen Weg gibt es nicht ins Schiff.“ „Weißt du woher es stammt? Aus den Logbüchern kann man schließen, dass die Raumfahrer humanuid gewesen sind. Das ist eher ein riesiges Insekt!“ „Es war in einem der Labors. Sie haben es wahrscheinlich untersucht.“ „Das heißt es war eingesperrt?“ Mourose erstarrte. Luzifers messerscharfer Verstand hatte sie sofort zu dem Punkt gedrängt, wo sie die Richtigkeit ihrer Entscheidung selbst hinterfragte. „Ja,“ murmelte sie. „Ja.“ Er drehte sich zu ihr um. Unverständnis spiegelte sich in seinem Gesicht wieder. „Verstehe ich das richtig: Du hast dieses vom Kopf bis zu den Füßen schwerbewaffnete Biest, das nur so nach Tod und Bosheit stinkt, freigelassen? Bist du lebensmüde?“ „Es hat einen kooperativen Eindruck gemacht,“ sagte sie, merkte aber wie lächerlich das für das ihn klingen müsste. „Wenn es kooperiert hat, warum sperrst du es denn ein?“ fragte er mit einem unüberhörbaren Sarkasmus. Sie antwortete nicht. Sie wusste ja selbst nicht so recht, was sie sich dabei gedacht hatte. „Jedenfalls schien es keine schlechte Idee gewesen zu sein, es einzusperren, wenn ich es mir so ansehe,“ seufzte er. „Wie hast du es denn überreden können da reinzugehen?“ „Nun...es ist mir hinterhergejagt als ich den Hangar verlassen hatte.“ „Es wollte mich wohl töten, als es glaubte, nicht mehr abhängig von mir zu sein.“ Er sah sie mit einen durchdringenden Blick an, dem sie kaum Stand halten konnte. „Das heißt, dieses Biest ist voller Mordlust hier durch die Flure gerannt?“ Mourose spürte ihr Herz einen Schlag aussetzen. Es lag Empörung in seiner Stimme. Sie hätte es sich ja auch gewünscht, dass es nicht so weit gekommen wäre. „Ich...habe es wohl falsch eingeschätzt.“ „Anscheinend hast du das. Wie konntest du uns alle derartig gefährden? Warum liegt dir so viel an diesem Tier?“ „Mir liegt doch gar nichts daran. Es ist alles etwas blöd gelaufen, das gebe ich zu. Das tut mir auch wirklich leid. Aber ändern kann ich es ja nun nicht mehr. Und außerdem ist es ja jetzt eingesperrt.“ Er sah sie mit strenger Härte und unterdrückter Wut an. Sie fühlte sich unter diesen Blicken so elend. Sie wollte alles andere als ihn verärgern. „War es das, was du mir im Funk nicht sagen konntest? Oder warten noch andere Überraschungen auf mich?“ „Nein. Ich wollte es dir sagen. Aber dann hat es mich bedroht.“ „Ich habe es doch gewusst! Es hat dich also bedroht, ja? Das klingt nicht mehr nach besonders kooperativem Verhalten. Warum hast du es mir denn nicht gesagt, als du im Hangar warst? Da waren genug Soldaten, du hättest uns und dich selbst nicht in Gefahr bringen wollen. Zu dem Zeitpunkt war es doch noch im Schiff eingesperrt! Wir hätten es gemeinsam da rausholen können.“ „Ich dachte, es wäre keine gute Idee, es gewaltsam einzufangen. Ich dachte, ich hätte so etwas wie Vertrauen zu ihm aufbauen können. Ich wollte es nicht auf die Probe stellen oder ihm einen Grund geben, mich zu hassen. Es hatte sich in dem Moment gerade sehr ruhig verhalten. “ „Ich raff es nicht,“ rief er darauf,“ du wolltest das zweifelhafte Vertrauen dieses Biests nicht zerstören, indem du mich belügst? Was hat deinen Verstand nur so benebelt? Schenkst du jedem so leichtfertig dein Mitleid und deine Fürsorge, dass du darüber deine Verantwortung und deine Loyalität vergisst?“ Sie erstarrte. Ihr war gar nicht klar gewesen, dass er es so auffassen könnte. Es war das erste Mal, dass er so mit ihr schimpfte. Sie war von der Situation völlig überrumpelt. „T..tut mir leid,“ brachte sie heraus und wusste beim besten Willen nicht, was sie noch hätte sagen sollen. Er setzte noch einmal zum Sprechen an, brach aber ab und wand sich kopfschüttelnd von ihr ab. Im Rausgehen blieb er noch einmal stehen und drehte sich zu ihr um. „Mourose, ich werfe es dir nicht vor, dass du es befreit hast. Ich werfe dir nicht vor, dass du es hergebracht hast. Oder dass du es falsch eingeschätzt hast. Ich habe sogar eben im Hangar gemerkt, dass du mir etwas verschweigst. Aber auch das war OK, weil ich dir vertraut habe. Aber ich hätte nie gedacht, dass du mich jemals derartig hintergehen würdest. Nicht du.“ Damit ging er und ließ sie mit ihrer Verzweiflung zurück. Sie spürte wie Tränen in ihre Augen traten. Sie hatte das alles nicht gewollt. Sie verstand sich selbst nicht mehr. Sie rutschte wieder an den Boden herunter, vergrub ihr Gesicht in ihren Händen und begann hemmungslos zu schluchzen. Es war egal, schlimmer konnte es nicht kommen. Ihr war es immer so wichtig gewesen, dass sie für ihn nützlich war. Sie wollte nichts mehr als ihn beweisen, dass sie es wert war, als sie auf diese Mission ging. Und dann endete alles im genauen Gegenteil dessen, was sie zu erreichen gewünscht hatte. Verräter. Das Wort bohrte sich schmerzhaft in ihren Kopf und wand sich darin wie ein gefräßiger Wurm. Es stimmte, sie hatte Hochverrat begangen. Sie hatte den gesamten Staat gefährdet. „Und alles nur deinetwegen! Hättest du doch nur einmal getan, was ich dir gesagt hatte“ schrie sie das Wesen an und warf einen herumstehenden Metalleimer gegen die Stangen des Geheges. Trotz des Aufpralls und des großen Schepperns blieb der Gefangene völlig unbeeindruckt und sah sie beinahe teilnahmslos an. Das hätte auch nichts geändert. Sie gestand es sich ein. Es war alleine ihre Schuld. Sie hatte immer gedacht, ihr Leben nur ihrer Aufgabe gewidmet zu haben. Trotz allem war es zu dieser Situation gekommen. Sie war nicht loyal, sie war nicht so wie sie hoffte zu sein. Sie war traurig und verzweifelt darüber, ihn enttäuscht zu haben, das war nicht ihre Absicht gewesen. Aber hätte sie sich anders verhalten sollen? Sie hatte jeden Moment das getan, was sie für das beste gehalten hatte. Auch im Nachhinein sah sie es so. Nur der Einwand, dass sie es Luzifer im Hangar hätte sagen sollen, war in gewisser Weise berechtigt. Aber zu dem Zeitpunkt hatte sie ja noch gar nicht gewusst, ob das Wesen nun Vertrauen zu ihr hatte oder nicht. Wenn es sie nicht von vornherein hätte töten wollen, hätte sie wahrscheinlich alles kaputt gemacht, wenn sie es mit Soldaten hätte einfangen lassen. Sie seufzte. Ihre Einschätzung basierte zu dem Zeitpunkt auf Wunschdenken. Es war instinktgesteuert, ein Skorpion. Wäre es doch nur anders gewesen. Es hatte doch so viel Intelligenz gezeigt. Sie hielt sich ihre Schläfen. Ihr Kopf war auf einmal schwer wie Blei und es hämmerte gegen ihre Stirn. Der Stress, dachte sie und versuchte sich zu beruhigen. Du bist ebenso ein Skorpion. Mourose schüttelte den Kopf. Sie verstand ihre eigenen Gedanken nicht mehr. Es war einfach zu viel auf einmal. Egal. Was geschehen ist, war geschehen und sie konnte es nicht rückgängig machen. Sie müsste jetzt nach vorne sehen. Sie würde die gesamte Verantwortung für das Tier übernehmen. Es dürfte niemanden zur Last fallen oder gar gefährden. Sie würde das mit ihrem Leben garantieren. Sie schloss die Augen, die vor Tränen brannten. „Wenn doch dieser Tag endlich zu Ende ginge,“ seufzte sie und lehnte sich an die Wand. Doch das tat er dann genau sieben Sekunden später, als die Müdigkeit sie schlagartig übermannte und sie auf dem Boden vor dem Gehege einschlief. Das fremde Wesen betrachtete sie noch einige Minuten regungslos durch die Gitterstäbe, krabbelte dann unter einen leeren Futtertrog und rollte sich im Schatten ein. © 2005 by Codo Stellaris |