Der Skorpion, achter Teil
Eine halbe Stunde vor ihrer vorausgerechneten Ankunftszeit meldete sich Mourose schließlich bei Luzifer. Sie hatte noch überhaupt keinen Plan, wie sie ihm die Situation beibringen könnte. Nichtsdestotrotz musste sie sich melden, und sie hoffte, dass das Gespräch sich einfach entwickeln würde. „Basis von Tau2, bitte kommen.“
Er klang wie sie reichlich müde. „Doch. Naja. Nicht ganz,“ druckste sie. Schlaf war ein denkbar schlechtes Stichwort gewesen. „Was soll das heißen?“ „Es...ich weiß nicht, ich war wohl noch zu aufgeregt um einschlafen zu können.“ „Mourose, irgendwas stimmt doch nicht mit dir...“ Egal, es musste raus. Irgendwie. Sie holte tief Luft. „Ich muss dir was sagen. Ich weiß nicht, ob es dir gefallen wird...“ Sie hielt kurz inne. Wenigstens hatte sie einen Anfang gemacht. „Sag schon. Was kann so schlimm sein, dass du Probleme hast, es mir zu erzählen? Wir reden doch sonst über alles.“ „Da ist...etwas von dem fremden Schiff...es ist...“ „He, lass das!“ schnarrte sie es an, aber es ließ sich nicht beeindrucken. Die Hand strich beinahe zärtlich an ihrem Hals entlang, die bekrallten Fingerspitzen fuhren über ihr Kinn in ihr Gesicht, betasteten ihre Wangen und ihre Lippen. Mourose hielt unwillkürlich den Atem an. Was tat es da bloß? Es war so widerlich von diesem fremdartigen Ungetüm begrabscht zu werden. Aber in dieser Situation rumzuzappeln würde es mit Sicherheit provozieren. „Au! Lass mich los!“ schrie sie und wollte sich freiwinden, umklammerte den Arm des Wesens. Aber sie war seiner Kraft nicht gewachsen. „Tau2 von Basis, Mourose, melde dich, sonst muss ich mir Sorgen machen. Was war mit dem fremden Schiff?“ „Ve..verstehst du denn nicht? Ich muss mich melden, sonst schickt er uns ein Empfangskomitee entgegen. Schwer bewaffnete Soldaten,“ quälte sich Mourose die Worte unter ihrem gequetschtem Gesicht hervor. Es hielt sie noch einige Sekunden, da ließ es sie unter einem verächtlichen Schnaufen plötzlich wieder los. Sie stöhnte vor Schmerz und rieb sich ihren Kiefer. Es stand immer noch dicht neben ihr, die Hände auf ihre Sitzlehne gelegt, und befolgte lauernd jede ihre Bewegungen. Sie versuchte sich zu fangen und betätigte den Funkknopf. „Basis von Tau2, tut mir leid, ich musste kurz was...klären. Alles in Ordnung.“ „Was war denn los?“ fragte er. Sorge und Aufregung waren deutlich in seiner Stimme zu hören. Sie warf einen kurzen Seitenblick auf ihren „Copiloten“, er fletschte als Reaktion kurz die Zähne. „Ich kann es dir jetzt nicht sagen. Wir reden darüber, wenn ich wieder unten bin.“ „Das ist doch Blödsinn, warum solltest du es mir nicht jetzt sagen können?“ Sie schloss verzweifelt die Augen. Es tat ihr leid, ihn so im Dunkeln stehen zu lassen. Aber sie wollte nicht rausfinden, was das Biest mit ihr anstellen würde, wenn sie von ihm erzählte. „Es tut mir leid. Es geht nicht. Ich bin ja sowieso gleich da.“ “Soll ich Sicherheitsleute hinschicken?“ Er hatte wohl schon die richtige Vorahnung. Aber sie durfte nicht riskieren, das Wesen zu verärgern. Außerdem würde sie damit die Sicherheitsleute in Gefahr bringen. „Nein, nicht nötig. Bis gleich im Hangar.“ „Bis gleich.“ Damit schaltete sie die Verbindung ab. Sie drehte sich um und brüllte verärgert: „Musste das sein?“ Doch der Platz neben ihr war leer. Mourose saß noch ein paar Minuten im Pilotensitz und versuchte ihre Gedanken zu ordnen. Es war erschreckend, wie viel das Wesen anscheinend von ihrer Sprache und ihren Handlungen verstand und voraussehen konnte. Die Situation entglitt ihr. Gerade jetzt, wo sie sich dem Hangar näherten, musste sie irgendwie die Oberhand behalten, um nicht zu riskieren, dass es sich ihrer Kontrolle entzog und alle in Gefahr brachte. Sie atmete tief durch. Jetzt musste sie aufs Ganze gehen. Angst und Unsicherheit durfte sie jetzt nicht mehr zulassen. Sie stand auf und ging zu dem Schrank, in dem sie ihr zweites Katana und die Plasmapistole liegen hatte. Doch ihr stockte der Atem, als sie ihn öffnete. Beides war verschwunden! Sie wusste genau, dass sie die Waffen dort hingelegt hatte. Also müsste das Biest sie ebenfalls weggenommen haben! Woher zum Henker hat es nur gewusst? Und woher wusste es, dass es die Pistole ebenfalls eine Waffe war? Das war weniger offensichtlich als bei einer Klinge. Und warum sammelte es ihre Waffen ein, obwohl sie es bisher nicht einmal hätte angreifen wollen? Nur die Ruhe, befahl sie sich. Sie war auch ohne Waffen Mourose. Da das außerirdische Tier mindestens ihre Absichten verstand, musste sie eben verbal klarmachen, wer der Boss war. „Komm raus, du feiges Miststück!“ brüllte sie und stampfte durch die kleinen Räume ihres Raumschiffes. Sie fand es wieder in seiner dunklen Stelle an der Decke. Keine Spur von ihren Waffen. Aber das war jetzt sowieso egal. Sie holte tief Luft. „Hör zu, ich weiß nicht, was du vorhast, aber wenn du es wagst, mir in den Rücken zu fallen oder jemanden von meinen Freunden in Gefahr zu bringen, dann mache ich Hackfleisch aus dir! Ich habe da unten mehr Waffen als du jemals einsammeln könntest und es sind außer mir noch genug andere, die dich zur Strecke bringen werden, wenn du Ärger machst. Außerdem ist es da unten ein großer, aber abgeschlossener Komplex, viele Kilometer unter der Erdoberfläche, daraus würdest du nie alleine entkommen. Es wäre reichlich blöd, wenn du nicht kooperierst. Du würdest früher oder später getötet werden oder einsam versauern wie in deinem alten „Zuhause.“ Ich verspreche, gut für dich zu sorgen. Aber nur wenn du tust, was ich dir sage!“ Es gab ein lautes Zischen von sich und schlug mit dem langen Schwanz hin und her, blieb aber weiter an der Stelle sitzen. Mourose war sich sicher, dass die Botschaft angekommen war. Wenn es bisher alles verstanden hatte, dann auch das. Sie drehte sich auf den Hacken um, ging wieder zu ihrem Pilotensitz zurück und stellte fest, dass sie bereits auf dem Leitstrahl für den Sprung durch das Dimensionstor war. „Jetzt gibt es kein Zurück mehr,“ murmelte sie und aktivierte das Tor. Unmittelbar nach einem lautlosen Lichtblitz schwebte der kleine Transporter im unterirdischen Hangar. Überrascht stellte Mourose fest, dass neben Luzifer auch ein duzend bewaffnete Soldaten auf sie warteten. Sie stöhnte verärgert. Aber dann wurde ihr klar, dass der Funkverkehr ihr an seiner Stelle auch reichlich merkwürdig vorgekommen wäre und ebenfalls für Sicherheit gesorgt hätte. Ihre Hände krampften um die Steuerhörner. Sie musste die Soldaten wegschaffen, irgendwie, das war einfach zu gefährlich. Für alle. Langsam ließ sie das Schiff zu Boden sinken, setzte sanft auf und stellte die Triebwerke ab. Sie wartete ein paar Sekunden, bis sie sich erhob und zum Ausstieg ging. Vorher vergewisserte sie sich aber noch mal, ob das Wesen sich ruhig verhielt. Es saß wie zuvor an seiner Stelle. „Wehe du rührst dich. Wir haben Probleme, ich werde das kurz regeln müssen. Dann hole ich dich ab.“ Keine Reaktion. Sie seufzte und öffnete die Tür, ging schnell heraus und schloss sie wieder. Luzifer kam ihr sofort entgegen und umarmte sie. „Ist alles in Ordnung?“ fragte er sie leise. „Natürlich, ich sagte doch, du brauchst dir keine Sorgen machen.“ Er ließ sie los und sah sie prüfend an. „Was war denn da eben los?“ fragte er mit einem strengen Blick. Mourose hielt ihm stand. Er war Meister darin, die Wahrheit aus einem herauszulocken. Sie musste sich zumindest für den Moment die Fassade aufrechterhalten. Zudem war sie selbst ein starker telepatischer Geist, so dass es ihm schwer fiel, sie wie einen normalen Menschen zu durchschauen. „Ich war noch etwas ...verwirrt.“ „Ja. Ich habe da Dinge gesehen, von denen ich dir noch nicht erzählt habe.“ Sie nickte langsam. „Ich weiß nicht. Ich war irgendwie noch zu aufgewühlt.“ „Das hat selbst die toughe Mourose umgehauen, was? Morgen reden wir ausführlich darüber. Ruh dich erst mal aus. Und ich dachte, du hättest schlimme Probleme. Ich wollte lieber auf Nummer sicher gehen. Ich bin froh, dass ich mich geirrt habe.“ Mourose biss sich auf die Lippe. Sie mochte es nicht, derartig verweichlicht zu werden, aber das war das geringste Problem, dass sie hatte. Ihren Stolz musste sie für den Moment mal vergessen. „Ich gehe jetzt schlafen, oder brauchst du mich noch?“ fragte er sie. Sie schüttelte den Kopf. „Ich lege ich mich auch gleich hin, ich hol nur eben noch ein paar Sachen raus.“ Und ein Alien, fügte sie sarkastisch in Gedanken hinzu. Sie wartete, bis sie wieder alleine im Hangar war und ging dann wieder in den Transporter. Doch das Vieh saß nicht mehr in „seinem“ Schatten. „Wo steckst du? Die Luft ist rein!“ rief sie und ging von Raum zu Raum. Doch sie sah es nicht. Sie begann zu schwitzen. Ausgerechnet jetzt musste es wieder seine Spielchen mit ihr treiben. Wenn es doch nur einmal täte, was sie von ihm verlangte! Sie ging in die Küche, in das Cockpit. Leer. Sie blieb stehen und dachte nach. Vielleicht wäre es doch besser, es für die erste Zeit einzusperren. Frei herumlaufen lassen konnte sie es auf keinen Fall. Es war einfach zu unberechenbar. Eines der Gehege in dem Bestiarium war noch frei. Es war zudem das sicherste, das sie hatten und es war von den anderen getrennt. Sie müsste es dorthin locken. Aber es würde ihm bestimmt nicht gefallen, wieder eingesperrt zu sein. Ihr fiel auf, dass sie das erste Mal überhaupt ernsthaft darüber nachdachte, was sie mit dem Tier anstellen würde, wenn sie das Raumschiff verließ. In ihrer Müdigkeit und Nervosität hatte sie die Dinge einfach auf sich zukommen lassen. Plötzlich war es direkt hinter ihr und sie hätte sich erschreckt, wenn sie es nicht vorher gespürt hätte. Ihre Wahrnehmung normalisierte sich allmählich wohl wieder. „In Ordnung, du kennst das ja schon: Hinter mit bleiben, keinen Ärger machen.“ Sie ging zur Tür und öffnete sie. Sie wartete einen Moment und sah hinter sich, ob das Wesen nicht doch Anstalten zur Flucht machte, nun da der Weg offen war. Doch es blieb ruhig. Es akzeptierte wohl seine Lage. Sie ging den schmalen Steg herunter und es folgte ihr. Wenn es sich doch so ruhig verhielt würde sie es wohl doch nicht einsperren müssen. Es wäre ja auch eigentlich total blöd von ihm, sie anzugreifen. Doch genau das tat es. Mourose rollte sich zur Seite weg und die Krallen krachten neben ihr in den steinernden Boden, so dass Splitter aufstoben. Zum Glück war sie auf Alarmbereitschaft gewesen, sonst hätte sie nicht so schnell reagieren können. „Scheißvieh!“ brüllte sie und kam wieder auf die Beine. Es stieß einen entsetzlichen, schrillen Schrei aus und entblößte seine Zähne, inklusive der bezahnten Zunge. Sie griff instinktiv an die Stelle, wo normalerweise ihr Schwert hing, doch sie griff ins Leere. Lauf, dachte sie, lauf so schnell du kannst. Und sie rannte los. Es sprang auf und folgte ihr mit einer unglaublichen Geschwindigkeit. Könnte Mourose nicht mit Hilfe der Ätherverbiegung um einiges schneller laufen als ein normaler Mensch, hätte es sie binnen weniger Sekunden zur Strecke gebracht. Doch sie merkte, dass sie das nicht lange durchhalten würde. Sie musste es bis zum Gehege schaffen. Sie sah sich nicht um, sie wusste dass es hinter ihr war und sie bis zum bitteren Ende verfolgen würde. Wenigstens war zu dieser Zeit niemand in den Fluren. Trotzdem musste sie von den großen Wegen herunter, denn dass sie die Umgebung kannte wie ihre Westentasche, war ihr einziger Vorteil. Sie schlug einen Hacken und rannte in einen engen, sehr dunklen Gang, einen ihrer vielen Schleichwege. Das verschaffte ihr wieder einen kleinen Vorsprung, denn es musste dadurch unerwartet abbremsen und die Richtung ändern. Doch sie war erstaunt wie schnell es dann doch auf das Manöver reagiert hatte. Ihr Atem raste und ihr Herz hämmerte so laut, dass es in ihren Ohren dröhnte. Sie sah nichts in der Dunkelheit, doch sie spürte die Wände so deutlich als würde sie sie sehen. Und sie spürte die ungebändigte Woge zerstörerischen Hasses, die sich ihr unaufhaltsam von hinten näherte. Gut so. Es durfte auf keinen Fall aufhören sie zu Jagen. „Na los, hol mich doch, wenn du kannst!“ schrie sie und bog in einen weiteren Schleichweg ab. Sie musste den Kopf beim Rennen einziehen so niedrig war er. Der Abstand zwischen ihnen schrumpfte bedrohlich. Sie lief aus dem Gang heraus in das Licht eines breiten Fluren, stieß mit unsichtbarer Kraft eine schwere Metalltür vor sich auf, rannte hindurch und in eine Sackgasse hinein. Das Wesen schoss mit einem markerschütternden Schrei auf sie zu. Sie rannte auf die Wand zu, daran hoch, drückte sich ab und sprang mit einem gewaltigen Satz über ihren Angreifer hinweg, rannte aus dem Raum heraus und sprang mit ihrem gesamten Körpergewicht an einen Wandhebel. Das schwere Gitter rauschte von der Decke und knallte lautstark zwischen den beiden auf den Boden. Mourose sackte an die Wand. Sie hatte es geschafft. Ihr keuchender Atem wurde von dem Wutgeheul des Wesens übertönt. © 2005 by Codo Stellaris |