Der Skorpion, siebter Teil

Stunden später wachte sie langsam mit einem seltsam tauben Gefühl an der Stirn wieder auf. Sie verspürte ein rhythmisches Klopfen an der Stelle.

Na super, jetzt habe ich auch noch einen Kater, dachte sie.

Der Rest ihres Körpers fühlte sich herrlich an, die Wunden und die Schmerzen waren verschwunden. Nur ganz ausgeruht war sie noch nicht, wahrscheinlich war es gerade mitten in der Nacht. Sie hatte das Klopfen schon fast wieder vergessen, als wieder etwas sanft an ihre Stirn tickte. Allmählich spürte sie, dass die Stelle, wo sie es spürte, nicht taub, sondern kalt war. Verwirrt tastete sie mit zwei Fingern. Und griff in etwas schleimiges. Irgendwas tropfte auf sie herunter! Ruckartig richtete sie sich auf und sah nach oben an die Decke. Doch da war nichts. Sie sah auf ihren Finger. Es war definitiv kein Serum, was sie da kleben hatte. Sie verrieb es mit dem Daumen, es war klar, zähflüssig und zog Fäden. Angewidert schmierte sie es am Rand der Regenerationskammer ab. War da etwa irgendein Leck in den Leitungen? Vielleicht war es eine Art Kühlflüssigkeit.

Sie überlegte. In diesem Teil verliefen eigentlich keinerlei Leitungen oder ähnliches. Außerdem sah die Decke völlig unbeschädigt aus.

Unsicher ließ sie ihren Blick durch den Raum schweifen und wagte sich nicht zu bewegen. Nichts erschien ihr ungewöhnlich. Wäre da nicht dieser kalte Schleim an ihrer Stirn, wäre alles völlig normal. Sie stieg leise aus der Wanne und wickelte sich in einen Bademantel. Sie fröstelte. Stimmte etwas mit der Umweltkontrolle nicht, dass es auf einmal so kalt war. Oder war sie noch so geschwächt? Sie nahm ein Tuch und wischte ihre Stirn ab. Sie faltete es zusammen und legte auf eine Ablage, sie würde die Substanz später analysieren. In ihrem Kleiderhaufen lag ihr Katana, sie nahm es zur Hand. Barfuss schlich sie aus dem Raum heraus, in die kleine Küche hinein. Doch auch sie war leer. Ebenso das Cockpit. Ihre Gedanken rotierten. Es konnte doch nicht sein, dass etwas auf das Schiff gelangen konnte. Die Dockschleuse war die ganze Zeit verschlossen gewesen! Es musste eine simplere Lösung geben. Vielleicht Kondenswasser? Nein, warum sollte es so schleimig sein? Hatte es sich vielleicht mit irgendwas an den Wänden vermischt? Irgendwie fühlte sie sich extrem unbehaglich. Was hatte sie nur übersehen, was noch nicht überdacht? Aber warum konnte sie dann außer dem Schleim nichts ungewöhnliches sehen oder gar im Äther spüren?

„Ich werde noch wahnsinnig,“ murmelte sie und entschloss sich die Suche abzubrechen.

Sie ging ins Bad, legte ihren Bademantel und ihr Katana auf einem Stuhl ab um sich unter der Dusche die Reste des Serums abzuwaschen. Sie ließ sich das heiße Wasser über ihren Kopf laufen und schloss die Augen. Es war Zeit, dass sie zurück nach Hause kam. Nur noch ein paar Stunden, und sie würde endlich in ihrem Bett liegen. Und dann würde sie ausschlafen, bis zum Mittag oder länger. Das hatte sie seit Jahren nicht mehr gemacht. Sie sah sich nach Shampoo um, doch sie fand nur ein ziemlich künstlich riechendes Vanilleduschgel. Sie wusch sich damit ihre Haare, Hauptsache sie bekam das klebrige Serum damit ab. Es war teilweise angetrocknet, weil sie zu lange darin gelegen hatte. Es würde dauern, das richtig auszuwaschen. Die Duschzelle füllte sich mit heißem Dampf, was sie wieder an das Nest auf dem fremden Schiff erinnerte.

Sie musste plötzlich lachen. Es war alles so absurd, was sie in den letzten Stunden erlebt hatte. Ein normaler Mensch müsste sie ja für total verrückt erklären, wenn sie davon berichtete. Bei all den gefährlichen Situationen, in denen sie gewesen war, grenzte es schon an ein Wunder, dass sie überhaupt noch lebte. Sie hatte zwar nicht viel erreichen können, aber sie hatte auch nichts verloren. Die Erfahrung konnte ihr jedenfalls keiner mehr nehmen. Dafür würden sie eine Menge Menschen auf der Erde mehr als nur beneiden. Insgesamt doch eine positive Bilanz. Sie war auf einmal viel besserer Laune und summte eine fröhliche Melodie während sie mit ihren Haaren kämpfte.

Deswegen bemerkte sie auch nicht den Schatten auf ihrem Duschvorhang, der langsam größer wurde. Sie hätte es auch weiterhin nicht bemerkt, wäre da plötzlich nicht dieses leise, metallische Klicken gewesen. Sie drehte sich um, schrie vor Schreck auf, als sie den Schatten sah, riss den Vorhang weg um nach ihrem Katana zu greifen, doch sie griff ins Leere. Es war nicht mehr da. Und auch das was den Schatten gemacht hatte, war plötzlich wieder weg. Ihr Herz raste wie verrückt. Wie konnte das sein? Was geschah hier?

Sie starrte immer noch auf die Stelle, an der ihr Katana liegen sollte, als ein dicker Tropfen klare Flüssigkeit auf den Bademantel fiel und vom Frottestoff aufgesogen wurde. Voller böser Vorahnung hob sie langsam den Kopf. Und konnte gar nicht glauben, was sie sah.

Das fremde Wesen saß kopfüber an der Decke, so behände als würde keine Schwerkraft existieren. In einer Hand hielt es ihr Katana. Es knurrte leise und schien sie mit seinen Metallzähnen anzugrinsen. Erst da wurde ihr klar, dass sie völlig nackt vor ihm stand. Schnell riss sie den Vorhang wieder zu und lehnte sich an die hintere Wand der Duschkabine.

Das konnte doch nicht sein, dachte sie fieberhaft und versuchte ihre Atmung zu normalisieren. Wie sollte es an Bord gekommen sein? Das war völlig unmöglich. Außerdem hatte sie es gar nicht gespürt! Wie konnte es sein, dass sie es derartig übersehen konnte?

Sie bemerkte, dass ihre Knie leicht zitterten. Sie fühlte sich so schutzlos und ausgeliefert. Jetzt hatte es auch noch ihr Katana!

Nur keine Panik, dachte sie. Es wird wissen, dass es auf diesem Schiff nur sicher ist und eine Chance zu entkommen hat, solange sie lebte. Sonst wäre sie schon längst tot. Schließlich hatte sie bereits wie auf dem Präsentierteller in der Regenerationskammer geschlafen ohne dass es ihr Schaden zugefügt hatte. Sie fühlte sich nicht besonders behaglich dabei, dass es sie die ganze Zeit hat begaffen können. Blödsinn, dachte sie dann. Es war eine völlig fremde, außerirdische Spezies, warum sollte es da Interesse an ihr haben? Nur die Ruhe. Sie würde sich erst mal den restlichen Schaum abspülen, sich etwas anzuziehen besorgen und dann noch mal von vorne anfangen. Es sollte nicht glauben, dass es die Oberhand hatte, nur weil es eines ihrer Katana geklaut hatte. Sie hatte schließlich noch ein zweites an Bord. Und da war ja auch noch die Plasmapistole. Sie würde sich nicht einfach so verunsichern lassen.

Sie lugte hinter dem Duschvorhang vor als sie fertig war. Es war nicht mehr im Badezimmer. Sie trocknete sich ab und wickelte das Handtuch um ihre langen Haare. Sie betrachtete ihr Spiegelbild. Grauenhaft, dachte sie. Ob sie wenigstens diese hässlichen Augenringe überschminken sollte? Eine Sekunde später kam sie sich reichlich blöd vor, diesen Gedanken überhaupt gedacht zu haben.

Betont gelassen ging sie trotz ihrer Nacktheit (ihr Bademantel war schließlich vollgesabbert) aus dem Raum heraus und holte sich aus dem Schrank frische Kleidung. Im Augenwinkel sah sie es, wie es in einer schattigen Ecke wie eine fette, überdimensionale Spinne an der Decke über der Regenerationskammer hing. Im Schatten leuchteten die silbrigen Zähne des Wesens wie das Halbmondgebiss der Grinsekatze aus „Alice im Wunderland.“

Sie ließ sich nicht beeindrucken. Sollte es sie doch beobachten. Beim Anziehen dachte sie darüber nach, warum sie es nicht gespürt hatte. Doch dann fiel ihr der Rotwein wieder ein. Aber dass er ihre Wahrnehmung derartig vernebelte, hätte sie nicht gedacht und zuvor auch noch nie erlebt. Vielleicht bewegte sich die Ätherschwingung des Wesens nahe ihrer Wahrnehmungsgrenze. Oder hatte es sich sogar auf ihre Wahrnehmung eingestellt und vor ihr Tarnen können? Aber woher sollte es wissen, wie sie den Äther spürte?

Sie nahm einen Fön und trocknete ihre Haare. Trotzdem wurde ihr nicht wärmer. Warum war es nur so kalt? Sie hatte eigentlich 21 Grad eingestellt. Warum schaffte die Umweltkontrolle nicht, die Temperatur zu halten? Sie sah hoch zu dem Wesen, das bewegungslos an der Decke hing. Seine Atemluft kondensierte in kleinen Wölkchen. Da wurde es ihr plötzlich klar, denn sie erinnerte sich an seinen kalten Atem, den sie deutlich gespürt hatte, als es noch angekettet gewesen war. Es entzog der Umgebung Wärme! Es schien zumindest zeitweise kaltblütig zu sein, so kalt seine Hand gewesen war, die sie umklammert hatte. Daher kam es bisher mit dem wenigen Blut, das sie ihm gegeben hatte, noch aus, während sie als Warmblüter bereits Hunger verspürte. Das würde auch erklären, warum das Nest so warm gewesen war. Der Pilz produzierte für die Wesen das richtige Klima und lieferte über die Wärme zusätzliche Energie, bildete zudem das Gerüst ihres Nestes. Im Gegenzug ernährte er sich von den übriggebliebenen Leichenteilen, denn um etwas Lebendiges zu verdauen oder gar selbst zu fangen war er zu schwach. Eine sehr effektive Symbiose, dachte sie und stellte die Heizungsleistung höher.

Dann ging sie in die Küche, um etwas gegen ihren Hunger zu unternehmen. Außerdem musste die Sachertorte weg, sonst fraß ihr sie wieder irgendjemand vor der Nase weg, wenn sie wieder zu Hause war. Sie legte sie auf einen Teller und seufzte. Kaffee wäre nicht schlecht dazu. Außerdem würde sie damit besser gegen ihre Müdigkeit ankämpfen können. Irgendwo müsste sich doch noch so ein Notfallzeugs, sprich so ein Instantpulver rumtreiben, das ein wenig, aber eben nicht ganz wie Kaffee schmeckte. Im Schrank war er nicht, aber sie sah die umgekippte Dose obendrauf liegen. Sie griff danach und stellte angewidert fest, dass Schleim daran klebte.

„Kannst du ekelhaftes Viech nicht mal aufhören überall deinen Rotz zu hinterlassen?“ brüllte sie wütend aus dem Raum heraus und wusch die Dose ab. Sie war zum Glück fest verschlossen und wasserfest, das Pulver hatte nichts abbekommen. Mit Kaffeetasse und Kuchenteller bewaffnet ging sie kurz darauf aus der Küche raus.

„Für’n Mitternachtskäffchen wärst du wohl nicht zu haben?“ fragte sie mit einer hochgezogenen Augenbraue und sah, dass das Tier ihr Katana in den Händen hielt und untersuchte. Sie legte den Kopf schief und grinste.

„Lass gut sein. Das verstehst du nicht mal ansatzweise. Du könntest es höchstens als Zahnstocher benutzen.“

Sie wollte gerade aus dem Raum herausgehen da sprang es plötzlich mit einer flinken und für seine Größe erstaunlich leisen Bewegung von der Decke und hielt ihr das Katana mit dem Griff zuerst hin. Mourose wunderte sich nicht schlecht über dieses Verhalten.

„Was soll das denn jetzt? Erst nimmst du es mir weg und jetzt...Ach so, soll ich dir zeigen, was ich damit drauf habe? Kannst du haben!“

Sie stellte ihre Fressalien ab und griff nach dem Schwert, doch sie fasste ins Leere. Verwundert zog sie die Augenbrauen hoch. Das blöde Vieh hatte es ein Stück zurückgezogen als sie es nehmen wollte!

„He, verarsch mich nicht, klar?“

Sie griff wieder, diesmal aber in Erwartung des Zurückziehens, doch das Biest war so reaktionsschnell, dass sie auch dieses Mal danebengriff. Provokativ hielt es ihr darauf den Griff wieder hin. Sie sah verärgert hoch. Die dünnen Lippen schienen zu grinsen. Es spielte mit ihr.

Beim nächsten Versuch nutzte sie ihre übermenschlichen Fähigkeiten um ihre Reaktionszeit zu verkürzen, täuschte vor und es zog das Schwert diesmal zur Seite weg. Sie verbog die Schwerkraft um ihre Kräfte zu vervielfältigen, sprang mit der Geschwindigkeit und Präzision einer Gottesanbeterin einen Überschlag, packte den Griff des Katanas mit beiden Händen als sie über Kopf in der Luft war, vollendete die halbe Drehung und kam leichtfüßig wieder auf den Boden. Mourose hatte den Griff packen können, aber es hielt die Klinge immer noch fest wie eine Schraubzwinge. Sie hätte sich gewünscht, dass es irgendwie überrascht reagierte. Doch es sah sie nur völlig ausdruckslos an. Sie erklärte es ihm trotzdem.

„Ich bin kein Mensch, auch wenn ich so aussehe. Ich bin weit mehr als das. Und das war noch lange nicht alles. Nur ein kleiner Vorgeschmack darauf, was dich erwartet, wenn du Ärger machst. Also fall mir nicht in den Rücken, kapiert? Nicht nach alledem, was ich für dich getan habe.“

Es wollte par tout nicht loslassen, daher sparte sie es sich, eine peinliche Ziehaktion zu starten. Sie hätte sich das Schwert wohl schon irgendwie zurückerobern können, wenn sie sich auf einen handfesten Kampf mit dem Vieh einließ. Aber sie hatte einfach keine Lust auf diese kraft- und nervenzehrenden Spielchen und überließ es ihm wieder. Außerdem wurde ihr Kaffee kalt.

Sie drehte sich um, holte diesen und das Tortenstück und setzte sich auf den Pilotensitz, um für einen Moment die Füße hochzulegen.

Sie mampfte die Sachertorte, verzichtete diesmal darauf die (sicherlich üppigen) Kalorien zu zählen und sah einen immer größer werdenden, sichelförmigen Fleck namens Jupiter auf sie zukommen. Bald würde sie wieder zu Hause sein. Dann würde diese zwangsläufig friedliche Situation auf irgendeine Art und Weise enden. Ob das nun durch das Wesen oder durch Luzifer geschah. Sie müsste sich noch zurechtlegen, wie sie es ihm erklären sollte, dass sie ein außerirdisches, völlig unberechenbares und wahrscheinlich hochintelligentes Raubtier mit sich schleppte, das sie mehrfach zu töten versucht hatte. Ihr fiel ein, dass es letztendlich ja ohne ihr Wissen an Bord gekommen war und es so nicht ihre Schuld war. Allerdings, das gestand sie sich ein, war sie es gewesen, die es von seinen Ketten befreit und somit die Ereignisse in Gang gesetzt hatte.

Sie könnte Luzifer ja eigentlich schon anfunken, aber darauf hatte sie im Moment keine Lust und hätte auch noch gar nicht gewusst, was sie hätte sagen sollen. Nicht einmal halbwegs vernünftige Erklärungen fielen ihr ein. Außerdem hatte sie ja gesagt, dass sie sich in ein paar Stunden melden würde, nicht in wie vielen.

Irgendwie war ihr melancholisch zumute. Ihr Ausblick war von berauschender Schönheit, so viele glitzernde Sterne wie sie ohne störende planetare Atmosphäre bewundern konnte. Von welchen dieses Wesen wohl ursprünglich stammte? Ob es schon das bizarrste war, was das All in seiner Vielfältigkeit des Lebens zu bieten hatte? Und dann diese Einsamkeit hier draußen, ihr umgebauter Truppentransporter eine winzige Insel in der lebensfeindlichen Leere. Das war wie auf einem kleinen Holzboot auf dem Ozean zu treiben. Zusammen mit einem Tiger, dachte sie. Was das Tier wohl gerade machte? Sie wollte es gar nicht wissen. Es war nicht hier bei ihr, das reichte. Sie wollte lieber hier weiter sitzen bleiben, ihren Kaffee austrinken und in die Sterne sehen.

„Musik,“ befahl sie sich selbst. Sie stellte sich einen alten Song aus den Siebzigern an, den sie sehr mochte, seitdem sie ihn vor vielen Jahren an einem dunklen, regnerischen Winterabend zufällig im Radio gehört hatte. Sie mochte keine Lieder über die Liebe, denn davon verstand sie nicht viel. Aber dieser war irgendwie ironisch und melancholisch zu gleich. Eine Stimmung, die sehr zu ihrer derzeitigen Situation passte.

Sie stopfte sich den Rest Sachertorte in den Mund und lehnte sich zurück. Das kleine Raumschiff rauschte unaufhaltsam der Erde entgegen, und für Mourose damit auch dem Ende der ohnehin schon geringen Sicherheit, nicht jeden Moment getötet zu werden. Jupiter zog mit seiner überwältigenden Schönheit und seinem ewigen Blutmahl an ihnen vorbei.

“Love in space of time
There's no more feeling
Automated love holding
Appealing
I'm longing to be touched
Longing for a kiss
Whisper words of love
Tell me that you missed me
See me, feel me, hear me, love me, touch me
See me, feel me, hear me, love me, I can see you
See me, feel me, hear me, love me, touch me, I can feel you…”

© 2005 by Codo Stellaris