Der Skorpion, sechster Teil
Mourose ging dieses Mal den langen Weg zurück, nicht den durch das Nest. Sie wollte beim besten Willen nicht herausfinden was passierte, wenn das fremdartige Wesen, das ihr in einigen Metern Abstand folgte, seine toten Artgenossen sah. Sie drehte sich von Zeit zu Zeit um, um sich zu vergewissern, dass es überhaupt noch da war. Seine Ätherpräsenz war zu verwirrend, als dass sie sich auf ihre Wahrnehmung dessen verlassen könnte. Das merkwürdigste daran war, dass ihr die Frequenz, die es aussandte, teilweise menschlich erschien. Sie seufzte. Wahrscheinlich war sie nur ein wenig paranoid. Es kroch in geduckter Haltung auf allen Vieren, immer dicht an der Wand, selbst auf dem Metallboden machte es keinerlei Schrittgeräusche. Ein Jäger aus dem Hinterhalt, dachte sie. Man würde es wahrscheinlich nicht einmal mitbekommen wie einem geschah, so effektiv es schleichen und töten konnte. Das grelle Licht in dem Korridor schien ihm nicht zu gefallen, immer wenn sie an einer Lichtquelle vorbeikamen, beschleunigte es. Aber ängstlich schien es trotzdem nicht, nur schien es die Dunkelheit vorzuziehen. Mourose war jedes Mal unwohl, wenn sie ihm wieder den Rücken zukehrte. Sie sah gerade wieder zufällig zu ihm, als es plötzlich inne hielt und den Kopf hob als hätte es eine Fährte aufgenommen. „Nicht stehen bleiben. Bei Fuß!“ rief sie. Doch es rührte sich nicht. Sie sah auf den Kartenzeichner. Das Nest war ganz in der Nähe. Verdammt. „Nix da, du kommst schön mit mir. Da gibt es sowieso nichts zu sehen!“ Es reagierte nicht auf sie, zog stattdessen die Luft geräuschvoll durch die Zähne ein. „Na schön, dann bleib eben hier. Ich hau hier ab, mit oder ohne dich.“ Sie drehte sich entschlossen um und ging ihren Weg weiter. Wissenschaftliche Sensation hin oder her, diesen Blödsinn machte sie nicht mehr mit! Ihr war dauerhaft schwindelig und es wurde ihr von Zeit zu Zeit schwarz vor Augen. Der Blutverlust machte ihr zu schaffen. Und dieses Biest konnte auch überall sein, was ihrem Wohlbefinden nicht gerade zuträglich war. Wenn sie nicht aufpasste, konnte es sie in ihrem angeschlagenen Zustand nun leicht überraschen. Aber ob es das überhaupt tun würde? Immerhin hat es sie nicht angegriffen, als es nach seiner Befreihung die Chance dazu hatte. Aber insgeheim warnte sie eine Stimme, dass man auf logische und menschliche Verhaltensweisen nicht hoffen konnte. Sie zerbrach sich nicht den Kopf, was es gerade anstellte. Was es auch tat, es konnte nicht von diesem Schiff runter. Sie würde es später immer noch einfangen können. Nun musste sie erst einmal Luzifer kontaktieren und auf ihr Schiff kommen, so dass sie wieder zu Kräften kam. Nach ein paar Minuten war sie wieder in der Kommandozentrale angelangt. Sie ging zum Fenster und schaltete ihr Funkgerät ein. Sie hatte sich noch gar nicht überlegt, wie sie Luzifer die Sache mit dem fremden Wesen erklären sollte. Er würde es wahrscheinlich nicht ohne weiteres erlauben, es mitzunehmen. „Basis von Tau2, bitte kommen,“ sagte sie und bemerkte wie kraftlos ihre Stimme bereits klang. Sie war sechs Minuten zu spät, das würde Ärger geben. Doch es passierte etwas anderes. „Mourose setzt dich sofort in Bewegung, schaff deinen Hintern da raus, hast du verstanden?“ Seine Stimme klang sehr aufgeregt. „Was ist denn los?“ fragte sie verwundert. „Der Übersetzer hat mittlerweile einige Worte korrigiert. Es ist keine Seuche ausgebrochen. Es waren Makroparasiten, die Menschen als Wirte für ihre Larven benutzen. Die Forscher haben sie untersucht und es kam zu einer massenhaften Vermehrung...“ Mourose war unfähig zu reagieren. Auf einmal ergab alles sehr viel mehr Sinn... Nervös sah sie sich um, ob das Wesen ihr nicht doch auflauerte. „...und das schlimmste ist, dass sie in eine Starre gehen können, in der sie extreme Kälte und sogar Vakuum über nahezu unbegrenzte Zeit überdauern können. Das heißt, es könnten immer noch welche von ihnen am Leben sein. Du bist in höchster Gefahr, also raus da, sofort!“ „Nichts aber, ich sagte sofort!“ Sie wollte gerade erzählen, was sie gesehen und erlebt hatte, da heulten plötzlich Alarmsirenen auf. „Was ist da los?“ kam es auf dem Funkgerät. „I..ich weiß es nicht,“ stammelte Mourose verwirrt. Sie hatte nichts angefasst. Eine helle, beinahe sanfte Stimme erklang im ganzen Schiff, die fremde Sprache wurde ihr wie folgt übersetzt: „Warnung. Energieumleitungsprozedur erfolgreich. Wiederaufnahme der Selbstzerstörung. Drei Minuten, 23 Sekunden verbleibend.“ „Versuch es abzuschalten!“ kam ein recht überflüssiger, aber gut gemeinter Rat aus ihrem Funkgerät. „Was glaubst du was ich gerade mache?“ rief sie und hackte auf die Konsole ein. „Beendung der Sequenz durch Autorisationscode 1 geschützt. Drei Minuten verbleibend“ verkündete die Stimme. Mourose schwitzte. Die Zeit würde niemals reichen, den Code zu knacken. „Ich schaffe es nicht!“ rief sie verzweifelt. „Dann sieh zu, dass du da wegkommst!“ Sie dachte fieberhaft nach. Zu Fuß würde sie es nicht schaffen in der Zeit zurückzukommen, sie müsste darüber hinaus die Dockschleuse wieder öffnen und sich mit dem Transporter in sichere Entfernung bringen. Sie könnte sich natürlich mit dem Dimensionstor direkt in das Schiff transportieren. Ebenso das Tier, sie müsste es berühren, damit das Tor es mitnehmen würde. Aber dazu müsste sie es erst einmal finden! Sie rannte los, auch wenn sie wenig Hoffnung auf Erfolg hatte. „Mistvieh! Wo steckst du? Was soll der Scheiß? Komm her, wenn dir etwas an deinem Leben liegt!“ Ihre Stimme überschlug sich fast, so laut rief sie gegen die Sirenen an. Sie sah auf ihre Uhr. Sie musste auf ihr Schiff zurück. Keine Sekunde länger durfte sie mehr warten. Sie aktivierte den Siegelstein des Dimensionstores, welches sich als leuchtende Lichtscheibe vor ihr auftat. Sie drehte sich noch einmal um, ob das Tier nicht doch zurückkam. Doch die Korridore lagen leer und verlassen vor ihr. „Der Darwinismus will, dass die Dummen sterben,“ sagte sie leise und schritt durch das Tor. Einen Sekundenbruchteil später stand sie hinter der Pilotenkanzel ihres Transportschiffes. Sie schwang sich schnell in den Sitz und löste die Dockklammern. Die Zeit wurde knapp. Sie wusste ja nicht, mit welcher Art von Explosion sie zu rechnen hatte. Sie schaltete schnell die Düsen an und beschleunigte. Sie gab volle Energie auf die hinteren Schutzschilde und hoffte, dass sie sich bis zum Moment der Explosion aufgeladen hatten. Es gab keinen Knall im luftleeren Raum, nur einen gewaltigen Lichtblitz, der sie für einige Sekunden erblinden ließ. Endlos lange Sekunden der Stille wurden plötzlich von einem ohrenbetäubenden Lärm gefolgt, als die Druckwelle auf die Schilde einhämmerte und das Schiff wie einen Fischkutter im Sturm herumschleuderte. Mourose schrie entsetzt auf als sie aus ihrem Sitz gehoben wurde. In der Eile hatte sie vergessen sich anzuschnallen. Sie wurde gegen die Frontscheibe geschleudert, knallte mit dem Hinterkopf zuerst dagegen. Endlich, dachte sie als gnädige Schwärze sie umfing und wurde ohnmächtig. Sie wachte unter furchtbaren Schmerzen auf und fand sich auf der Steuerkonsole liegend wieder. Ihr Schädel fühlte sich an als würde er mit einem Presslufthammer bearbeitet. „Oh Mann, was für eine Scheiße muss mir heute eigentlich noch passieren,“ fluchte sie leise und krabbelte herunter. „Basis von Tau2, bitte kommen,“ brachte sie heraus. „Hier Basis. Ein Glück, du lebst noch!“ Sie befühlte ihren Hinterkopf. Eine dicke Beule, aber kein Blut. „Naja, fast. Ich wurde ganz schön durch die Mangel gedreht.“ „Ruh dich aus. Und mach dir keine Vorwürfe, du konntest nichts dafür.“ Sie seufzte. Sie wollte darüber nicht reden. „Ich setzte auf Autopilot und gehe in die Regenerationskammer. In ein paar Stunden bin ich wieder auf Sendung.“ Sie schleppte sich zu der Regenerationskammer und ließ die durchsichtige Abdeckung öffnen. Im Schrank daneben fand sie neben diversen anderen Mittelchen blutbildende Tabletten und ein Schmerzmittel. Sie brauchte vor allem erst einmal Flüssigkeit. Sie trabte zum Kühlschrank im Raum nebenan, hatte sich einen Saft oder Buttermilch gewünscht, fand aber nur einen aus irgendwelchen Gründen kaltgestellten Rotwein und die Sachertorte, die sie sich als Wegzehrung eingepackt hatte. Sie war auch durchgeschüttelt worden, doch sie war zum Glück in Folie verpackt und hatte die Erschütterungen der Explosion nahezu unbeschadet überstanden. Alkohol und Schmerzmittel passten nicht so recht zusammen, daher entschied sie sich nur für den Alkohol. Sie krallte sich den Rotwein, entkorkte ihn und stellte ihn in die Mikrowelle. Sie schmiss die Tabletten ein, schüttete vier große Gläser fade schmeckendes Leitungswasser hinterher und nahm die nun lauwarme Flasche mit sich. Sie zog sich aus und legte sich in die wannenartige Kammer, die sich darauf mit angenehm vorgewärmten, leuchtend blauen Heilserum füllte. Das Zeug war gut, so gut, dass es die natürliche Alterung stoppen konnte. Was der Grund dafür war, dass Luzifer mehrere Tausend Jahre alt war. In zwei Stunden müsste sie komplett genesen sein. Sie konnte fast zusehen wie die Wunde an ihrem Arm sich schloss. Sie atmete die ätherischen Ausdünstungen des Serums tief ein, setzte die Flasche an den Hals und trank eine unanständige Menge. „Scheißtag, gottverdammter Scheißtag,“ murmelte sie. Es war wirklich nicht so gelaufen, wie sie es sich erhofft hatte. Die Explosion werden die irdischen Astronomen sicherlich bemerkt haben. Sie hatte gerade mal die Logbücher des Kontrollzentrums und der medizinischen Abteilung retten können. Das Schiff, die menschlichen Knochen, der Schleimpilz, die Spinnentiere, und auch das einzige noch lebende Tier. Jetzt waren sie Sternenstaub. Hätte sie doch wenigstens eine Probe des Pilzes mitgenommen. Wäre das blöde Viech doch bloß weggerannt. Sie trank wieder. Da hatte sie es gerade von seiner Kette befreit und dann so ein abruptes Lebensende. Wenigstens hatte es einen schnellen Tod gehabt. Wenn sie doch verstanden hätte, was es vorgehabt hatte. Was es über sie gedacht hat. Endlich eine Lebensform, dessen Geist nicht so offen wie ein Buch für sie war. Das langweilte auf Dauer. Vielleicht das letzte seiner Art. Unwiederbringlich tot, keine Rätzel, keine Antworten mehr. Keinen Kampf, keine Niederlage, keinen Sieg mehr. Nur Leere. Sie trank wieder einen Schluck. „Mistvieh.“ Sie wurde des Grübelns müde. Es war auch schon spät am Abend geworden. Die Wärme und Behaglichkeit in der Kammer taten ihr übriges. Sie stellte die Flasche beiseite und war sogar zu faul, den Deckel zu schließen. Schnell dämmerte sie in das Reich der von monströsen Insekten bevölkerten Träume.© 2005 by Codo Stellaris |