Der Skorpion, fünfter Teil

Die Tür zu einem der Labor, die mit ihr unverständlichen, aber dennoch recht bedrohlich aussehenden Warnhinweisen beschildert war, klemmte aus irgendwelchen Gründen und Mourose musste sich mal wieder durchschweißen. Das gab ihr wenigstens Zeit, über die vorangegangene Entdeckung nachzudenken. Irgendwie passte alles vorne und hinten nicht. Anstatt in die Sache mit der Krankheit Klarheit zu bringen, waren neue Rätsel aufgetaucht. Was hatten diese komischen Rieseninsekten in den Lüftungsschächten und dem Nest im Tank auf sich? Und warum waren sie vergiftet worden? Und wie passte das mit der Energieabschaltung zusammen? Sie versuchte darüber nachzudenken, aber die schwüle Atmosphäre in dem Nest hatte ihrer Konzentration immer noch zugesetzt. Mit einem lauten Krachen, welches noch lange durch die verlassenen Korridore wiederhallte, brach die Tür aus der Fassung und sie konnte das Labor betreten. Ein breiter, grell erleuchteter, aber leerer Raum tat sich vor ihr auf. Mehrere Türen gingen davon ab. Anscheinend waren die Labore ein in sich geschlossener Komplex. Sie ging durch eine Tür und fand sich in einer Art Lagerraum für Chemikalien wieder, die in einer beneidenswerten Ordnungswut in einem Regal hinter dicken Glasscheiben aufgereiht waren. Ihre Umweltkontrolle warnte sie bereits vor der Giftigkeit einiger dieser Mittel. Der Übersetzer konnte mit den komplizierten Bezeichnungen auch nichts anfangen, also ließ sie lieber die Finger davon.

Sie ging einen Raum weiter und fand mehrere Arten von Durchleuchtungsgeräten und die dazugehörigen Konsolen vor. Sie beugte sich über eine und konnte das medizinische Logbuch öffnen. Allerdings warnte sie der Übersetzer, dass es zu viele Fachbegriffe enthielt um sofort eine vernünftige Übersetzung liefern zu können. Sie lud es sich auf ihren Minicomputer. Dazu wäre später noch genug Zeit. Ihr fiel eine schwere hydraulisch verriegelte Tür am anderen Ende des Raumes auf. Etwas, was derartig gesichert werden muss, sollte eine Inspektion wert sein. Sie schlug auf einen roten, großen Knopf neben der Tür und mit einem lauten Zischen bewegte sich das große Ding. Ihr fiel zum ersten Mal auf, dass es keinerlei Sicherheitsvorkehrungen wie Codes oder ähnliches gab, weder hier noch in der Kommandozentrale. Vielleicht gab es ja doch eine Spezies im Weltraum, denen Regeln wirklich etwas bedeuteten und die gar nicht auf die Idee kamen, irgendetwas verbotenes zu tun. Wenigstens war es zu ihrem Vorteil, dass sie nicht an jeder Ecke Codes knacken musste.

Der Raum hinter der schweren Tür war groß und auch in mehrere Bereiche eingeteilt. Zuerst erblickte sie auf einem Tisch große, sehr dickwandige und durchsichtige Behälter mit einer gelblichen Flüssigkeit, in denen tote Exemplare der großen Spinnen trieben. Das bedeutete zumindest, dass die Erbauer des Schiffes von den Untermietern gewusst haben und sie untersucht haben. Sie sah sie sich genauer an. Diese Exemplare waren konserviert und nicht verwest. Wie erwartet war ihre Unterseite weich und fleischig. Es hatte dort auch eine Art Mund oder Geschlechtsorgan aus dem ein langer, dünner Schlauch hing und an den Körperseiten hatte es zwei seltsame schlaffe Beutel. Sie machte aus allen erdenklichen Winkeln Fotos und konnte den Blick kaum von der Kreatur nehmen. So faszinierend es auch aussah, im Dunkeln mochte sie dem Viech nicht begegnen. Sie müsste einen Weg finden, wenigstens einen dieser Behälter mitzunehmen. Aber zum Tragen schienen sie ihr zu schwer, was sie leider tun müsste, um es durch das Dimensionstor zu schaffen. Aber das hatte Zeit und musste auch erst mit Luzifer abgeklärt werden. Sie ging weiter.

Was die Forscher hier wohl getrieben hatten? Wie ein Labor zur Erforschung von Viren sah es ihr nicht aus, auch wenn sie wusste, dass ihre Einschätzung nicht viel bedeutete. Schließlich war sie keine Expertin auf dem Gebiet, und dieses Labor war auch kein irdisches, warum sollte es also wie in ihrer Vorstellung aussehen? Insgesamt passte aber alles nicht so recht zueinander. Von außen sah das Schiff so bullig und militärisch aus, im Inneren befanden sich stattdessen Forschungslabore. Sie hatte plötzlich eine breite Konsolenreihe vor sich, dann eine große, sehr massive Glasscheibe, die aber vom Kondenswasser trüb war. Der Raum dahinter schien Objekt der Beobachtung gewesen zu sein. Es war dunkel darin und sie brauchte etwas Zeit, um das Licht darin über die Konsole anzuschalten. Sie erschrak. Irgendwas war da drin! Ein dunkler, etwa menschengroßer Fleck lag auf dem Boden des nun hell erleuchteten und ansonsten wohl leeren Raum. Sie wischte mit der Hand über die undurchsichtige Scheibe, aber sie war von beiden Seiten beschlagen. Es gab einen Zugang zu dem Raum, und das erste Mal stieß sie auf eine Art Sicherheitsschranke. Sie musste mehrmals bestätigen, dass sie den Raum öffnen wollte. Sie spürte die Aufregung in sich aufsteigen und nachdem was sie zuvor gesehen hatte, nahm sie ihr Katana zur Hand als sie sich in Richtung Tür begab. Die Gedanken an das seltsame Nest und die menschlichen Knochen darin rasten ihr durch den Kopf. Sie verfluchte es, so nervös zu sein. Es war total unlogisch, das gesamte Schiff war mindestens über Jahrhunderte luftleer, es konnte gar nichts überlebt haben. Außerdem spürte sie keinerlei Ätherpräsenz von Leben.

Was sie in dem Raum sah, ließ sie erstarren. Es war ein Kadaver dieser seltsamen Tiere, die in dem Nest tot auf einem Haufen neben dem ganz großem gelegen hatten. Es lag an einer massiven Kette. Eine Körperkontur konnte sie auch hier nicht erkennen, es hatte eine Art schlafende Position eingenommen, den langen, skelettartigen Schwanz mit einer scharfen Lanze an der Spitze um den schwarzblau glänzenden Körper gewickelt. Nun erkannte sie auch, was die glatten ovalen Strukturen in dem Nest gewesen waren. Es war der Kopf. Der Hinterkopf war stark verlängert, fast bis auf einen Meter, und zum Rücken hin gekrümmt, aus dem vier merkwürdige lange Fortsätze wuchsen, die an ihre eigenen zurückgebliebene Flügelansätze erinnerten, die nur in ihrer Nephilimgestalt sichtbar waren.

Sie trat näher heran. Das Gesicht konnte sie nicht sehen, es war in die beinahe menschlichen, klauenbewehrten Hände vergraben. Eiskristalle und Tau glitzerten auf der ledrigen, teilweise gepanzerten Oberfläche des Tieres. Ihr fiel auf, dass es nicht in einer verkrampften Pose wie die anderen gestorben war, es sah eher nach einer natürlichen Schlagposition aus. Sie hockte sich neben dem leblosen Körper hin und steckte ihr Katana ein. Was machte es für einen Sinn, dass die Forscher eines dieser Tiere hier gefangen gehalten haben? Die Anlage schien regelrecht dafür ausgelegt zu sein Beobachtungen und Versuche mit ihnen zu machen. Ihr Blick fiel auf die schwere Kette, die sich am Ende dreifach aufspaltete, wobei ein Ende um den Hals, die anderen beiden an den Handgelenken befestigt waren. Sie trug Spuren von spitz zulaufenden Zähnen, hatte aber standgehalten. Mourose runzelte die Stirn. Das Material der Kette schätzte sie als Titan ein, was für enorme Kraft musste dieses Tier mit seinen Zähnen erzeugt haben können! Sie bemerkte, dass der Boden an mehreren Stellen leichte Verätzungen ähnlich derer, die sie im Korridor gesehen hatte. Doch diese waren nur oberflächlich. Sie blickte auf ihren Handscanner und bemerkte, dass auch der Boden aus Titan war. Ob das Tier dafür verantwortlich war? Sie wusste, dass es auf der Erde Käfer gab, die kochendes Wasser oder ätzende Säuren auf ihre Angreifer schossen. Vielleicht hatte es einen ähnlichen Verteidigungsmechanismus besessen.

Ihre Aufregung vermischte sich mit der Freude über diesen Fund. Das Exemplar war gut erhalten, sie hatte wirklich Glück. Erst die Spinnentiere und dann das! Zweifelsohne hatte sie einen bedeutenden wissenschaftlichen Fund gemacht. Luzifer hätte endlich mal einen Grund stolz auf sie zu sein. Sie fotografierte das Wesen. Wie schwer es wohl war? Sie würde es auf 200 Kilo schätzen, aber das würde vom Material der Panzerung abhängen. Sie klopfte mit dem Finger gegen den Kopf des Wesens. Es ergab einen klaren, kurzen Ton. Eine sehr leichte Panzerung schätzte sie, aber sehr stabil. Wenn sie doch nur das Gesicht sehen könnte! Ob sie die Hände wegbewegen konnte? Sie beugte sich neugierig vor.

Eine Sekunde später wäre sie tot gewesen, hätte ihr Unterbewusstsein nicht die plötzliche Ätherbewegung instinktiv richtig interpretiert, die dem Angriff vorausging. Dennoch schaffte sie es nicht sich komplett in Sicherheit zu hechten, rasiermesserscharfe Krallen zerfetzten ihren Raumanzug und schnitten in ihr Fleisch. In der hektischen Ausweichbewegung stürzte sie unsanft zu Boden, wich einem Schlag mit der Lanze aus und schaffte es endlich rückwärts wegzukrabbeln, bis sie mit dem Rücken an die Wand stieß. Völlig vom Schock paralysiert starrte sie auf das Wesen, dass nun quicklebendig wie ein bösartiger Kampfhund an der Kette tobte und markerschütternde, helle Schreie ausstieß. Sie war außer Gefahr, die Kette hielt stand.

Als ihr klar wurde, was geschehen war, erschlaffte ihr Körper plötzlich und sie fand sich in einem Zustand der totalen Verzweiflung wieder. Wie hätte das geschehen können? Warum hatte sie sich nur so dumm verhalten? Sie unterdrückte ein Schluchzen. Sie durfte jetzt nicht resignieren. Langsam konnte sie wieder einigermaßen denken. Das erste, was ihr bewusst wurde, war ihr am rechten Arm völlig zerfetzter Raumanzug, aus dem dunkles Blut quoll. Vollgepumpt mit Adrenalin spürte sie keinen Schmerz, aber sie musste etwas gegen den Blutverlust tun. Obwohl das Tier immer noch kreischte und tobte, dessen Aufmerksamkeit aber mittlerweile der hinderlichen Kette galt, versuchte sie die nötige Ruhe zu finden, ihren Ärmel abzustreifen. Die daraufhin freigewordenen Schnittwunden sahen schlimm aus, aber es war wenigstens nur venöses Blut, das sie verlor. Sie riss Material aus dem Inneren des abgetrennten Ärmels und legte sich einen provisorischen Verband an. Dann schloss sie kurz die Augen und atmete ein paar Mal tief durch. Sie brauchte jetzt klare Gedanken.

Als sie ihre Aufmerksamkeit wieder dem Tier widmete, hob es den Kopf, fast so als hätte es ihre Gedanken gelesen, und sah in ihre Richtung. Obwohl von „Sehen“ nicht die Rede sein konnte, denn es hatte kein Augen. Es hatte gar kein Gesicht, keine Nase, keine Ohren. Nur ein Maul aus dem klarer Speichel tropfte. Es zog die dünnen Lippen hoch und zischte sie an. Dabei entblößte es spitze, chromglänzende Zähne. Der lange, dünne Schwanz peitschte hin und her wie der einer wütenden Katze. Würde es sich richtig aufrichten, wäre es wahrscheinlich über zwei Meter groß. Es hatte vier Gliedmaßen, stand dabei in leicht vorgelehnter Haltung auf den Hinterbeinen und balancierte das Gewicht mit dem Schwanz aus. Der Körper war so schlank, dass er fast fragil gewirkt hätte, wenn die Bewegungen nicht so kraftvoll, präzise und von unglaublicher Schnelligkeit wären.

Mourose erschauderte. Ein derartig fremdartiges Wesen hatte sie sich nicht in ihren kühnsten Träumen vorstellen können. Sie kannte ein paar Bestien aus Luzifers Privatzoo, Drachen, schwarze Einhörner, Teufelchen, Schlangen. Aber keines dieser Wesen strahlte auch nur annähernd so viel Bosheit und Unberechenbarkeit aus wie dieses. Sie überlegte, wie sie aus dem Raum kommen könnte. Das Wesen war genau zwischen ihr und dem Ausgang. Sie schätzte, dass sie an der hinteren Wand vorbei kommen sollte, die Kette müsste kurz genug sein. Aber damit würde sie zwangsläufig in Reichweite des langen Schwanzes kommen. Vorsichtig und langsam stand sie auf. Hektische Bewegungen machten alle Tiere nervös, insbesondere Raubtiere, das wusste sie gut genug. Sie durfte keinerlei Angst, keine Schwäche zeigen. Tatsächlich war das Wesen nun erstaunlich ruhig, sah nicht einmal mehr in ihre Richtung und kaute nahezu gedankenverloren an der Kette.

Wenn sie nur langsam hinten durch gehen würde, müsste sie eine Chance haben. Mourose gelang es nicht, eine emphatische Verbindung zu dem Tier herzustellen. Bei irdischen Tieren war das sogar leichter als bei Menschen, doch dieses hatte wahrscheinlich eine völlig fremdartige Gehirnstruktur. Sie versuchte so uninteressiert wie möglich zu wirken als sie an dem Wesen vorbeiging. Wie sie gehofft hatte, regte es sich nicht als sie in seinen Wirkungsbereich trat. Doch dann im letzten Meter der Strecke schoss die Lanze auf sie zu, verfehlte sie nur um Millimeter und krachte in die Wand, so dass Funken auf sie niederprasselten. Schnell rannte sie den restlichen Weg in Sicherheit.

„Du ausgekochtes Mistvieh!“ schrie sie verärgert. Es zappelte wieder an der Kette und heulte schrill vor Wut. Wahrscheinlich verfluchte es seine Gefangenschaft. Mourose drückte mit der Hand auf ihren Verband, der langsam vom Blut durchtränkt wurde und seufzte. Irgendwie konnte es einem ja leid tun. Kein Wesen hatte es verdient derartig gefesselt ein Dasein zu fristen. Vielleicht hatten die Forscher sogar grausame Experimente mit ihm angestellt und war Zeit seines Lebens niemals von der Kette befreit gewesen. Erstaunt bemerkte sie, dass es sich plötzlich sehr viel unkontrollierter bewegte. Es wirkte kraftlos und schwankte hin und her, bis es sich zu Boden sinken ließ und schwer keuchend dort liegen blieb. Sie zögerte, ob sie sich das genauer ansehen sollte. Es könnte schließlich wieder ein Täuschungsmanöver wie das zuvor sein.

Sie dachte nach. Welche Optionen gab es für sie überhaupt? Es mitzunehmen wäre wahrscheinlich Wahnsinn, so aggressiv wie es war. Sie müsste es betäuben. Andererseits würde sie es nicht einfach zurücklassen wollen. In dem geschwächten Zustand, würde es sicher nicht mehr lange überleben. Außerdem war es wahrscheinlich das letzte Wesen an Bord dieses Schiffes, dass durch seine Gefangenschaft zufällig überlebt hatte. Und wenn es so war, könnte es durchaus sein, dass es das letzte seiner Art sei, so lange wie das Schiff schon durch das All getrieben war. Es beobachtete sie, das spürte sie, auch wenn es den Kopf immer noch gesenkt hatte. Es musste vielfältige Wahrnehmungsarten besitzen, die wahrscheinlich weit über das menschliche Sehen hinausgingen.

„Wie clever bist du eigentlich?“ fragte Mourose.

Es zischte leise, zeigte aber keine weitere Reaktion. Das Täuschungsmanöver zuvor war eigentlich zu gut durchdacht gewesen, um eine reine Instinkthandlung gewesen zu sein. Wenn sie das Wesen doch wenigstens spüren könnte! Sie fühlte seine Präsenz, nun da es aus seiner Starre erwacht war, aber sie war fremdartig und verstörte sie. Denn manchmal glaubte sie Gedankenfragmente von zerreißender Intensität zu empfangen, die für sie aber überhaupt keinen Sinn ergaben. Sie sah auf die Uhr. Eine Viertelstunde noch. Sie musste sich langsam entscheiden was sie tun wollte.

„Volles Risiko,“ entschied sie sich laut und ging festen Schrittes auf das fremde Wesen zu. Sie hatte gehofft, dass es sich von ihrer Entschlossenheit beeindrucken ließe, da selbst viele Raubtiere wie Löwen oder Bären sich von solchen Auftritten verwirren und manchmal sogar einschüchtern ließen, aber es reagierte gar nicht auf sie.

„Na los, ignorier mich einfach. Ich bin gar nicht da,“ provozierte sie mit lauter Stimme. Sie wollte wieder eine Reaktion. Wenn es aggressiv war, war es wenigstens berechenbar. So hoffte sie zumindest. Sie stand mittlerweile dicht neben dem schwer atmenden Tier. War es wirklich so geschwächt wie es aussah? Sie hockte sich neben den beeindruckenden Kopf und stieß es mit der Hand an.

„Beweg dich gefälligst, du fauler Hund!“ rief sie. Dann endlich der erwartete Angriff. Doch er war im Vergleich zu vorher träge und unpräzise, es viel ihr leicht, den vor ihrem Gesicht zuknallenden Zähnen auszuweichen. Aber einen normalen Menschen mit weit geringerer Reaktionszeit hätte der Angriff bereits getötet. Es zischte wütend, so schrill wie ein Leck in einem Hydraulikschlauch, und sank wieder zusammen.

„War das schon alles?“ spottete sie und lehnte sich provokativ vor. Langsam hob es den Kopf, wartete ihren Blick ab und öffnete das Maul. Verwundert sah Mourose hinein. Was war das denn?

Die Zunge schoss heraus, selbst für Mourose war die Zeit zum ausweichen sehr knapp. Noch bevor sie überhaupt realisiert hatte, was geschehen war, hatte sie das Ding gepackt und hielt es in der festen Faust. Es schrie wie unter Schmerzen auf und wurde plötzlich ganz ruhig.

„Das gefällt dir nicht, was?“ lachte sie und sah sich die Zunge genauer an. An der Spitze des langen und harten Organs waren spitze Zähne, es war eine Art zweites Maul. Wie eine fette Schlange wand sich das Ding in ihrer Hand, die Zähne klappten auf und zu. Es benutzte sie wie eine Harpune, dachte sie, ähnlich wie ein Specht. Ihr fielen die seltsamen Schädelfrakturen wieder ein. Das würde zusammenpassen. Eine sehr effektive Methode zu töten, ähnlich wie ein Bolzenschussgerät. Zum Glück hatte sie die Zunge mit ihrem noch behandschuhtem Arm gefasst, dieses grässliche, schleimige Ding, dass sicher schon in einigen Gehirnen gesteckt hatte, in ihrer nackten Hand zu haben, hätte sie doch einigermaßen angewidert. Das Wesen bewegte sich langsam unter ihrem festen Griff.

„Hältst du wohl still!“ brüllte sie verärgert und drückte die „Zunge“ ruckartig zum Boden, so dass es sich wohl oder übel mitbewegen musste, wenn es seiner primären Waffe nicht entledigt sein wollte. Sofort war es wieder absolut ruhig. Sie zog ihren Schweißer mit der freien Hand aus der Tasche und hielt es vor den Kopf des Wesens.

„Siehst du das? Damit könnte ich dich hier rausholen, das zerschneidet deine Kette wie Butter. Aber glaubst du, dass ich das mache, wenn du hier so eine Show abziehst? Dann lasse ich dich hier verrotten. Ich erwarte absolute Kooperation, du machst ausschließlich das, was ich dir sage. Und nichts anderes. Hast du das verstanden, du hässliches Miststück?“

Zum Nachdruck festigte sie den Griff um die Zunge und zog kurz daran, was dem Wesen wieder ein grauenhaftes, schrilles Quieken entlockte. Sie war sich nicht sicher, ob es ihre Sprache verstand, deswegen übermittelte sie die Botschaft zusätzlich auf allen ihr bekannten telepatischen Frequenzen. Sie ließ darauf die Zunge los, erntete keine Reaktion, aber auch keinen weiteren Befreiungs- oder Angriffsversuch. Sie seufzte. Was sollte sie nur machen? Zumindest die Schwäche war keine Show gewesen, es wirkte von jeder Sekunde zur nächsten teilnahmsloser und apathischer. Es hätte sie längst töten können, doch es machte nicht mal mehr einen Versuch dazu. So außergewöhnlich die Fähigkeit doch war, in absolut lebensfeindlicher Umgebung zu überdauern, die lange Zeit im kaltem Vakuum des Alls war wohl doch zu viel für es gewesen. Vielleicht war es ja auch schon vor dem Eintreten in die Starre geschwächt gewesen. Sie hatte eine Idee. Die Biester fressen Menschen, wenn sie können. Vielleicht war genau das ihr Vorteil. Sie hielt ihren blutigen Verband direkt vor sein Maul. Es reagierte. Endlich. Es hob den Kopf und streckte sich vor, ein bedrohlichen Grollen kam aus seiner Kehle. Es fletschte die Zähne und begann grässlich zu sabbern. Sie zog ihren Arm von ihm weg, und es mobilisierte die letzten Reserven um der Verlockung auf allen Vieren hinterher zukriechen, eine Fortbewegungsart die ihm nicht fremd zu sein schien. Sie nahm den Verband ab und das Blut tropfte wieder ihren Arm herunter.

„Will Kitty feines Fresschen?“ witzelte sie und ging noch ein Stück weiter weg. Es knurrte und zischte sichtlich verärgert über die Situation, konnte sich aber dem Trieb, seinen Hunger zu stillen, nicht widersetzen. Sie setzte sich hin, bis es dicht vor ihr war. Es war damit wieder am Ende der Kette angelangt und hing nun Zentimeter vor dem blutenden Arm fest.

„Wehe, du benutzt deine Scheiß-Zunge. Du weißt was dann passiert,“ sagte sie und machte eine greifende und zurückreißende Geste mit der Hand. Es keuchte vor Anstrengung und Gier, doch es hing trotz der Ausweglosigkeit der Situation mit aller verbleibender Kraft in der Kette mit der stoischen Energie eine Stubenfliege, die stundenlang mit dem Kopf voran gegen das Fenster fliegt, wenn draußen die Sonne scheint. Intelligent oder nicht, dem Geruch von Blut konnte es sich nicht widersetzen.

„OK, jetzt da wir schon so nett zusammensitzen, können wir ja auch mal über unsere Beziehung reden, nicht wahr? Ich gebe dir von meinem Blut und lasse dich frei. Aber denk an unsere Abmachung!“

Mourose wusste, dass sie fies war. Aber um mit diesem Wesen zu kooperieren, musste sie das auch. Nur der Gedanke, ihren blutigen Arm diesem Viech in den Hals zu stecken gefiel ihr nicht. Es würde im Blutrausch vielleicht nicht davon zurückschrecken sie anzugreifen, auch wenn es wissen sollte, dass es damit sein Schicksal entgültig besiegeln würde.

„Weißt du was Vertrauen ist? Ich würde dir raten, es zu wissen, wenn du deine Eingeweide nicht im Schiff verstreut wiederfingen willst,“ sagte sie. Sie hatte Angst, furchtbare Angst, aber sie konnte die körperlichen Symptome dessen unterdrücken. Stattdessen spürte sie die Stellen schmerzhaft am Rücken, an denen ihre verkümmerten Flügel austraten, wenn sie in ihre Nephilimgestalt wechselte. Sie war kurz davor, die Beherrschung über ihre menschliche Form zu verlieren. Das war das letzte, was sie jetzt noch gebrauchen könnte. Das mit dem Vertrauen erübrigte sich gerade, da das Tier plötzlich wieder unter einem lauten Ächzen zusammenbrach.

„Du bist wirklich nicht besonders helle, was? Was vergeudest du auch deine Reserven für etwas derartig aussichtsloses?“

Sie legte die Hand des unverletzten Armes auf den glänzenden Kopf des Tieres und drückte ihn zur Seite. Sie hielt den blutigen Arm direkt über das nun freiliegende Maul und machte eine Faust, dass das Blut kräftig herausfloss.

„Ich hoffe, du weißt das zu schätzen,“ knurrte sie. Zuerst bewegte es sich gar nicht, doch dann hob es langsam den Kopf und riss gierig den grässlichen Schlund auf. Dabei blieb es aber immer noch geschwächt am Boden liegen. Mourose kam das alles plötzlich so verkehrt vor. Was tat sie da eigentlich? Wäre es nicht angekettet, hätte es sie in der ersten Sekunde getötet. Und jetzt half sie ihm auch noch, ohne zu wissen, worauf sie sich einließ. Es machte noch keine Anstalten sie anzugreifen, doch das musste nichts heißen. Vielleicht wollte es für den Moment das Spiel mitspielen, um wieder zu Kräften zu kommen. Mourose merkte, dass ihre Energien schwanden. Mehr Blut durfte sie nicht verlieren, sonst würde sie Gefahr laufen zusammenzubrechen. Sie zog ihren Arm zurück, worauf das Tier mit einem verärgerten Schrei reagierte. Darauf sank der schwere Kopf wieder auf den Boden zurück.

„Undankbarkeit ist der Welt Lohn,“ seufzte sie und legte sich wieder den Verband an. Was nun geschah überraschte selbst sie. Das Tier schnaufte kurz wie unter schwerer Anstrengung, den Körper durchfuhren leichte Zuckungen. Doch dann, schon nach einigen Sekunden, kam es mit einer flinken Bewegung auf die Beine und richtete sich langsam zu seiner vollen Größe auf. Nicht deutete auch nur noch darauf hin, dass es bis vor kurzem so geschwächt gewesen war. Es musste einen extrem effektiven Metabolismus haben. So aufgerichtet überragte es sie mehr als einen halben Meter. Mourose war kurz davor einen Schritt zurückzutreten, aber sie zwang sich zur Ruhe. Nur nicht beeindrucken lassen. Es senkte den Kopf zu ihr und hauchte ihr einen sehr kalten Atem ins Gesicht. Aber es griff nicht an. Hatte es endlich verstanden, dass es von ihrem Wohlwollen abhängig war? Konnte sie denn aber überhaupt sicher sein, dass dieses Wesen überhaupt in einer Art und Weise dachte, die für menschliche Verhältnisse nachvollziehbar erschien? Ihre Flügelansätze brannten wie Feuer auf ihrem Rücken. Irgendwas erschien so falsch, aber sie spürte mehr und mehr, dass es nicht mit nur diesem Tier zu tun hatte. Es war nicht lokalisierbar, sondern schien den gesamten Raum zu durchdringen. Und es war auch nicht nur das Nachbeben des Äthers, an das sie sich schon fast gewöhnt hatte. Es lastete schwer auf ihren Gedanken, doch sie konnte das Gefühl beim besten Willen bei der wenigen Konzentration, die sie zur Zeit aufbringen konnte, nicht einordnen. Sie entschloss sich daher, das Schiff so schnell wie möglich wieder zu verlassen.

Sie nahm wieder ihren Schweißer heraus und zögerte für einen Moment. Sie war schon zu weit gegangen, um jetzt aufzuhören. Entschlossen griff sie nach der Kette, dir vor dem Tier herunterbaumelte. Sie war so schwer, dass Mourose Probleme hatte sie festzuhalten. Sie versuchte sich nur auf ihre Aufgabe zu konzentrieren. Es blieb ruhig, das bestätigte sie in der Richtigkeit ihrer Handlung. Sie fand keinerlei Schließvorrichtung, die Kette war permanent angelegt worden.

„Wie lange trägst du das Ding denn schon?“ murmelte sie und stellte die Intensität des Schweißers ein, um auch nur das durchzuschneiden, was sie durchschneiden wollte.

Sie wollte gerade zum Schnitt ansetzen, da umfasste plötzlich die spinnenartige, krallenbewehrte Hand des Wesens ihren sowieso schon verletzten Unterarm, und hielt sie fest wie ein Schraubstock. Sie schrie vor Schmerz auf.

„Was soll der Scheiß?“ rief sie verärgert.

Es fletschte die Zähne und zischte, machte aber nichts weiter. Es hielt sie einfach fest. Mourose verstand das Verhalten überhaupt nicht. Wenn es sie töten wollte, könnte es das tun, aus dem Griff würde sie sich nicht befreien können. Nicht in ihrem Zustand.

„Lass mich sofort los, oder du wirst hier versauern,“ befahl sie, doch ihre Stimme zitterte und sie musste Tränen des Schmerzes und eine drohende Ohnmacht unterdrücken.

Es gehorchte ihr aber nicht, sondern schien sie regelrecht anzugrinsen.

Mourose verzweifelte. Wollte es sie einfach nur quälen? Was wollte dieses Mistvieh nur von ihr? Sie hasste es, derartig ausgeliefert zu sein. Wenn sie mit der anderen Hand nur an ihr Katana kommen könnte! Doch sie wollte sich nicht ausmalen, was es täte, wenn es ihren Angriffsversuch mitbekommen würde.

Unvermittelt ließ es wieder von ihr ab. Mourose sank fast zu Boden, konnte sich aber gerade noch fangen. Ihr Arm schmerzte höllisch und war an den zuvor noch heil gewesenen Stellen nun von hässlichen Blutergüssen übersäht. Voller Abscheu blickte sie in das „Gesicht“ ihres Gegenübers, das aber keinerlei Regung mehr zeigte. Stattdessen hielt es ihr die in Ketten liegenden Handgelenke provokativ unter die Nase.

„Du musst doch wirklich eine Hirnblutung haben, wenn du glaubst, dass ich dich da jetzt noch raushole,“ schnaufte sie.

Es ließ sich nicht beeindrucken und legte den Kopf schief. Es wirkte überhaupt nicht aggressiv. Vielleicht verstand sie einfach nur nicht, was das Wesen mit seinen Handlungen bezweckte. Es konnte ja auch sein, dass es sie in irgendeiner Weise prüfen wollte. Oder Rache dafür verüben wollte, dass sie es zuvor mit dem blutigem Arm so gedemütigt hatte. Oder es war eine Art Ritual, dass sie nicht verstand. Sie durfte wohl nicht in so irdischen Maßstäben denken.

„Na schön,“ seufzte sie und machte sich an die Arbeit. Langsam und sehr vorsichtig schnitt sie die Ketten an den Handgelenken durch, die darauf laut krachend zu Boden fielen. Die Kette, die in einer Schlinge um den muskulösen Hals hing, war deutlich dicker und sie brauche sehr viel länger. Als sie die letzten Millimeter erreicht hatte, ging sie innerlich auf Alarmbereitschaft. Es könnte schließlich sehr gut sein, dass es angriff, sobald es befreit war. Doch nichts dergleichen geschah. Es stand genauso wie zuvor vor ihr und wartete.

„In Ordnung, du bleibst dicht hinter mir. Keine Faxen mehr, verstanden?“

Sie erntete mal wieder keine Reaktion. Doch dass es ihr eben die verketteten Handgelenke hingehalten hatte, zeigte ihr, dass es sie sehr wohl verstehen konnte und auch über eine gewisse Intelligenz verfügte.

Sie ging aus dem Raum heraus und das fremde Wesen folgte ihr nach einigen Sekunden des Zögerns. Wäre Mourose nicht so unkonzentriert gewesen, hätte sie im Vorbeigehen das Warnlicht der Energieumleitung auf einer der Konsolen im Vorraum mit Sicherheit bemerkt.

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