Der Skorpion, vierter Teil
Mourose ging aus der Kommandozentrale heraus und folgte dem Kartenschreiber, der nun mit den Schiffsdaten gefüttert war. Die Labore zu finden sollte kein Problem sein. Sie fühlte sich nun, da Schwerkraft, Beleuchtung und Atmosphäre wieder vorhanden waren, deutlich wohler. Gut gelaunt schlenderte sie den Gang herunter. Heute morgen hätte sie nicht gedacht, einen derartig aufregenden Abend erleben zu dürfen. In ihrer Unaufmerksamkeit bliebt sie mit dem Fuß an irgendwas hängen und stauchelte. Verwundert sah sie sich um. Auf dem Boden war irgendwas. Sie kniete sich hin und erblickte eine unförmige, wenige Zentimeter tiefe Delle im Metall. Vorsichtig betastete sie das wie Wachs verformte Material mit ihrem behandschuhtem Finger. Es war anscheinend geschmolzen und wieder ausgehärtet. Sie sah zur Decke, konnte aber kein Leck von irgendwas erkennen. Sie zog die Stirn kraus. Sehr merkwürdig. Sie fotografierte es, ging dann aber weiter. Die geschmolzene Stelle hatte sie nicht verängstigt, aber ihre gute Laune war dahin. Sie war unaufmerksam gewesen, das hätte nicht passieren dürfen. Sie blickte auf ihre Karte und bog in einen Gang nach links ab. Wenn sie durch einen Lagerraum ging, sparte sie fast hundert Meter Weg. Dass auch alle Raumschiffe derartige Labyrinthe sein müssen, dachte sie. Der Lagerraum war geräumig, Kisten und Tonnen lagen in heillosem Chaos herum. Mehr und mehr vernahm sie einen seltsamen Geruch. An das Muffige hatte sie sich schnell gewöhnt, aber dieser war merkwürdig süßlich. Sie sah sich um, konnte aber in dem heillosen Chaos der Lagergüter nichts ungewöhnliches erkennen. Sie war schon dabei, den Lagerraum zu verlassen als ihr im Augenwinkel etwas auffiel. Aus einem Lüftungsschacht schien eine klebrige Substanz zu tropfen. Sie sah es sich genauer an. Das schwarzbläuliche Material war wohl einmal recht zähflüssig gewesen und wie Honig aus dem knapp einen Meter hohen Schacht geflossen. Doch es schien komplett ausgehärtet und spröde. Kein Wunder, organische Materialien mumifizieren im luftleeren Raum. Sie musste sich lang machen um den Schacht zu erreichen, doch sie schaffte es mit dem Finger daran zu schaben. Es lösten sich leicht feine Blättchen von der Oberfläche, die zu Boden schwebten. Ob das Zeug der Grund für die vorherige Verdreckung des Schiffsinneren war? Dann müsste es noch weitaus mehr davon geben. Vielleicht würde der Schacht sie zu der Quelle führen. Das Labor konnte warten. Das Gitter hebelte sie mit dem Katana auf. Sie sprang behände an die Kante und zog sich in das dunkle Loch. Sie nahm eine kleine, aber recht lichtstarke Taschenlampe in die Hand. Im Lichtschein sah sie, dass der Schacht fast komplett mit dem organischem Material verkleidet war. An manchen Stellen konnte man eine rippenartige Struktur erkennen. Mourose war verwundert. Sie konnte sich beim besten Willen nicht vorstellen, dass die Erbauer des Schiffes dafür verantwortlich waren. Anscheinend hatten sie wie irdische Schiffe Probleme mit tierischen Untermietern gehabt. Eine Art außerirdische Ratte oder Schabe vielleicht. Große Schaben. Auch war der drückende, süßliche Geruch hier drin sehr viel stärker. Sie vermutete, dass das Material nach seiner Trockenkältestarre die Feuchtigkeit der Luft aufsaugte und dadurch diesen merkwürdigen Eigengeruch entwickelte. Teilweise waren die alles bedeckenden Eiskristalle darauf schon geschmolzen und bildeten eine glänzende, schleimig aussehende Oberfläche. Sie war von der Vorstellung durch dieses Zeugs zu kriechen einigermaßen angewidert. Ob es wenigstens ungiftig war? Sie ließ es von ihrem Sensoren am Handgelenk untersuchen. Überrascht stellte sie fest, dass das Material Wärme absonderte und Aminosäuren enthielt. Es schien aus zwei Schichten aufgebaut, einer extrem belastbaren, strukturbildenden und knochenähnlichen Untersubstanz und einer weicheren, biochemisch aktiven Oberschicht. Das Zeug war lebendig! Zumindest waren es die Teile, die bereits aufgetaut waren. Sie erinnerte sich an irdische Schleimpilze, die diesem Material vom Aufbau recht ähnlich schienen. Nur waren sie auf der Erde winzig klein... Wenigstens ging davon keine Gefahr aus, seine harte Grundsubstanz schien seine einzige Verteidigung zu sein. Sie krabbelte auf allen Vieren vorwärts. Je tiefer sie in das dunkle Netzwerk Luftschächte eindrang, desto wärmer und feuchter wurde die Luft. Der Geruch war schon so durchdringend, dass sie kaum atmen konnte. Dicke pulsierende Adern hatten sich auf dem aufgetauten Pilz gebildet, in denen er Wasser und Nährstoffe in seine äußeren "Körperteile" führte. Das Gefühl der Ätherstörung wurde immer stärker und drückte beinahe schmerzhaft gegen ihren Brustkorb. Sie hielt an und sah auf den Kartenschreiber. Wenn sie links abbog, kam sie in eine Art Tank, wahrscheinlich für lose Güter. Da die Adern in diese Richtung dicker wurden und sich vereinigten war es wahrscheinlich dort die Quelle des Pilzes zu finden. Sie nahm den Weg und trat ein Lüftungsgitter aus der Fassung. Der Raum dahinter offenbarte ein erstaunliches Bild im schmalen Schein ihrer Lampe. Der Pilz hatte alles komplett überwachsen, der Boden verschwand im dicken Nebel. Die rippenartigen Strukturen waren hier stark ausgebildet und wuchsen in kunstvollen, organischen Formen bis unter die Decke und vereinigten sich dort zu einer gewölbeartigen Kuppel. Die dunkle Oberfläche schimmerte und glitzerte im diffusen Lichtschein. Mourose wusste nicht, ob sie den Anblick schön oder widerwärtig finden sollte. Als sie ihren Lichtkegel wandern ließ entdeckte sie etwas, was nicht in das Bild hineinpasste. Etwas Weißes blitzte zwischen dem Material auf. Sie kniff die Augen zusammen konnte es aber nicht erkennen. Sie sprang aus dem Schacht heraus und kam beim Aufkommen ins Schwanken. Der unter dem Nebel verborgene Boden war uneben und war anscheinend ebenso geriffelt. Vorsichtig tastete und balancierte sie sich sie zu der Stelle vor, wo sie das weiße Ding gesehen hatte. Es war in die Pilzmasse eingewachsen. Kurzerhand zückte sie ihr Katana und schnitt das umgebende Gewebe auf, das schmatzend nachgab als sie ihre Hand hineinsteckte. Sie konnte erst gar nicht realisieren, was sie da plötzlich in der Hand hielt. Es war ein blankes Stück Knochen. Verwundert drehte sie es und stellte mit Erschrecken fest, dass es ein Unterarmknochen war. Eindeutig von einem Menschen oder einem sehr menschenähnlichen Wesen. Ihr Herz begann zu rasen. Davon war in dem Logbuch aber nicht die Rede gewesen! Sie zwang sich zur Ruhe und sah sich nach weiteren Überresten um. Tatsächlich ragten hier und da noch mehr Knochen aus dem Pilzgewebe. Sie trat verwirrt einen Schritt zurück und ein klackendem Geräusch kam dabei zustande. Sie griff in den Nebel an die Stelle wo sie hingetreten war und hob einen menschlichen Schädel auf. Er sah auf den ersten Blick unbeschädigt aus, doch als sie ihn drehte, sah sie am Hinterkopf ein großes Loch. Die Ränder des Loches waren regelrecht zerbröselt und sie konnte locker zwei ihrer dick behandschuhten Finger hineinstecken. Irgendwas war mit gewaltiger Kraft in diesen Kopf gestoßen worden. Mit böser Vorahnung wedelte sie den Nebel vom Boden auf. Es war ein einziges Massengrab. Bleiche Knochen lagen in heillosem Chaos in den Vertiefungen der am Boden ausgehärteten Pilzstruktur. Sie wühlte sich durch den grausigen Fund und sah, dass fast die Hälfte der Schädel eine ähnliche Fraktur aufwiesen, meist am Hinterkopf. Neben vielen zerbrochenen Rippen schienen die restlichen Knochen alle recht unbeschädigt. Sie richtete sich wieder auf und versuchte, klare Gedanken zu fassen, auch wenn das Äther um sie herum regelrecht in ihrem Kopf schrie. Irgendwas hat die Leichen hierher gebracht. Und anscheinend hat der Pilz sich von ihnen ernährt. Sie erblickte noch etwas. Ein totes Tier. Es sah wie eine große, bestimmt einen halben Meter große Spinne aus, die langen Beine im Tod angewinkelt. Sie hob es mit der Klinge ihres Katana hoch. Ein langer, dünner Schwanz hing von ihm herunter. Es schien hohl zu sein, es hatte wohl ein hartes Exoskelett aber ein weiches Innere gehabt, was wohl schon längst verwest war. Ob das die Kreatur war, welche die Menschen getötet und hergeschleppt hatte? Dazu schien es aber zu klein. Sie ließ es zu Boden fallen, wobei es mit einem dumpfen Knacksen zerbrach. Sie ging weiter durch den Raum und fand noch weitere tote Spinnentiere. Es schien eine regelrechte Plage von ihnen gegeben zu haben. Doch warum waren nur hier die Kadaver zu finden? Sie erblickte eiförmige Strukturen, die ihr bis zum Knie reichten, allesamt in unterschiedlichen Verwesungsstadien mumifiziert. Aus einigen hingen sogar noch die langen, fingerartigen Beine der Spinnentiere heraus, fast so als hätten sie es nicht mehr herausgeschafft. Sie analysierte die toten Tiere und Eier. Und war überrascht. Alle enthielten Überreste von einer Substanz, welche der Computer an ihrem Handgelenk als ein einst hochtödliches Gift rekonstruierte. Für jedes Lebewesen, dass Wasser enthielt, müsste es binnen weniger Stunden zum Tod geführt haben. Doch das was über den Lauf der Zeit davon noch übrig war, stellte keine Gefahr mehr dar. Das sollte zumindest erklären, warum die Tiere gestorben waren. Aber woher kamen die Eier? Sie hatte die Antwort in Form eines weiteren Kadavers direkt vor sich, aber sie konnte es nicht von der organischen Struktur des Pilzgewebes unterscheiden. Erst als sie zufällig beim Gehen dagegen trat wurde sie darauf aufmerksam. Das was sie entdeckte, ließ ihr den Atem stocken. Es war ein enorm großes Tier, zum großen Teil schon in den Pilz eingewachsen und hatte dank ähnlicher Färbung und Struktur wie die Umgebung beinahe perfekt getarnt. Mehrere Gliedmaßenpaare wuchsen aus einem gepanzertem Körper. Sie konnte leider keine klaren Körperkonturen erkennen, das was sie vom Körper sah, war in grosteken Posen abgewinkelt, wahrscheinlich im Todeskampf mit dem Gift. Ein gewaltiges Nackenschild erhob sich von dem, was wahrscheinlich der stachelbewehrte Rücken war. Doch den Kopf konnte sie nicht sehen, er war anscheinend unter dem Schild verborgen. Es sah wie ein riesiges, unheimliches Insekt aus. Mourose war heilfroh, dass das Tier tot war. Eine Begegnung mit einer Kreatur dieser Größe hätte selbst sie mit Sicherheit in ernste Schwierigkeiten gebracht. Als sie es weiter betrachtete, fielen ihr seltsame Strukturen neben ihrem Körper auf. Mehrere glänzende, ovale Oberflächen von einem Meter Länge hatten sich zu einem undefinierbaren Haufen zusammengeschlossen, daraus ragten kleinere, aber ähnlich dem großen Tier geformte Gliedmaßen und lange Schwänze, heillos ineinander verflochten, so dass sie keinen Körper isolieren konnte. Noch mehr Tiere? Waren sie ebenso an diesem Gift gestorben? Da es über Wasser aufgenommen wird, lag es nahe, dass es über eine Nahrungskette auf die unterschiedlichen Kreaturen übertragen hatte. Anscheinend war sie in einer Art riesigem Termitenhügel gelandet. Die drückend schwüle Luft und die Ätherstörung stiegen ihr allmählich zu Kopf und sie fühlte sich bereits fiebrig. Sie musste raus hier. Außerdem hatte sie nur noch eine halbe Stunde Zeit um die Laboren zu finden und zur Kommandozentrale zurückzukehren. Sie suchte mit dem Kartenleser einen Ausgang und konnte tatsächlich eine Leiter finden. Um sie zu erreichen, mußte sie die bewachsenen Wände hochklettern. Sie war zwar gut durchtrainiert und der Pilz bot dank seiner Struktur genug Haltemöglichkeiten, aber unter diesem Umständen machte ihr die Anstrengung sogar Schwierigkeiten. Als sie endlich wieder in einem der hell erleuchteten, gut klimatisierten und sauberen Gänge des Raumschiffes stand, fühlte sie sich vom Umweltwechsel wie aus einem Traum gerissen. Ihr Kopf schwamm noch von all den Eindrücken, die sie eben gesammelt hatte. Sie atmete die angenehm kühle Luft tief durch und begab sich in Richtung Labore. Vielleicht würde sie dort endlich eine entgültige Antwort finden.
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