Der Skorpion, dritter Teil

Die Schleuse schloss die Verbindung zu ihrem Schiff und Mourose hielt unwillkürlich den Atem an, als die Luft herausgelassen wurde. Nach einem lauten Zischen war es totenstill um sie. Auch das Öffnen der Schleuse, die zu dem fremden Schiff führte, hörte sie nicht mehr, doch sie spürte die Vibrationen unter ihren Füßen.

Auch die künstliche Schwerkraft ihres Schiffes verließ sie, doch ihre Magnetschuhe hielten sie am Boden fest. Vor ihr öffnete sich ein kurzer Tunnel, bestehend aus einem Laufsteg und einem umgebenden Faltbalg. Die massive Schleusentür des anderen Schiffes war geschlossen. Sie wischte mit der flachen Hand den Staub weg, konnte aber keinen Öffnungsmechanismus erkennen. Es überraschte sie nicht. Die wenigsten Schiffe hatten Schleusen, die im Notfall von Außen manuell zu öffnen waren. Sie nahm ihr Laserschweißgerät aus der Tasche und machte sich an die Arbeit, die Schließscharniere zu durchtrennen. Es dauerte unendlich lange, doch dann konnte sie die schwerelose Tür mühelos aufziehen. Danach kam die zweite Schleusentür, die aber eine Art mechanische Notfallöffnung hatte. Der entsprechende Hebel war in bequemer Höhe für ihre Hand, also konnte man schon mal davon ausgehen, dass die Erbauer des Schiffes menschenähnliche Größe hatten. Sofort kam jede Menge Müll aus dem Inneren des Schiffes geflogen. Undefinierbare Fetzen schwirrten nun im Tunnel rum, was Mourose in nicht geringem Maße verärgerte. In ihrem Transporter wollte sie dieses recht organisch anmutende Zeugs jedenfalls nicht haben wollen. Sie wandte ihren Blick wieder zum Schiff und schaltete ihren Helmscheinwerfer ein. Ein langer, kahler Korridor lag vor ihr. Sie atmete tief durch und ging entschlossen hinein. Ihr sollte keine Gefahr drohen, schließlich war es nur ein Wrack...

Das Gehen mit den Magnetschuhen in der Schwerelosigkeit war ungewohnt, aber sie hatte eine sehr gute Körperbeherrschung und paßte sich mit jeder Sekunde besser an die Situation an. Der Umgebung misslang es ihr zu gefallen. Es war kein Vergleich zu den prachtvollen, eleganten Schiffen der Engel, die selbst in den einfachsten Gängen ästhetische Formen benutzten. Dieses Schiff war allem Anschein nach vor allem eines: funktionell. Und der Zahn der Zeit hatte seine Spuren deutlich hinterlassen, das Metall an den Wänden wirkte fleckig, teilweise sah man Roststellen. Doch etwas wunderte sie: Es war zwar recht dreckig, der Schein ihrer Lampe erzeugte durch herumfliegenden Partikel einen diffusen Lichtkegel, in dem der gröbere Schmutz als helle Lichtpunkte tanzte. Doch es war kein feiner Sternenstaub im Inneren, wie er das Schiff von außen dick bedeckte.

„Und wie sieht es aus?“

Sie fuhr innerlich zusammen als sie Luzifers Stimme über das Headset hörte. Sie fasste sich aber sehr schnell wieder.

„Ehrlich gesagt, ziemlich langweilig. Funktionelle Metallbauweise, die Wände scheinen sehr massiv. Und hier schwirrt jede Menge Dreck rum. Ich habe auf der Außenwand eine bestimmt zwei Zentimeter dicke Schicht Sternenstaub weggewischt, hier drinnen ist aber keiner. Das Zeug hier drinnen  ist irgendwas anderes.“

“Das ist seltsam. Dass müsste bedeuten, dass es kein Leck gab, sondern die Atmosphäre kurzzeitig kontrolliert herausgelassen wurde.“

„Ich sehe noch keine Schilder oder Schriftzeichen. Ich werde mich mal Richtung Bug durchschlagen, vielleicht gibt es eine Art Kommandozentrale. Zuerst werde ich mal Atmosphäre und Schwerkraft wiederherstellen, wenn es möglich ist. Dann versuche ich Zugriff zum Hauptcomputer zu bekommen. Vielleicht können wir dem entlocken, was hier passiert ist.“

Von der Ätherstörung erzählte sie vorerst nichts. Sie wollte ihn nicht einen Grund geben, sie zurück zu befehligen.
“In Ordnung.“

Sie nahm einen Kartenzeichner zur Hand und aktivierte ihn. Somit konnte sie nicht nur einfach ihren Weg zurückfinden, er legte auch automatisch eine Karte der Gebiete an, die sich in einem Radius von zwanzig Metern von ihr befanden. Normalerweise durchdrang er zumindest die Wände in unmittelbarer Nähe, doch hier zeigte er nur die Bereiche an, die sie auch sehen konnte.

„Das ist seltsam, der Kartenzeichner hat Probleme mit den Wänden.“
“...ourse...nich....verb..“

Sie blieb erstaunt stehen.

„Bitte wiederholen, ich kann dich schlecht empfangen.“

„...kaum ver...zur...“

Wie konnte das sein, dass die Verbindung auf einmal so schlecht war? Der Subraumsender konnte durch jede Art von Materie völlig ungehindert dringen und funktionierte auch sonst völlig störungsfrei. Doch dann wurde ich klar, was die Ursache war. Ihr Headset war mit dem großen Subraumsender in ihrem Raumschiff lediglich über ein elektromagnetisches Funksignal verbunden. Das Raumschiff schirmte durch die massive Bauweise die Verbindung ab, ebenso wie es für den Kartenzeichner undurchdringlich war. Vielleicht war es aus Strahlenschutzgründen so gebaut worden. Sie wusste, dass es durchaus interstellare Auseinandersetzungen mit Atomwaffen gegeben hatte. Obwohl ihr Umgebungsscanner am Handgelenk schon längst Alarm gegeben hätte, checkte sie die Strahlenbelastung, die aber nicht erhöht war.

„...rück...ofort....ko...“
Sie funkte nicht zurück, das wäre erstens sinnlos und zweitens hatte sie keine Lust wegen einer gestörten Funkverbindung aufgeben zu müssen. Sie kam auch sehr gut alleine zurecht.

Sie ging tiefer in das Schiff hinein. Von dem Korridor gingen zeitweise rechts und links weitere Gänge ab, doch sie blieb auf dem Weg. Es wäre vernünftig anzunehmen, dass die breitesten Gänge zu den wichtigsten Orten führten. Das subtile Gefühl der Ätherstörung war unangenehm. Dazu kam diese furchtbare Stille, sie hörte nur das leise Zischen ihrer Luftversorgung, ihren Atem und sogar ihren Herzschlag. Sie war aufgeregter als sie es sich wünschte. Sie hatte schließlich nichts zu befürchten. Luzifer sagte ihr einmal, dass es kaum Wesen im Universum gab, die stärker waren als eine in ihren Fähigkeiten ausgebildete Nephilim wie sie. Sie klammerte sich an den Gedanken um zur Ruhe zu kommen. Auf einmal endete der Gang vor einer Tür. Eine Art Aufzug, dachte sie sich. Sie schweißte die fest verschlossene Tür auf. Es tat sich dahinter ein tiefer Schacht auf, dessen Boden sie mit ihrem Helmscheinwerfer nicht erkennen konnte, da das Licht in den diffusen Dreck gestreut wurde. Sie sah nach oben. Ihrer Intuition nach würde sie die Kommandozentrale oben erwarten. Sie sah zwar eine Leiter, aber da es keine Schwerkraft gab, entschloss sie sich dazu, die senkrechte Wand hoch zulaufen. Anfangs war es ungewohnt, aber da keine Schwerkraft vorhanden war, kam sie sich im Fahrstuhlschacht schnell vor wie in einem normalen Tunnel. Oben angekommen fand sie die Fahrstuhltür offen. Das überraschte sie etwas, aber sie ging weiter. Wie erhofft befand sie sich nun in einem großen Raum mit vielen Konsolen und einem deaktivierten Hauptschirm. Ihre Fähigkeit, sich unterbewusst auf die Ätherschwingungen zu verlassen, hatte sie mal wieder direkt ans Ziel geführt. Intuition war eine große Stärke, wenn man lernte sie zu nutzen. Sie sah sich um und wusste nicht so recht wo sie anfangen sollte. Doch dann fiel ihr Blick auf einen geöffneten Schrank mit einem großen roten Schalter darin. Ein Selbstzerstörungsmechanismus sollte nicht dahinter stecken, ansonsten wäre er in irgendeiner Weise gesichert oder mit Warnschildern versehen. Sie zuckte mit den Schultern und stemmte sich gegen den Schalter. Sie schaffte es kaum ihn zu bewegen, aber dann schlug er um. Zuerst passierte gar nichts. Doch dann begann der Boden zu vibrieren. Sie zwang sich ruhig zu bleiben, hielt aber unwillkürlich die Hand an die Tasche mit dem Teleportationsstein, der sie im Notfall in ihr eigenes Schiff bringen konnte. Noch sah sie keine Gefahr in der Situation. Dann flammten auf einmal die Kontrolllichter in den Konsolen auf und die Deckenlichter sprangen an. Sie atmete auf und schaltete ihren Helmscheinwerfer ab. Den ersten Teil hatte sie also schon geschafft. Sie ging an die größte der Konsolen und sah auf die fremdartigen Schriftzeichen auf den Anzeigen. Ob die Übersetzungssoftware es schaffen würde, die Sprache und Schrift ansatzweise zu analysieren? Sie fotografierte so viel Schrift wie sie in der Kommandozentrale finden konnte und wartete. Die Analyse konnte unter Umständen Stunden dauern. Sie entdeckte ein kleines Fenster und blickte hinaus in das All. Von welchen dieser Sterne dieses Schiff wohl kam?

„...elde dich...“

Verwundert hielt sie inne.

„Luzi?“

„Ja, verdammt. Was ist los mit dir? Die Verbindung brach plötzlich zusammen.“

Sie hörte ihn sehr schlecht, aber er war wenigstens zu verstehen.
“Die Wände schirmen alles ab. Wahrscheinlich komme ich gerade wieder durch, weil ich an der Außenwand bin.“

„Ich habe noch versucht dich zurück zu rufen. Bist du reingegangen?“

„Was dachtest du denn? Ich bin in einer Art Kommandozentrale und habe gerade den Strom wieder angestellt. Ich warte jetzt auf den Übersetzer.“

„Puh, du bist wirklich nicht zu bremsen, was? Irgendwelche Vorkommnisse?“

“Nichts Nennenswertes. Diese Partikel, die hier überall rumschwirren sehen irgendwie organisch aus. Leichen konnte ich bisher aber keine finden.“

Der Übersetzer piepte. Er konnte erste Wörter übersetzen, setzte die Analyse aber immer noch fort. Mit den Informationen musste sie vorsichtig sein, die erste Annäherung an eine fremde Sprache konnte tückisch genug sein, dass der Übersetzer nach Stunden die Bedeutung aller bisher bekannten Wörter änderte.

„Ich hab die erste Iteration. Ich sehe mich dann mal nach den Umweltkontrollen um.“

Der Übersetzer sendete nun Daten an ihr Headup-Display, welches nun über die fremden Schriftzeichen die jeweilige Übersetzung schrieb. Man konnte regelrecht mitverfolgen wie die Analyse fortschritt, denn mit jeder Sekunde wurden neue Wörter eingeblendet.

„Ah, hier steht etwas von Schwerkraft.“

„Denkst du auch daran, dass die normale Schwerkraft auf diesem Schiff durchaus das Hundertfache der irdischen betragen könnte? Das wäre nicht besonders gesund für dich.“

„Für wen hältst du mich, dass ich daran nicht denken sollte“, lachte sie und ließ ihre Finger über die Tasten der Konsole huschen.

Kaum eine Sekunde nach ihrem Eingabekommando fühlte sie wie ihr Körper an den Boden gezogen wurde. So ungewohnt der Eintritt in die Schwerelosigkeit gewesen war, so ungewohnt kam ihr die Schwerkraft nun wieder vor. Die größten Schmutzflocken sanken zu Boden und sie deaktivierte die Magnetfunktion ihrer Schuhe.

„OK, Schwerkraft ist da. Nun fehlen uns noch Luft und eine kuschelige Temperatur. Wenn ich weiter in diesem Aquariumglas stecken muss, gehe ich in den Streik.“

Die Umweltkontrolle hatte sie auch schnell gefunden. Die Standartatmosphäre, ein Stickstoff-Wasserstoff-Gemisch, schien sehr dünn gewesen zu sein, hatte aber auch einem Anteil Helium. Sie grinste bei der Vorstellung wie Mickey Mouse zu klingen. Sie stellte auf irdisches Normal ein, ebenso die Innentemperatur. Als weißer Strahl entlud sich das Gas aus der Decke in die Kommandozentrale. Plötzlich piepte ein Alarm auf ihrer Konsole, den sie nun in der Atmosphäre wieder hören konnte.

„Scheiße, irgendwas stimmt nicht“, sagte sie leise in ihr Headset.

„Was ist los?“

Mourose antwortete nicht, bevor sie nicht wusste, was los war. Doch dann zeigte die Konsole den Grund. Es lag an der enormen Verdreckung der Innenräume. Die Umweltkontrolle reagierte zum Glück automatisch und zog die Luft durch Schächte ab, um sie zu filtern und zurückzuführen. Innerhalb weniger Sekunden war die Luft sauber.

„Wow, so eine Putze möchte ich für mein Zimmer auch haben“, grinste sie.

„Würdest du mich bitte mal aufklären, was da los ist?“ kam eine aufgeregte Stimme aus dem Headset.

„Nur ein bisschen Dreck, nichts weiter.“
Sie überprüfte die Umweltwerte über ihre Sensoren am Handgelenk, auch die zeigten die gewünschte Atmosphäre.

„Ich mach jetzt den Helm auf“, verkündete sie.

„Warte, weißt du ob irgendwelche außerirdischen Viren...“
“Mumifizierte außerirdische Viren, wenn überhaupt, “ lachte sie und atmete tief durch. Die Luft roch abgestanden und muffig. So alt wie das Schiff war durfte es das auch. An den immer noch eiskalten Wänden begann die Luftfeuchtigkeit zu resublimieren, so dass ein glitzernder Überzug über allen Dingen entstand.

„OK, ich versuche mal das Logbuch zu lesen.“

Der Zugriff war schnell gefunden. Sie beugte sich über die Konsole und las vor, so dass Luzifer mithören konnte.

„Die Zeitskala kann ich nicht umrechnen. Aber ich kann mal die letzten drei Logbucheinträge vorlesen.

Versuche laufen nach Plan, Vermehrung erfolgreich. Keine unerwarteten Mutationen. Nehmen Kurs auf Solsystem für Freilassung. Auftraggeber zeigen sich zufrieden.

Na toll, was wollten sie uns da denn andrehen?“

„Das ist in der Tat merkwürdig.“

„Mal sehen was noch kommt: Vorletzer Eintrag:

Ausbruch in Labor sieben, drei Tote. Vermehrungsrate stark erhöht.

Es klingt nach einer Krankheit, findest du nicht? Irgendwas ist schief gelaufen.“

„Ich frage mich, was sie mit der Freilassung bezwecken wollten. Vielleicht waren sie Forscher, die einen Feldversuch machen wollten. Anscheinend auf der Erde.“

„Natürlich ohne uns zu fragen“, grunzte Mourose verächtlich.

„Wer weiß ob es damals die Menschen schon gegeben hat?“

„Das würde auch nichts daran ändern, dass es nicht richtig gewesen wäre. Hier ist der letzte Eintrag.

Seuche nicht im Griff, hunderte Tote. Versuchen durch Atmosphärenentzug zu dekontaminieren.

Dass sie die Atmosphäre herausgelassen haben, verstehe ich ja noch. Aber warum die Energieabschaltung?“ fragte Mourose.

„Keine Ahnung. Schick mir mal das Logbuch.“
Mourose leitete die Daten zu ihrem Schiff weiter, von wo sie über den Subraumsender zur Erde gefunkt wurden.

„Ich werde mich mal weiter umsehen. Wäre interessant, wenn ich diese Labore finden könnte.“

“Mach das. Komm aber bald wieder zurück, so dass die Funkverbindung nicht so lange unterbrochen ist. Wenn du länger als eine Stunde weg bist, gehe ich davon aus, dass dir etwas passiert ist.“

“Verstanden. Dann bis in einer Stunde.“

 

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