Der Skorpion, sechsundzwanzigster Teil
Slyth konnte nicht schlafen. Er hatte Schmerzen. Mourose trug nur einen Bruchteil von dem, was er verspürte. Die Wunden waren tief und würden lange brauchen um zu heilen. Wenn sie denn überhaupt jemals vollständig heilen würden. Außerdem war er verwirrt von der Situation. Nie hätte er gedacht, dass es sich so entwickeln würde. Zuerst hatte er nur von dem Schiff runterkommen wollen. Er hatte nicht verstanden, warum sie ihn befreit hatte. Zuerst hatte er sie einfach für naiv und dumm gehalten, aber ihre Motivationen schienen im Nachhinein noch sehr viel komplizierter zu sein. Wichtig war jedenfalls gewesen, dass er durch sie in die Freiheit gelangen konnte, und hatte sich dementsprechend zurückgehalten, sie zu töten und damit seine einzige Chance zu zerstören. Aber er hatte nicht damit gerechnet, dass sie ihn in dieses unterirdische, isolierte Gebiet voller bewaffneter Wachen bringen würde. Sein damit nur herausgezögertes Ende hatte er dann wenigstens mit der Jagd verbringen wollen, die ihm sein Leben lang zuvor nicht gegönnt gewesen war. Umso überraschter war er dann gewesen, dass sie sich als geschickt genug erwiesen hatte, ihn einzusperren. Deswegen war ihm in seiner Gefangenschaft nach und nach klar geworden, dass er sie für seine Zwecke nutzen konnte. Und nun war er hier. Er verstand sie und ihre Beweggründe immer noch nicht, aber das war nur zweitrangig. Sie hatte ihn vor seinem sicheren Tod bewahrt. Sein Leben hing an ihr. Sie war zwar eigentlich Beute, aber es wäre Wahnsinn, sie jetzt noch anzugreifen. Auch wenn dies von seiner Idealvorstellung weit abwich, es war immer noch besser, als an den Ketten zu liegen und von den Forschern ständig Gifte und Erreger injiziert zu bekommen, damit sie herausfinden konnten, wie sein Organismus reagierte. Das schlimmste war gewesen, dass sie ihm Gliedmaßen abgetrennt hatten, um zu beobachten, wie und wie schnell sie nachwuchsen. Es grenzte schon an ein Wunder, dass er überhaupt noch am Leben war. Die meisten der Wissenschaftler waren damals entkommen, aber er hoffte, dass sie wenigstens danach auf irgendeine Art und Weise einen grauenvollen Tod gestorben sind. Die Schmerzen wurden unerträglich. Wenn er doch nur etwas von ihrem Blut bekommen könnte! Es hatte in ihm erstaunliche Heilkräfte entfaltet. Er überlegte. Wenn sie tief genug schlief, würde sie gar nichts spüren, wenn er nur vorsichtig genug war. Und am nächsten Morgen wären die Wunden auch wieder verschwunden. Lautlos kam er unter dem Bett hervor und krabbelte in der Dunkelheit neben sie. Sie schlief zu leicht. Er müsste noch etwas warten, denn er durfte nicht riskieren, dass sie etwas davon mitbekam. Er spürte ihren warmen Atem in seinem Gesicht. Wie verschwenderisch Warmblüter mit ihrer Energie doch waren. Nachdenklich sah er auf sie herunter. Wie konnte etwas derartig zart und weich aussehendes so viel Macht beherbergen? Er hatte sich einen übermächtigen Gegner erschaffen. Er bezweifelte immer noch, ob das so eine gute Idee gewesen war. Sie war so fremdartig und unberechenbar. Wenn er sie doch nur besser verstehen würde. Leise schnaufte sie und bewegte sich langsam. Sie schlief immer noch nicht tief genug. Er musste sie gedulden. Wenn es etwas gab, dass er in seiner Gefangenschaft gelernt hatte, dann war es Geduld zu haben. Was war es dann für ein Hochgefühl gewesen, endlich frei zu sein. Nicht mehr dieses widerliche Eiweißzeug, was sie ihm auf dem Schiff gegeben hatten, fressen zu müssen. Endlich Beute zu machen! Endlich Angst zu riechen und Blut zu schmecken. Er hatte nicht verhindern können, dass durch ihre schon in dem Moment bestehende, leichte Verbindung seine Empfindungen zu ihr herübergeschwappt waren, als er Ben getötet hatte. Ob sie es genauso genossen hatte wie er? Er merkte wie ihr Atem ruhiger wurde. Vielleicht dauerte es nicht mehr lange. Er konnte bei dem Anblick ihres Körpers kaum verhindern, Verlangen zu verspüren. Ihr süßes, warmes Blut pulsierte durch ihre Adern, und ihr Geruch machte es ihm schwer, sich zu zügeln. Der Anblick ihrer Brüste, die sich durch den dünnen Stoff abzeichneten und ihm Rhythmus ihres Atems auf und ab bewegten, faszinierte ihn. Sie war außergewöhnlich. So viel Schmerz und so viel Lust hatte sie ihm schon bereitet. Nicht zum ersten Mal dachte er daran, sie zu schwängern. Es würde keine Königin entstehen, aber er wäre dann wenigstens nicht mehr alleine. Seit der letzten Traumphase hörte er die Stimme der anderen nicht mehr. Sie hatte sich von ihm mit der Aufforderung, sich bedingungslos an Mourose zu binden, getrennt. Er war davon anfangs mehr als verwirrt gewesen, aber nun verstand er diesen merkwürdigen Schritt. Nur so hatte er überleben können. Aber warum sie ihn nun verlassen hatte, war ihm schleierhaft. Er war zuvor auch alleine gewesen, aber nun war er einsam, da er diese furchtbare Leere in sich spürte. Er konnte niemanden mehr fragen, was er tun sollte. Mourose wäre jedenfalls zäh genug, die Schwangerschaft zu überleben. Wenn er doch nur wieder in ihre Träume dringen könnte, dann würde er sie tief genug schlafen lassen, dass sie vielleicht nichts merken würde. Aber nun, da sie seine Frequenz entschlüsseln konnte, hatte sich automatisch eine passive Barriere zu ihm aufgebaut. Er würde ihr wohl nie wieder im Traum begegnen können. Ob sie sich im freiwillig hingeben würde, wenn sie sich an ihren letzten gemeinsamen Traum erinnerte? Es würde ihm nicht schwer fallen, ihr die Erinnerung zu geben. Aber ob das wirklich eine gute Idee war? Er war sich nicht sicher, aber es bestand die Wahrscheinlichkeit, dass sie eher wütend darauf reagierte. Dabei war sie ja diejenige gewesen, von der die Initiative ausgegangen war, er hatte sie nur küssen wollen. Warum er das getan hatte, konnte er sich auch nicht mehr erklären. Aber er bereute die Entscheidung nicht. Er entschloss sich das Risiko nicht einzugehen. Er musste sich eben mit seiner Isolation abfinden. Er würde unter Umständen alles kaputt machen, wenn sie die Schwangerschaft entdeckt, was früher oder später geschehen würde. Er würde das zerstören, was die Menschen „Vertrauen“ nannten, und was für sie anscheinend das wichtigste im Umgang miteinander war. Er musste seine Prioritäten zurückstellen, wenn seine Art eine Chance zum Überleben haben sollte. Vielleicht würde er ja irgendwann auf eine Königin oder das Ei einer Königin treffen. Mourose würde ihr dann das neue Leben schenken dürfen. Ihre herausragenden Gene würden eine starke Generation von Kriegern hervorbringen. Er selbst würde sie bis zur Geburt, die ihren Tod bedeuten würde, beschützen und all ihre Wünsche erfüllen. Zweifelsfrei würde sie das leider nicht als die große Ehre empfinden, die das für sie wäre. In Gedanken wie er war, merkte er zu spät, dass sie plötzlich aufwachte. Es war zu spät, um sich noch verstecken zu wollen, sie hatte ihn schon bemerkt. Warum hatte er nur zugelassen, dass er so unaufmerksam geworden war? Sie schaltete das Licht an und sah ihn völlig entgeistert an. „Sag mal, geht’s noch? Raus aus meinem Bett, aber schnell!“ Er sprang herunter und wusste nicht, wie er reagieren sollte. „Das gibt’s ja wohl nicht, was bildest du dir eigentlich ein?“ polterte sie, plötzlich hellwach geworden. Er wusste nichts zu erwidern. Es war einfach total dumm von ihm gewesen. Er kauerte sich in eine Ecke und schwieg. Er hoffte, dass sie ihr Vertrauen in ihn nicht als gebrochen ansah. Sie schwang ihre Beine aus dem Bett und stampfte lautstark quer durch den Raum. Einen Moment befürchtete er, dass sie auf ihn losgehen würde, aber sie verschwand nach nebenan ins Bad. Nach kurzer Zeit kam sie wieder zurück. Sie hielt plötzlich inne und sah auf ihn herab. „Deine Wunden sehen wirklich schlimm aus,“ sagte sie, plötzlich wieder mit ruhiger Stimme und besorgtem Gesichtsausdruck. Er antwortete nichts darauf. Er würde es ihr gegenüber ungern zugeben wollen, wie sehr er Schmerzen hatte. Plötzlich kniete sie sich neben ihm hin. „Das kann vielleicht ein bisschen wehtun. Ich weiß aber nicht, ob es bei dir helfen wird.“ Er sah, dass sie ihre Hände über seinem Oberkörper ausbreitete. Was tust du? „Halt still!“ befahl sie mit energischem Tonfall. Er gehorchte ihr. Er sollte ruhig bleiben und tun was sie verlangte, so schlecht seine Position durch sein blödsinniges Verhalten nun war. Auf einmal spürte er Wärme, die sich durch seine Haut in sein Fleisch ausbreitete. Tiefer und tiefer drang sie in ihn, durchflutete zerfetzte Organe und begann zu einem schmerzhaften Glühen zu werden. Er hielt still, auch wenn es kaum zu ertragen war. Was tat sie da nur? Wollte sie ihn umbringen? Wenn es so wäre, dann hätte er sowieso keine andere Wahl als sich seinem Schicksal zu ergeben. Plötzlich rissen die flammenden Energieströme ab und Mourose sank schwer keuchend nach hinten. „Tut mir leid, mehr kann ich nicht machen. Das ist nicht gerade mein Spezialgebiet,“ brachte sie heraus und schleppte sich ohne sich noch einmal umzudrehen zurück in ihr Bett. Er war noch völlig verwirrt von dem, was geschehen war, da spürte er, dass seine Schmerzen nachgelassen hatten. Was auch immer sie getan hatte, es hatte seine Wunden zumindest teilweise heilen lassen. Er fühlte ihre Erschöpfung, es war ihr sehr schwer gefallen. Er verstand nicht, warum sie etwas derartiges für ihn tat. Sie wusste doch genau, dass er nur eine Zweckgemeinschaft mit ihr eingegangen war und dieser Zustand nur solange galt, bis er Artgenossen traf. Warum behandelte sie ihn dann mit dieser Fürsorge? Er glaubte nicht mehr, dass sie einfach nur naiv war. Ob es das war, was sie ‚Mitleid’ genannt hatte? Er hörte sie seufzen. „Na los, komm her.“ Er zögerte für einen Moment, kam dann aber mit langsamen Bewegungen zu ihr. „Hier,“ sagte sie und klopfte neben sich auf die Matraze. Slyth war völlig verwirrt. Noch einen Moment zuvor war sie deswegen wütend gewesen und nun bot sie es ihm an? „Hier ist Platz genug für uns beide. Bleib aber auf deiner Seite.“ Warum erlaubst du mir das? „Hake lieber nicht nach, sonst bereue ich meine Entscheidung noch,“ grinste sie dünn. Er zögerte immer noch. „Stell dich nicht so an. Ich weiß, dass du einsam bist. Ich weiß nicht, ob ich daran etwas ändern kann. Aber hier liegt es sich wenigstens bequemer als auf dem Boden, nicht wahr? Sonst wärst du ja nicht heimlich hergekommen.“ Daraufhin schaltete sie das Licht aus und legte sich in ihr Kissen. Slyth wusste nicht so recht, was er von der Situation halten sollte. Sie schien es falsch verstanden zu haben, dass er zu ihr gekommen war. Das war letztendlich sein Glück. Aber dennoch hätte er nicht damit gerechnet, dass sie ihn jetzt einlud. Er hatte geglaubt, sie mittlerweile einigermaßen zu verstehen, aber es würde wahrscheinlich Jahre dauern, um diesen Zustand wirklich zu erreichen. Wie es aller Wahrscheinlichkeit aussah, würde er ja auch lange Zeit, wenn nicht sogar den Rest seines Lebens an diesem Ort verbringen müssen. Er musste lernen, wenn er mit ihr zurecht kommen wollte. Er merkte, dass sie bereits in einen Halbschlaf dämmerte. Ob sie wirklich seine Einsamkeit lindern konnte? Sie war vor wenigen Tagen noch Beute gewesen. Aber er musste sich eingestehen, dass ihre Nähe etwas beruhigendes hatte. Sie war sein Schutz, seine Garantie auf Überleben. Ob er sie enttäuschen würde, wenn er nun nicht zu ihr kam? Wahrscheinlich schon. Aber er war sich nicht sicher. Menschen dachten so verwirrend unlogisch, sagten ständig Dinge, die sie genau anders herum meinten. Er beschloss, ihre Worte beim Inhalt zu nehmen. Er wollte nicht riskieren, sie noch einmal zu enttäuschen. Vorsichtig kam er auf ihr Bett geklettert. Mourose bemerkte, dass er zu ihr gekommen war. Angespannt wartete er ihre Reaktion ab. Sie kratzte sich am Kopf und grinste. „Werd aber ja nicht zu zutraulich,“ murmelte sie und schloss wieder die Augen. Erleichterung breitete sich in ihm aus. Vielleicht machte er ja tatsächlich Fortschritte sie zu verstehen. Mit den nun mehr nur noch leichten Schmerzen überkam ihn auch schnell die Müdigkeit. Die Wärme ihres Atems trinkend schlief er ein. © 2005 by Codo Stellaris |