Der Skorpion, fünfundzwanzigster Teil

Mourose ging schweren Schrittes zu ihrem Zimmer. Es war bereits drei Uhr morgens und sie spürte völlige Erschöpfung über sich hineinbrechen. Das Biest folgte ihr lautlos in einigen Metern Abstand durch die fahl beleuchteten Korridore, doch sie nahm es gar nicht mehr wahr. Sie hatte nur noch einen Gedanken: Endlich schlafen.

Luzifer hatte begonnen, die ersten Leute durch das Tor zurückzuholen. Er hatte es wohl tatsächlich ernst gemeint und vertraute ihr da voll und ganz.

Sie schloss die Tür zu ihrem Zimmer auf und machte das Licht an. Es lagen noch einige Sachen auf ihrem Bett herum, die müsste sie erst einmal wegräumen. Und duschen müsste sie auch noch. Seufzend drehte sie sich um, um die Tür zu schließen. Da fiel ihr Blick auf das Biest, dass im Türrahmen hockte. Sie musste sich gestehen, dass sie es völlig vergessen hatte. Mit langsamen Schritten kam es durch die Tür gekrabbelt.

„Das ist nicht dein Ernst, oder?“ fragte sie entnervt. Es hielt an und hob den Kopf hoch.

Was meinst du, was ich alles anstelle, wenn du mich alleine und unbeobachtet herumlaufen lässt.

Mourose war völlig verdutzt und viel zu müde, daher brauchte sie einige Sekunden um darauf zu antworten.

„Wenn das jetzt gerade witzig gewesen sein sollte, mag ich deine Art von Humor nicht.“

Es sah sie erwartungsvoll an und machte keine Anstalten zu gehen. Sie seufzte. Sie konnte es eigentlich ja gar nicht zulassen, es unbehelligt zu lassen. Gerade in der ersten Nacht sollte sie auf es aufpassen. Sie wusste ja nicht, wie es sich verhalten würde, nun, da es nicht mehr eingesperrt und in Gefahr war. Wenn es sich einfach in eine Ecke verkriechen würde, dann sollte es sie auch eigentlich nicht stören.

„Na schön. Aber benimm dich. Und vor allem kein Rumgeschleime!“

Mit einem Ausdruck, der einem triumphierenden Grinsen ziemlich nahe kam, huschte es in ihr Zimmer und sah sich neugierig um.

„Nix anfassen,“ mahnte sie mit strengem Blick und begann die Sachen vom Bett herunterzuräumen. Da sie aber zu faul zum Wegsortieren war, legte sie sie einfach in ein leeres Regal. Sie spürte dabei wieder die Phantomschmerzen.

„Sag mal, muss ich deine Schmerzen eigentlich ertragen?“ brummelte sie und arbeitete dabei ohne Hochzusehen weiter.

Das ist ein Nebeneffekt unserer Verbindung.

„Nützt es dir denn wenigstens irgendwas? Heilt das schneller oder spürst du selbst dann weniger davon?“

Nein.

Mourose fand das Marmeladenglas mit dem Schleimpilz wieder.

„Hier, dein Kollege,“ sagte sie und warf es dem Biest hin. Es fing das Glas auf und betrachtete es.

Was soll ich damit?

„Na, das ist doch euer komischer Pilz, oder?“

Ich brauche das aber nicht.

„Warum?“ fragte Mourose verwundert und richtete sich auf.

Ich trage die Sporen unter dem Panzer.

Entnervt verkreuzte sie die Arme vor dem Oberkörper.

„Und das hättest du mir nicht mal sagen können? Es ist ganz schön schwierig, den unter diesen Umständen am Leben zu halten!“

Du hast nicht gefragt.

Sie schüttelte den Kopf.

„Wir müssen dringend mal an unserer Kommunikation arbeiten.“

Wie meinst du das?

„Ich muss dir immer alles aus der Nase ziehen!“

Sie schüttelte ihr Bett auf. Es antwortete nicht, was sie vermuten ließ, dass es sie nicht verstanden hatte.

„Sag mal, hast du eigentlich einen Namen?“

Ja.

„Siehst du, du machst es schon wieder!“ rief sie.

Was denn?

„Es ist doch klar, dass ich deinen Namen gerne wissen möchte! Was soll ich mit der Antwort anfangen? Jetzt muss ich schon wieder nachhaken.“

Wenn du meinen Namen wissen willst, frag doch gleich danach.

Mourose stieß einen Stoßseufzer aus. Es schien nicht zu verstehen, was ihr Problem war. Menschliche Kommunikation war wohl weitaus komplizierter als man mit wenigen Worten einem außerirdischen Wesen erklären konnte.

„Na schön. Wie ist dein Name?“

Es schien zu grinsen.

Du könntest ihn unmöglich aussprechen.

Mourose hatte so etwas erwartet und war nicht sonderlich enttäuscht. Sie wunderte es mehr, dass sie gerade ein ganz merkwürdiges und starkes Déjà-vu hatte. Sie schob es auf ihre Müdigkeit.

„Mh. Aber du brauchst einen.“

Warum?

„Soll ich dich etwa Mistvieh nennen? Oder Schleimer? Wäre dir das etwa lieber?“

Das ist mir egal.

„Mir aber nicht. Was hältst du von ‚Slyth’?“

Was soll ich davon halten?

„Na, gefällt dir der Name oder nicht?“

Mourose war mittlerweile ziemlich entnervt. Seine Art war zu dieser Stunde reichlich anstrengend.

Was ist das für ein Name?

„Das ist Engelssprache und bedeutet ‚Schatten.’“

Reglos starrte es sie an.

„Und?“

Was?

„Gefällt er dir?“

Es ist mir egal.

Mourose war kurz davor, mit dem Kopf durch die Wand zu gehen. Sie fand den Namen äußerst passend und war ziemlich beleidigt, dass es ihm anscheinend überhaupt nicht interessierte. Sie würde ihn einfach so nennen. Er hatte die Chance gehabt, Protest einzulegen.

„Na schön. Ich gehe jetzt duschen. Mach in der Zeit keinen Blödsinn.“

Sie verschwand darauf im Bad nebenan und schloss die Tür ab. Es fehlte ihr gerade noch, dass Slyth ihr hinterherkam und sie weiternervte. Als sie fertig war, stellte sie fest, dass sie ihre Schlafkleidung auf dem Bett vergessen hatte. Verärgert wickelte sie sich in ihr Handtuch, das sie aber nur knapp bedecken konnte, und ging in ihr Zimmer. Slyth saß immer noch an der selben Stelle und sah ihr sichtlich amüsiert hinterher.

„Was glotzt du so?“ schnarrte sie ihn an und griff sich ihre Kleidung.

So schüchtern kenne ich dich gar nicht.

Mourose konnte nicht verhindern, dass sie puterrot wurde. Vermutlich meinte er damit, dass sie auf dem Raumschiff hemmungslos nackt vor ihm herumgelaufen war. Sie hoffte es jedenfalls. Schnell flüchtete sie wieder im Badezimmer und zog sich an.

Als sie danach wieder ins Zimmer kam, sah sie dass Slyth eines ihrer Schwerter in den Händen hielt.

Wie viele von den Dingern hast du eigentlich?

„Mehr als genug, um dich klein zuhacken, wenn du Ärger machst,“ sagte sie und nahm es ihm weg. Schmerzhaft wurde sie an ihren Verlust erinnert.

„Und deinetwegen sind jetzt meine besten beiden Katanas kaputt! Sie waren Kunstwerke! Ich habe mit ihnen trainiert, seitdem ich meine Ausbildung begonnen hatte. Dieses Ding dagegen ist billiger Schrott.“

Sie legte Schwert beiseite, ließ sie sich ins Bett fallen und zog die dünne Decke hoch. Bevor sie das Licht ausmachen wollte, sah sie noch einmal nach Slyth. Aber er war verschwunden. Verwundert suchte sie den Raum mit den Augen ab, aber sie sah keine Spur von ihm. Schon stieg der erste Ärger in ihr hoch. Doch dann kam ihr eine Idee. Sie beugte sie über die Kante ihres Bettes und sah darunter.

„Hab ich’s doch gewusst. Immer im Schatten,“ murmelte sie und legte sich wieder zurück. Sie machte das Licht aus, aber ihre Gedanken kamen noch nicht zur Ruhe. War es denn nicht eine mehr als merkwürdige Entwicklung der Situation?

„Weißt du, eigentlich sind wir uns gar nicht so unähnlich. Ich habe dich für einen Skorpion gehalten. Dabei bist du es wahrscheinlich sogar weniger als ich.“

Sie erhielt keine Antwort darauf. Sie legte sich auf die Seite und schloss die Augen. Es dauerte nicht lange, und sie schlief ein.

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