Der Skorpion, vierundzwanzigster Teil
Die scharfe Schneide von Luzifers Schwert schwebte nur Millimeter über dem Hals des Biestes. Dieses verharrte regungslos in seiner kauernden Position, ohne nur ein Anzeichen von Gegenwehr. Luzifer hatte inne gehalten, als er den Schrei von Mourose gehört hatte. Sie war wie erstarrt und wagte nicht zu atmen. Mein Angebot gilt noch immer.„Sofort aufhören!“ rief sie plötzlich und wusste selbst nicht so recht, wen der beiden sie gemeint hatte. „Gib mir einen Grund, das nicht zu tun. Einen vernünftigen Grund,“ sagte Luzifer und sah sie mit einem verbitterten Blick an. Panik stieg in Mourose auf. Wenn sie so weiter machten, würde das in einem Chaos enden. „Ich werde das nicht zulassen!“ sagte sie energisch und zog ihr Schwert. „Bist du denn wahnsinnig?“ rief Luzifer und war sichtlich schockiert über ihr Verhalten. „Lass es in Ruhe!“ sagte sie mit kalter Stimme. „Willst du mich allen ernstes angreifen?“ Sie zögerte einen Augenblick. Was geschah nur mit ihr? Warum benahm sie sich nur so unlogisch? Ihre Hände begannen zu zittern, kalter Schweiß stand ihr auf der Stirn. Sie hatte Angst. Es war nicht die Angst vor Tod und Schmerz, es war die Angst etwas falsches zu tun. „Mourose, sei doch vernünftig. Du hättest doch gar keine Chance gegen mich.“ Zu zweit hätten wir eine Chance. Das stimmte wahrscheinlich. Einen Moment lang dachte sie sogar darüber nach, so verachtenswert der Gedanke auch war. Was könnte sie nur tun, damit er das Biest in Ruhe ließ? Aber war es denn wirklich so viel wert? Ihre Gedanken ekelten sie an. Nie hätte sie sich vorstellen können, das Schwert gegen Luzifer erheben zu wollen. Und doch konnte sie nicht anders als das Biest zu verteidigen. Krampfhaft klammerten sich ihre Finger um den Schwertgriff. „Lass es in Ruhe,“ wiederholte sie mit gepresster Stimme. „Mourose...“ „Lass es in Ruhe!“ Tränen standen auf einmal in ihren Augen. „Was hat es nur mit dir gemacht?“ Mit einem Blick der Verachtung sah er zu dem Wesen runter. Es starrte ausdruckslos zurück. „Das ist es doch nicht.“ „Worum geht es dir dann?“ „Nimm mir nicht auch noch das letzte, was mir das Gefühl gibt, bedeutsam zu sein.“ Luzifers Gesicht spiegelte abwechselnd Verwirrung und Entsetzen wider. Auch das Biest sah sie an, und sie spürte Verwunderung in ihm. „Haben wir dich nicht spüren lassen, dass du uns wichtig bist?“ fragte Luzifer, merklich bekümmert über ihre Aussage. Sie unterdrückte ein Schluchzen und schüttelte den Kopf. „Habt ihr euch jemals gefragt wie es mir geht, wenn ich abends alleine bin? Wenn ich mein Wohlergehen zurückstellte, damit ich euch helfen konnte?“ Er seufzte tief. „Du darfst das nicht falsch verstehen, was ich sage. Aber du bist ziemlich unnahbar. Du sahst nie aus als hättest du Interesse etwas mit uns zu machen. Du bist immer mit dir selbst beschäftigt.“ „Das ist aber nicht so! Ich bin nur nicht der Typ, der sich in den Vordergrund drängt! Und das weißt du sehr gut! Warum muss ich immer den Leuten hinterher rennen, wenn ich ihre Aufmerksamkeit will, warum kommt niemand mal zu mir?“ „Ich glaube, das ist alles nur ein großes Missverständnis.“ „Nein, ist es nicht! Du hast mich vernachlässigt und ausgenutzt, gibt das doch endlich zu!“ Er sah sie lange nachdenklich und mit traurigen Augen an. „Vielleicht hast du Recht, es tut mir leid. Ich habe deine Anwesenheit als selbstverständlich angesehen. Ich werde versuchen, dir in Zukunft mehr Aufmerksamkeit zu geben.“ Mourose schnaubte verächtlich. „Meinst du, das ist jetzt noch etwas wert? Jetzt weiß ich doch, dass du das nur vorheuchelst, damit ich wieder gehorsam und lieb bin.“ „Du tust dir wirklich schwer damit, eine Entschuldigung anzunehmen, nicht wahr? Ich meine es wirklich ernst.“ Ich finde euer Gespräch äußerst interessant. Aber wenn dir wirklich daran liegt, dass er am Leben bleibt, sorg dafür, dass er sein Schwert von meinem Hals nimmt. „Wenn du es wirklich erst meinst, dann lass es in Ruhe,“ sagte sie wieder mit fester Stimme. „Das kann ich nicht, Mourose. Es ist zu gefährlich, das weißt du selbst.“ „Dann lass uns wenigstens gehen.“ „Jetzt sind wir genauso weit wie vorher!“ rief er verärgert. „Du tust dir wirklich schwer damit, Kompromisse einzugehen, wenn es darum geht, die Interessen von deinen 'Freunden' zu berücksichtigen, nicht wahr?“ sagte sie mit hämischen Imitation seines Tonfalles. „Du verlangst zu viel! Ich werde es nicht töten, aber es wird von hier weggebracht. Kannst du das nicht akzeptieren?“ „Nimm die Klinge weg,“ drohte sie. „Nein.“ „Du bist nichts als scheinheilig! Denk an die Sache mit der Mondspinne! Vier Menschen sind vergiftet worden und wären fast gestorben, wenn sie nicht in letzter Sekunde das Gegengift erhalten hätten. Elf hatte sie als Nahrungsvorrat eingesponnen. Ein Einhorn hatte sie so übel zugerichtet, dass es nicht mehr gerettet werden konnte, und zwei Hunde hatte sie an Ort und Stelle verspeist. Und sie konnte erst nach einer Woche wieder eingefangen werden. War das ein Grund für dich, sie von hier wegzuschaffen? Nein!“ „Das ist auch eine bedrohte Tierart, die man nicht einfach so wegbringt, weil sie Probleme macht.“ „Ach, und für dieses Wesen gilt das wohl nicht?“ „Eine große Spinne ist noch etwas anderes als dieses Vieh. Sie handelte nur nach ihren Instinkten. Dieses Biest ist hinterlistig und manipuliert dich.“ „Aber es ist intelligent und zu Kompromissen bereit! Es hat mich vollständig erwachen lassen!“ Plötzlich veränderte sich sein Gesichtsausdruck. „Wie meinst du das?“ „Durch Bens Tod wurde ich so wütend und überzeugt von mir, dass ich meine Kräfte als Nephilim jetzt kontrollieren kann. Es hat das geplant, es war nicht einfach nur ein instinktiver Angriff.“ Lange sah er sie nachdenklich an. „Und warum hat es das gemacht?“ „Weil es etwas von mir wollte. Es wollte, dass ich es beschütze. So bin ich weitaus besser in der Lage dazu. Außerdem sollte es eine Art Gegenleistung dafür sein, dass ich ihm helfe.“ Er schüttelte den Kopf. „Das ändert aber nichts.“ „Was muss ich denn noch tun, um dich zu überzeugen?“ rief sie verzweifelt. „Na schön. Wenn du es hier behalten willst, dann zeige mir, wie es zu töten geht.“ Mourose war reichlich erstaunt von der plötzlichen Wendung. „Nein,“ hörte sie sich sagen. „Warum nicht? Das war es doch, was du wolltest!“ „Du würdest es töten, wenn du wüsstest wie.“ „Du vertraust mir da nicht?“ „Nein.“ „Wie weit ist es mit uns gekommen, dass du mir nicht einmal mehr vertraust?“ sagte er verbittert. „Daran bin nicht ich schuld.“ Er hielt inne und schüttelte den Kopf. „Nein, das bist du wirklich nicht. Das ist die Schuld von diesem Mistvieh. Und es ist jetzt endlich Schluss mit diesem Blödsinn. “ Er holte er mit der Klinge aus. Mourose reagierte reflexartig, sprang nach vorne und schlug sein Schwert mit ihrem weg. Noch bevor sie realisieren konnte, was sie getan hatte, wurde sie plötzlich von einer Ätherbeugung erfasst, durch die Luft geschleudert, und krachte mit dem Rücken gegen ein Rohrbündel. Gelähmt von Schmerz und Schock sank sie zu Boden. Ein lautes Zischen ließ sie wieder die Augen öffnen. Das Biest hatte sich vor sie geworfen und bedrohte Luzifer mit peitschenden Schwanz, der völlig mit fassungsloser Miene einige Meter von ihnen entfernt stand. Sie quälte sich in eine sitzende Position. Der Aufschlag hatte ihr die Luft aus den Lungen gepresst, sie rang nach Luft. Nur verschwommen nahm sie wahr, dass er auf sie zukam. Lass mich ihn töten. „Nein,“ keuchte sie leise. Es drehte den Kopf zu ihr. Warum lässt du zu, dass er dich so behandelt?Sie hustete. Jetzt hatte sie auch noch reale Schmerzen. Sie lächelte dünn. „Ich danke dir wirklich. Aber ich kann das nicht zulassen.“ Es sah sie noch einen Moment an, widmete dann aber Luzifer wieder seine Aufmerksamkeit. Verächtlich zischte es, griff ihn aber nicht an. „Mourose, es tut mir leid. Ich wollte das nicht...“ Sie lachte heiser. „Aber du hast.“ „Ich dachte, du würdest jetzt auf mich losgehen.“ „Blödsinn. Das habe ich nie gewollt. Ich wollte nur, dass du es in Ruhe lässt. Und das hättest du wissen sollen.“ Mit einem traurigen Blick sah er auf das Biest, dass ihn mit gefletschten Zähnen bedrohte und den Schwanz in Angriffshaltung hatte. „Was auch immer euch verbindet, ich kann es wohl nicht durchtrennen.“ „Nein. Das kannst du nicht. Fällt es dir etwa schwer, dich damit abzufinden? Ist es nicht bedrückend, wenn man plötzlich nur noch einen Bruchteil der Aufmerksamkeit von früher bekommt? Wie fühlt es sich an, wenn man merkt, dass man nicht mehr das einzige im Leben des anderen ist? Wenn dann auch noch in der Situation Forderungen gestellt werden? Fühlst du dich ausgenutzt? Vielleicht kannst du ja jetzt erahnen wie ich mich gefühlt habe.“ Lange Zeit sah er sie nur an. Die Schmerzen in ihrem Rücken ließen nach. Ihr war wohl nichts schlimmeres passiert. „Behalte es,“ sagte er plötzlich und steckte sein Schwert wieder ein. Überrascht sah sie zu ihm hoch. Sie hatte nicht mehr mit der Antwort gerechnet, so dass sie nun daran zweifelte, es gehört zu haben. „Wirklich?“ „Aber du übernimmst du ganze Verantwortung. Ich will es nicht unbehelligt hier herumschleichen sehen. Und sollte ich nur einmal den Verdacht haben, dass es etwas anstellen wird oder es bereits getan hat, werde ich es sofort töten. Hast du das verstanden?“ Sie nickte. „Danke,“ sagte sie darauf mit dünner Stimme. Dann wandte er sich plötzlich an das Biest. „Und du wirst sie nicht unglücklich machen oder ihr irgendwelchen Schaden zufügen! Sie ist mir teurer als sie dir ist. Ich mache das nur ihretwegen, und nicht weil ich dir vertraue!“ Es drohte nicht mehr, aber Mourose spürte noch seinen gezügelten Hass. Sie wusste nicht warum, aber plötzlich begann sie zu weinen. Ob es Tränen der Erleichterung waren? Auf einmal spürte sie Luzifers Arme um ihre Schultern. Er hatte sich zu ihr an den Boden gekniet. „Es tut mir so leid. Meinst du wir können das wieder hinkriegen?“ sagte er mit leiser Stimme. Sie nickte. „Mir tut es auch leid,“ brachte sie mit gebrochener Stimme heraus. Lange hielt er sie fest, und sie weinte lautlos an seine Brust. © 2005 by Codo Stellaris |