Der Skorpion, dreiundzwanzigster Teil
Mourose nahm ihr Handy raus, stellte es an und atmete tief durch. Dann wählte sie Luzifers Nummer. „Was hast du dir dabei gedacht?“ kam als wütende Antwort aus dem Gerät gescheppert. Das Biest zu ihren Füßen hob aus seiner zusammengekauerten Position den Kopf. Sie seufzte. „Ja, ich lebe noch, falls dich das interessiert.“ „Natürlich lebst du noch, sonst hättest du mich ja schwer anrufen können. Und jetzt sag mir sofort, was da unten los ist!“ „Ich kann es dir nicht sagen. Am besten kommst du selbst her. Alleine.“ „Was soll das denn schon wieder? Willst du mir jetzt Befehle erteilen?“ „Nein. Ich sage dir nur, was ich für das Beste halte.“ „Glaubst du etwa, dass ich nach alledem noch etwas auf dein Urteil gebe?“ Mourose blieb erstaunlich ruhig. Es berührte sie nicht einmal sonderlich, dass sie in seinen Augen so tief gefallen war. „Vielleicht vertraust du mir noch ein letztes Mal.“ Schweigen stand lange Zeit zwischen ihnen. „In Ordnung. Ein letztes Mal. Wenn du mich enttäuscht, werden deine Tage in diesem Reich gezählt sein.“ „Ich weiß. Das Nordtor ist wieder aktiviert. Du triffst mich dann im Leitungsknoten vier.“ Ich verstehe nicht, warum du das für mich tust. Sie seufzte und steckte ihr Handy weg. „Ich eigentlich auch nicht. Vielleicht weil ich Mitleid mit dir habe.“ „Dabei verdienst du es nicht einmal.“ Was ist das? „Ach, vergiss was ich gesagt habe. Das verstehst du nicht.“ Ich verstehe vieles nicht. Aber ich will es verstehen. Warum dienst du ihm? „Du stellst Fragen...“ Sie setzte sich auf den Boden. Die Phantomschmerzen machten ihr zu schaffen. Das Biest sah sie immer noch erwartungsvoll an. „Wenn ich ehrlich bin, muss ich gestehen, dass ich im Nachhinein die Entscheidung auch nicht mehr so recht nachvollziehen kann. Ich glaube, ich war damals in ihn verknallt. Es hätte mit uns aber nie etwas werden können. Uns so habe ich nach einem Weg gesucht, ihm irgendwie nützlich zu sein. Er wollte eigentlich gar keinen Leibwächter. Er hatte mich auch noch nie gebraucht. Und dann bringe ich ihn dadurch, dass ich dich hier anschleppe, auch noch in Gefahr. Ziemlich absurd das ganze. Na ja, so in der Art war’s wohl. Oder vielleicht auch nicht. Ich vertue mich schnell in dem, was ich für andere empfinde. Wenn man starke Gefühle für jemanden hegt, ob nun Liebe, Bewunderung, Eifersucht oder Hass, benimmt man sich nicht selten entgegen aller Vernunft. Im Moment bereue ich es, hier zu sein. An ihn gebunden zu sein, bedeutet für mich nur noch Ärger. Es ist alles so anders als ich früher gedacht habe. Ich fühle mich nicht respektiert. Und jetzt, da er seine Familie wieder hat, bin ich nur noch das fünfte Rad am Wagen. Ich werde nur noch für Handlangeraufgaben gebraucht. Aber warum erzähle ich dir das eigentlich...“ Ich habe gefragt. Sie warf ihm einen verwunderten Blick zu und lächelte dünn. „Benimm dich ja, wenn Luzifer hier gleich aufkreuzt.“ Was meinst du damit? „Na, du weißt schon. Iss ihn nicht auf oder so. Sei einfach ruhig und lass mich das machen.“ Ich könnte ihn töten. Dann würdest du über dieses Reich herrschen. „Bist du wahnsinnig?“ rief sie schockiert. Du wärst frei. „Aber für welchen Preis! Auch nachdem was geschehen ist, er ist immer noch mein Freund, genauso wie Lilly, Lydia und all die anderen, denen ich damit unermesslichen Schmerz zufügen würde und die mich dann hassen würden. Darüber hinaus steht es mir auch nicht zu, sein Lebenswerk einfach so zu übernehmen. Er hat sich seine Freiheit mit viel Schmerz und dem Blut seiner Freunde erkaufen müssen. Außerdem solltest du seine Kraft nicht unterschätzen. Er ist weitaus mächtiger als ich.“ Das bezweifle ich. „Auch wenn er ein mir ebenbürtiger Krieger und ein erfahrener Feldherr ist, seine Macht ist eine andere als die des Schwertes. Er könnte dich nur durch einen Blick in die tiefste Verzweiflung stürzen, so dass du wünschtest, deine widerwärtige Existenz wäre niemals begonnen worden. Er zeigt dir dein hässliches Selbst. Das ist kein Feind gegen den man kämpfen kann. Er macht dich selbst zu deinem gnadenlosesten Feind. Deswegen hassen ihn die Menschen auch so. Sie leben lieber in Selbsttäuschung, als sich erkennen zu wollen.“ Das verstehe ich nicht. Mourose starrte geistesabwesend in die Gegend. „Vielleicht verstehst du es nicht, weil du nichts falsch machen kannst. Du hast keine Gefühle, die dich zu irrsinnigen Handlungen treiben können. Oder zweifelst du etwa jemals an dem, was du tust?“ Es zögerte mit der Antwort. Mir kommt diese Situation schon sehr seltsam vor. Sie war verwundert über dieses Geständnis. Obwohl es inhaltlich nicht überraschend war. Aber kein Mensch würde gegenüber seinem potentiellen Feind etwas derartiges zugeben. In dem Moment hörte sie näherkommende Schritte auf dem Flur. Sie stand wieder auf und warf dem Biest einen ermahnenden Blick zu. Bewegungslos verharrte es auf dem Boden und verschwand optisch fast in Schatten und Nebel. „Mourose?“ fragte Luzifer von draußen. „Ich bin hier,“ antwortete sie und öffnete die Tür einen Spaltweit. Er war tatsächlich alleine gekommen. Erleichtert atmete sie auf. „Raus mit der Sprache, was soll die Geheimniskrämerei?“ Sie sah die Wut in seinen funkelnden Augen. „Versprich mir, nicht auszuflippen,“ sagte sie und hob beschwichtigend die Hände. „Ich verspreche gar nichts,“ sagte er und stieß energisch die Tür auf. Als er das Biest erblickte, erstarrte er. Langsam drehte es den Kopf zu ihm, blieb aber ruhig. Mourose fiel ein Stein der Erleichterung vom Herzen. Es hätte noch gefehlt, dass es ihn bedroht oder gar angegriffen hätte. Dann wäre alles vorbei gewesen. Plötzlich packte er sie am Arm, zog sie aus dem Raum raus, schlug die Tür zu und schob den Riegel von Außen vor. Er zerrte sie einige Meter von dem Raum weg. „Erklär mir das, und zwar sofort!“ Er ließ sie wieder los. Der Griff hinterließ schmerzhafte Blutergüsse. „Wir haben uns auf einen Waffenstillstand geeinigt.“ Ungläubig starrte er sie an. „Geeinigt? Du bist doch wahnsinnig! Mit solchen Monstern verhandelt man nicht! Hast du vergessen, was es angerichtet hat? Es ist gerade mal wenige Stunden her, da hat es dich fast umgebracht. Es hat Ben regelrecht in Stücke gerissen!“ „Ich weiß. Aber ich verstehe es jetzt. Es ist nicht bösartig. Es tut das, was es für das richtige hält.“ „Glaubst du etwa nicht, dass Hitler geglaubt hat, das richtige zu tun?“ „Ich weiß es nicht. Aber ich weiß, dass es nicht wie ein Mensch im vollen Bewusstsein dessen etwas böses tun kann. Ich glaube, es kann nicht einmal lügen. Alles was es will, ist überleben.“ „Und woher willst du das wissen?“ „Na ja, ich teile seine Empfindungen, es hat sich telepatisch mit mir verbunden. Und es spricht mit mir.“ „Und was glaubst du, warum es dich auserwählt hat?“ Sie zuckte mit den Schultern. „Vielleicht weil es gemerkt hat, dass ich ihm von Anfang an nichts böses gewollt habe. Oder es war an meiner Kraft interessiert. Es hat jedenfalls alles aufs Spiel gesetzt, um meine Kooperation zu verlangen. Dafür hat es sich entgegen seiner Prinzipien verhalten und sogar seine Schwächen offenbart.“ „Heißt das, es hat einkalkuliert, dass du es jetzt problemlos töten könntest?“ „Vielleicht nicht problemlos. Aber es würde mir um einiges leichter fallen als zuvor.“ „Und was stellst du dir jetzt für eure gemeinsame Zukunft vor?“ Der Hohn in seiner Stimme war unüberhörbar. Sie atmete tief durch, bevor sie antwortete. „Ich würde dich darum bitten, ihm Asyl zu gewähren.“ Er sah sie für einen Moment ungläubig an und schüttelte dann den Kopf. „Tut mir leid, dass ich das sagen muss. Aber du scheinst wirklich jedes Fünkchen Verstand verloren zu haben.“ „Ich kann verstehen, dass du so denkst. Vielleicht hast du ja auch Recht. Aber ich kann nicht anders. Ich habe mich entschieden.“ „Mourose, denk doch mal nach. Es wäre doch Wahnsinn, es hier zu behalten. Es ist viel zu gefährlich! Es hat schon einen Toten gegeben. Was passiert, wenn es sich entschließt, euer Bündnis zu brechen?“ „Dann werde ich mit meinem Leben dafür sorgen, dass es keine Gefahr für andere darstellt und es töten.“ „Nein. Erst recht nicht nach alledem, was du mir angetan hast. Was hast du dir nur dabei gedacht, hier alleine den Helden spielen zu wollen? Und dann auch noch die Tore und den Strom auszuschalten! Wenn es dich umgebracht hätte, dann hätten wir niemals zurückkehren können.“ „Doch. Das habe ich eingeplant. Es war meine Pflicht, es alleine zu beenden.“ „Du bist so eigensinnig! Du gibst nicht ein bisschen darauf, was ich zu dir sage. Dabei dachte ich, du wärst die einzige, auf die ich mich verlassen konnte. Du bist mir doch viel zu teuer, als dass ich solche Selbstmordaktionen zulassen würde.“ Mourose biss sich auf die Unterlippe. Diese Worten taten ihr sehr weh, weil sie nicht hat wahrhaben wollen, dass sie ihm so viel bedeutete. „Eure Sicherheit war mir wichtiger als alles andere. Erst recht, weil alles meine Schuld war.“ „Das war es dir wert, mich derartig zu hintergehen? Du wusstest, was ich davon halten würde.“ „Ja. Aber ich kann nicht gehorchen, wenn es dem widerspricht, was ich für richtig halte. Das müsstest doch gerade du am besten verstehen können.“ Er drehte sich zur Tür und seufzte tief. „Was würdest du tun, wenn ich dir verbiete, es hier zu behalten?“ „Ich würde den Dienst quittieren. Ich würde mit ihm an einen Ort gehen, an dem ihr oder andere Menschen nicht gefährdet wäret.“ „Du kannst nicht einfach kündigen! Für wen hältst du dich eigentlich?“ rief er entrüstet. Mourose spürte die Wut in sich aufsteigen. „Du bist wirklich der letzte, der mir solche Vorträge halten sollte! Wenn ich will, dann gehe ich! Du kannst mich nicht zwingen hier zu bleiben! Ich bin nicht dein Sklave!“ Die letzten Worte schrie sie fast. Es reichte ihr. Sie warf ihm einen Blick der Abscheu zu und ging energischen Schrittes zur Tür des Leitungsraumes. Er hielt sie im letzten Augenblick davon ab, indem er sie am Arm packte. Verärgert blickte sie ihm ins Gesicht. „Merkst du denn nicht, was hier geschieht? Du bist doch nicht mehr du selbst! Ich will dich nicht an dieses ...Ding verlieren! Ich will die alte Mourose wieder. Die Mourose, die für mich in der dunkelsten Zeit meines Lebens der hellste Stern war, die sich für alle Zeit genommen hat, die alle bewundert haben für ihre Klugheit, ihren Fleiß und ihre Erhabenheit. Die Mourose, auf die ich mich immer verlassen konnte.“ „...die sich für jeden den Arsch aufgerissen hat und trotzdem niemals Dank bekam, die in ihrer Naivität glaubte, sich mit Demut Aufmerksamkeit erkaufen zu können, die abends alleine in ihrem Zimmer war und sich mit brutalen Computerspielen und Kampftraining von ihrer Einsamkeit ablenkte, während alle um sie herum schön Familie gespielt haben.“ Er sah sie fassungslos an. „Mourose, das habe ich nicht...“ „Natürlich nicht. Warum auch? Es interessiert sich ja niemand für das Mädchen im Schatten des großen Fürsten, die letztendlich auch nur eine bessere Kaffeekocherin und Streitschlichterin war. Ihr habt mich immer nur gebraucht, wenn es Probleme gab. Lass mich los, ich habe keine Lust mehr auf dieses Leben.“ Er ließ ihren Arm frei. Die Wut war schlagartig aus seiner Stimme und seinen Augen gewichen. „Es tut mir leid, wenn du einsam warst. Ich habe nicht gewusst, dass dich die Situation mit Lilly und Lydia so bedrückt. Du hast ja selbst dafür gesorgt, dass sie nun wieder hier sind.“ „Ich mag die beiden wirklich sehr und wünschen euch das beste für die Zukunft. Aber Zeit muss nun mal aufgeteilt werden. Für mich blieb nun mal sehr viel weniger übrig, seitdem sie da sind. Früher nanntest du mich deine beste Freundin. Aber Blut ist dicker als Wasser, sagt man ja so schön. Ich als Nephilim und Schwarze Gardistin werde nie eine Familie haben, ich werde mich mit meiner Situation abfinden müssen. Aber dann will ich euer Glück nicht ständig vor der Nase haben.“ „Und du glaubst, du würdest mit diesem Monster irgendeine Art von Glück finden, die du bei uns nicht hast?“ „Nein. Ich erwarte nichts von ihm. Es würde mir nicht einmal etwas ausmachen, wenn es mich nur benutzt. Es nennt sich im Gegensatz zu dir ja nicht mein Freund. Also kann es mich mit Missachtung nicht verletzen.“ „Niemand wollte dich verletzen. Verstehst du denn nicht? Wir sind mit unseren Problemen zu dir gekommen, weil wir wussten, dass du uns helfen kannst. Das ist letztendlich auch ein Ausdruck dafür, wie sehr wir dich mögen. Was meinst du, was hier los wäre, wenn du auf einmal nicht mehr da bist? Du bist eine unersetzliche Freundin, für uns alle.“ „Aber das ändert auch nichts daran, dass ich unglücklich bin,“ antwortete sie mit bitterer Stimme. „Darüber könnte man doch reden. Du siehst in dem Biest die Lösung deiner Probleme, aber das ist einfach falsch! Es manipuliert dich zu seinen Zwecken, ist dir das nicht klar? Weisst du denn nicht, was es tun wird, wenn es auf Artgenossen trifft? Es wird wieder zu dem Monster werden, was es einmal war und dich gnadenlos töten wollen.“ „Ich weiß, dass es das wird. Das hat es mir gegenüber sogar zugegeben. Ich ...kann es dir nicht erklären. Es hat so viel riskiert und so viel Schmerz ertragen, ich kann das nicht einfach ignorieren. Es ist ehrlich zu mir. Und interessiert sich für alles, was ich denke und sage. Das kann nicht einfach nur Kalkül sein. Ich werde es nicht töten, nicht solange es friedlich ist.“ Er sah sie wortlos für eine lange Zeit an. In ihrem von zurückgehaltenen Tränen vertrübten Blick lag unerschütterliche Überzeugung. „Na schön, du lässt mir keine Wahl“ sagte er mit dunkler Stimme und öffnete die Tür. Ohne ein weiteres Wort ging er festen Schrittes in das neblige Dunkel des Raumes. Mourose war zu perplex um zu realisieren, was geschehen würde. Sie hörte das scharrende Geräusch vom Ziehen eines Schwertes. „Nein!“ schrie sie voller Entsetzen und rannte hinterher, aber da sah sie schon die Klinge auf das Biest heruntersausen. © 2005 by Codo Stellaris |