Der Skorpion, zweiundzwanzigster Teil

Mourose fühlte sich wie in Trance, als sie eines der Tore wieder reparierte. Den Strom hatte sie bereits wieder angeschaltet, und die Umgebungstemperatur wurde unter monotonen Dröhnen der Ventilatoren und Wasserpumpen langsam wieder gesenkt. Durch den Kurzschluss war in dem Emitter des Dimensionstores einiges durchgeschmort. Sie spürte keine Angst mehr, oder gar diese gefährlichen, lähmende Zweifel. Es machte keinen Sinn mehr sich den Kopf zu zerbrechen, ob es vernünftig war, das Biest am Leben zu lassen. Denn das war es mit Sicherheit nicht. Aber sie konnte sich einfach nicht mehr vorstellen, es zu töten, auch wenn es kein Wesen war, dass in einem normalen Menschen Sympathien hervorrief. Mourose teilte aber nun seine Gefühle und Empfindungen, das machte es ihr unmöglich, es nur noch als simple Bedrohung anzusehen, die es galt zu eliminieren. Es hatte seine Anonymität verloren. Es dachte, fühlte und konnte Schmerzen leiden.

Darüber hinaus hatte es Kooperationsbereitschaft bewiesen, und sie wollte ihm zeigen, dass sich ein solches, ihm bisher unbekanntes Verhalten lohnte. Sie war sich zwar nicht sicher, ob es das nur auf die üblich berechnende Art und Weise getan hatte, damit es ihr Vertrauen gewinnen konnte. Aber das konnte sie nicht überprüfen, und daher spielte es keine Rolle. Wichtig war, dass es das überhaupt getan hatte. Motivationen interessierten Mourose grundsätzlich nicht besonders, die Taten zählten für sie in erster Linie.

Natürlich würde sich die Situation schlagartig ins Gegenteil verkehren, wenn sie auf andere seiner Spezies treffen würden. Aber so schnell würde das nicht passieren, wenn überhaupt. Ihr würde genug Zeit bleiben, es länger zu beobachten und einschätzen zu lernen. Sie glaubte kaum, dass es Ärger machen würde, in der schlechten Position, in der es nun war. So stark war sein Überlebenstrieb, dass es sogar dafür riskierte seine Schwäche preiszugeben. Eine ziemlich mutige Einstellung, fand Mourose. Auch wenn es keine Wahl mehr gehabt hatte als auf ihre Hilfe zu hoffen, die meisten Menschen wären an seiner Stelle lieber in ihrem Stolz und Starrsinn gestorben als sich vor dem Feind noch verletzlicher zu machen. Außerdem war sie in gewisser Weise dankbar. Sie war durch es stärker geworden als sie es jemals geglaubt hatte zu sein. Und sie fühlte, dass dies noch nicht das Ende ihrer Entwicklung sein würde. Auch wenn das mit einem Menschenleben teuer bezahlt worden war. Vielleicht würde sie diese Schuld wieder aufwiegen können, wenn sie mit ihrer neuen Kraft die Menschen besser beschützen konnte.

Sie war darauf fertig mit ihrer Arbeit und lehnte sich kurz an die Wand. Sie spürte immer noch die Wunden des Biests. Sie waren nicht mehr so intensiv und unerträglich wie bei dem Durchbrechen seiner Barriere, aber es war trotzdem sehr unangenehm für sie. Ob sie es irgendwie heilen konnte? Wenn sie nun Tage mit diesen Phantomschmerzen herumlaufen musste, würde sie verrückt werden. Aber sie musste sich eingestehen, dass sie eigentlich gar nichts über seine Physiologie wusste. Vielleicht würde sie die Zeit finden, das Laborlogbuch durchzulesen, um endlich mehr zu erfahren. Als sie versuchte, die wenigen Informationen, die sie zusammen mit Luzifer aus dem Logbuch herauslesen hatte, wieder ins Gedächtnis zu rufen, fiel ihr plötzlich etwas ein. Es hatte da drin gestanden, dass die Drohnen wahrscheinlich ohne die Königin in der Lage wären, sich mit Hilfe von Wirten zu reproduzieren. Der Gedanke gefiel ihr ganz und gar nicht. Womöglich war das Biest einfach nur darauf aus, sie alle zu infizieren! Das wäre das erste, was sie an seiner Stelle tun würde. Ärger flammte in ihr auf. Warum hatte sie daran nur nicht gedacht? Die Sache schien unwichtig als es noch eingesperrt gewesen war. Aber nun ließ es die ganze Angelegenheit in einem anderen Licht erscheinen. Es war doch sonnenklar, dass es genau das vorhatte! Wutentbrannt rannte sie zu dem Raum mit den Wasserleitungen zurück. Es lag immer noch auf dem Boden in dem Verteilerraum und schlief.

„Wach gefälligst auf!“ brüllte sie und trat in seine Seite. Es schrie gellend auf und kam mit einem Satz auf die Beine. Es zischte und fletschte die Zähne, blieb aber in einer defensiven Haltung.

Was habe ich dir getan?

„Es geht nicht darum, was du getan hast, sondern was du vorhast!“

Ihre Stimme bebte vor Wut. Es hörte auf zu drohen, hielt den Schwanz aber abwehrbereit.

Ich verstehe nicht.

„Du verstehst sehr wohl! Es geht darum, dass du dich reproduzieren willst!“

Es legte den Kopf schief.

Es gibt keine Königin.

„Halte mich nicht für dümmer als ich bin, ich habe das Logbuch von den Raumschiff gelesen. Da steht drin, dass ihr euch auch ohne Königin fortpflanzen könnt, indem ihr Wirte infiziert! Stimmt das oder nicht?“

Es zögerte mit der Antwort, und Mourose spürte Unruhe in ihm wachsen.

Ja.

„Na also! Du wirst dich bestimmt nicht davon abhalten lassen, oder?“

Wir haben eine Abmachung.

„Aber ich glaube nicht, dass du die einhalten wirst. Du wirst die nächstbeste Gelegenheit nutzen, dich zu vermehren.“

Das werde ich nicht.

Mourose wurde unsicherer. Sie fühlte keinerlei Anzeichen in ihm für eine Lüge. Sie wusste nicht, ob es überhaupt lügen konnte, da es bei seiner Art nicht üblich war, einander zu hintergehen.

„Aber das verstehe ich nicht! Du hast doch selbst gesagt, dass du mich nicht über deine Spezies stellen wirst. Es wäre doch ein Leichtes für dich, dir ein Opfer zu suchen. Ich werde dich ja nicht den ganzen Tag kontrollieren können. Zu mehreren wären eure Chancen doch viel höher.“

Dann wäre ich aber immer noch hier eingesperrt. Auch wenn wir viele wären, das würde unser Ende nur herauszögern.

„Das kann doch nicht der Grund sein!“

Es entsteht dabei keine Königin.

Mourose war von der Antwort überrascht.

„Ist das denn so wichtig?“

Nur sie kann für eine effektive Vermehrung sorgen. Die alternativen Möglichkeiten sind nur Reserve für Notsituationen. Ohne eine Königin können wir zwar als Individuen überleben, aber nicht als Staat. Sie kann Eier legen, die Jahrhunderte überdauern. Und nur sie kann wieder das Ei einer Königin hervorbringen. Unsere Priorität ist unsere Art am Leben zu erhalten, nicht einzelne Individuen.

Mourose zog als Ausdruck ihrer Zweifel eine Augenbraue hoch. Irgendwie klang das in ihren Ohren nicht besonders logisch.

„Ist das alles, was du mir an Begründungen abliefern kannst?“

Es zögerte wieder für einen Moment.

Die Reproduktion ist ineffektiv. Die Infizierung gelingt selten bei ersten Mal. In der Schwangerschaft sind die Wirte empfindlich und sie dauert Wochen.

„Und es ist schwierig, die Wirte in der langen Zeit am Leben und bei Laune zu halten, richtig? Ich stelle mir das nicht besonders toll vor, wochenlang den Tod vor Augen zu haben und zu wissen, dass in einem der Mörder der eigenen Spezies heranreift. Wie viele Tage schreien sie noch um Hilfe und betteln um Gnade, bis sie sich kampflos ihrem Schicksal ergeben? Ihr seit wirklich widerlich!“

Es zischte verächtlich.

Kann ich das ändern?

Mourose wusste darauf nichts zu erwidern. Menschen waren nicht weniger rücksichtslos, wenn es darum ging, sich Nahrung heranzuzüchten und die eigenen Bedürfnisse zu stillen. Dafür war es ihnen ebenso Recht Tiere zu quälen, auszurotten und Lebensräume auf lange Zeit zu zerstören. Und das schlimme an ihnen war, dass sie mit ihrem egoistischen Verhalten sogar vor der eigenen Art nicht zurückschreckten.

„Es tut mir leid. Mir steht es nicht zu über euch derartig zu urteilen. Aber verstehst du vielleicht, dass es mir nicht behagt, mir einen derartig qualvollen Tod bei einem Menschen vorzustellen?“

Die Wirte sterben nicht grundsätzlich daran. Die Art der Reproduktion ähnelt der eurer Spezies. Deswegen sind wir dabei auch auf weibliche Wirte angewiesen.

„Weibliche Wirte?!“ schrie Mourose entsetzt und ging unwillkürlich einige Schritte zurück. Sie hatte zwar keine Details erfahren, aber ihre ohnehin schon alptraumhafte Vorstellung des Vorganges bekam gerade neue Dimensionen.

Ich habe nicht vor, das mit dir zu machen.

„Warum sollte ich dir vertrauen? Du kanntest das Wort ja bis eben nicht einmal!“ rief sie. Sie hatte Angst vor dem Biest gehabt, aber nicht diese Angst.

Die Schwangerschaft wäre zu leicht von euch zu entdecken und abzubrechen.

Mourose wurde schwindelig als sie daran dachte, dass sie mehrfach in seiner Anwesenheit ohnmächtig gewesen war. Sie mochte gar nicht daran denken, was in der Zeit passiert war. Vor allem beunruhigte es sie gewaltig, dass sie beim letzten Aufwachen in der Regenerationskammer so merkwürdig erregt gewesen war. Sie hoffte inständig, dass das nur an einem Traum gelegen hatte, aber sie würde zur Sicherheit so bald wie möglich einen Bioscan mit sich machen.

„Wenn ... sich herausstellt, dass du...“

Sie brach den Satz ab, denn sie konnte es einfach nicht aussprechen. Ekel und Hilflosigkeit schnürten ihre Kehle zu.

Ich suche eine Königin. Um das erreichen zu können, brauche ich dich. Und zwar auf die Art, die wir abgemacht hatten.

Sie versuchte wieder zu klaren Gedanken zu kommen und rieb sich die Augen, die in der zuvor so heißen Luft ziemlich gelitten hatten. Es wartete weitere Reaktionen von ihr ab. Sie sah es lange und prüfend an. Und es sah einfach ausdruckslos zurück. Eigentlich hatte sie genug Gründe gehört, um ihm zu glauben. Aber ob es tatsächlich die volle Wahrheit gesagt hatte? Auch wenn es vielleicht nicht lügen konnte, es war nicht ausgeschlossen, dass es absichtlich Dinge verschweigen konnte. Auf einmal wurde ihr bewusst, dass sie die ganze Zeit völlig unbewaffnet ihm gegenüber gestanden hatte. Und es hatte sie nicht einmal angegriffen, obwohl sie es im Schlaf getreten hatte. Vielleicht war sie einfach zu misstrauisch.

„Du weißt, was geschieht, wenn du mein Vertrauen enttäuscht?“

Ja.

Sie sah sich um. Irgendwo mussten ihre Schwerter liegen. Sie entdeckte sie in einer Ecke des Raumes und nahm sie mit. Das Biest beobachtete den Vorgang, ohne auch nur eine Regung zu zeigen.

„Ich werde dir glauben solange ich keinen Anlass habe zu zweifeln. Aber ich werde dir nicht blind vertrauen.“

Sie seufzte tief.

„Und Luzifer wird es erst recht nicht tun.“

© 2005 by Codo Stellaris