Der Skorpion, zwanzigster Teil
Es war wie eine tiefe Nacht, die über das Reich hineingebrochen war. Absolute Finsternis herrschte in den steinernen Gewölben und Hallen, kein Laut war zu hören. Mourose war allein mit ihrem Atem und ihrem Herzschlag. Selbst ihre leichten Schritte erklangen in ihren Ohren nun wie Hammerschläge und schienen endlos in der Dunkelheit widerzuhallen. Sie würde sich nicht verbergen können, wenn das Biest erst einmal in ihrer Nähe war. Aber das brauchte sie eigentlich auch nicht. Sie würde es selbst aus einer sehr großen Distanz mit dem Plasmagewehr sofort töten können. Dennoch fürchtete sie die Möglichkeit, dass es sie zuerst wahrnehmen würde. So vage wie sie seine Präsenz bisher immer nur hatte spüren können, würde es ihm durchaus gelingen können, sie hinterhältig zu überfallen. Dann würde sie nur wieder im letzten Moment ausweichen können und es wäre zu nahe, als dass sie es dann noch erschießen könnte, ohne durch das Blut in die Gefahr zu geraten selbst getötet zu werden. Aber das war egal. Es war ihr schon beim letzten Mal egal gewesen. Es gab wichtigere Dinge als ihr eigenes Leben. Sie durfte das Reich nicht dem Chaos überlassen. Und erst recht durfte sie nicht zulassen, dass es an die Oberfläche gelangte. Der Lichtkreis ihres Scheinwerfers glitt lautlos über die Wände. Wie fremd doch selbst das Vertraute schien, wenn man Licht und Strom abschaltete. Nach einer endlos erscheinenden Zeit war sie am Bestiarium angekommen. Sie wusste, dass es nicht da zu finden war, aber sie wollte sich ein Bild vom Ort des Geschehens machen. Vielleicht fand sie auch Hinweise darauf, wo es sich nun aufhielt. Sie hatte es schließlich nicht eilig, sie war ganz alleine mit dem Biest. Es konnte kein weiteres Unheil anrichten. Sie kam an den Gehegen der anderen Tiere vorbei, sie verhielten sich alle ruhig. Sie ging weiter. Im Licht ihres Scheinwerfers sah sie das Chaos am Kampfplatz. Überall war Blut, ihres und seines. Die gelbe Säure hatte sich nicht sehr weit durch den Stein fressen können und bildete nun gefährliche Pfützen. Mourose ging sehr vorsichtig voran um nicht hineinzutreten. Sie sah sich die Blutflecken sehr lange an, doch es führte keine Spur aus dem Bestiarium heraus. Sie seufzte. Das würde die weitere Suche erschweren. Doch es gab noch etwas, was sie untersuchen wollte. Sie trat an das Gehege ran und leuchtete jeden Winkel aus. „Wo bist du nur durchgekommen?“ murmelte sie leise. Ob Ben es befreit hatte? Für so dumm hätte sie ihn eigentlich nicht gehalten. Was hätte er für einen Grund haben können? Oder ob es ihn in seinen Gedanken hatte manipulieren können? Aber auch das kam Mourose nicht sehr einleuchtend vor. Es konnte einen nicht dazu bringen, Dinge zu tun, die dem eigenen Charakter widersprachen. Alles was es konnte, war es durch subtile, eingepflanzte Gedanken Unsicherheit sähen. Dann bestand noch die Möglichkeit, dass jemand anders es befreit hatte. Aber es war sonst niemand befugt, das Bestiarium ohne besondere Erlaubnis zu betreten. So hart die Strafen dieses Reiches waren, war es auch unwahrscheinlich, dass überhaupt jemand auf die Idee gekommen wäre. Außerdem hatte ja niemand außer ihr, Luzifer, dem Tiermeister und Ben von dem Tier gewusst. Egal wie sie es drehte, es musste sich irgendwie selbst befreit haben. Sie ging zu dem Hebel und legte ihn um. Mit einem großen Klappern und Scheppern wurde das schwere Eisengitter hochgezogen. Wenigstens geschah dies über eine alte Mechanik, so dass sie wegen des ausgefallenen Stromes keine Probleme hatte. Sie hätte es alleine nicht öffnen können. Vorsichtig trat sie in das Gehege ein. Auch wenn es nicht mehr da war, dies war der Ort, an dem es lange eingesperrt gewesen ist. Sie spürte, wie der Äther immer noch sein fremdartiges Muster schwang, so wie es bei jedem Lebewesen geschah, das sich über längere Zeit an einem Ort aufgehalten hatte. Fast kam es ihr so vor, als würde es immer noch unter der Krippe lauern. Ein merkwürdig vertrautes Gefühl. Ein Teil von ihr bedauerte sie Situation. Sie hatte es nicht einsperren wollen. Alles hätte anders verlaufen können, hätte es sie nicht gleich nach dem Verlassen des Raumschiffes angegriffen. Und es hätte anders enden können, wäre es nicht ausgebrochen. Aber was erwartete sie denn? Es war eigentlich völlig normal für ein wildes Tier, wie es sich verhalten hatte. Dazu kam wahrscheinlich noch der Hass auf die Menschen, die seine Art seit dem Zusammentreffen der Spezies antrieb. Und wenn sie an seiner Stelle ihr Leben an einer Kette und als gequältes, isoliertes Forschungsobjekt hätte verbringen müssen, wäre ihr wahrscheinlich jeder Verstand abhanden gekommen. Für diese Umstände hatte es sich sogar erstaunlich rational verhalten. Sie schüttelte den Kopf. Sie durfte solche Gedanken nicht zulassen. Was auch immer es angetrieben hat, ob es dafür in irgendeiner Weise schuldig zu erklären war oder nicht, sie durfte die Bedrohung für ihre Freunde nicht länger zulassen! Nicht das stärkste Gehege hat ihm standhalten können, selbst sie hatte es nicht töten können, es bestand einfach keine andere Möglichkeit. Und doch schmerzte es in ihrem Inneren. Sie hätte es auf dem Raumschiff lassen sollen, dann wäre es einen schnellen, schmerzlosen Tod gestorben. Und ihr wäre dieser ganze Ärger erspart gewesen. Und Ben wäre noch am Leben. Sie versuchte, sich auf ihre Arbeit zu konzentrieren und leuchtete unter die Krippe. Nichts. In ihr stieg leichter Ärger auf. Was übersah sie nur? Sie massierte sich den Nacken, der ihr vor Anspannung bereits schmerzte. Da fiel ihr Blick auf den Stapel mit den gelagerten Gerätschaften. Sie räumte das Zeug zur Seite. Hinter einer Schaufel, mehreren Eimern und ein paar Heuballen fand sie einen Lüftungsschacht. Ob es dadurch entkommen war? Das Gitter davor war sehr stark und aus der selben belastbaren Legierung wie das große Gitter. Sie rüttelte daran und mit einem lauten Knall löste es sich plötzlich aus der Wand. Erstaunt starrte sie es an. Das hätte nicht passieren dürfen! Diese Gitter waren normalerweise fest verschraubt und gar nicht dazu ausgelegt, geöffnet zu werden. Doch dann sah sie es: Die Scharniere waren leicht verätzt und dadurch spröde geworden. Irgendein Dummkopf hatte keine säuerresistenten Scharniere verwendet, obwohl es nach dem Vorfall mit der Mondspinne Vorschrift war! Aber dann dachte sie daran, dass das Gehege unbenutzt gewesen und damit gar nicht unter die Vorschrift gefallen war. Schließlich wurde es wohl stattdessen schon seit längerem als Abstellkammer verwendet. Dann wäre es ihr Fehler gewesen, es dort einzusperren. Sie stieß einen Fluch aus. Warum hatte sie nur so viel Mist gebaut, als es drauf angekommen war? Sie legte das Gitter beiseite und leuchtete in den freigelegten Schacht. Er war eng, selbst sie würde vielleicht gerade so auf allen Vieren durchkriechen können. Aber das Biest hatte diese langen Auswüchse am Rücken, wie sollte es dann sich in diesen engen Schacht quetschen können? Im Lichtschein sah sie etwas am Eingang des Schachtes glänzen. Sie fasste mit der Hand hinein. Es war eine dünne Schicht klarer, kalter Schleim, der an ihren Fingern lange Fäden zog. Mourose war gar nicht mehr angewidert davon, dafür umso überraschter. Es war also tatsächlich dort durchgekommen. Vielleicht konnte es sich sehr klein machen, wenn es darauf ankam. Am erstaunlichsten fand sie aber die Tatsache, dass es das Gerümpel von Schacht aus wieder so herangezogen hatte, dass keiner etwas von dem Ausbruch gemerkt hatte. Sie grinste dünn. Was für ein durchtriebenes Miststück. Sie ging wieder aus dem Gehege raus und überlegte. Nun musste sie es irgendwie finden. Wenn sie ziellos suchen würde, dann wäre sie noch Monate damit beschäftigt. Der unterirdische Komplex war riesig, nicht nur der Palast kam in Frage, auch die gewaltige Höhle mit den Gärten an den Ufern des Acheron und die alten Gewölbe am Lavastrom waren weitere Möglichkeiten, die sie in Erwägung ziehen sollte. Aber die Wege dorthin waren lang. So weit würde das Biest nicht mit seinen Verletzungen gelaufen sein. Oder etwa doch? Sie hoffte inständig, dass es nicht so war. Sie sollte sich zunächst auf das Naheliegende beschränken. Es mochte Wärme und Feuchtigkeit, vielleicht waren das gute Anhaltspunkte. Und es würde sich in eine dunkle Ecke verkrochen haben, um nicht gefunden zu werden. Wahrscheinlich war es auch ein Ort, den es von den Luftschächten gut erreichen konnte. Mourose spürte auf einmal, wie heiß es plötzlich geworden war. Schweißperlen rannten ihr die Stirn herunter und die Kleidung begann unter der Feuchtigkeit unangenehm am Körper zu kleben. Oder waren das nur ihre Nerven? Aber dann wurde ihr klar, woran das lag. Es verliefen jede Menge Leitungen in den Wänden, die das kalte Wasser des Acheron in den Palast förderten, um die schon recht unangenehme Erdwärme abzutransportieren. Nun, da es keinen Strom mehr gab, liefen die Pumpen nicht mehr und es wurde so warm, wie es in dieser Erdtiefe normalerweise war. Sie ärgerte sich für einen Moment über diesen unbeabsichtigten Nebeneffekt ihrer Handlungen. Aber nun konnte sie es nicht mehr ändern. Den Strom wieder anzuschalten würde bedeuten, dass Luzifer die Tore und jede Menge andere Systeme von der Oberfläche aus aktiveren könnte. Ihr kam in dem Zusammenhang plötzlich eine Idee. Es gab einige kleine Räume, in denen die Wasserleitungen zusammengeführt wurden. Es war dort im Normalbetrieb sehr viel wärmer und feuchter als irgendwo sonst in diesem Palast. Sie überlegte, wo der Verteilerknoten war, der am nächsten am Bestiarium lag. Es war nicht weit, vielleicht fünfzig Meter. Das war für ein verletztes Tier durchaus noch eine realistische Entfernung. Außerdem lagen die Leitungen teilweise in einem komplizierten System von Schächten, und die Kaltwasserleitungen endeten an den Lüftungsschächten. Es wäre die ideale Umgebung für das Biest. Sie hatte ein gutes Gefühl bei der Idee, also ging sie entschlossen los. Doch jeder Schritt, der sie näher an den Raum heranführte, fiel ihr schwerer und schwerer. Die Hitze machte ihr zu schaffen, sie schob es zunächst darauf. Doch sie machte sich etwas vor. Sie hatte zu lange mit dem Biest verbracht, als dass es ihr nicht schwer fallen würde, es zu töten. Zu viele Fragen würden offen bleiben. Immer wieder fragte sie sich, was nach dem Kampf geschehen war. Warum hatte sie es sie nicht getötet, als sie kampfunfähig gewesen war? Und warum war sie in der Regenerationskammer aufgewacht und wusste immer noch nicht, wer sie dorthin gebracht hatte? Sie merkte, in welche lächerlichen Bahnen ihre Gedanken sich verirrten. Ihre ganze Sorge und Liebe galt schließlich ihren Freunden, die sie in tödliche Gefahr gebracht hatte. Sie durfte nicht mehr Zögern. Es blieb ihr keine Wahl, sie war schon zu weit gegangen. Sie wollte endlich alles wieder ins Reine bringen. Ihre Gedanken kamen zum Stillstand als sie die Tür zu dem Verteilerraum vor sich sah. Sie atmete tief durch und ließ sich einen Moment Zeit. Und doch waren ihre Finger zittrig, als sie ihren die Hand hob um die Tür zu öffnen. Sie ignorierte es. Nebelschwaden schlugen ihr entgegen und sie hob ihr Gewehr in schussbereite Position. Das Licht ihres Scheinwerfers kam in dem Dampf nicht weit. Stattdessen hatte sie nun einen blendenden Lichtkegel vor sich. Sie blieb einen Moment stehen, damit der Dampf wenigstens teilweise durch die geöffnete Tür abziehen konnte. Dann ging sie ein paar Schritte in den Raum. Plötzlich spürte sie es. Das Biest. Es war wahrscheinlich irgendwo unmittelbar in der Nähe, so klein wie der Raum war, höchstens ein paar Meter von ihr entfernt! Doch sie konnte es nicht lokalisieren. Es verliefen viele Leitungen in ziemlich wirren Bündeln und Knoten. Überall waren Schlupfwinkel. Zudem verschleierte der Dampf die Sicht. Heißes Wasser tropfte in ihren Nacken. Sie krampfte ihre Hände um das Gewehr. Es könnte jeden Moment auftauchen. Aus allen Richtungen! Ihr würde nicht viel Zeit bleiben. Notfalls würde sie es in die Luft jagen, zusammen mit sich selbst. Sie deaktivierte die Sicherung der Selbstzerstörung der Waffe. Sie müsste nun nur noch diesen kleinen Knopf an der Seite der Waffe drücken und alles innerhalb eines Radius von vierzig Metern würde in einem Feuerball enden. Sie drehte sich langsam um sich selbst. Wo war es nur? Es musste sie schon längst bemerkt haben, sie hatte ja gar nicht erst versucht sich zu verstecken. Grell drang das suchende Licht ihres Scheinwerfers durch den Raum. Beißender Geruch stieg ihr in die Nase, so als wäre etwas verbrannt. Es war wohl das Blut des Biests, dass irgendwas verätzt hatte. Sie sah aus dem Augenwinkel nach unten. Ihre Füße waren im Dampf, sie konnte nicht sehen, wohin sie trat. Keine angenehme Vorstellung. Ihr Herz schlug ihr bis zum Hals und das Blut rauschte in ihren Ohren. Vorsichtig ging sie weiter. Es bewegte sich nicht, dass spürte sie nun mit ziemlicher Sicherheit. Es wäre unter diesen hinderlichen Umständen durchaus in einer guten Situation sie anzugreifen, warum tat es das nicht? War es zu verletzt? Wenn sie es doch nur sehen könnte! Mit jedem Schritt zitterte sie mehr und mehr. So sehr sie es sich eigentlich herbeiwünschte, sie begann den Augenblick der Konfrontation zu fürchten. Warum nur? Warum war sie beim letzten Kampf sich so sicher gewesen? Und warum verrannte sie sich nun immer mehr in ihre Zweifel? „Wo bist du feiges Miststück! Zeig dich endlich!“ brüllte sie plötzlich. Sie hatte es satt, durch die Gegend zu schleichen, ohne das etwas geschah, alleingelassen mit ihren Gedanken. Sollte es sie doch angreifen, sie wüsste, was sie zu tun hatte. Aber nichts passierte. Verzweiflung machte sich in ihr breit. Es war mittlerweile so nah, dass sie glaubte seinen Atem zu hören. Vielleicht sollte sie einfach die Bombe aktivieren, so würde das alles endlich ein Ende nehmen. Plötzlich erlosch das Licht. Erschrocken fuhr sie in sich zusammen und Panik stieg in ihr auf. Da wurde ihr klar, was passiert war: Die Batterie des Scheinwerfers war alle. Hätte sie doch nur einmal auf die Anzeige gesehen! Sie konzentrierte sich darauf, ihre Umwelt trotz der Dunkelheit wahrzunehmen, aber es gelang ihr nicht besonders gut. Sie war zu nervös. Mit zittrigen Fingern nahm sie die Batterie heraus und nahm eine neue aus ihrem Gürtel. Dennoch schaffte sie es, sie relativ schnell wieder einzusetzen. Das plötzliche Licht blendete sie. Beinahe hätte sie sich so etwas wie Erleichterung gegönnt, dass nichts während der wenigen Sekunden der absoluten Dunkelheit passiert war. Mit einem Mal wusste sie, was sie zu tun hatte. Sie würde aus dem Raum rausgehen, die Waffe zurücklassen und den Zeitzünder der Bombe aktivieren. Dass ihr das nicht schon früher eingefallen war! Sie öffnete ein kleines Panel an ihrer Waffe und gab einen Countdown von zehn Sekunden ein. Das würde reichen, um sich in sichere Distanz zu bringen, ohne dass das Biest zu viel Zeit hatte ihr zu folgen. Sie ging rückwärts zur Tür. „Tut mir leid,“ sagte sie leise und aktivierte den Zeitzünder. Sie wollte die Waffe gerade in den Raum werfen und losrennen, da packte sie plötzlich eine kalte Hand mit übermenschlicher Kraft. Sie schrie entsetzt auf, als sie ihre Finger schmerzhaft zurückgebogen wurden, so dass sie die tickende Bombe fallen lassen musste. „Nein!“ schrie sie verzweifelt. Das durfte nicht geschehen! Sie wehrte sich verzweifelt, aber der Griff des Monsters war zu fest. Nicht einmal mit einer Ätherverbiegung konnte sie sich befreien. „Na schön, dann sterben wir eben gemeinsam!“ schrie sie. Es war ihr auch Recht. Aus dem Augenwinkel sah sie die Waffe dicht neben sich am Boden liegen. Nur noch zwei Sekunden. Sie schloss die Augen. Die Explosion ließ die alten Mauern erschüttern, dass der Mörtel bröckelte, unbezahlbare Vasen zu Boden krachten und Kronleuchter klirrten. Selbst in den abgelegensten Räumen war der gewaltige Knall zu hören und hallte noch lange durch die endlosen Korridore nach. Danach kehrte wieder Stille in die Dunkelheit zurück.© 2005 by Codo Stellaris |