Der Skorpion, zweiter Teil

Mourose stellte die Düsen ab und lehnte sich im Pilotensitz des Truppentransporters zurück. Jetzt war sie auf Kurs und musste nur noch abwarten, bis sie das fremde Schiff erreichte. Sie sah auf die Anzeigen. Es würde fast einen halben Tag dauern dorthin zu gelangen, Pluto war schließlich ungefähr 5 Lichtstunden von der Erde entfernt. Sie wollte keinen Hyperraumsprung machen, der sie binnen Sekunden ans Ziel gebracht hätte, das würden die irdischen Astronomen mit ihren Instrumenten bemerken. Sie war unter der Tarnkappe völlig sicher vor unerwünschten Blicken, wenn sie nur unter Lichtgeschwindigkeit blieb. Sie hoffte inständig, dass es mit dem fremden Schiff keine Komplikationen gab, die sie zu einer Flucht in den Hyperraum zwingen würde. Sie seufzte. Wahrscheinlich war das Schiff nur ein altes Wrack. Aber selbst wenn es das wäre, müsste sie dafür sorgen, dass es den Menschen verborgen blieb. Die weltpolitische Lage auf der Erde war gerade reichlich brenzlig, wenn jetzt noch die Erkenntnis über außerirdisches Leben dazukam, wäre das Chaos perfekt. Außerdem wäre es trotz allem reichlich interessant das Wrack zu erforschen.

„Na, wie sieht es aus, alles in Ordnung?“ kam Luzifers Stimme aus dem Subraumfunkgerät. Es hatte gegenüber normalen Funkgeräten den Vorteil, dass es keine Funkverzögerungen gab, die sich selbst innerhalb des Sonnensystems über Stunden ziehen können.

„He, was soll nicht in Ordnung sein? Um das Schiff auf Kurs zu setzen, könntest du auch einen Affen ans Steuer setzen,“ funkte sie spöttisch zurück.

„Ich mach mir nur Sorgen, Murray. Mir gefällt es nicht, wie du dich darum gerissen hast, auf diesen Trip zu gehen.“

„Ich will auch mal raus aus meinem Trott. Hast du plötzlich solche Bedenken?“

Mourose überraschte das Zögern am anderen Ende der Leitung.
“Ein bisschen. Ich habe ein ungutes Gefühl dabei. Sei einfach vorsichtig, OK? Und nimm eine Plasmapistole mit. Nur zur Sicherheit.“
“Ich hasse Schusswaffen,“ grunzte sie verächtlich. Sie empfand es als Beleidigung, dass man mit Schusswaffen derartig plump jemanden umbringen konnte. Selbst Kinder bekommen das hin. Wer lernt ein Schwert zu führen, lernt mit der langwierigen Ausbildung auch es weise einzusetzen. Zumindest sollte es so sein.

„Ich bin diejenige, die da reingehen wird, also entscheide ich selbst, womit ich mich verteidigen werde,“ beschloss sie.

„Na schön. Ich mache mich wohl nur verrückt. Es ist schließlich das erste Mal, dass du überhaupt zum Einsatz kommst.“
“Welche Ehre, dass du das mal bemerkst,“ lachte sie. Sie sah sich die Scandaten des Computers über das fremde Schiff an.

„Siehst du auf deinen Sensoren etwas neues?“ fragte sie. Die Sensoren des Transporters waren nicht so leistungsstark auf die gleiche Entfernung wie die Satelliten.

„Nein, gleicher Kurs, keine Antriebsspur, keine Energiequelle.“
Wie erwartet. Ein Haufen Schrott. Mourose gähnte. Sie liebte ihr Mittagsschläfchen, für das es nun Zeit wurde.

„Ich leg mich ein wenig hin. Wenn ich auf drei Kilometer dran bin, melde ich mich. Bis heute Abend.“

„Bis dann.“

 

Mourose zündete die Bremsdüsen und deaktivierte das Tarnfeld. Sie war nun im Bereich von Plutos Umlaufbahn. Es war dunkel und das fahle Licht der weit entfernten Sonne, die nur noch ein heller Punkt am dunklem Himmel war, wirkte gespenstisch. Fast kam es einem vor, als wäre es hier am äußerem Ende des Sonnensystems noch einsamer als das All ohnehin schon war. Nur noch wenige Kilometer trennten sie von dem fremden Schiff. Noch war es durch die Frontscheibe nur als winziger, konturloser Punkt zu erkennen. Die Sensoren hatten auch bei der Annäherung keine nennenswerten Informationen ausgespuckt. Die Länge war mittlerweile aber recht genau mit 435,7 Metern angegeben. Auf dem Monitor erschien der erste Konturscan. Es war ein bulliges Schiff, aber mit schnittigen Konturen. Sie würde es als ein Schlachtschiff einordnen. Nachdem sie auf Rendevous-Geschwindigkeit war, schaltete sie die Düsen ab. Ein paar Minuten später kamen die nächsten Informationen rein. Der Infrarotscan zeigte, dass die Innentemperatur fast bei Weltraumtemperatur lag, es war sprichwörtlich tiefgefroren. Der Fleck vor ihrem Fenster nahm allmählich Gestalt an. Es war Zeit, sich an der Bodenstation zu melden.

„Basis von Tau2, bitte kommen.“

Es dauerte keine zwei Sekunden, da kam die Antwort. Wahrscheinlich hatte Luzifer schon auf sie gewartet.

„Hier Basis, Mourose, wie geht es dir?“

„Soweit so gut. Ich bin jetzt fast da. Unser Wrack ist eine Tiefkühltruhe. Keine Innentemperatur.“

„Das war ja zu erwarten. Selbst die beste Isolierung verhindert nicht, dass ein ungeheiztes Raumschiff irgendwann auskühlt. Allerdings dauert das normalerweise sehr lange bei der Schiffsgröße. Wenigstens bedeutet das, dass wahrscheinlich kein Leben mehr an Board ist.“
Weitere Daten kamen bei ihr rein.

„Keine Atmosphäre,“ gab sie weiter.

„Ich schicke dir mal den Datenstrom meiner Sensoren, damit du siehst was ich sehe,“ sagte sie und huschte mit den Fingern über die Tasten des Boardcomputers. Der Konturscan zeigte schon ein sehr klares Bild.

„Beeindruckende Bauweise,“ kommentierte Luzifer,“ es scheint zu einer kriegerischen Rasse zu gehören, die sehr viel Wert auf einen richtigen ersten Eindruck legt.“

„Das war auch meine Einschätzung. Ich kann immer noch keine Energieaktivitäten feststellen, obwohl ich schon längst im Bereich ihrer Kurzstreckensensoren und Waffensysteme sein sollte.“

Mittlerweile war das Schiff vor ihrem Frontfenster gut zu sehen. Es schien äußerlich unbeschädigt, wirkte aber schon sehr alt. Es war anscheinend dick mit Weltraumstaub bedeckt, so stumpf wie die Oberfläche aussah. Sie sah einige oberflächliche Kratzer und kleine Beulen, wahrscheinlich von kleinen, interstellaren Trümmern, mit denen es kollidiert ist. Schutzschilde schienen niemals aktiv gewesen zu sein.

„Mann, das ist eine alte Blechdose,“ sagte sie zu sich selbst. Trotz allem fühlte sie eine gewisse Form von Ehrfurcht in der Nähe dieses imposanten Stück Technologie. Die Vorstellung, dass eine völlig fremde Rasse es erbaut hatte, von denen selbst die Engel nicht wussten, faszinierte sie. Ob es die Erbauer überhaupt noch gab? Welche Geschichte steckte hinter diesem Schiff? Mittlerweile war sie dicht genug dran, um selbst kleinste Details zu erkennen. Sie ließ die Sensoren nach einer Dockschleuse oder ähnlichem suchen, wodurch sie in das Innere gelangen könnte.

Als sie ihren Blick über die staubige Oberfläche schweifen ließ, stieg auf einmal ein mulmiges Gefühl in ihr hoch. Sie schob es zuerst auf die ungewohnte Situation, ihre Aufregung, endlich im Einsatz zu sein. Doch dann merkte sie, was sie in Wirklichkeit beunruhigte. Sie spürte eine ungewöhnliche Störung im Äther, jene Energie, die alles im Universum durchdringt und verbindet. Es fühlte sich nicht nach etwas Lebendigem an, wäre noch Leben an Bord hätte sie es mit Sicherheit schon längst gespürt. Es war eher wie ein Nachhallen einer starken Fluktuation, eine Störung der natürlichen Schwingung des Äther. Sie schluckte. Irgendwas war hier einst geschehen. Es war lange her, doch es muss furchtbar gewesen sein. Vielleicht würden sich die Ungereimtheiten, die sie zusammen mit Luzifer im Observationsraum besprochen hatten, ebenfalls klären, wenn sie die Ursache der Störung feststellen konnte.

Der Computer hatte eine Dockschleuse gefunden. Sie war wie erwartet nicht mit dem Dockmechanismus ihres Schiffes kompatibel. Sie konnte sich aber dennoch mit den Magnetklammern an die Hülle festsetzen und musste die Schleuse dann manuell öffnen, notfalls müsste sie sich durchschweißen.

„Ich hab einen Eingang,“ sagte sie in das Funkgerät.

„Mourose...“
“Jaja, ich bin vorsichtig.“

Sie schaltete die Handsteuerung an und manövrierte den Transporter geschickt an die Flanke des fremden Schiffes. Automatisch klammerte sich das Docksystem mit einem metallischen Rumms an die Außenwand des Schiffes und stellte einen Schleusenkorridor her.

Sie schnallte sich ab und ging zur Schleuse um sich ihren Raumanzug überzuziehen. Kurz überlegte sie, ob sie vielleicht doch die Plasmakanone mitnehmen sollte. Die Ätherfluktuation beunruhigte sie. Sie versuchte sich klarzumachen, dass was immer auch damals die Ursache gewesen war, längst im Strom der Zeit untergegangen wäre. Sie entschloss sich, eines ihrer Katana mitzunehmen. Sie schloss das Visier ihres Helmes und begab sich in die Luftschleuse.

„OK, ich gehe rein,“ funkte sie über ihr Headset zur Erde.

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