Der Skorpion, neunzehnter Teil

Eine warme, vertraute Dunkelheit umgab Mourose, als sie langsam wieder zu sich kam. Noch war sie nicht imstande bewusst zu denken, alles was sie fühlte war glühende Erregung. Ihr nackter Körper zitterte wie unter einem Nachbeben. Nur langsam kamen die ersten Gedanken wieder. Sie schien zu schweben, weder sah noch hörte sie etwas. Sie wusste nicht einmal, wo oben und unten ist. Auch wenn es ihr widerstrebte, zwang sie sich ihr merkwürdiges Körperempfinden unter Kontrolle zu bekommen. Da begann ihr Verstand allmählich wieder zu arbeiten. Was war geschehen? Wo war sie? Sie streckte ihren Arm aus und berührte direkt vor sich eine glatte Oberfläche. Sie tastete weiter. Sie war komplett davon umgeben! In dem Moment, als sie realisierte, dass sie eingesperrt war, gab es plötzlich ein dumpfes Geräusch, Licht schien auf sie hinab. Sie wollte vor Schreck aufschreien, aber es entkam ihrer Kehle kein Laut. Da fühlte sie, wie die Oberfläche sich von ihr fortbewegte und sie stieß sich in die Richtung vor, von der sie hoffte, dass sie ihre Befreiung bedeutete. Sie brach mit dem Kopf an die Luft, stellte entsetzt fest, dass sie nicht atmen konnte und ihre Lungen mit Flüssigkeit gefüllt waren. Sie würgte diese aus. Gierig sog sie danach die kühle Luft ein und hielt inne, um wieder zu Sinnen zu kommen.

Sie blinzelte gegen das blendende Licht und sah, dass sie in einer Regenerationskammer lag, umgeben von dem Heilserum. Daher war sie auch nicht ertrunken. Es war mit Sauerstoff angereichert, so dass sie es atmen konnte. Verwundert wischte sie sich es aus den Augen und sah sich um. Es war die Kammer in dem umgebauten Truppentransporter. Aber wie war sie da hineingekommen? Da kamen plötzlich all die Erinnerungen wieder. Erinnerungen an einen blutigen Kampf. Sie hatte das Biest getötet. Und sie war schwer verwundet gewesen. Sie konnte sich an nichts erinnern, was danach geschehen war, aber sie hätte es nie und nimmer alleine in die Kammer geschafft. Unwillkürlich befühlte sie ihren Hinterkopf, aber da war nichts ungewöhnliches. Da durchfuhr sie ein Gedanke: War sie etwa eingeschlafen, nachdem das fremde Schiff zerstört worden war und all das danach Geschehene war nur ein Traum gewesen?

Sie versuchte angestrengt, darüber nachzudenken. Das würde jedenfalls Sinn machen, sehr viel mehr Sinn als all die mehr als merkwürdigen Dinge, die sie danach erlebt hatte. Aber dafür war es zu real gewesen. Von Träumen blieben ihr meist nur recht zusammenhangslose, undeutbare Fragmente. Sie kam ein Stück aus dem leicht blau fluoreszierendem Serum heraus, um an sich herab zu sehen. Es war eindeutig kein Traum gewesen. Sie hatte Steifen noch jungen, rosigen Fleisches an ihrer Brust, dort wo die Krallen des Biestes sie in ihrer Nephilimgestalt aufgeschlitzt hatten. Wie erwartet hatten die Wunden sich auf ihre nun wieder menschliche Gestalt übertragen. Obwohl es noch ein paar Stunden brauchen würde, dass die letzten sichtbaren Zeichen ihrer Verletzungen verschwanden, fühlte sie sich wieder völlig genesen. Sie sollte eigentlich froh darüber sein, dass sie überhaupt am Leben war, aber irgendwie war ihr nicht danach zumute. Zu viel Schlimmes war geschehen. Und zu viel stand ihr noch bevor. Ob Luzifer schon über Bens Tod Bescheid wusste? Sonst müsste sie es ihm irgendwie erklären. Wie sie das anstellen würde, war ihr absolut schleierhaft. Es bestand die Möglichkeit, dass er das als Anlass nehmen könnte, sie ihres Amtes zu entheben. Aber das hätte sie auch nicht anders verdient, das sah sie selbst auch ein.

Niemand war da, das spürte sie im Äther, sie war ganz alleine in dem Raumschiff. Sie schüttelte den Kopf. Das war doch mehr als merkwürdig! Sie stieg mit etwas weichen Beinen aus der Kammer. Das wahrscheinlich stundenlange schwerelose Schweben hatte ihren Gleichgewichtssinn und ihren Kreislauf träge gemacht. Sie schwankte zur Dusche. Während sie sich das Serum abwusch, überkam sie ein merkwürdiges, ungutes Gefühl. Konnte sie denn wirklich sicher sein, dass das Tier tot war? Es war aufgespießt gewesen, das hätte es mit Sicherheit nicht überleben können. Und es hat aus zahlreichen Wunden stark geblutet. Nein, eigentlich konnte es nicht sein. Aber ihre Unruhe wurde immer stärker. Irgendetwas sagte ihr, dass sie nicht sicher sein durfte. Sie hatte sich schon so oft auf ihre Intuition verlassen können, da durfte sie diese nicht einfach ignorieren! Schon gar nicht, wenn es um so viel ging. Schnell sprang sie aus der Duschkammer, rubbelte ihre Haare nur flüchtig mit dem Handtuch und fand zum Glück noch etwas Kleidung in ihrem Schrank. Sie rannte zur Schleusentür und hielt plötzlich inne. War sie überhaupt noch auf der Erde?

So merkwürdig die Umstände zur Zeit waren konnte sie gar nichts mehr ausschließen. Sie sah auf die kleine Anzeigetafel neben der Tür. Nein, es herrschte normaler Atmosphärendruck. Wenn sie nun nach draußen ging um festzustellen, dass sie auf einem fremden Planeten war, nahm sie sich vor, daraufhin wahnsinnig zu werden. Aber als die Tür vor ihr aufglitt, sah sie die vertraute Umgebung des Hangars. Sie lief schnellen Schrittes hinaus zum Bestiarium. Es lag auf dem Weg, den sie zu Luzifer hätte nehmen müssen. Und so konnte sie sich wenigstens noch mal ein Bild machen und sich hoffentlich vergewissern, dass es tot war. Aber sie kam nicht weit. Sie prallte fast mit etwas großem, schwerem zusammen, das um die Ecke gerannt kam und sprang reflexartig ein paar Schritte zurück.

„Lady Mourose, ihr lebt!“

Sie stellte verwundert fest, dass sie dem Tiermeister gegenüberstand. Erleichtert stieß sie Luft aus. Ihm dagegen stand die Verzweiflung in seine groben Gesichtszüge geschrieben.

„Ben...er ist..“

Sie seufzte schwer.

„Ich weiß. Es war das Biest. Es ist irgendwie entkommen.“

“Aber das Gehege ist völlig intakt und geschlossen! Wie ist es dann rausgekommen?“

“Ich weiß es nicht. Es hat mich angegriffen und ich habe es getötet.“

“Getötet? Ich habe Spuren eines Kampfes gesehen und die Griffe eurer Katana gefunden.“

Er griff in seine Schürze und reichte ihr die traurigen Überreste ihrer Schwerter.

„Daher habe ich mir auch solche Sorgen gemacht. Aber das Biest habe ich nicht gesehen. Weder tot noch lebendig. Ich dachte, wenn ihr noch am Leben seit, wisst ihr vielleicht was mit ihm ist. Und wo es ist.“

Sie spürte wie ihre schlimmsten Vorahnungen begannen Wirklichkeit zu werden.

„Es ist nicht da?“ wiederholte sie laut.

„Wo habt ihr es denn getötet?“

„Direkt auf dem Gang. Ich habe es mit einer Eislanze aufgespießt. Die hätte mindestens noch eine Viertelstunde gefroren sein müssen. Das hätte es niemals überlebt!“

Ihre Hände begannen unwillkürlich zu zittern.

„Da ist viel Blut, aber kein Kadaver. Heißt das womöglich...“

„...es ist immer noch am Leben und bewegt sich frei in diesem Palast,“ vollendete sie mit bitterer Stimme den Satz. Sie stieß einen Fluch aus.

„Wer weiß noch davon?“ fragte sie.

„Niemand. Ich war gerade auf dem Weg zu Luzifer.“

„Das übernehme ich. Erzähle niemanden was geschehen ist. Das letzte was wir jetzt brauchen, ist eine Panik. Geh zum Westtor und warte dort.“

„Was habt ihr vor?“

„Wir evakuieren,“ rief sie schon im Laufen.



Luzifer war gerade dabei, in der Bücherei einige Bücher zu sortieren.

„Ich muss mit dir reden,“ rief Mourose im Hineinkommen. Er drehte sich mit ein paar Büchern im Arm zu ihr um und sah etwas überrascht aus.

„Was ist los? Du siehst aus als hättest du einen schlechten Tag gehabt.“

Mourose stellte sich vor ihm hin und holte tief Luft.

„Du weißt es noch nicht?“

Er zog eine Augenbraue hoch.

“Was soll ich wissen?“

Sie zögerte einen Moment, aber sie zwang sich zu reden.

„Ben ist tot. Er wurde von dem Biest getötet. Es ist ...ausgebrochen.“

Er starrte sie einige Sekunden ungläubig an.

„Sag bitte, dass das ein übler Scherz ist.“

Sie schüttelte den Kopf. Er sah sie lange ausdruckslos an, aber Mourose sah in seinen Augen den inneren Kampf seiner Gefühle.

„Wie lange ist das her?“ sagte er mit beherrschter Stimme und legte seine Bücher mit einer bedächtigen Bewegung auf einen Tisch.

„Ich...weiß es nicht. Ich bin gleich nach dem Frühstück hin, da habe ich seine Leiche gesehen. Ich wurde unmittelbar darauf angegriffen und ich dachte, ich hätte es getötet.“

Sie zeigte ihm zum Beweis die Katanagriffe mit den deutlichen Ätzspuren an den Klingenstümpfen.

„Aber es scheint nicht mehr dort zu sein. Also ist es womöglich noch am Leben. Dann bin ich irgendwie in einer Regenerationskammer wieder aufgewacht.“

Er sah auf die Wanduhr.

„Das ist jetzt also gut fünf Stunden her. Warum wurde ich nicht früher informiert?“ sagte er mit zurückgehaltenen Zorn.

„Es kommen nicht viele Leute beim Bestiarium vorbei. Ben war tot, ich war in der Kammer und der Tiermeister wollte hat es auch gerade erst bemerkt. Er war gerade auf dem Weg zu dir.“

Er schüttelte den Kopf.

„Ich hatte von der ersten Minute die Sorge, dass genau das passieren würde,“ sagte er mit leiser, abwesender Stimme.

„Und was schlägst du vor, was wir nun tun sollten?“ fuhr er mit wieder gefasster Miene fort.

„Evakuieren,“ antwortete Mourose knapp.

„Meinst du, wir haben so viel Zeit?“

“Ich hoffe ja. Wenn es noch am Leben ist, wird es schwer verletzt sein. Außerdem hat es ja gerade ...gefressen. Ich glaube, es wird sich erst einmal zurückgezogen haben.“

Er überlegte einen Moment. Mourose fiel dabei der merkwürdige Umstand auf, dass sie bisher noch nicht herausfinden konnte, wer sie in die Regenerationskammer gebracht hatte. Niemand schien von dem Vorfall gewusst zu haben, nicht einmal Luzifer. Oder hatte sie sich doch selbst retten können, und hatte nur eine kurzzeitige Amnesie erlitten? Das wäre zumindest eine einigermaßen plausible und auch wahrscheinliche Erklärung.

„Also evakuieren wir. Wir dürfen kein Risiko eingehen,“ beschloss er. Dann ging er aus der Bücherei raus und Mourose folgte seinen schnellen Schritten.

„Stell so viel Soldaten wie möglich an den Toren auf,“ sagte sie.

„Warum meinst du das?“

“Nun, es ist durchaus möglich, dass es weiß, dass die Tore der einzige Weg an die Oberfläche sind. Ich werde es nicht noch einmal unterschätzen.“

„Ja, das ist wahr.“

„Ich bleibe hier,“ verkündete sie. Er antwortete ohne zu ihr zu sehen.

„Nein. Ich werde mich mit ein paar Soldaten darum kümmern. Du wirst mit den anderen durch das Tor gehen.“

Sie drehte sich zu ihm um. Sie konnte nicht glauben, was er gesagt hatte.

„Aber es ist meine Schuld! Und ich alleine werde es wieder in Ordnung bringen. Jeder andere, der hier bleibt, ist in höchster Lebensgefahr! Ich dagegen kenne es, ich weiß wie es sich bewegt, wie es kämpft, wo seine Schwächen sind. Ich kann mich ihm widersetzen! Ich habe es einmal geschafft, ich werde es wieder schaffen. Aber die Soldaten werden sterben! Es wird ihnen in den Rücken fallen, noch bevor sie überhaupt eine Chance haben, ihre Waffen zu benutzen.“

Er blieb ruckartig stehen und drehte sich zu ihr.

“Tu was ich dir sage, wenigstens dieses Mal!“

„Aber...“

“Du bist nicht in der Position Forderungen zu stellen!“ sagte er laut und sah sie mit einem Blick an, der keine Widerrede duldete. Darauf drehte er sich ohne ein weiteres Wort um und ging in den Sicherheitsraum. Mourose blieb draußen stehen und war den Tränen nahe. Was er vorhatte war Wahnsinn! Wie konnte er es ihr antun, sie von der Sache zu entbinden? Aber schon nach einigen Sekunden hatte sie sich wieder gefangen und ging in dem Geheul der Sirenen festen Schrittes zu ihrer Waffenkammer.

Wenige Minuten später stand sie an einem der vier Haupttore, als die letzte Gruppe gerade durchgeschickt werden sollten. Die Evakuierung war verhältnismäßig schnell und ohne Zwischenfälle verlaufen. Und es gab außer Ben keine weiteren Vermissten. Mourose seufzte schwer. Es hätte schlimmer sein können, weitaus schlimmer.

„Du kümmerst dich um die Leute dort oben, sie werden dich brauchen. Vor allem, wenn wir nicht zurückkommen,“ sagte Luzifer mit strengem Blick zu ihr. Sie sah ihn nur wortlos an. Sie wartete einen Moment, bis er zu der Gruppe ging und ein paar letzte Worte mit ihnen wechselte. Da stieß sie die Soldatengruppe neben sich mit unsichtbarer Wucht zu der Gruppe und Luzifer in den Kreis des Tores und sprang zur Kontrolltafel.

„Es tut mir leid,“ sagte sie leise und aktivierte den Leitstrahl. Sekundenbruchteile später war sie ganz alleine in den uralten Gewölben des unterirdischen Palastes. Sie deaktivierte das Tor, legte einen Kurzschluss in der Versorgung der Emitterscheibe an und aktivierte es wieder. Der Energiestoß ließ sämtliche Sicherungen rausknallen. Zwar war es von nun an stockdunkel, aber so konnte sie wenigstens verhindern, dass Luzifer von der Oberfläche aus die Tore aktivieren konnte. Ein einziges Tor hatte sie aber für den Fall, dass sie nicht überlebte, programmiert, sich nach zwei Monaten wieder anzuschalten. Sonst würde es wohl zu keiner Zeit der Welt es jemanden mehr gelingen, hierher zu gelangen. Zudem hatte sie dafür gesorgt, dass es dann nur noch in eine Richtung benutzbar war. Man müsste die anderen Tore wieder reparieren und manuell aktivieren, aber das würden ihre Nachfolger sich mit Sicherheit gut überlegen.

Dann ging sie nach nebenan, um sich auszurüsten. Sie nahm zwei Schwerter und ein kurzes Messer mit, aber sie hatte nicht vor diese zu benutzen. Es ging nicht um einen Kampf, es ging darum zu töten. Sie nahm das große Plasmagewehr und steckte einen kleinen Scheinwerfer auf. In ihrem Gürtel brachte sie eine Ersatztaschenlampe und mehrere Knicklichter unter. Sie konnte zwar im Dunkeln sehen, aber sie wollte ihre Kräfte lieber für die Konfrontation sparen.

Irgendwie breitete sich eine große Traurigkeit in ihr aus. Sie hatte nun den letzten großen Vertrauensbruch begangen. Selbst wenn sie überlebte, würde es nie wieder so sein wie vorher. Aber sie hatte keine Wahl gehabt. Sie hätte es sich nie verziehen, wenn noch jemand ihretwegen gestorben wäre. Auch wenn die Konsequenzen ihrer Entscheidung für sie schwer zu tragen sein würden, es war ganz alleine ihre Angelegenheit, die Sache zu bereinigen. Noch etwas anderes bedrückte sie, aber sie konnte das Gefühl nicht zuordnen. Sie hatte dafür auch keine Zeit.

„Komm raus, wo immer du bist,“ sagte sie leise und machte sich auf den Weg.

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