Der Skorpion, achtzehnter Teil

Im Inneren der Festung war es stockdunkel. Mourose blieb nach ein paar Schritten stehen, denn sie wollte nicht riskieren, in Unannehmlichkeiten zu laufen. Der Fremde hatte gesagt, sie müsste einfach nur daran glauben, etwas sehen zu können. Sie konzentrierte sich und tatsächlich sah sie einige Sekunden darauf die ersten Strukturen in der Finsternis. Mehr und mehr zog der dunkle Schleier sich zurück, und sie sah die organisch geformten Wände des Ganges. Nebelschwaden und schwüle Wärme schlug ihr aus dem Inneren entgegen. Sie war froh darüber, so sehr wie sie noch von der kalten Außenluft fror. Es war bis auf das kaum hörbare Platschen von Tropfen absolut still geworden.

„He, es funktioniert!“ sagte sie zu dem Fremden, der einige Meter vor ihr stand. Er grinste dünn.

„Du hast die ganze Zeit schon die Welt nach deiner Vorstellung geformt.“

Sie sah ihn überrascht an. Er deutete auf ihren Arm.

„Deine Prellungen sind verschwunden. Du hast nicht mehr an sie gedacht, also waren sie auch irgendwann nicht mehr da. Wir konnten uns eben in normaler Lautstärke unterhalten, obwohl die Wasserfälle einen ohrenbetäubenden Lärm gemacht haben. Hast du daran gedacht, dass du hättest schreien müssen, wenn ich dich hätte hören sollen?“

„Äh...nein.“

“Eben. Also war es auch nicht nötig.“

“Aber warum...?“

„Wir haben keine Zeit,“ unterbrach er sie und ging schnellen Schrittes wieder voraus.

Mourose seufte und folgte ihm wortlos tiefer in das Innere. Ihr war etwas unwohl dabei. Vielleicht lag es an dem Gefühl, in das Innere eines lebendigen Körpers zu gehen. Tatsächlich schienen die Wände zu leben, sie glitzerten feucht, Adernetze pulsierten auf der Oberfläche. Sie nahmen teilweise wabenartige Formen an, teilweise erinnerten sie an Rippenbögen. Und an einigen Stellen sah es so aus, als würden Innerein frei liegen. Doch sie kannte den Anblick von irgendwo her und wusste, dass ihr davon keine Gefahr drohte. Nur waren die Dimensionen um einiges größer als das, was sie glaubte zu erinnern.

Sie sah auf ihren Führer, der immer etwas vorausging und sich nie nach ihr umsah. Sie fühlte sich ignoriert. Wenn er doch wenigstens von sich aus mal anfangen würde mit ihr zu sprechen! Und immer, wenn sie ihn etwas fragte, kam nicht viel dabei raus. Jedenfalls war es eine Art mit ihr umzugehen, die ihr sehr befremdlich vorkam. Die meisten Menschen sahen sie wenigstens abfällig an oder schimpften leise auf sie, andere bewunderten sie und versuchten mit Peinlichkeiten auf sich aufmerksam zu machen, aber das war weitaus seltener.

Aber was dachte er nur über sie? Was lag in seinen kalten Augen, wenn er sie ansah? Ihr fiel auf, dass seine Haare länger waren als beim letzten Mal. Mourose kam das reichlich seltsam vor, aber sie gestand sich ein, dass ihr so besser gefiel. Außerdem wirkte er irgendwie jünger als beim letzten Mal. Sie spürte, wie ihr das Herz bis zum Hals schlug. War sie wirklich so nervös?

Die Wände wölbten sich immer höher, bis sie sich außer Sichtweite hoben. Es war ein atemberaubender Anblick, der Bau schien fast komplett hohl zu sein! So etwas wie Stockwerke waren nicht vorhanden, aber es gab überall organische Verstrebungen, Hohlräume und Ebenen, alles scheinbar willkürlich im Raum verteilt und von sehr unterschiedlicher Größe. Wenn man Zeit und Kraft hatte, würde man wahrscheinlich bis ganz nach oben klettern können. Die Luft war noch um einiges wärmer geworden, und war erfüllt von einem schweren, süßlichen Geruch. An einigen Stellen floss Wasser die bläulich schimmernden Wände herunter und sammelte sich am unebenen Boden in mehreren großen Tümpeln. Nebel waberte auf dem Boden. Mourose blieb staunend einige Sekunden stehen, aber dann fiel ihr etwas auf.

„Hier ist ja niemand!“ sagte sie zu dem Fremden, der dicht neben ihr stand. Sie machte darauf einen kleinen Schritt zur Seite.

„Dieser Ort ist schon lange verlassen,“ war die einzige Antwort.

Mourose gewöhnte sich allmählich an seine Art, sie ärgerte sich schon gar nicht mehr darüber. Vielleicht musste sie einfach nur die richtigen Fragen stellen.

„Und was wurde hier gemacht?“

„Wir kehren alle hierher zurück, immer wenn wir schlafen.“

“Heißt das, das hier ist ein Traum?“ rief sie ungläubig.

Er drehte sich zu ihr um.

„Es ist weitaus mehr als das. Wir teilen ein Bewusstsein. Egal wo wir uns in der Realität befinden, wie weit wir auch getrennt sind, hier sind wir vereint.“

„Oh,“ machte sie erstaunt. Er starrte sie wieder so merkwürdig an. Sie hatte normalerweise kein Problem damit, anderen Menschen in die Augen zu sehen, aber nun wurde ihr sehr unwohl dabei.

„Aber wenn hier niemand ist, wo sind sie dann? Sind sie alle tot?“ fragte Mourose vorsichtig.

„Ich weiß es nicht.“

„Wieso weißt du es nicht? Ich dachte, ihr teilt ein Bewusstsein?“

„Aber nur diejenigen, die im Schlaf herkommen. Es könnte sein, dass irgendwo noch welche in der traumlosen Starre verharren...auch wenn das mit jedem Jahrhundert, das verstreicht, unwahrscheinlicher wird.“

Mourose sah zu ihm hoch. Er war also alleine. Womöglich der einzige, der von seiner Art überhaupt noch übrig ist. Sie hatte das nicht gewusst. Das musste ein schreckliches Gefühl sein. Jedenfalls wäre es das für sie.

„Bist du denn...einsam?“

„Nein. Ich trage ihre Erinnerungen und ihre Stimmen in mir.“

„Erinnert ihr euch denn immer an diese Träume?“

Er nickte.

“Wir tauschen hier unsere Erfahrungen in der Realität aus.“

“Und werde ich mich erinnern können?“

“Du wirst die Erinnerung in dir tragen, aber ob sie dir bewusst wird, teilweise oder vollständig, kann ich nicht mit Sicherheit sagen.“

„Na toll,“ knurrte Mourose, „und was soll das ganze dann?“

“Weil wir hier so stark miteinander verbunden sind, dass wir miteinander kommunizieren können, ohne uns selbst daran zu hindern. Und du hast schon von deinen Träumen profitiert, auch wenn du das noch nicht realisiert hast. Vielleicht wirst du irgendwann so weit sein, dich vollständig erinnern zu können.“

„Du bist kein Mensch, oder?“ fragte sie die etwas überflüssige, wenn auch brennende Frage.

„Nein.“

“Warum siehst du denn so aus?“

„Weil du nur den Teil von mir wahrnimmst, der noch menschlich ist.“

“Es liegt also an mir, dass ich dich nicht als das erkenne, was du wirklich bist.“

„Ja. Weil du es nicht besser weißt, formt sich deine Erwartung hier zur Wirklichkeit.“

“Werde ich dich denn jemals vollständig sehen können?“

„Vielleicht. Vielleicht auch nicht.“

Mourose seufzte. Das war alles so verwirrend.

„Warum hast du mich hergebracht?“

Er drehte sich zu ihr um und lächelte undurchsichtig.

„Mein Schicksal ist unlösbar nun an deines gebunden. Und sie hat gesagt, wenn du soweit bist, wirst du unsere letzte Hoffnung sein.“

„Wer „sie“? Diese komische Frau von letzten Mal? Was hat sie damit zu tun? Und warum war sie da, wo du doch sagtest, du wüsstest nicht, ob überhaupt noch einer deiner Art existiert?“

„Du musst nicht alles verstehen. Es ist nur wichtig, dass du dich richtig entscheiden wirst.“

„Entscheiden? Wofür?“

“Ich hoffe, für mich.“

Er sah sie mit einem Blick an, der Mourose die Hitze ins Gesicht trieb.

„Und warum soll ich mich ...für dich entscheiden?“

“Ich habe dafür gesorgt, dass du vollständig erwacht bist. Bald wird es Zeit, dass du etwas für mich tun kannst. Die Entscheidung dazu wird dir sehr schwer fallen. Aber selbst, wenn du dich gegen mich entscheidest, ich würde es dir nicht übel nehmen. Du hast dich mir als eine würdige Gegnerin erwiesen, es hat Spaß gemacht mit dir. Und es war faszinierend dich zu beobachten.“

Sie sah ihn wortlos an. War das etwa ein Kompliment gewesen?

Er kam ein Stück näher und sie stellte nervös fest, dass sie mit dem Rücken an einer Wand stand. Ihr Herz schlug so laut, dass sie inständig hoffte, dass er es nicht hörte. Wenn er sie doch nur nicht so ansehen würde! Sie fühlte sich, als würde er sie bis auf die Knochen durchschauen können.

„Ich habe darüber nachgedacht, was du mir beim letzten Mal über die Menschen erzählt hast. Ich glaube ich begreife es langsam. So unlogisch diese Dinge auch sein mögen, umso größer ist die Kraft, die sie freisetzt. Willst du es mich lehren?“

“Warum hast du daran Interesse?“

„Ich sagte bereits: Mein Schicksal ist an deines gebunden. Dazu muss ich dich verstehen und mir alle Kräfte zu eigen machen, die ich erreichen kann.“

“Nein!“ rief Mourose und rutschte seitlich an der Wand wieder in die Freiheit. Verständnislos sah er sie an.

„Ich will nicht, dass du menschliche Gefühle lernst!“

Ihre Stimme hallte lange in der riesigen Halle wieder. Sie zitterte plötzlich am ganzen Körper und spürte wie ihren Augen feucht wurden. Was war nur los mit ihr? Mit leiser Stimme sprach sie weiter.

„Ich wünschte mir so sehr, ich wäre wie ihr. Ihr...seit so rein, so unschuldig. Moral ist euch fremd, also könnt ihr auch nicht sündigen. Ihr wollt nur überleben und tut das, was ihr dafür tun müsst. Ihr kennt keine Reue, oder das Gefühl etwas falsch gemacht zu haben. Und ihr seit nie einsam, selbst nach dem Tod bleibt ihr beieinander. Menschen quälen Zweifel, ständig sind sie im Kampf mit sich selbst und ihrer Umwelt. In ihrer Gleichgültigkeit oder sogar im Glauben etwas Gutes zu tun, bringen sie die schlimmsten Dinge zustande, die an Grausamkeit alle Tiere übertrifft. Ich will nicht, dass ihr diese Bürde auch tragen müsst. Wenn das menschliche Chaos erst einmal in euch keimt...ich will euch nicht verderben!“

Sie schluckte ihr Schluchzen herunter und senkte ihren Blick. Er sollte sie nicht so sehen, aber sie konnte es nicht verhindern. Sie spürte plötzlich seine warme Hand auf ihrer Wange. Es überraschte sie selbst, dass sie diese nicht zornig wegschlug. Mit tränennassen Augen blickte sie zu ihm hoch.

„Dafür ist es bereits zu spät,“ sagte er leise, zog sie plötzlich an sich heran und küsste sie.

Mourose war wie hypnotisiert und wehrte sich nicht. Seine Lippen lösten sich von ihren, und ihre Blicke trafen sich wieder. Mourose wusste nicht wie ihr geschah und verstand nicht, warum sie sich nicht wehrte. War es das gewesen, was sie die ganze Zeit gewollt hatte? War sie deswegen so nervös gewesen? Sie verstand so wenig von diesen Dingen...
Er strich mit den Fingern die Tränen aus ihren Augenwinkeln. Zum ersten Mal sah sie etwas Sanftes in seinem Blick. Nein, es war die ganze Zeit da gewesen, aber sie hatte es nicht sehen wollen. Sie hatte sich so sehr davor gefürchtet, verletzbar sein zu können. Sie hatte nach all den Jahren, nach all den Demütigungen und Entbehrungen nicht mehr damit gerechnet, geliebt zu werden. Aber er hatte sie erlöst. Sie schlang ihre Arme um seinen Hals und zog seine Lippen wieder auf ihre. Sie waren wie Verdurstende, die einander tranken. Immer wilder wurden ihre Küsse, und sie spürte seine Hand auf ihren Busen gleiten. Normalerweise würde es ihr alles zu schnell gehen, aber es war viel zu lange her gewesen, dass sie so berührt und begehrt wurde. Heiße Tränen rannten ihre Wangen herunter.
Ohne ein Gefühl der Reue oder des Zweifels gab sie sich ihm hin. Endlich war alles eins, alles war rein und richtig.

© 2005 by Codo Stellaris