Der Skorpion, siebzehnter Teil
Eine nie endende, sternenlose Nacht lag über der trostlose Ebene. Vulkanische Dämpfe stiegen aus Felsspalten auf und hüllte die wie Schwerter in den Himmel ragenden Felsspitzen in gespenstische Gewänder. Verwundert sah Mourose sich um. Sie versuchte sich zu erinnern, was geschehen war. Aber es lag hinter einem dichten Nebelschleier verborgen. Und sie spürte irgendwie, dass es hier auch nicht mehr wichtig war. Irgendwo hörte sie Wasser rauschen, aber sie sah weder Flüsse noch Seen. Nur nackten, schwarzen Fels. Sie fröstelte und entschloss sich daher weiterzugehen. Auch wenn sie keinerlei Ahnung hatte, von dem was geschah oder wo sie war, sie wusste eines mit Sicherheit: Dies war kein Ort wo sie hingehörte. Sie kam nur langsam voran, es gab auf dem zerklüfteten Boden keine Wege und sie kletterte mehr als sie ging. Nach einiger Zeit, in der sie erschreckend wenig Weg hinter sich gebracht hatte, bemerkte sie, wie das Rauschen stärker wurde. Es klang nun fast wie ein mächtiger Wasserfall. Sie kniff die Augen zusammen, doch ihre Augen drangen nicht durch den Nebel. Sie entschloss sich, dem Geräusch zu folgen, den es war der einzige Anhaltspunkt, den sie in dieser gleichförmigen Welt hatte. Sie keuchte vor Anstrengung und fror in der nasskalten Luft, doch sie zwang sich langsam vorwärts. Sie wollte lieber sich vorankämpfen als an einem Ort wie diesem verweilen. Mourose fühlte sich immer mehr wie ein Fremdkörper. Sie wäre froh gewesen, wenn sie mal ein Insekt gesehen hätte. Oder einen Grashalm. Aber nicht einmal Moos oder Flechten wuchsen auf den Felsen. Alles schien absolut unbelebt. Doch plötzlich hörte sie ein leises, klackerndes Geräusch am Hang neben sich. Sie drehte sich erschrocken um und sah mehrere Steine auf sie zustürzen, geradewegs auf sie zu! Sie schrie vor Schreck auf und versuchte, sich in Sicherheit zu bringen. So schnell sie konnte rannte sie den unebenen Boden entlang, mehrfach kurz davor zu stolpern. Die größten Brocken krachten dicht hinter ihr ein, aber kleinere Steine erwischten sie schmerzhaft, und hätte sie nicht ihre Arme schützend hochgenommen, wäre sie am Kopf getroffen worden. Endlich entkam sie der Steinlawine. Sie lief die letzten Schritte aus, da tat sich urplötzlich eine tiefe Felsspalte vor ihr auf, sie stoppte noch gerade rechtzeitig, kämpfte aber einige Sekunden an der Kante mit ihrem Gleichgewicht. Sie schaffte es endlich sich zu fangen und schlingerte zurück. Ihr Atem ging flach und hektisch, und sie atmete viel zu viel vulkanische Gase und den Staub der Steinlawine ein. Ihre Lunge brannte und ihr wurde schwindelig. Doch sie schaffte es, sich wieder einigermaßen zu beruhigen, hustete trocken, rieb sich ihre schmerzhaften Prellungen und sah sich um. Sie war an einer Stelle gelandet, an der sie zwangsläufig eine steile Wand erklimmen musste, wenn sie nicht den Weg der letzten Stunde zurückgehen wollte. Zudem wäre das auch noch die falsche Richtung, weg von dem Rauschen. Also sammelte sie ihre Kräfte und begann die zerklüftete Oberfläche hochzuklettern. Da brach der Nebel plötzlich vor ihr auf, und sie hätte vor Schreck fast losgelassen. Was es auch war, was ihre Augen da erblickten, es war gigantisch. Es türmte sich Hunderte von Metern zu einer schlossartigen Formation auf, die Spitzen der drei Haupttürme verschwanden in der Finsternis des Himmels. Es hatte kathedralenartige Strukturen, aber dadurch, dass es keine geraden Flächen oder Winkel gab, wirkte es als wäre es gewachsen und nicht erbaut worden. Und jetzt sah sie auch, woher das Rauschen gekommen war. Gewaltige Wasserfälle stürzten sich aus einer unsichtbaren Quelle von oben die Festung herunter, und verschwanden in einem unendlich tiefen Graben, der das seltsame Gebilde komplett umgab. Ob es einen Weg dorthin gab? In der Ferne sah sie eine in Nebelschleier gehüllte, schmale Brücke, die über den Graben führte. Sie stöhnte entsetzt. Es würde bei ihrem jetzigen Tempo mindestens einen Tag dauern, bis sie dorthin gelangte. Außerdem gab es dort viele große Dampfquellen, und die Luft raubte ihr bereits jetzt den Atem. Aber sie hatte keine Wahl. Weiter und weiter quälte sie sich den Hang hinauf. Oben angekommen wollte sie gerade die Kante greifen, da rutschte sie plötzlich mit dem Fuß an der feuchten und glitschigen Oberfläche ab und konnte sich gerade noch mit den Händen an der Kante festklammern. Doch auch ihre Finger glitten langsam ab, verzweifelt suchte sie mit den Füßen nach Halt. Mit wilder Entschlossenheit dachte sie daran, dass sie bestimmt nicht an diesen Ort gekommen war um zu sterben, und krampfte ihre Finger in die winzigen Felsspalten. Tatsächlich fand sie mit dem Fuß wieder Halt und konnte mit den Händen an eine bessere Stelle greifen. Einen Moment hielt sie inne, um wieder Kräfte zu sammeln. Warum war sie nur so schwach? Waren es die vulkanischen Ausdünstungen, die sie benommen machten? Sie wollte sich gerade unter schmerzhaften Protest ihrer Muskeln hochziehen, da wurde ihr eine Hand entgegengestreckt. Verwundert blickte sie auf und blickte in die eisblauen Augen des Fremden mit den schwarzen Haaren. Sie wusste nicht warum, aber etwas in ihr warnte sie davor, diese Hand zu nehmen. „Woher soll ich wissen, dass ich dir vertrauen kann?“ Er grinste dünn. „Weil du keine andere Wahl hast. Ohne mich kommst du hier nicht weit.“ Mourose wurde von einem Hustenreiz gequält. Ihr Hals brannte schrecklich und ihre Stimme war heiser. Sie merkte, dass ihr Fuß durch das Beben des Hustens wieder ins Rutschen geraten war. Er hatte Recht, sie hatte keine Wahl. Sie ergriff schnell die Hand und wurde ruckartig nach Oben gezogen. Noch benommen geriet sie ins Taumeln und wäre rückwärts die Kante heruntergestürzt, hätte er sie nicht gefasst und an sich gezogen. Einen Moment blickte sie über die Schulter in den Abgrund, der fast ihr Verhängnis geworden wäre. Kleine Steinchen rollten die Kante herunter und verschwanden im Nichts, ohne einen Klang des Aufpralls wiederzuhallen. Das war mehr als seltsam, denn sie war doch von einer Ebene aus hochgeklettert! „Die Landschaft verändert sich. Sie würde dich nie zur Festung durchlassen.“ Verwundert über diese Erklärung blickte sie zu ihrem seltsamen Retter und bemerkte erst dann, dass er sie immer noch festhielt. Sie stieß sich energisch von ihm ab. „Ist ja wahnsinnig interessant,“ zischte sie ihn an. Er sah sie nur spöttisch an. „Komm jetzt. Lange wirst du es hier nicht mehr aushalten.“ Mourose behagte der Gedanke gar nicht, jetzt auch noch an diesen undurchsichtigen Typen gebunden zu sein. Aber irgendwie war sie auch erleichtert darüber, etwas bekanntes hier zu sehen und nicht mehr alleine in diesem Alptraum zu sein. Er stieg leichtfüßig einen Felshügel hoch und blieb oben stehen. Mourose folgte ihm mit Mühe. Oben angekommen erblickte sie erstaunt einen geschlängelten Weg durch die Felsen, hin zur Brücke in der Ferne. Wenn der Weg vorher schon da gewesen wäre, hätte sie ihn mit Sicherheit zuvor zumindest streckenweise gesehen. „Eine reizende Landschaft. Warum will sie mich umbringen und ist nett zu dir?“ „Ach ja?“ schnarrte sie ihn provokativ an. Doch er ignorierte ihre dämliche Reaktion. Stattdessen ging er den Hügel herunter, hin zu dem Weg. Sie schüttelte den Kopf und folgte ihm. Sie konnte nur unter großen Anstrengungen Schritt halten, anscheinend machte ihm die für sie so unangenehme Umwelt keine Probleme. Lange Zeit gingen sie schweigend den Weg hinunter, Mourose immer in einigen Metern Abstand folgend. Es war vergleichsweise eine Wohltat für sie, auf ebenen Boden gehen zu können. Sie hätte ihn so vieles fragen können, wer er war, warum er sie führte, was dieser Ort war, aber ihr war irgendwie nicht danach. Sie bezweifelte, dass sie Antworten bekam und sie hätte bei ihrer Atemfrequenz und der reizenden Luft schwer sprechen können. Der Abstand zwischen ihnen vergrößerte sich langsam. „Fall nicht so zurück,“ rief er ihr zu. Sie verzog verärgert das Gesicht und wollte etwas bösartiges erwidern, ließ es dann aber sein. Sie mochte es nicht derartig behandelt zu werden. Sie war zwar nicht schwach und hilflos, und wollte sich grundsätzlich nie helfen lassen, wenn sie etwas aus eigener Kraft schaffen könnte. Aber sie erwartete doch, mit etwas mehr Zuvorkommendheit behandelt zu werden, gerade von einem Mann. Sie war diejenige, der es nicht gut ging, also sollte sie auch das Tempo bestimmen dürfen. Aber auf eine Diskussion darüber hatte sie noch weniger Lust. An der Brücke angekommen hielt er an und ließ sie endlich den Abstand aufholen. Sie lehnte sich an einen Felsen, um Kräfte zu sammeln und wieder zu Atem zu kommen. Die Luft war zum Glück klarer und weniger stickig geworden. Dann blickte sie zur Brücke und erschrak. Sie war nicht mal einen Meter breit und war einfach nur ein nackter, steinernder Steg über den tiefschwarzen Abgrund, in denen sich donnernd die Wasserfälle stürzten. Sie hatte zwar keine Höhenangst, aber das würde kein Spaziergang werden. Er blickte geistesabwesend zur Festung. „Noch nie hat ein Mensch die Brücke überquert.“ „Wird sie jetzt zusammenbrechen oder so was?“ Er überlegte einen Moment lang. „Wahrscheinlich nicht.“ „Wahrscheinlich! Da fühle ich mich doch gleich besser,“ rief sie sarkastisch. Er ging ein paar Schritte auf die Brücke und machte ihr Zeichen mitzukommen. Mourose schluckte ihre Angst herunter und folgte ihm nach. Sie versuchte den altbekannten Rat zu befolgen, nicht nach unten zu sehen. Aber der Abgrund war so groß, dass seine tiefe Schwärze überall in ihrem Blickfeld war, egal wohin sie schaute. Ihre Hände wurden kalt und nass und ihr Schritt unsicher. Es war eigentlich kein Problem auf der Brücke zu gehen, aber aus der psychologischen Situation heraus schien ihre Breite immer weiter zusammenzuschrumpfen. Vor ihnen erhob sich die Festung mit einer majestätischen und furchteinflößenden Schönheit. Was sie darin wohl erwartete? Es sah nicht besonders einladend aus. Sie bemerkte, dass sie ihr keinen Schritt näher zu kommen schienen, so weit war sie noch von ihnen entfernt. Die Wasserfälle waren so gewaltig, dass sie in der Bewegung wie erstarrt schienen. Eine endlos erscheinende Zeit gingen sie die schmale Brücke entlang. Der Wind heulte immer lauter auf und Mourose machte sich Sorgen, ob er bald kräftig genug wäre, sie in Gefahr zu bringen. Sie verdrängte den Gedanken, sie war sowieso schon nervös genug. Seht nur, ein Menschenweib. Was hat sie hier zu suchen? Mourose stockte erschrocken. Hatte sie etwas gehört? Sie hielt inne und lauschte, doch außer dem Donnern des Wassers und dem Pfeifen des Windes war nichts zu hören. Sie entschloss sich weiterzugehen. Verschwinde von hier! Jetzt war sich Mourose aber doch sicher, etwas gehört zu haben. Wieder blieb sie stehen und sah sich um, doch die Umgebung war so trostlos und leer wie zuvor. Zurück mit dir, elende Kreatur! Wir brauchen hier keine Verräter! Eine kräftige Böe erfasste sie und brachte sie ins Schwanken. Was war hier bloß los? Seht wie sie sich fürchtet! So ein schwaches Herz in einem schwachen Leib. Sie hat es nicht verdient hier zu sein. Stürzt sie in den Schatten, lasst sie diesen Ort nicht entweihen! Wieder wurde sie vom Wind erfasst und nahe an die Kante der Brücke gestoßen. Erschrocken warf sich zu Boden. Das Wispern der Stimmen im Wind wurden immer mehr lauter, und wurden zu einem kollektiven Schwirren wie in einem Wespennest, so dass sie keine einzelnen Worte mehr heraushören konnte. Der Ton bohrte sich in ihren Kopf und schmerzte in ihren Ohren, der Wind wurde zu einem andauernden Brausen und peitschte unbarmherzig auf sie ein. Obwohl sie am Boden lag, wurde sie näher und näher an die Kante gedrängt. Schon rutschte ihr Bein die Brücke herunter und sie suchte panisch nach Halt mit den Händen. Doch ihre Finger glitten nur hilflos über eine glatte, ebene Fläche. Sie schrie auf als sie merkte, wie ihr Schwerpunkt über die Kante rutschte, da wurde sie plötzlich am Arm gepackt, wieder über die Kante gezogen und am Boden festgehalten. Die Stimmen wurden darauf noch empörter und lauter, und Mourose schrie unter der schmerzhaften Pein. „Hört auf, lasst sie in Ruhe!“ „Was... ist das gewesen?“ brachte sie heraus. „Die Toten. Sie bewachen die Brücke.“ Sie ließ ihn los und sah ihn fragend an. Einen Moment lang war sie in den kalten, ausdruckslosen Augen ihres Gegenübers gefangen, doch dann setzte sie sich ein Stück zurück, denn die Nähe wurde ihr zu unangenehm. Wut kochte plötzlich in ihr hoch. „Du hast gesagt, es würde nichts passieren! Wenn ich das gewusst hätte, hätte ich keinen Schritt auf diese verdammte Brücke getan!“ „Sie sind zornig. Viele von ihnen sind durch Menschenhand gestorben. Außerdem sind Fremde hier normalerweise nicht willkommen.“ Sie wartete auf weitere Erklärungen, doch es kamen keine. Und auch keine Entschuldigung. „Ich habe keine Lust mehr auf diesen Blödsinn!“ rief sie verärgert, stand auf und wollte zurückgehen. Doch nach ein paar Schritten bemerkte sie, dass sie genau auf der Mitte der Brücke war. Es würde vom Weg her keinen Unterschied machen, ob sie zurückkehrte oder weiterging. Der Anblick der zerklüfteten Landschaft beunruhigte sie. Ob es wirklich so schlau war, alleine dorthin zurückzugehen? Aber ob die Alternative, diese monströse Festung, wirklich vielversprechender war? Sie hörte wie der Fremde zu ihr kam. „Wenn du bei mir bleibst, wird dir nichts passieren.“ Sie spürte wie er sie am Rücken berührte. „Fass mich nicht an!“ rief sie, wirbelte herum und wollte die Hand wegschlagen, doch er hatte sie bereits zurückgezogen. Er hätte genauso gut verärgert sein können, doch er grinste beinahe triumphierend. Ohne ein weiteres Wort drehte er sich wieder zur Festung und ging schnellen Schrittes darauf zu. Mourose zögerte noch einen Moment, entschied sich aber dann ihm zu folgen. Dieser Fremde machte sie wahnsinnig, nicht nur seine merkwürdigen Antworten, auch seine bloße Anwesenheit verwirrten sie. Als würde ihr Unterbewußtsein schreien, dass sie sich an etwas erinnern sollte. Mit jeder Sekunde, die sie miteinander verbrachten, verstärkte sich ihre Unruhe. Ihr fiel ihre letzte Begegnung bei dem giftigen Baum wieder ein. Und sie erinnerte sich an das Gespräch zwischen ihnen. Er hatte nicht verstanden, wie sie Angehörige ihrer eigenen Art hassen oder unter Umständen sogar töten konnte. Aber auch Liebe war ihm fremd gewesen, und sie hatte sich schwer getan, es ihm zu erklären. Ein Mensch war er mit Sicherheit nicht, auch wenn er auf den ersten Blick so aussah. Das wusste sie, auch ohne dass er es ihr sagte. Sie dachte daran, dass sie ihn schon einmal gefragt hatte, wer er sei, aber er hatte nur ausweichend gefragt, ob sie das denn nicht wüsste. Sollte sie es etwa wissen? Sie dachte nach, bis ihr der Kopf schwamm, aber sie fand keine Antwort darauf. Sie wusste nicht, wie sie sich ihm gegenüber verhalten sollte. Auch wenn eine innere Stimme sie andauernd vor ihm warnte, er hatte ihr schon zweimal das Leben gerettet. Ob er dann wirklich ihr etwas böses wollte? Die Stille zwischen ihnen wurde für sie unerträglich. „Wie heißt du eigentlich?“ fragte sie leise, fast so als wäre ihr diese eigentlich selbstverständliche Frage peinlich. Er antwortete, ohne sich zu ihr umzudrehen. „Du könntest meinen Namen unmöglich aussprechen.“ Sie hatte irgendwie schon vorher geahnt, eine solche Antwort zu bekommen. „Naja, falls es dich interessiert: Ich bin jedenfalls Mourose.“ „Ich weiß.“ Fragend starrte sie ihn an, aber er hatte sich bereits wieder umgedreht. Sie seufzte. Damit war das Thema für ihn wohl gegessen. Das Tosen des Wasserfalls wuchs zu einem ohrenbetäubenden Lärm heran. Obwohl sie mindestens hundert Meter rechts und links von ihnen niederdonnerten, die Luft war erfüllt von sprühenden Wassertropfen und Mourose war schnell bis auf die Haut durchnässt. Bei den ohnehin schon niedrigen Temperaturen keine angenehme Situation. Sie waren nun dicht vor der Festung. Sie schien auf sie herunterzustürzen, so gewaltig erhob sie sich in den Himmel. Ihr wurde etwas schwindelig bei dem Anblick und sie verlangsamte unwillkürlich ihren Schritt. Mourose merkte, dass ihr Nacken schmerzte, sie hatte zu lange nach oben gesehen. Sie riss ihren Blick los, massierte mit einer Hand ihre Nackenmuskulatur und sah wieder vor sich. Der Fremde wartete am Ende der Brücke auf sie und starrte sie an. „Was ist?“ fragte sie im Näherkommen mit einem recht unfreundlichen Unterton. Wie zuvor schon schien ihn ihre patzige Reaktion zu amüsieren. Sie blickte zum Eingang der Festung. Er war offen, es gab keine Türen oder ein Tor. Es war sowieso schon dunkel draußen, aber im Inneren sah es noch finsterer aus. „Mögt ihr kein Licht oder was soll das?“ fragte Mourose und deutete hinein. „Wir sind darauf nicht angewiesen,“ antwortete er. „Aber ich! Ich gehe da nicht rein, wenn ich nicht die Hand vor Augen sehen kann!“ protestierte sie. Er zog spöttisch eine Augenbraue hoch. „Ich habe dich aber anders erlebt. Du scheinst hier in der Vorstellung gefangen, rein menschlich zu sein. Erkennt dein Unterbewusstsein dich selbst etwa immer noch nicht als das an, was du wirklich bist?“ Sie wusste nicht wie sie darauf reagieren sollte und sah ihn nur wortlos an. „Wenn du daran glaubst, im Dunkeln sehen zu können, wird es auch so sein. Wir sind hier an einem Ort, an denen mehr möglich ist als du dir vorstellen kannst.“ „Heißt das, ich kann mir einfach etwas wünschen und es geschieht?“ fragte sie ungläubig. „Kommt darauf an. Ich für meinen Teil traue es dir zu. Du musst es dir nur selbst zutrauen.“ Mit diesen Worten ging er in die Festung hinein und wurde von der Dunkelheit verschluckt. Mourose blieb alleine draußen stehen. Ihr Herz klopfte wie verrückt. Sie wusste ja nicht, was nun geschehen würde, und ob sie dem Fremden vertrauen konnte. Aber wie zuvor schon merkte sie, dass sie einfach keine andere Wahl hatte als ihm zu folgen. Die von den jähzornigen Totengeistern bewachte Brücke würde sie jedenfalls alleine nicht wieder überqueren wollen. Sie holte tief Luft und ging festen Schrittes auf die Dunkelheit zu. © 2005 by Codo Stellaris |