Der Skorpion, sechszehnter Teil

Mourose fühlte sich extrem unbehaglich als sie kurz nach dem Frühstück auf dem Weg zum Bestiarium war. Diese plötzliche Welle von primitiven Gefühlen, die sie vor wenigen Minuten überwältigt hatte, verwirrte sie. Sie konnte sich beim besten Willen nicht vorstellen, dass es an ihr gelegen hatte. Erstens fehlte völlig ein erkennbarer Zusammenhang oder ein Auslöser in der Situation, zweitens war sie wieder im vollen Besitz ihrer Kräfte, und es war daher unwahrscheinlich, dass es ihr dunkles, zweites Ich gewesen war, dass sie da übernommen hatte. Nein, es musste mit dem Biest zusammenhängen. Es wäre wohl nicht das erste Mal, dass es versuchte sie zu manipulieren, aber diese Art und Weise wäre neu. Ob es ihr das bewusst gesandt hatte, um sie zu zermürben? Sie war nämlich reichlich verstört von der Intensität und der Schamlosigkeit dieser Gefühle. Sie wusste nicht so recht, ob sie es genossen hatte. Jedenfalls hatte sie das ungute Gefühl, dass sie es nicht hätte genießen sollen, wenn sie es getan hätte.

Ihre Unruhe wurde mit jedem Schritt stärker. War es der Äther, der sich wie ein Schatten über sie legte? Oder war sie einfach nur unkonzentriert? Sie konnte das Gefühl nicht daraufhin differenzieren und mahnte sich daher zur Vorsicht.

Was hatte sie eigentlich vor? Sie müsste irgendwie dafür sorgen, dass ihre merkwürdige Verbundenheit mit dem Tier ein Ende hatte. Auf Dauer würde dieser Zustand nicht zu ertragen sein. Wenn sie doch nur wüsste, was es vorhatte! Oder ob es sich einfach nicht logisch im menschlichen Sinne verhielt?

Sie stieß die schwere Metalltür zum Bestiarium auf. Und da sah sie, was sie hätte spüren sollen, aber nicht wahrhaben wollte.

„Ben!“ schrie sie panisch und rannte zu seinem Körper, aber sie wusste, dass er tot war. Er lag auf dem Flur, mit dem Gesicht zum Boden, inmitten einer großen Blutlache. Sie hockte sich neben den leblosen Körper. Deutlich sichtbar war am Hinterkopf eine ihr wohlbekannte Fraktur. Durch das Loch konnte sie sehen, dass der Schädel hohl war. Keine Spur mehr von dem Gehirn.

„Nein,“ murmelte sie und wiederholte das Wort innerlich wie ein Mantra. Sie drehte die Leiche um und stellte mit Entsetzen fest, dass seine Eingeweide herausgerissen waren. Das Gesicht war völlig ausdruckslos, so als hätte er gar nicht mitbekommen, was geschehen war.

Das durfte nicht sein. Das konnte nicht sein! Sie merkte wie Tränen der Wut und Verzweiflung ihr versteinertes Gesicht runterrollten und auf den Steinboden tropften. Was hatte sie nur angestellt? Hatte sie sich etwa eingebildet, das Biest kontrollieren zu können? Sie hätte es doch besser wissen müssen! Gerade sie! Warum hatte sie sich nur so täuschen lassen? Es war einfach ein niederträchtiges Wesen, dass jede Situation zu seinem Vorteil nutzte. Es hatte sie so weit gebracht, dass sie begonnen hatte es zu mögen und eine Chance auf ein friedliches Zusammenleben gesehen hatte. Genau an den Punkt, an dem sie verletzlich wurde, hatte es zugeschlagen.

Jetzt waren alle ihretwegen in Lebensgefahr, mindestens einer war schon gestorben. Sie stand entschlossen auf. Sie musste es finden. Und dann würde sie es töten. Jetzt gab es kein Wenn und Aber mehr. Endlich war sie sich sicher, dass sie dieses Scheusal vernichten musste.

„Wo auch immer du steckst, komm raus, du feiges Stück!“ rief sie mit zornig bebender Stimme. Diese hallte lange in den Fluren wieder, aber weder sah noch hörte sie etwas als Reaktion darauf. Es konnte überall sein. Sie überlegte fieberhaft, wo sie anfangen sollte. Da fiel ihr das Gehege wieder ein. Sie rannte die wenigen Meter um die Ecke und stellte mit Erstaunen fest, dass das schwere Eisengitter immer noch geschlossen war. Keine Spur von einem Ausbruch! Wie konnte das sein? Sie warf sich zu Boden, um unter die Krippe zu sehen. Einen Moment zweifelte sie, ob sie nicht doch etwas im Schatten sah, aber es war eindeutig, dass das Gehege leer war.

Sie stand auf und war kurz davor, wieder in Tränen auszubrechen. Sie wollte es einfach nicht wahrhaben. Das konnte doch nur ein böser Traum sein. Sie atmete tief ein um sich zu fangen und drehte sich um. Da schoss ein großer Schatten auf sie zu, und sie schrie entsetzt auf, konnte sich aber gerade noch instinktiv wegducken, so dass der Angriff mit einem lauten Scheppern an den Gitterstangen endete.

„Du verdammtes Miststück!“ schrie sie und zog im Aufstehen ihre Katana. Es hing immer noch an den Stangen, mit der Leichtigkeit einer Spinne an der Wand, fletschte provokativ seine Zähne und fuhr seine grässliche Zunge aus, an der immer noch Blut klebte. Mourose erstarrte bei dem Anblick. Einen Moment lang wagte sie den Gedanken, dass sie eigentlich gar keine Chance hatte. Sie hatte aber keine Zeit mehr zu zögern, denn der lange Schwanz peitschte auf sie zu, sie duckte sich, und er zischte über sie hinweg. Ohne ihr eine Pause zu gönnen schlug er unmittelbar darauf wieder zu, doch dieses Mal auf der Höhe ihrer Knie, so dass sie springen musste. Doch darauf hatte sie kein Glück mit dem Ausweichen, die Lanze erwischte sie an der Schulter und versetzte ihr die erste Wunde. Sie heulte vor Schmerz auf und taumelte an die Wand hinter sich. Ihr Atem war flach und panisch, ganz und gar nicht so, wie es sein sollte. Sie durfte sich jetzt nicht von ihrer Angst überwältigen lassen!

Mit einem lauten Schrei stürmte sie auf das Biest zu, es sprang darauf von den Gittern ab, und sie schlug mit den Katanas zu. Doch es war viel zu schnell, um von ihr getroffen werden zu können. Mit einer beängstigenden Mühelosigkeit entwand es sich ihren Angriffshagel, es wirkte fast spielerisch. Es schlug sie darauf mit dem Schwanz von den Füßen, so dass sie ein paar Meter durch den Flur flog und sehr unsanft auf dem Boden knallte. Sie spürte, dass etliche Rippen gebrochen waren. Sie schmeckte Blut in ihrem Mund als sie sich ächzend wieder auf die Beine quälte. Das Biest kam langsam auf sie zu, so langsam und gleichgültig, dass es einer Provokation gleichkam. Müdigkeit umfing sie bei dem Anblick. Es wäre bald vorbei, wenn sie aufhörte sich zu wehren. Das verzögerte das Unvermeidliche doch nur. Doch dann dachte sie wieder an Luzifer, an all die Leute, die hier lebten und mit Sicherheit sterben würden, wenn sie es nicht tötete.

Was ist los mit dir? Du hast mir viel mehr versprochen. So macht das doch keinen Spaß.

„Raus aus meinem Kopf, du widerliches Vieh! Ich werde dir schon noch zeigen, was ich kann. Ich mache dir keinen Vorwurf daraus, dass du Ben getötet hast. Das hätte ich wissen müssen. Du bist eben nur ein Skorpion. Du bist an deine Instinkte gefesselt. Es war mein Fehler, dich falsch einzuschätzen und dafür stehe ich ein. Es ist mir egal, ob ich dabei sterbe. Aber ich werde nicht zulassen, dass du meine Freunde umbringst!“

Plötzlich spürte sie einen brennenden Schmerz an ihrem Rücken. Es überkam sie so schnell, dass sie es nicht mehr verhindern konnte, dass ihre stachelartigen Flügel aus ihrem Fleisch traten. Ihre Kleidung zerfetzte an den scharfen Rändern der Auswüchse, graublau glänzende, schuppige Haut kam darunter zum Vorschein. Die Stoffreste ihrer Kleidung fiel nun wie eine nutzlos gewordene Puppenhülle ab und gab einen bizarren Schmetterling frei. Sie gab sich der Umwandlung hin. Es war das Beste so, sie hatte in ihrer Nephilimgestalt wesentlich mehr Macht und war durch die Chitinpanzer an Kopf, Schultern, Oberkörper, Hüfte, Unterarmen und den Schienbeinen besser vor Angriffen geschützt. Auch wenn ihr ungezügelter Kampfgeist ihren eigenen Untergang bedeuten sollte, sie hatte keine andere Wahl. Sie spürte wie neugewonnene Kraft ihre Wunden heilte und sie von Kopf bis zu den Füßen durchströmte. Sie wartete darauf, dass der uralte, dunkle Geist sie einnahm und verdrängte. Aber es geschah nicht. Verwundert öffnete sie die durch die schwarze Umrandung insektoid wirkenden Augen. Nein, sie war es, die diesen Körper kontrollierte! Zum ersten Mal spürte sie, was ihre wahre Macht war. Sie lächelte in sich hinein. Es war das schönste, was sie sich vor ihrem Tod noch zu erleben gewünscht hatte. Endlich sie selbst sein, endlich frei sein! Sie richtete ihren Blick zu ihrem Gegner. Dieser hatte im Näherkommen innegehalten, wahrscheinlich hat die Umwandlung ihn irritiert.

„Du wusstest doch, dass unter meiner rosigen Haut mehr steckt als ein gewöhnlicher Mensch. Jetzt hast du die Chance zu bekommen, was ich dir versprochen hatte!“

Sie hörte wie ihre Stimme sich verändert hatte, tiefer und mächtiger war sie geworden. Und es fühlte sich großartig an. Doch das Biest griff immer noch nicht an.

„Na los, was zögerst du? Lass mich sehen, welche Farbe dein Blut hat!“ lachte sie und rannte mit einer Geschwindigkeit los, die sie selbst überraschte. Es sprang ihr mit einem markerschütternden Schrei und erhobenen Krallen entgegen. Sie drehte sich in der Luft, rauschte mit ihrem Fuß zwischen den Krallen durch und erwischte es hart gegen den gepanzerten Brustkorb. Noch in der Luft konnte sie einen Hieb mit dem Katana vollführen, und sie hackte einen der Rückenfortsätze des Biests ab. Sie hechtete darauf schnell beiseite, denn sie wusste, dass sein herausspritzendes Blut scharfe Säure war. Es landete zwar wie eine Katze auf den Füßen, krümmte sich dann aber unter einem schrillen Heulen vor Schmerz.

„Gelb, wie interessant,“ schmunzelte Mourose als sie wieder in einer eleganten Bewegung auf die Beine kam. Doch der beißende Geruch in ihrer Nase ließ ihre gute Stimmung schnell verfliegen. Entsetzt blickte sie auf ihr Katana. Mit lautem Zischen zerschmolz die wertvolle Klinge dahin.

„Na toll,“ seufzte sie. Sie ließ die nutzlos gewordene Klinge fallen und ging wieder in Position. Wenigstens hatte sie ja noch ein zweites Schwert, das sie nun in ihre starke Hand wechselte. Das Tier hob zitternd den Kopf und fauchte sie mit aller Verachtung an.

„Ist es nicht das, was du wolltest?“ fragte sie unschuldig. Dann lief sie wieder auf es zu, ohne Rücksicht darauf, dass es für den Moment kampfunfähig war. Es ging nicht um Ehre, es ging darum das Biest zu töten, dafür wäre ihr alles Recht, sogar die Verletzung ihrer Prinzipien. Doch es sprang plötzlich auf als wäre es genesen, aber obwohl es auswich, konnte Mourose einige oberflächliche Treffer gegen die Flanke des Tieres landen, denn sie nahm alles wie in Zeitlupe war und sah die Bewegungen des Tieres voraus. Doch dann war es plötzlich mit einem schnellen Satz hinter sie gewirbelt und sie spürte wie rasiermesserscharfe Krallen über ihren Rücken zischen. Sie schrie auf, taumelte einen Schritt vorwärts, drehte sie sich aber schnell wieder um und schlug mit dem Katana zu. Sie durfte nicht zulassen, in die Defensive gedrängt zu werden. Die durch die Säure schon stark zersetzte Klinge erwischte es am Oberarm, aber Mourose war nicht schnell genug, dem herausspritzenden Blut zu entkommen. Es prasselte wie glühende Funken auf ihr Gesicht und ihren Oberkörper und fraß tiefe Löcher dort hinein, wo ihre Haut nicht gepanzert war. Aber sie war so erfüllt von tödlicher Wut, dass der Schmerz nur eine vergleichsweise unbedeutende Komponente von vielen war, die sie zur Zeit durchströmten. Zugleich spürte sie das Hochgefühl, es schwer verletzt zu haben, und bald sterben zu sehen. Die Aussicht auf diesen Triumph versetzte sie in einen rauschartigen Zustand. Sie sprang ein Stück zurück und warf den qualmenden Rest ihres Katanas dem Biest entgegen, doch es konnte dem Wurf ausweichen. Provokativ hob sie die Hände und fuhr ihre langen Krallen aus.

„Komm schon, bringen wir es zu Ende!“ lachte sie laut und formte aus der umgebenden Luftfeuchtigkeit Hunderte scharfkantige Eissplitter, die sie ihm wie ein Kugelhagel aus einem Maschinengewehr entgegenschleuderte. Die meisten Eiskristalle prallten an der Panzerung des Biests ab, doch einige erwischten es unglücklich und verursachten jede Menge tiefe Hautperforationen. Kreischend duckte es sich unter dem ungewöhnlichen Angriff, dem es nichts entgegensetzen konnte. Doch es kam darauf wieder auf die Beine, aus zahlreichen Wunden blutend.

„Du stirbst wohl nicht so schnell, was?“ bemerkte Mourose erstaunt. Vielleicht hatte es mehrere Nervenzentren, so dass es trotz großer Verletzungen noch länger kampffähig war. Sie hob die Hand, um den Äther zu krümmen. Ein unsichtbarer Schlag erwischte das Wesen und es schlug es von den Beinen. Aber auch Mourose bekam den Rückschlag zu spüren, den sie nicht mehr kompensieren konnte, und kippte unsanft nach hinten über. Sie verfluchte ihre Unvorsichtigkeit, und noch ehe sie sich wieder aufrappeln konnte, landete plötzlich das Biest auf ihr. Vom Aufprall wurde ihr schlagartig die Luft aus den Lungen gedrückt, doch sie hatte noch ärgere Probleme. Sie hatte die Beine reflexartig angezogen, um es von sich wegdrücken zu können. Sie schaffte es zwar, es soweit auf Distanz zu bringen, dass die plötzlich herausschnellenden Zunge sie haarscharf verfehlte und die Zähne daran nur einen Millimeter vor ihren Augen zusammenschlugen. Aber sie schaffte es nicht, es von ihr runter zu bekommen. Es war einfach zu schwer und es hielt sich zudem an ihren Beinen fest, so dass sie nicht zutreten konnte. Siegessicher grinste es und holte mit den Krallen aus, kreischend schlugen sie auf ihren Brustpanzer und drangen durch das harte Material, zerschnitten das darunter liegende Fleisch.

Ätzendes Blut tropfte überall auf sie herunter, selbst ihre recht säureresistente Panzerung begann zu schmelzen. Der Geruch verbrannten Fleisches erfüllte den Raum. Es holte wieder aus, doch dieses Mal packte Mourose am Handgelenk und konnte die Bewegung unter Zuhilfenahme einer Ätherkrümmung gerade noch stoppen. Aber sie konnte den Arm nicht bewegen, es war ihr von der Kraft her nach wie vor überlegen. Auch ihre Beine zitterten unter dem Gewicht und gaben Zentimeter um Zentimeter nach. Sie sammelte die letzten Reserven, hob die Schwerkraft für einen Sekundenbruchteil auf, packte das Biest an den zwischen den Kiefern freiliegenden Muskeln, und wirbelte es von sich herunter. Schneller als es wieder auf die Beine kam, formte sie eine scharfe Eislanze, die sie mit einer härtenden Ätherschwinung versah, und schlug sie mit einem letzten Kriegsschrei in den Brustkorb des Biestes. Es bäumte sich ohrenbetäubend kreischend auf und schlug mit dem Schwanz wild um sich, doch die Eislanze hatte es komplett durchbohrt und nagelte es wie ein auf der Nadel steckendes Insekt an den Boden.

Mourose taumelte zurück, ihre Beine weigerten sich sie weiter zu tragen, und sie sank zu Boden. Es war vorbei. Sie hatte es geschafft. Die Schreie hörte sie nur noch aus der Ferne. Sie presste ihre Hände an ihre schlimmsten Wunden, aber sie verlor so viel Blut, dass sie es nicht mehr schaffen würde, sich zu den Regenerationskammern zu retten. Und einen Siegelstein für ein Tor hatte sie nicht dabei. Was soll’s, dachte sie. Sie hatte ihre Aufgabe erfüllt. Und sie würde auf dem Höhepunkt ihrer Kraft sterben, in einem siegreichen Kampf mit einem ihr ebenbürtigen Gegner. Gelassenheit und Müdigkeit erfüllten sie, sie schloss die Augen und seufzte. Und sie lächelte.

Alles was sie noch spürte, bevor die Dunkelheit sie umschlang, war ein plötzlicher, harten Schlag gegen ihren Hinterkopf. Doch um sich darüber zu wundern, war es schon zu spät.

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