Der Skorpion, fünfzehnter Teil

I was sent to outer space
To find another happy place
Now I’m left here all alone
Million miles away from home

Floating through the galaxy
All the stars in front of me
Now I’m left here all alone
Million miles away from home

Mourose fingerte verschlafen nach ihrem Wecker und machte die Musik aus, die ihr aus den kleinen Boxen blechern entgegendröhnte. Bei Techno kein besonderer Genuss, erst recht nicht beim Aufwachen. Genüsslich räkelte sie sich im Bett. Endlich hatte sie mal vernünftig ausschlafen können. Von Natur aus war sie eigentlich ein Spätaufsteher, doch sie hatte irgendwann gemerkt, dass es wichtigeres gab als stundenlang im Bett rumzutrödeln, so schön es auch war. Wenn sie morgens nicht zu ihrem Training kam, wenn alle beschäftigt waren, wurde meist den ganzen Tag daraus nichts mehr. Sie hatte einen merkwürdigen Traum gehabt, sie glaubte noch etwas davon zu erinnern, doch bereits als sie aufstand, war alles verflogen. Sie dachte sich nichts dabei, das passierte ihr fast jeden Morgen. Noch etwas schlaftrunken tapste sie einige Zeit darauf zum Frühstück.

„Das ist ja ganz was Neues, Mourose pennt bis in den späten Vormittag,“ witzelte Luzifer, ausgerechnet derjenige, der grundsätzlich spät aufstand. Aber selbst er war schon längst mit dem Frühstück fertig. Doch er setzte sich zu ihr, damit sie nicht alleine war, Lydia war ja schon in der Schule und Lilly an der Uni. Sie grinste wissend und schmierte sich ein Brötchen. Normalerweise wäre ihr das hemmungslose Ausschlafen peinlich gewesen, aber in Anbetracht der Dinge, die in den letzten Tagen passiert waren, war es ihr wichtiger gewesen, endlich wieder einen nicht durch Müdigkeit vernebelten Kopf zu bekommen. Sie starrte geistesabwesend durch ihn hindurch. Irgendwas war da doch, was sie sich unbedingt erinnern wollte...

„Na, hast du dich wieder beruhigt?“ fragte er sie, um sie aus der Trance zu reißen.

„Wie meinst du das?“ fragte sie völlig unbefangen.

„Gestern wolltest du deinem Haustier noch den Kopf abreißen, weil es deine Gedanken manipuliert, hast du das etwa schon vergessen?“

Mourose stockte verwundert. Das war ihr überhaupt nicht mehr bewusst gewesen.

„Ähh, nee, ist schon in Ordnung,“ nuschelte sie kauend. Verwundert zog er die Augenbrauen hoch.

„So kenne ich dich gar nicht. Solche Dinge nimmst du doch normalerweise nicht einfach so dahin.“

„Na ja, ändern könnte ich es ja eh nicht, oder? Außerdem hat es ja bisher nichts schlimmes gemacht. Ich meine, der Versuch mit mir in irgendeiner Art und Weise zu kommunizieren ist doch schon bedeutsam, oder? Normalerweise spricht man nicht mit dem ...Frühstück.“

„Ich würde das an deiner Stelle nicht überbewerten. Es ist ein außerirdisches Wesen, wer weiß schon, was es vorhat. Mich würde es nicht wundern, wenn es dich wieder jagen würde, wenn es die Möglichkeit dazu hat.“

Sie zuckte mit den Schultern. Sie erinnerte sich, dass sie gestern unglaublich wütend gewesen ist, aber mittlerweile war das völlig verflogen. Vielleicht lag ihre gleichgültige Sichtweise daran, dass sie ausgeschlafen hatte.

„Es hat ja erst damit angefangen, nachdem ich es eingesperrt hatte. Vielleicht hat das ja einen gewissen Eindruck hinterlassen.“

Er grinste.

„Ich denke schon, dass es bemerkt haben wird, dass du außergewöhnlich bist, aber glaubst du deswegen gleich, dass es dich ...bewundert?“

“Warum nicht? Ich finde es ja auch beeindruckend. Ich habe noch nie ein Wesen gesehen, dass so schnell, so kraftvoll und so präzise agiert und dabei so außergewöhnlich intelligent ist. Und ich finde, es hat eine faszinierende Schönheit.“

Er lachte laut auf, was sie verwirrte, denn sie hatte das überhaupt nicht ironisch gemeint.

„Du bist wirklich nicht normal, Mourose. Jeder andere würde schleunigst das Weite suchen, was wohl auch der vernünftigste ist. Und du gerätst ins Schwärmen. Willst du es vielleicht sogar dressieren, so dass es bei Fuß geht?“

„Ach hör doch auf, wer von uns beiden sammelt denn hier Bestien?“

„Höre ich da etwa einen beleidigten Unterton?“ schmunzelte er.

Sie antwortete nicht, sondern wunderte sich über das merkwürdige Gefühl, welches der rote Apfel in dem Obstkorb auf dem Tisch bei ihr auslöste. Irgendwie hatte sie plötzlich einen unbändigen Appetit darauf. Sie nahm ihn sich und biss hinein. Ohne zu wissen warum schweiften ihre Gedanken wieder zu dem fremden Raumschiff.

„Dieses Gift, ist das biologischen Ursprungs?“ fragte sie nachdenklich.

„Du meinst das, mit dem diese Viecher umgebracht wurden? Nein, es ist höchstwahrscheinlich synthetisch, es ist zwar eine interessante Mischung, aber biologische Gifte sind meist noch weitaus komplizierter aufgebaut. Ich habe es gestern nach den Computerdaten synthetisiert und damit experimentiert.“

„Und du hast mich nicht daran teilhaben lassen? Mich hätte das auch interessiert,“ sagte sie mit unüberhörbarer Entrüstung.

„Nun ja, du warst gestern Abend ein keiner guten Verfassung. Ich wollte dich nicht bei deinem Training stören.“

Mourose musste sich eingestehen, dass das von ihm die richtige Entscheidung gewesen war. Gestört zu werden hätte sie wahrscheinlich rasend gemacht. Sie schluckte ihren Ärger herunter.

„Und was ist dabei herausgekommen?“

„Wir wussten ja schon, dass es wasserlöslich ist und in nur kleinsten Konzentrationen absolut tödlich ist für jede Lebensform die Wasser im Blut enthält, also eigentlich für alles, was wir an Leben kennen. Die Wirkung scheint verzögert einzutreten. Jedenfalls sind die Zellkulturen, bei denen ich das Gift angewandt habe, erst nach einigen Stunden gestorben und haben die erste Zeit völlig normal weitergelebt. Und sie sind alle zu recht unterschiedlichen Zeiten gestorben, obwohl sie alle identisch waren. Dann ging alles aber sehr schnell.“

Mourose horchte auf.

„Das ist interessant! Damit ist es das perfekte Gift für einen hinterhältigen Anschlag! Der Täter kann unerkannt entwischen, da der Zeitpunkt der Gifteinnahme nicht rekonstruiert werden kann und auch nicht bemerkt wird. Und es kann sogar von den infizierten Opfern über Körperflüssigkeiten weitergegeben werden.“
“Du meinst sie haben einige der Tiere infiziert und damit ist über die Vermehrung auf sie alle übertragen worden? Ich weiß nicht, wie schnell sie sich vermehren aber dafür wirkt das Gift wohl doch zu schnell. Wir sprechen hier von Stunden, nicht von Tagen.“

„Wie auch immer, ich glaube kaum, dass es ihnen gelungen wäre, die freien Tiere mittels einer Injektion zu vergiften. Was wenn es über die Nahrung aufgenommen wurde? Sie tragen die Opfer ins Nest. Da ich nur dort Knochen gefunden habe, kann man das jedenfalls annehmen. Dort ernähren sich die anderen, die Jungtiere und vielleicht auch die Königin davon, sogar der symbiotische Schleimpilz! Es würde wahrscheinlich nur ein infiziertes Opfer geben müssen, um sie alle umzubringen. Nur der Schleimpilz, der sich über trockene Sporen verbreitet, konnte sich retten und erneut auf dem Schiff ausbreiten.“

„Willst du damit sagen, Forscher haben einen oder mehrere von sich geopfert, um die Tiere umzubringen?“

„Es würde doch Sinn ergeben, oder? Vielleicht...vielleicht erklärt das alles andere! Der Computer hat eine eigenständige Energieumleitung betrieben, um die Selbstzerstörung wieder aufnehmen zu können, denn die eigentliche Energiezuleitung wurde unterbrochen, vielleicht sogar durch die Biester. Einige von der Forscherrasse gingen wieder an Bord, um die Energieleitung zu reparieren, um das zu tun, mussten sie wohl die Hauptenergie abschalten. Sie wurden aber wie man erwarten konnte während des Vorhabens angegriffen. Für den Fall waren sie gerüstet, infizierten sich mit dem Gift und erfüllten somit ihre Mission auf jeden Fall. Denn die Tiere starben allesamt, auch ohne dass das Schiff zerstört wurde.“

“Bis auf deines.“

“Das ist letztendlich auch klar, denn es war ja eingesperrt und das Gift kam bei ihm gar nicht an.“

“Du meinst, sie haben es einfach vergessen.“

„Vielleicht. Das wäre das einzige, was sie nicht bedacht hatten. Oder sie sahen keine Möglichkeit es auch umzubringen oder hatten gehofft, seine Artgenossen hätten es befreit. Vielleicht haben diese es aber auch bewußt nicht getan, wer weiß das schon.“

Er versank für einzige Zeit in Gedanken.

„Ich weiß zwar überhaupt nicht, wie du auf diese Ideen gekommen bist. Obwohl wir anhand der wenigen Indizien mit Sicherheit nie die ganze Wahrheit kennen werden, für mich klingt das absolut plausibel. Welche Ironie. Da haben sich wahrscheinlich Leute geopfert, um die Biester umzubringen und du tust so viel um eines von ihnen zu retten. Ich würde ja gerne verstehen, was dich da nur antreibt. Jeder normal denkende Mensch würde dich einfach für verrückt erklären.“

Mourose schwieg, denn sie wusste nicht, was sie darauf antworten sollte und brachte stattdessen die Apfelreste zum Mülleimer. So sehr das Wesen auch tödliche Gefahr verströmte, sie konnte es sich nicht vorstellen, es einfach umzubringen. Dafür faszinierte es sie zu sehr. Außerdem war sie ungerne an der Ausrottung von Arten beteiligt. Sie seufzte und setzte sich wieder. Vielleicht würde es sich mit der Zeit einfach ergeben, was sie zu tun hatte. Plötzlich hielt sie inne. Irgendetwas stimmte nicht.

„Spürst du das auch?“ fragte sie ihn. Er sah sie nur fragend an.
Mourose konzentrierte sich, aber das Gefühl war plötzlich wieder weg.

„War wohl doch nichts,“ seufzte sie und griff nach ihrem Tee. Plötzlich rauschte eine ungeheure Welle von ungebändigten Emotionen auf sie ein, so schnappte schockiert nach Luft und hätte fast ihre Tasse fallen lassen. Doch ebenso schnell wie sie gekommen war, verschwand es auch wieder.

„Alles in Ordnung?“ fragte Luzifer, doch sie nahm es gar nicht war.

Ihr ganzer Körper zitterte, sie schloss die Augen und versuchte sich zu beruhigen. Was war das bloß gewesen? Es war anscheinend nicht im Äther gewesen, sonst hätte Luzifer es mit Sicherheit auch bemerkt, denn darauf war er weitaus sensibler und trainierter als sie selbst. Es war wie ein Blutrausch voller unbändiger Wut gewesen, aber mit einer verstörend lustvollen, erregenden Komponente. Woher war das nur gekommen?

Erst als sie Luzifers Hand auf ihrer spürte, entkam sie den Erinnerungen.

„Mourose, ich mache mir wirklich Sorgen um dich. Vielleicht solltest du das alles nicht so auf die leichte Schulter nehmen. Ich glaube, dieses fremde Wesen übt mehr Einfluss auf dich aus, als du es dir vorstellen kannst. Ob nun direkt oder indirekt. Du solltest wirklich mal dafür sorgen, dass die Situation bereinigt wird. Entweder ihr arrangiert euch, oder wir müssen es irgendwie loswerden, notfalls töten. Aber so möchte ich dich nicht sehen müssen. Und außerdem lag dir doch immer viel daran, dass du für mich einen Nutzen darstellst. Im Moment kann ich mir aber kaum vorstellen, dass du in einer Notsituation vernünftig reagieren könntest. Im Gegenteil, wenn du dich nicht unter Kontrolle hast, wirst du selbst zu einer Gefahr für uns alle. Denk daran, dass deine Nephilimgestalt dich leicht übernehmen kann, wenn du unkonzentriert und emotional bist, was im Moment leider der Fall zu sein scheint. Und dann wirst du sogar eine Gefahr für dich selbst, so unkontrollierbar du dann bist.“
Sie nickte. So hart diese Worte auch waren, er hatte wahrscheinlich Recht. Ihr war etwas derartiges noch nie zuvor passiert. Was auch geschehen war, es hing höchstwahrscheinlich mit dem Biest zusammen, auch wenn sie nicht mal ansatzweise verstand, was passiert war.

„Ich werde mich darum kümmern,“ sagte sie leise und aß schweigend ihr Marmeladenbrötchen zuende, auch wenn es ihr aus irgendwelchen Gründen sehr seltsam schmeckte.

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