Der Skorpion, vierzehnter Teil

„Oh nein, nicht schon wieder,“ dachte Mourose als sie sich wieder in den Fluren des fremden Raumschiffes fand. Und wunderte sich gleich darauf, warum sie das dachte. War sie etwa schon einmal hier gewesen? Sie war doch gerade erst mit ihrem Transporter angekommen und hatte die Energie reaktiviert. Oder etwa nicht? Sie schüttelte den Kopf und ging festen Schrittes den Gang hinunter. Sie wusste, es bestand keine Gefahr für sie. Aber warum, konnte sie auch nicht sagen. Ihr kamen zwei Angehörige dieser außerirdischen Spezies entgegen, die sie, wie sie erwartet hatte, wieder völlig ignorierten. Sie steckten in Raumanzügen und unterhielten sich aufgeregt in ihrer Sprache über Zerstörung der Hauptenergieleitung, über erstaunliche Intelligenz, einen Plan B und anderes seltsames Zeug, dass sie nicht so recht verstand. Sie zuckte mit den Schultern und ging weiter.

Dann entdeckte sie plötzlich etwas, was sie merkwürdigerweise nicht besonders überraschte: Eine Holzwurzel wuchs über den Metallboden. Etwas schlug in ihrem Kopf Alarm, aber sie wusste nichts damit anzufangen. Sie verfolgte die Wurzel und stand wieder vor dem großen, dicht belaubten alten Baum mit den roten Früchten. So verlockend er auch duftete, sie wusste aus irgendwelchen Gründen, dass man von den Früchten besser die Finger lassen sollte. Sie wusste, sie würde an diesem Ort etwas tun müssen, aber sie wusste nicht was. Nachdenklich stand sie vor der merkwürdigen Erscheinung und ließ ihren Blick schweifen. Da sah sie plötzlich jemanden ein paar Meter neben ihr stehen. Einen jungen Mann, vielleicht Ende Zwanzig. Irgendwie kam er ihr bekannt vor. Aber sie wusste genau, dass sie das Gesicht noch nie gesehen hätte, denn das hätte sie sich mit Sicherheit gemerkt. Es war von seltsamer Strenge mit einem kräftigen Kiefer, ohne aber derb auszusehen. Trotz der tiefschwarzen Haaren, die in langen Strähnen in sein Gesicht fielen, waren die Augen eisblau und scharf. Fast wie ihre, wenn sie in ihrer Nephilimgestalt war. Er strahlte eine seltsame Aura aus, eine gefährliche Aura.

„Du erinnerst dich nicht?“ fragte er sie und zog spöttisch die steil verlaufenden Augenbrauen hoch. Die Stimme war dunkel, aber nicht rau. Sie sah sich um, um sicherzugehen, dass sie auch gemeint war.

„Woran soll ich mich erinnern?“ fragte sie vorsichtig. Er sah sie mit einem nicht deutbaren Blick an.

„Du enttäuscht mich.“

„Wieso enttäuschen?“ fragte sie fast schon entrüstet. Sie hasste es, wenn man derartig in Rätseln mit ihr sprach. Doch anstatt darauf einzugehen ging er auf den Baum zu und pflückte eine Frucht.

„Ich weiß nicht warum, aber du solltest lieber die Finger davon lassen,“ rief sie und rannte zu ihm um ihn davon abzuhalten. Er drehte sich zu ihr um und hielt ihr die Frucht unter die Nase.

„Ich weiß. Es ist ein süßes Gift, verführerisch und unwiderstehlich. Und man spürt seine Wirkung erst, wenn es zu spät ist. Auch wir haben es nicht bemerkt. Sie wussten, dass sie sterben müssen. Deswegen haben sie uns mit in den Tod gerissen. “

Mourose wurde fast schwindelig, ob es an dem durchdringenden, süßlichen Geruch der Frucht lag oder an der Aura des Fremden, die sie fast erstickte, konnte sie nicht sagen. Sie ging einen Schritt zurück.

„Wer bist du?“ fragte sie. Er grinste mysteriös.

„Das weißt du nicht?“

Sie seufzte entnervt.

“Und was willst du von mir?“

Das Grinsen erstarb und er quetschte die Frucht in der Hand, bis sie platzte und die Maden im Inneren sich windend zu Boden fielen und dort in dunkle Ecken der Wurzeln verkrochen. Sie wartete vergebens auf eine Antwort.

„Ihr seit eine so unvollkommene Spezies. Wie könnt ihr eure eigene Existenz nur ertragen?“

„Ach ja? Wie kommst du dazu, so etwas zu behaupten? Was ist denn deine Definition von Vollkommenheit?“

„Ihr sehnt euch nach Nähe, doch letztendlich könnt ihr sie nicht ertragen. Deswegen seit ihr immer unzufrieden, mit euch selbst und mit den anderen. Ihr belügt selbst und andere, ihr schreckt nicht einmal davor zurück, einander zu töten.“

Sie zuckte mit den Schultern.

„Das hat noch kein Moralapostel ändern können. So sind Menschen eben.“

„Auf der anderen Seite verschenkt ihr Mitleid an solche, die es nicht verdienen. Sogar an fremde Spezies. Einerseits ernährt ihr euch von ihnen, andererseits behandelt ihr sie mit der Liebe und Fürsorge als wären sie zu eurer Art zugehörig. Was versprecht ihr euch davon?“

„Ich weiß nicht. Warum sollte es falsch sein Liebe zu verschenken?“

„Warum sollte es nicht Priorität haben, die eigene Spezies zu lieben und zu beschützen? Ihr seit das pure Chaos. Und trotzdem überlebt ihr, verdrängt sogar andere Lebensformen und vermehrt euch auf eurem Planeten so aggressiv und erfolgreich wie ein Virus. Das ist es, was ich nicht verstehe.“

Mourose setzte sich auf eine dicke Wurzel. Wer auch immer der Fremde war, er stellte genau die Fragen, die sie sich selbst häufig gestellt hatte. Warum führten Menschen Kriege gegen sich selbst, bei denen Tausende umkommen, aber es gibt einen Riesenskandal, wenn ein Haustier misshandelt wird? Aber wenn Millionen Tiere für die Nahrungsversorgung der Menschheit leiden und sterben müssen, wird höchstens nur von ein paar meist belächelten Gruppen Rummel darum gemacht.

„Ich weiß, dass wir unvollkommen sind. Aber wir können uns nicht ändern. Wir sind ewig im Kampf mit uns selbst, und machen doch immer die selben Fehler. Noch in Tausend Jahren wird es Kriege und Morde geben. Es ist wohl unsere Natur so zu sein. Wir sind zwar ein Haufen Idioten, aber wir glauben an das Gute und an die Liebe, auch wenn wir uns manchmal genau entgegengesetzt dazu verhalten. Ich glaube, das ist sogar der Preis dafür, dass wir lieben können.“

„Warum?“

„Bist du in der Lage, einen deiner Spezies zu hassen?“

Sie hatte ihn damit wohl ziemlich aus der Fassung gebracht, denn er starrte sie lange Zeit an.

„Ich verstehe die Frage nicht. Natürlich kann ich niemanden hassen, der zu meiner Spezies gehört. Das würde doch keinen Sinn ergeben.“

“Siehst du? Wie willst du denn wissen, was ehrliche Liebe ist, wenn du nicht hassen kannst? Liebe entsteht zu jemanden, den man wegen seiner Eigenheiten mag, wegen seines Charakters, seiner Stärken, seiner liebenswerten Macken. Nicht einfach, weil er zu der eigenen Spezies gehört. Das ist keine Liebe, das ist Instinkt. Liebe ist ein freies Gefühl, das niemand fassen oder erklären kann. Sie geschieht einfach. Das bedeutet aber auch, dass man gewisse Menschen wegen ihres Charakters oder ihres Handelns nicht mag, gegebenenfalls sogar hasst. Manchmal hat es nicht einmal solche fassbaren Gründe, manchmal ist es einfach projizierter Selbsthass oder wurde anerzogen und ist den Menschen selbst nicht bewusst. Daraus resultieren alle menschlichen Grausamkeiten.“

Er schwieg und sah sie mit seinen eisigen Augen durchdringend an.

„Würdest du einen Menschen töten?“ fragte er sie dann. Mourose seufzte.

„Unter Umständen ja.“

Er sah sie mit einem fast arroganten Blick an.

“Und du nennst mich grausam.“

Mourose sah fragend zurück.

„Wann habe ich das getan?“

Doch er antwortete nicht. Sie versuchte sich zu erklären.

„Meine Aufgabe ist es, meinen Herren zu schützen. Wenn es dazu kommt, dass ich ihn oder mich selbst verteidigen muss, oder der Tod des anderen eine Katastrophe verhindern oder einen Unschuldigen retten kann, und ich keine andere Möglichkeit sehe, in diesen Fällen würde ich es tun.“

„Wer sagt euch denn, wie ihr zu handeln habt? Wer setzt euch die Grenzen eures Handelns, wenn ihr selbst nicht eure Liebe und euer Hass kontrollieren könnt?“

“Naja. So unkontrolliert verhalten wir uns nun doch nicht. Wir haben ja noch unseren Verstand. Außerdem gibt es Gesetze und Moralvorstellungen, die unser Handeln prägen. Allerdings gibt es da sehr viele Gruppierungen, die sich sehr stark voneinander unterscheiden. Religiös entstandene Wertvorstellungen kollidieren häufig auch mit dem, was man dem Verstand nach als vernünftig ansehen würde. Das zieht natürlich wieder eine ganze Menge Komplikationen nach sich.“

“Und wonach richtest du dich?“

„Ich unterliege keinen äußeren Moralkodex. Ich denke, jeder kann tun was er will, solange das niemanden Schaden zufügt. Diese Gerechtigkeit will ich verteidigen. “

“Warum interessiert dich denn, was mit den anderen ist? Du bist doch mächtig genug, um das tun zu können, was du willst.“

„Aber dann wäre ich alleine. Niemand ist gerne einsam. Aber ein Zusammenleben ist nur möglich, wenn man Kompromisse eingeht.“

Er setzte sich neben sie auf die Wurzel. Mourose war das unbehaglich. Irgendetwas hatte dieser Fremde an sich, dass sie reichlich nervös machte. Er wirkte irgendwie vertraut und fremdartig zugleich. Irgendwas an seinem eisigen Blick hatte etwas magisches.

„Warum fragst du mich das alles?“ fragte sie ihn.

„Weil ich neugierig bin,“ antwortete er.

„Ich kann dich sehen, mehr als du dich selbst. Aber ich verstehe dich nicht. Das ist es was ich will,“ fügte er nach einer Weile hinzu.

Mourose sah überrascht zu ihm.

„Warum? Wer bist du, dass ich dich so sehr interessiere?“

Er antwortete nicht, sondern wandte sich zu ihr und fasste ihr ans Kinn und zog ihr Gesicht dicht an seines. Mourose war zu überrascht, um zu reagieren.

„Menschen sind schwach, du bist es nicht.“

“Was?“ fragte sie völlig verwirrt.

„Doch noch bist du nicht erwacht. Bis dahin werde ich dich beschützen. Ich will mit ansehen, wie du dich entfaltest. Und dann entscheide ich, ob ich dir folgen werde oder nicht.“

“Und wenn nicht?“

Er zog sie noch dichter an sich heran, so daß sich ihre Lippen fast berührten.

„Dann wirst du deine Macht beweisen müssen, wenn du überleben willst.“

Er grinste bedrohlich, stieß sie dann plötzlich beinahe unsanft von sich ab, stand auf und ging ohne ein weiteres Wort. Sie schüttelte den Kopf, um wieder zu Sinnen zu kommen. Was für ein merkwürdiger Typ, dachte sie. Was er nur von ihr wollte?

Da bemerkte sie zufällig etwas zwischen den Wurzeln, einen kleinen Hohlraum. Sie blinzelte, im Schatten konnte sie es nicht erkennen. Neugierig fasste sie in den Spalt, aber er war zu schmal. Doch beim Hochziehen der Hand bemerkte sie, dass das Holz morsch war und bereits abbröselte. Sie kniete sich hin und kratzte mit beiden Händen das Holz um den Hohlraum ab, so dass er sich vergrößerte. Schnell hatte sie die Wurzeln so weit abgetragen, dass sie hindurchsehen konnte. Da war eine Höhle! Im fahlen hineinfallenden Licht sah sie plötzlich etwas, dass ihr den Atem raubte. Leblose Körper waren in das Wurzelwerk des Baumes verwachsen. Angewidert verzog sie das Gesicht. Sie nahm ihre Taschenlampe und leuchtete hinein. Da erkannte sie es: Die Körper waren nicht in die Wurzeln eingewachsen, die Wurzeln wuchsen aus den Körpern regelrecht heraus. Aus den Augen, den Mündern, sogar aus den Fingerspitzen traten Wurzelzweige aus. Es waren eindeutig die Außerirdischen, was sie an den schlanken Körpern erkannte. Verwirrt hob sie den Kopf wieder aus dem Spalt und sah sich nach dem Fremden um. Er war noch da, stand aber etwas abseits bei einer seltsamen Frau mit grauen, langen Haaren. Mourose runzelte die Stirn. Irgendwie kannte sie diese Frau ebenfalls.

„He, habt ihr das schon gesehen?“ rief sie ihnen entgegen. Doch die beiden sahen sie nur reglos an als hätten sie es nicht gehört. Mourose setzte sich wieder zurück und lehnte mich dem Rücken an eine dicke Wurzel. Irgendetwas hatte das zu bedeuten, doch sie konnte so viel grübeln wie sie wollte, sie kam nicht drauf. Es war doch alles zu verrückt. Sie fühlte wie ihr Kopf schwer wurde und sie müde zusammensackte. Schwärze umfing ihren Geist und sie fiel in einen tiefen, friedvollen Schlaf.

„Sie ist es, nicht wahr?“ fragte der Fremde die Frau. Sie nickte langsam.

„Kali, die Zerstörerin der alten Ordnung, grausam doch umfangen von grenzenloser Liebe.“

“Und was wird jetzt geschehen?“

„Es hängt von dir ab.“

„Was soll ich tun, wenn sie sich gegen uns wendet?“

„Sollte das geschehen, töte sie. Und jetzt keine weiteren Fragen. Du wirst mich nun nicht mehr brauchen. Jetzt da sie da ist.“

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