Der Skorpion, dreizehnter Teil

Mourose war so wütend, dass sie den Tränen nah war. Wie konnte dieses Vieh sich nur erlauben, in ihren Gedanken rumzuwühlen? Und auch noch so, dass sie es nicht merkte!

So ergaben viele Dinge, die sie vorher nicht verstanden hatte, nun auch einen Sinn. Aber für welchen Preis!
Welche Ironie. Da hatte sie sich immer gewünscht, dass jemand sie verstehen würde, denn sie war selten in der Lage, mit Worten zu formulieren, was sie wirklich fühlte.
Aber nun, da es geschehen war, fühlte sie sich hilflos, bloßgestellt und ausgeliefert. Sie war von ihren eigenen Gedanken manchmal schon so angewidert und verwirrt, dass sie sich wirklich nicht wünschte, dass jemand außer ihr sie erfuhr. Und schon gar nicht dieses Biest!

So hatte sie sich das nun wirklich nicht vorgestellt!

Und so sehr sie sich die Zeit davor die Aufregung herbeigewünscht hatte, so sehr wünschte sie sich wieder in ihren Alltagstrott zurück. Ihr fielen die Worte ihres Meisters wieder ein.

„Achte besonders auf das, was du dir am meisten zu wünschen glaubst. Je mehr du dir etwas herbeisehnst, desto größer ist die Gefahr, die von der Erfüllung dieses Wunsches ausgeht. Denn nicht jede Erfüllung ist ein Segen.“

Jetzt begann sie zu verstehen. Alles kann ins Gegenteil pervertiert werden, wenn man sich in etwas hineinsteigert. Der Wunsch nach Aufmerksamkeit und Akzeptanz, nach Verständnis, nach Liebe. Vielleicht hatte das Schicksal ihr Bitten und ihre Verzweiflung erhört. Und ihr für ihre Unbedachtheit und Leidenschaft einen Denkzettel verpasst. Nichts lief mehr so wie sie es sich wünschte. Sie stieß die Metalltür zum Bestiarium so kräftig auf, dass sie mit einem lauten Krachen an die Wand donnerte.

„Komm raus, verdammtes Miststück! Ich weiß jetzt, was du mit mir machst!“ rief sie und schleuderte einen Metalleimer gegen die Stangen. Es kam aber nicht aus seinem Schatten heraus.

„Ich weiß ja nicht, warum du so gut Gedanken lesen und projizieren kannst, aber ich verstehe jetzt endlich, woher du alles gewusst hast! Ich hätte dich beim besten Willen nicht für klug genug gehalten, die Docktür zu öffnen, aber wenn du in mir lesen kannst wie in einem Buch wundert mich gar nichts mehr!“

Sie wartete bebend vor Wut auf eine Reaktion, doch es passierte nichts. Als wäre das Gehege leer.

„Na los, worauf wartest du? Pflanz mir doch noch irgendwelchen Mist ein, so dass ich vollends paranoid werde! Willst du das? Willst du mich in den Wahnsinn treiben?“

Sie war sowieso schon wütend, aber dass es überhaupt nicht auf sie reagierte, machte sie rasend. Warum ignorierte es sie? Wenn es doch wenigstens aggressiv wäre, dann würde ihre Wut nicht so ins Leere laufen. Sie umklammerte den Griff des Katanas, das an ihrem Gürtel hing. Am liebsten würde sie das Gitter öffnen und dieses Theater endlich beenden. Wenn sie es tötete, wäre alles wieder wie zuvor. Sie würde sich zu Tode langweilen, aber ihre Gedanken würden wieder nur ihr alleine gehören.

„Du nimmst dir einfach von mir was du brauchst, spielst jeden Vorteil aus. Ich dagegen belüge meinen Herren, bringe mich und alle anderen hier in Lebensgefahr, nur weil ich dich retten wollte. Weil ich nicht mit ansehen konnte, wie du angekettet in diesem Raumschiff lagst. Weil ich dich nicht zurücklassen wollte. Ich gebe mir jede nur erdenkliche Mühe, dass es dir hier gut geht. Ich habe eben den Schleimpilz auf dem Schiff gefunden und habe ernsthaft gedacht, dass ich dir damit eine Freude machen könnte! So bescheuert bin ich schon! Ich erwarte keine Dankbarkeit, aber kannst du nicht wenigstens aufhören, mich so auszunutzen und wahnsinnig zu machen? Vielleicht findet ihr es ja untereinander ganz toll ein geteiltes Bewusstsein zu haben, aber für uns ist das eine Qual! Wir sind Individuen, wir brauchen unsere Privatsphäre! Und wenn überhaupt, muss das auf Gegenseitigkeit beruhen!“

Sie konnte ihre Tränen kaum noch zurückhalten. Warum redete sie überhaupt noch? Es kannte ihre Gefühle und Gedanken wohl mittlerweile besser als sie selbst. Verzweifelt lehnte sie sich an die Wand und rutschte zum Boden herunter. Sie presste die Hände auf ihr Gesicht und schluchzte. Es war egal, sie konnte sich selbst und ihm sowieso nichts mehr vormachen.

„Ich werde dich töten. Nicht heute. Aber ich werde es tun. Wenn du es noch einmal wagst, mich zu manipulieren. Oder wenn du auch nur noch einmal nur den Versuch machst, mich oder jemand anders zu attackieren. Ich schwöre dir, ich werde dich töten! Wenn du leben willst, halte dich an meine Bedingungen! Und ja, ich glaube daran, dass ich dich besiegen kann! Du glaubst, nur weil ich wie ein Mensch aussehe, bin ich auch einer. Wahrscheinlich müsst ihr uns Humanuide einfach hassen, weil wir eure Wirte sind und für die Erhaltung eurer Art sterben müssen. Aber ich bin kein Mensch! Ich hasse die Menschen sogar! In manchen Ländern werde ich als Göttin verehrt! Meine Geburt wurde Jahrtausende vorrausgesehen!“

Sie bemerkte, dass sie sich schon wieder reinsteigerte. Es gab durchaus Menschen, die sie sehr liebte. Und ihre Verehrung als Göttin war ihr schon immer etwas suspekt gewesen, da sie aus der Prophezeiung heraus entstanden ist und nicht aus ihr selbst, die viel später geboren wurde.

Was wollte sie eigentlich erreichen? Wie man es drehte und wendete, sie war immer noch teilweise selbst ein Mensch, ob ihr der Gedanke nun gefiel oder nicht. Verzweifelt schüttelte sie den Kopf. Es reichte schon in der Nähe dieses Biests zu sein, dass sie sich selbst nicht mehr erkannte. Schweigend saß sie da und starrte auf den Boden. Sie spürte wie es sich langsam bewegte, aber es interessierte sie nicht. Sie war gefangen in dem Gedanken, es endlich töten zu können. Wenn es doch nur etwas täte, dass sie ihren Schwur erfüllen konnte. Doch nichts geschah. Es saß nur in seinem Versteck und beobachtete sie.

Eine bedrohliche Stille breitete sich aus. Mourose hob plötzlich den Kopf.

„Na komm schon, willst du mich nicht töten?“ fragte sie und grinste teuflisch. Sie stand auf und stellte sich direkt vor das Gitter.

„Du weißt wie süß mein Blut schmeckt, nicht wahr? Es ist Engelsblut, eine echte Rarität...eine Delikatesse. Ich weiß, wie sehr dich danach dürstet. Wie sehr du dir wünscht, mich endlich zerfetzen zu können. Mich, die dich so gedemütigt hat, die dich besiegt hat. Ein Mensch, eine kleine schwache Frau, war auf ihren dünnen Beinchen schneller als du, hat dich ohne Waffen und ohne Hilfe von anderen hier einsperren können. Wurmt dich das nicht? Willst du mich, diesen Schandfleck deines Schicksals, nicht endgültig beseitigen?“

Es hob den Kopf und knurrte leise.

„Braver Junge. Wie ich sehe, habe ich da einen wunden Punkt entdeckt,“ lachte sie. Sie zog ihr Katana ein Stück heraus und ritzte sich einen Finger an. Nur wenig, aber genug, dass ein Tropfen rotes Blut heraustrat.

„Kommen da nicht Erinnerungen hoch?“ grinste sie und hielt die Hand in das Gehege hinein. Es zischte, und sie spürte deutlich seine Unruhe, aber es kam nicht hervor.

„Warum so schüchtern? Ich tu dir doch nichts.“

Mourose wachte aus ihrer Trance schlagartig auf, als ihr Rücken plötzlich schmerzte, als würden ihr Dolche hineingerammt. Erschrocken taumelte sie zurück und schnappte nach Luft. Sie hatte die Kontrolle verloren und hätte fast ihre Gestalt gewechselt. Was war nur geschehen, dass sie sich so merkwürdig benahm? Sie war ja verrückt! Wollte sie es ernsthaft zu einem Angriff provozieren, damit sie es töten konnte? Warum lag ihr so viel daran? Es hatte ja trotz ihrer Provokation nichts weiter getan. Nur in seiner Ecke gelegen. Genau dieses Verhalten hatte sie sich doch eigentlich gewünscht. Oder etwa nicht?

Ihr wurde klar, was das bedeuten würde. So sehr sie es sich auch wünschte, es war gar nicht Schuld daran, dass sie sich so seltsam benahm. Sie war es die ganze Zeit selbst gewesen. Sie hatte nur nach einem Grund gesucht und hatte den für sie bequemsten genommen, nämlich die Schuld von sich wegzuschieben. Sie war es gewesen, die Luzifer belogen hatte, sie war es gewesen, die gefährliche und fragwürdige Entscheidungen getroffen hatte. Das würde sich auch nicht mehr ändern, wenn sie es tötete. Alles was es getan hatte, war sie subtil zu verunsichern. Und sie musste sich leider eingestehen, dass es immer Recht damit gehabt hatte.

„Na los, sag mir ruhig, wie blöd ich mich benehme, wie krank, schwach und widerwärtig ich bin! Warum schweigst du jetzt? Warum...warum lässt du mich jetzt so alleine im Dunkeln?“

Sie wusste nicht mehr, wo ihr der Kopf stand. Alles war so verwirrend. Zuvor hatte sie geglaubt zu wissen, wer sie war und was ihre Aufgaben waren. Aber nun fühlte sie sich leer und verlassener als vorher.

Sie musste weg von diesem Ort. Sie würde in den Ballsaal gehen und solange Schwertkampf trainieren, bis sie vor Erschöpfung umfiel. Und dann würde ins Bett gehen, endlich den Schlaf nachholen. Vielleicht war sie ja doch nur durch den Stress ein bißchen verrückt geworden und ihre Vermutung mit der Telepathie war falsch. Dann wäre dieses ganze Theater umsonst und reichlich peinlich gewesen. Egal, was würde das schon bedeuten? Sie würde sich nicht schämen, nicht vor diesem Biest.

Sie stand auf und warf einen letzten Blick in das Gehege. Nicht einmal der Geruch ihres Blutes hatte es hervorlocken können. Dadurch hatte es auch dieses Mal wieder die Oberhand gewinnen können.

„Nur durch deine bloße Anwesenheit bist du wirklich das grausamste Wesen, dass mir jemals begegnet ist,“ sagte sie leise und ging dann.

Sieh dir die Wurzeln an.

Mourose hielt im Gehen inne. Wie kam sie nur auf Wurzeln? Was sollte das bedeuten? Schlagartig durchfuhr sie eine Erkenntnis. Sie rannte zum Gehege zurück.

„Was meinst du damit?“ rief sie durch die Gitterstange. Doch es kam keine Reaktion. Keine Antwort, keine Bewegung. Hatte sie sich geirrt? War es doch nur ein fehlgeleiteter Gedanke von ihr selbst gewesen? Sie schüttelte den Kopf und ging wieder.

„Slyth enarajén,“ murmelte sie in der Sprache der Engel. Der Schatten schweigt.

© 2005 by Codo Stellaris