Der Skorpion, zwölfter Teil

Mourose Gedanken rasten nur so, als sie wie unter Trance auf dem Weg zum Hangar war. Sie hatte versucht sich etwas hinzulegen, aber das war nicht möglich gewesen. Zu aufgedreht war sie gewesen. Sie wollte die gewonnene Zeit nutzen, um ihre Waffen wiederzufinden.

Warum dachte sie in letzter Zeit nur so merkwürdiges Zeug? Eine mögliche Erklärung keimte immer wieder in ihr auf, doch sie verwarf sie ebenso schnell kurz darauf wieder. Nicht nur, dass es unwahrscheinlich wäre. Wenn es tatsächlich so sein sollte, wäre das eine extrem beunruhigende Sache. Sie musste mit Luzifer darüber reden. Ansonsten wurde sie noch wahnsinnig. Sie waren aber erst in ein einhalb Stunden verabredet.

Sie ging in das Raumschiff. Niemand war an Bord, aber sie sah einen Wagen mit Putzutensilien. Wahrscheinlich war heute morgen schon jemand hiergewesen. Wären ihre Waffen dabei gefunden worden, wäre ihr das sicher gemeldet worden. Also musste sie selbst ran.

Wenigstens war sie damit eine Zeitlang abgelenkt. Sie bemerkte ihren Kleiderhaufen neben der Regenerationskammer. Ihr war es peinlich, den nicht selbst entfernt zu haben, also wollte sie ihn wegräumen. Da fasste sie zwischen den Stoffen in etwas glitschiges.

„Oh Mann, nicht schon wieder“ stöhnte sie und sah auf ihre Hand. Doch wieder erwarten war es nicht der klare Speichel des Biests. Es war nur ein kleiner gallertartiger Haufen, von dunkler Farbe. Außerdem war es deutlich zähflüssiger. Sie wunderte sich einen Moment, aber dann fiel es ihr ein. Der Schleimpilz! Er musste an ihrem Raumanzug gehaftet haben. Da er aber keine Nahrung hatte, war er nicht gewachsen, ist aber in der Luftfeuchtigkeit und Wärme regelrecht aufgetaut. Sie freute sich über diesen überraschenden Fund und nahm sich eine kleine Schachtel aus dem Schrank, um ihn hineinzutun. Die restliche Kleidung steckte sie in einen Beutel und stellte sie an den Eingang, so dass sie ihn beim Rausgehen mitnehmen würde.

Die Waffen fand sie aber nicht so schnell. Es gab nur wenig Möglichkeiten, der Raum war begrenzt und es gab nur ein paar Schränke und Regale, die sie gründlich durchsuchte. Das dauerte eine ganze Weile und sie sah sogar ein zweites Mal nach. Keine Spur. Sie seufzte. So schwer kann das doch nicht sein, ärgerte sie sich. Sie wollte auf jeden Fall nicht das Gefühl haben, die Tricks dieses Mistviehs nicht zu durchschauen. Wo würde sie es denn verstecken? Schränke wären zu offensichtlich. Es müsste eine Stelle sein, wo es sicher war, dass sie nicht darauf gekommen wäre, dort zu suchen. Sie grübelte und grübelte, bis ihr der Kopf rauchte. Doch dann kam ihr eine Idee. Sie war zwar nicht offensichtlich, aber sie vertraute einfach mal ihrer Intuition. Das Badezimmer hatte Wände aus Kunststoff, die erst beim Umbau des Truppentransporters in einen komfortablen Personentransporter unterhalb der Außenhülle wegen der Feuchtigkeit eingebaut wurden. Sie stellte sich auf das Klo und öffnete eine Luke in der Decke, die wegen der Wartung der über der Kunststoffdecke verlaufenden Leitungen eingebaut worden war. Es war dunkel da oben, der Raum bis zur eigentlichen Hülle des Raumschiffes nur etwa zwanzig Zentimeter hoch. Sie schob die Hand rein und tastete blind in dem Zwischenraum. Plötzlich griff sie auf etwas kaltes. Sie erkannte sofort, was sie erfühlt hatte. Es war eines ihrer Katana!
“Halleluja,“ grinste sie und zog es heraus. Dort oben lagen auch ihr zweites Katana und auch ihre Plasmapistole. Erleichtert verließ sie darauf das Raumschiff und vergaß in ihrer Freude über ihre Entdeckungen ihre vorhergegangene Unruhe für einen Moment. Es war Zeit geworden zum Observationsraum zu gehen.


Sie stieß die Tür zum Observationsraum auf und sah, dass Luzifer schon auf sie wartete.

„Na? Was guckst du so fröhlich?“ begrüßte er sie.

„Ich hab meine Katana wieder,“ grinste sie und setzte sich zu ihm an das Computerterminal.

„Und waren sie gut versteckt?“

„Für die gegebenen Möglichkeiten schon.“

Sie sah auf das Display des Terminals.

„Ist das das Logbuch?“

„Ja. Ich habe beide, das Kommandologbuch und das des Labors komplett übersetzen lassen. Es hat die ganze Nacht gedauert. Aber ich denke, wir werden damit ganz brauchbar arbeiten können. Ich habe eben teilweise auch schon einen Blick hineingeworfen. Wirklich überaus interessant. Aber als erstes erzählst du mir mal, was da drüben eigentlich alles geschehen ist.“

Sie nickte. Es fiel ihr schwer darüber zu reden, es kam ihr vor, als würde sie alles durch einen Nebel erinnern. Sie erzählte von der Kommandobrücke, wie sie das Nest gefunden hatte, was sie darin gesehen hatte, das Labor, ihre Begegnung mit dem Biest, wie sie vom Schiff fliehen musste und es weggerannt war, wie es plötzlich wieder da gewesen war. Er stellte keine Zwischenfragen, trotzdem brauchte sie gut eine Stunde. Als sie dann fertig war, stützte er den Kopf auf und dachte lange Zeit nach. Und auch Mourose schwieg. Es war zwar eigentlich erst letzten Abend alles passiert, aber es kam ihr vor, als wäre es schon Jahre zurückgelegen, so unwirklich kamen ihr die Ereignisse im Nachhinein vor.

„Zusammen mit dem Logbuch ergibt das alles sehr viel mehr Sinn,“ sagte er dann plötzlich.

„Wie meinst du das?“

„Also. Wir wussten bereits, dass sie diese Biester gezüchtet und untersucht haben. Und dann war irgendetwas unerwartetes geschehen, so dass sie sich unkontrolliert im Schiff rasant vermehrt hatten. Was den Tod von vielen Menschen zur Folge hatte, denn sie benutzen diese als Wirte und auch als Nahrung.“

Mourose nickte.

„Wir wissen, dass es eine Entlüftung des Raumschiffes gegeben hat, einen verzweifelten Versuch, die Biester loszuwerden. Dabei stellte sich aber raus, dass sie auch im luftleeren Raum überleben können. Und es gab diesen Selbstzerstörungsmechanismus, der aber erst nach einer immer noch aktiven, aber unterbrochenen Energieumleitungssequenz reaktiviert werden konnte.“

„Das heißt, ich habe damit, dass ich die Energie wieder angeschaltet habe, die Sequenz wieder aufgenommen,“ sagte Mourose.

„Ja. Und sie konnte nicht ohne weiteres unterbrochen werden.“

„Was wohl bedeutet, dass sie auch jeden Fall sicher gehen wollten, dass das Schiff zerstört wird. Wenn nicht sofort, dann später.“

Er dachte wieder für einen Moment nach.

“Wahrscheinlich haben sie das Raumschiff zuvor evakuiert. Du hast ja keine Leichen gesehen.“

„Außer die Knochen im Nest.“

„Damit hätten wir eigentlich den Punkt geklärt. Nächstes Problem: Warum waren die Parasiten vergiftet?“

Mourose zuckte mit den Schultern.

„Vielleicht waren es die Forscher?“ fragte sie.

„Wenn die Bedrohung durch die Parasiten nicht mehr gegeben war, würde es aber eigentlich aber keinen Sinn mehr machen, das Schiff zu evakuieren und zu sprengen.“

„Stimmt.“

„Und was wäre, wenn sie erst nachdem das Schiff verlassen war vergiftet wurden?“ fragte sie nach einer Weile.

„Ich denke das ist unwahrscheinlich, es lief ja noch die Selbstzerstörungssequenz.“

“Und wenn die von Anfang an unterbrochen war? Es lief ja eine computergesteuerte Energieumleitung. Das heißt ja, es muss irgendwas die Hauptenergie unterbrochen haben, was auch eine Unterbrechung der Selbstzerstörungssequenz bedeuten würde.“

„Guter Punkt.“

Er tippte auf der Konsole herum.

„Im Logbuch steht dazu nichts. Wahrscheinlich ist das alles geschehen, nachdem das Schiff evakuiert war und zerstört werden sollte. Die Fragen sind, wann, von wem und weshalb.“

Mourose haftete in ihrem Kopf seltsamerweise das Vorstellung eines großen Apfelbaumes aber sie konnte mit diesem merkwürdigen Bild für den Moment nichts anfangen und schob es beiseite.

Nachdenklich schwiegen sie.

„Keine Idee mehr dazu?“ fragte Luzifer.

Sie schüttelte den Kopf.

„Dann sehen wir mal das Laborlogbuch an. Ich denke, das hat für uns sowieso Priorität, da wir ja jetzt dieses Tier hier haben. Der Rest ist Vergangenheit, das Schiff ist zerstört. Auch wenn es natürlich hervorragend wäre, die ganze Wahrheit zu wissen. Aber das ist jetzt erst mal Luxus.“

Sie nickte und fühlte sich recht unbehaglich dabei, mehr über diese fremde Spezies zu erfahren. Luzifer war mit der Konsole beschäftigt.

„Es scheint so als hätten sie kaum etwas anderes erforscht. Jedenfalls steht eine ganze Menge drin. Ich hatte eben schon Gelegenheit, einen Blick hineinzuwerfen, aber mir sind nicht alle Details klargeworden.“

„Und?“

“Fangen wir mal mit dem Lebenszyklus an. Wir wusste ja schon, dass es Parasiten sind. Die Entwicklung scheint ziemlich kompliziert zu sein, mit mehreren Zwischenstadien. Jedenfalls existiert für die eigentliche Schwängerung des Wirtes ein darauf spezialisierter Organismus, der selbst aus einem mit Sinnesorganen ausgerüsteten Ei schlüpft, welches ebenfalls zu einer Langzeitstarre fähig ist. Sie klammern sich auf das Gesicht des Wirts und legen mittels eines Schlauches das Ei dem Wirt in den Brustkorb. Bei dem Vorgang erhalten sie den Wirt am Leben und dieser fällt in eine Art Koma, so dass sie ihre Arbeit ungestört verrichten können.“

„Die Spinnentiere?“ fragte Mourose.

„Gut möglich. Die Larven benötigen im Wirtskörper nur wenige Stunden bis Tage zur Entwicklung und ernähren sich vom sauerstoffreichem Blut, weswegen sie auch im Brustkorb direkt an der Lunge aufwachsen. Dabei sind sie nicht auf eine besondere Spezies angewiesen. Aber das ist interessant: Sie bevorzugen Warmblüter und ganz besonders Humanuide.“

„Vielleicht war das der Grund, weshalb das Raumschiff auf dem Weg zur Erde waren? Sie haben Menschen als Wirte für diese Biester gebraucht.“

„Kann gut sein. Im Hauptlogbuch stand ja auch, dass sie eine Aussetzung planten. Aus welchen Gründen auch immer.“

Er las wieder für einen Moment.

„Das ist ungewöhnlich. Die Wirte sterben grundsätzlich, wenn die Larven den Körper verlassen!“

Mourose wunderte sich.

„Normalerweise hält ein Parasit den Wirt so lange es geht am Leben, um lange genug davon profitieren zu können. Wenn die Wirte in jedem Fall sterben, hieße das, dass sie schnell an einem Mangel an Wirtskörpern stoßen werden. Solche Ungleichgewichte sind in der Natur normalerweise sehr selten,“ stellte sie fest.

„Vielleicht gab es ja mal Wirte, die überleben konnten. Diese sind dann ausgestorben und die Biester mussten auf Alternativen umsteigen.“

Sie nickte.

„Kann sein. Oder es ist eben ein ungewöhnlich aggressiver Parasit. Jedenfalls wären sie durch die Fähigkeit in diese Starre zu fallen in der Lage eine Verknappung von Nahrung und Wirten überleben zu können. Vielleicht hat sich diese Fähigkeit aber auch erst im Nachhinein gebildet.“

Er scrollte durch den Text und runzelte die Stirn.

„Interessant. Sie haben so etwas wie ein vererbtes Gedächtnis. Und während der Schwangerschaft scheinen sie die Gene und sogar die Erinnerungen des Wirtes zu adaptieren!“

„So sind sie auf die Umwelt des Wirtes, in der sie höchstwahrscheinlich überleben müssen, zumindest schon teilweise angepasst,“ schloss Mourose. Plötzlich ging ihr etwas auf.

„Ich habe das gespürt. Die Aura ist teilweise menschlich! Und ich dachte schon, ich wäre verrückt geworden.“

Luzifer sah sie einen Moment verwundert an. Doch sie war in Gedanken schon weiter.

„Dieses große Tier im Nest, das ist wohl so eine Art Königin, oder? Die Eier sind zu groß, als das die kleinen sie legen würden“ sagte sie.

Er nickte und beugte sich wieder über den Text.

„Ja, es gibt eine Königin. Sie vermehrt sich sogar asexuell, ist also ganz alleine fähig einen Staat zu bilden. Aber...das ist wirklich interessant. Hier steht, es gibt wahrscheinlich noch andere Vermehrungsstrategien.“

„Welche denn?“

„Unter der kleineren Exemplaren scheint es hauptsächlich zwei Sorten zu geben. Arbeiter und Krieger. Die Forscher vermuteten, dass die Arbeiter unfruchtbare weibliche Exemplare sind und die Krieger die Drohnen, obwohl es nicht sicher ist, ob es sinnvoll ist, dabei von Geschlechtern zu sprechen. Allerdings findet solange eine Königin da ist, die Vermehrung ausschließlich durch diese statt. Stirbt sie allerdings, haben die Forscher eine Veränderung im Verhalten und in den Pheromonen der übrig gebliebenen Tiere feststellen können. Die Drohnen, die normalerweise den Staat beschützten, werden dann um einiges aggressiver und sondern sich sogar vom Staat ab, während die Arbeiter bei den verbleibenden Eiern bleiben. Eine Vermehrung ohne Königin wurde zwar nicht beobachtet, aber sie wurde durchaus für möglich gehalten. Sie vermuten sogar, dass ein einzelnes Tier in der Lage wäre, allerdings wieder mit Hilfe von Wirten, Nachkommen zu erzeugen. Und das sollte sowohl Arbeitern wie auch Kriegern möglich sein, nur mit unterschiedlichen Methoden.“

“Aber wie genau steht da nicht?“

„Nein, sie haben es nur aufgrund ihrer Beobachtungen und einiger Gerüchte vermutet.“

Mourose dachte an ihr "Haustier."

„Und woran erkennt man, zu welcher Kaste sie gehören?“ fragte sie.

“Die Arbeiter sollen eine geriffelte Korona haben, die Farbe ist grau oder braun. Die Korona der Krieger ist glatt, außerdem sind sie schlanker, größer und sehr viel agiler. Und sie sind dunkelblau oder schwarz. Aber es scheint noch mehr sehr viel Kasten als diese zu geben, die sich je nach Größe des Staates ausbilden.“

Mourose dachte nach. Wenigstens wußte sie nun, dass es sich bei dem Tier im Bestiarium um eine Drohne handelte.

„Mich wundert es etwas, dass die einzelnen Tiere derartig intelligent sind," sagte sie, "Staatenbildende Tiere sind eigentlich als Individuum nicht in der Lage zu überleben, erst in der Gemeinschaft funktionieren sie. Ich stelle es mir schwer vor, eine derartige Gemeinschaft hochintelligenter Tiere unter Kontrolle zu halten.“

„Die Königin soll sehr starke Pheromone absondern. Erst wenn sie stirbt, erlischt die Kontrolle und die einzelnen Tiere zeigen ihre individuelle Intelligenz. So sind sie in jedem Fall überlebensfähig. Ein Bienenstock ohne Königin funktioniert dagegen nicht.“

„Erstaunlich, diese Anpassungsfähigkeit “ sagte Mourose.

„Gibt es sonst noch irgendwelche herausragenden Besonderheiten?“ fragte sie darauf.

„Wir wissen ja schon wie gut sie in unwirtlicher Umgebung überleben können. Extreme Kälte, luftleerer Raum, sogar radioaktive Strahlung, das alles scheint ihnen nicht viel anhaben zu können. Die Panzerung besteht aus Siliziumverbindungen. Und das Blut ist extrem sauer, der pH-Wert liegt bei 2 bis 3.“

„Meine Güte! Wenn ich das nur gewusst hätte!“ rief Mourose. Sie wollte gar nicht darüber nachdenken, was passiert wäre, hätte sie das Tier auf dem Raumschiff verletzt. Die Säure hätte sich sofort durch die Hülle gefressen und das Schiff wäre binnen Sekunden luftleer gewesen. Ihr wurde ganz schwindelig bei dem Gedanken daran. Das würde auch bedeuten, dass man das Tier grundsätzlich nicht ohne weiteres angreifen könnte, ohne dabei zu riskieren, durch das austretende Blut tödlich verätzt zu werden.

Sie dachte plötzlich wieder an ihr seltsames Erlebnis an dem Morgen.

„Wie kommunizieren sie denn?“

“Auch auf vielfältige Weise. Hauptsächlich durch Ultraschall, Pheromone und Körpersprache. Allerdings...“

“Was allerdings?“

Er seufzte und lehnte sich im Stuhl zurück.

„Auch hier waren sich unsere außerirdischen Forscher nicht sicher. Sie vermuteten eine weitere Form der Kommunikation, die sogar im luftleeren Raum und über eine gewisse räumliche Trennung hinweg funktionierte. Eine Art Telepathie.“

„Telepathie?“ wiederholte Mourose schockiert.

„Warum so überrascht? Das wäre nicht die erste Lebensform die so kommuniziert. Du und ich haben doch auch die Fähigkeit dazu.“

„Es ist...nur...“

“Ja?“

“Ich glaube, es...spricht mit mir.“

“Wie bitte?“ fragte Luzifer sichtlich überrascht, „davon hast du mir ja noch gar nichts erzählt!“

“Ich habe es ja heute morgen erst bemerkt. Ganz sicher bin ich mir immer noch nicht.“

„Und wie macht es das?“

„Es ist ganz merkwürdig. Ich dachte ich wäre in letzter Zeit etwas verwirrt und würde komisches Zeug denken. Aber dann wurde mir heute Morgen klar, dass etwas, was ich gedacht hatte, eigentlich gar nicht mein Gedanke sein kann. Soetwas würde ich einfach nicht denken. Außerdem war da ein „wir“ drin. Ich meine, man denkt doch nicht „wir“ wenn man sich über sich selbst nachdenkt, oder?“

Mourose stand die Verwirrung wohl ins Gesicht geschrieben, denn er sah sie ernst an.

„Heißt das, du kannst höchstens anhand des Inhaltes überhaupt trennen, was deine eigenen Gedanken sind und was dir von diesem Wesen eingepflanzt wird?“

Sie nickte.

„Aber du hast keine Kontrolle darüber? Du kannst dich nicht aktiv dagegen wehren?“

Sie nickte wieder.

„Das ist aber wirklich eine gefährliche Sache! Das heißt, deine Gedankenbarriere ist für ihn überhaupt kein Hindernis. Hast du denn irgendwelche Symptome, die auf versuchte passive Abwehr schließen lassen?“

Sie überlegte fieberhaft.

„Ich glaube, ich bekomme immer etwas Kopfschmerzen, wenn es das macht. Aber mehr nicht. Und bis eben dachte ich noch, das läge an meinem Schlafmangel.“

„Das wird es wohl sein! Die passive Abwehr versucht mit aller Kraft die Barriere aufrechtzuerhalten, aber es gelingt ihr nicht mal ansatzweise, sonst würdest du dir dessen sofort bewußt werden. Wenn keine Barriere da ist, bedeutet das leider noch etwas anderes...“

„Was?“ fragte Mourose voller böser Vorahnung. Er zögerte einen Moment es ihr zu sagen.

„Das bedeutet, es kann deine Gedanken lesen. Zu jeder Zeit, ohne dass du das überhaupt merkst. Denn das ist, wie du selbst ja auch weißt, noch viel leichter als Gedanken zu manipulieren. Und das kann es allem Anschein nach sehr gut. “

Sie erstarrte schockiert.

„Oh nein,“ stöhnte sie und sank in den Sitz. Sie hatte das alles befürchtet, aber sie hatte es nicht wahrhaben wollen.

„Du könntest natürlich versuchen, deine aktive Abwehr durch Training zu verstärken. Aber wenn es tatsächlich so leichtes Spiel hat, wird das wohl nicht wirklich viel bringen.“

Mourose war wie weggetreten. Luzifer versuchte sie zu beruhigen.

„Wenigstens könnte es dir keine Befehle geben, die deinem Charakter widersprechen. Denn das würdest du wohl auf jeden Fall merken.“

„Ich fühle mich gleich viel besser,“ rief sie sarkastisch und sprang auf.

„Wo willst du hin?“ fragte er überrascht.

„Ich werde diesem Miststück klarmachen, was ich von ihm halte!“ schrie wütend und rannte zum Bestiarium.

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