Der Skorpion, elfter Teil

Mourose war guter Laune. Sie hatte sich mit Luzifer wieder vertragen und das Biest war in seinem Gehege sicher untergebracht. Sie schob sich als Mittagessen ein Mettbrötchen (mit ordentlich Zwiebeln) rein als sie wieder zum Tiermeister ging. Er war gerade dabei die Futterrationen, inklusive die der Fleischfresser, einzuteilen. Mourose störte sich nicht am Anblick des rohen und blutigen Fleisches, letztendlich aß sie selbst gerade welches. Außerdem hatte sie eine zeitlang als Teil ihrer Ausbildung in freier Wildbahn überleben müssen und war darauf angewiesen gewesen, sich selbst Nahrung zu erjagen. Keine schöne Sache, aber eine notwendige. Außerdem kochte sie gerne und achtete, wenn sie einmal in der Woche Fleisch aß, sehr auf Qualität und Frische, so dass sie häufig Tiere ausnehmen oder zerlegen musste. Sich ein klinisch sauber verpacktes, gesichtsloses Schnitzel aus der Tiefkühltruhe zu nehmen, das aus Massentierhaltung stammte, unter Verwendung von Hormonen und Mastnahrung ohne Rücksicht auf das Wohl des Tieres und der Qualität des Geschmacks produziert wurde, fand sie um einiges ekliger und ethisch fragwürdiger. Nur dass jemand wie einige Menschen des Spaßes und der Trophäen wegen jagten, konnte sie beim besten Willen nicht nachvollziehen und ärgerte sich zudem über die meist damit zusammenhängende Störung des natürlichen Gleichgewichts.

„Euch wirft wohl nichts so leicht um, was?“ schmunzelte der Tiermeister und wischte sein großes, blutiges Beil an seiner Schürze ab. Sie kaute und zuckte mit den Schultern.

„Jeder, der sich täglich einen Hamburger reinschiebt, sollte das mal sehen. Oder noch wichtiger: Die Zustände in der Massentierhaltung.“

„Damit habt ihr wohl Recht,“ seufzte er, „aber ihr erwartet zu viel. Es sind Menschen. Die sehen nur was sie sehen wollen.“

Sie unterhielt sich gerne mit dem Tiermeister. Er war zwar etwas raubeinig, aber um einiges intelligenter als man es ihm durch sein Aussehen zutrauen würde. Leider konnte sie es ihm bisher nicht angewöhnen ihn zu duzen. Er begründete es damit, dass sie schließlich eine der wichtigsten Personen des Reiches wäre und es ihm als einfachen Tiermeister nicht zustünde. Mourose waren solche Unterschiede natürlich nicht wichtig, aber er war wohl ebenso ein Dickkopf wie sie. Er runzelte die Stirn.

„Wie viel braucht dieses...Tier denn?“

Sie wusste was er meinte und machte ein fragendes Gesicht.

„Keine Ahnung. Er scheint recht genügsam zu sein. Es ist so etwas wie ein Kaltblüter, wenn ich nicht irre.“

„Mhh. Kaltblüter fressen meist sehr große Mengen, wenn sie die Gelegenheit dazu haben. Dann brauchen sie aber erst eine ganze Weile lang nichts mehr. Wollt ihr es selbst füttern?“
Mourose sah ihn überrascht an.

„Warum?“

„Ich dachte, weil es euer Tier ist. Außerdem mag es mich nicht. Es bedroht mich jedes Mal von seinem Versteck aus, wenn ich auch nur in die Nähe komme.“

Mourose lachte.

„Es mag niemanden.“

„Nicht mal euch?“

Sie schüttelte amüsiert den Kopf.

„Höchstens als Frühstück.“

Er lachte und wandte sich wieder seiner Arbeit zu.

„Das ist aber auch ein widerwärtiges Ding. Wären wir nicht selbst hier unten, würde ich glatt sagen, es könnte nur aus den Tiefen der Hölle entsprungen sein. Das ist wirklich das bizarrste was ich jemals gesehen habe. Und ich sehe hier so einiges. Nenene, das ist selbst für mich zu viel.“

Mourose grinste in sich hinein. Sie hatte sich schon so sehr an das Wesen gewöhnt, dass die Reaktionen der anderen ihr fast übertrieben vorkamen.

„Hat es schon einen Namen?“

Sie wusch sich gerade die Hände in einer Ecke des Raumes wegen dem durchdringenden Zwiebelgeruch daran.

„Äh. Nö.“

“Warum nicht?“

„Keine Ahnung. Ich habe noch nicht drüber nachgedacht.“

„Fällt euch denn nichts ein?“

„Nein. Ich weiß nicht, irgendwie würde es mir albern vorkommen, wenn es einen Namen bekommt.“

„Nicht, wenn ihr den passenden findet. Was würdet ihr denn als seine hervorstechenden Eigenschaften bezeichnen.?“

“Nun, es ist bösartig, schwarz, schnell. Und ganz besonders....bösartig. Und es mag Ben nicht.“

Er lachte laut und bellend auf, so dass sein rundlicher Bauch wackelte.

„Das Vieh wird mir noch sympathisch, sag ich dir.“

Sie fühlte sich ein wenig unwohl. Schließlich war Ben ihm ohne ihn zu fragen zugeteilt worden.

„Kommst du mit ihm zurecht?“ fragte sie vorsichtig.

„Jaja. Der Junge ist schon OK. Wenn auch manchmal etwas ungeschickt ist, er ist doch sehr gewissenhaft und nimmt mir die undankbarsten Aufgaben ab. Aber man darf nicht anfangen mit ihm zu reden. Ich tu in seiner Gegenwart immer so als wäre ich dumm, grimmig und schweigsam. Meist lässt er mich in Ruhe.“

Mourose lachte erleichtert.

„Da, das ist für euch,“ sagte er hielt ihr eine Schüssel mit Fleisch unter die Nase.

„Eigentlich hab ich gerade gegessen,“ schmunzelte sie und ging zu dem Gehege.

 

„He, Mistvieh. Komm raus aus deiner Ecke. Es gibt Fresschen!“

Mourose bückte sich. Im Schatten rührte sich nichts. Eigentlich hätte sie einfach die Schüssel durch eine schmale Öffnung am Boden schieben können, doch das wäre ihr zu langweilig gewesen. Ein leises Zischen kam unter der Krippe hervor. Aber es bewegte sich nicht. Sie kniete sich an den Boden.

„Ich geh gleich wieder, wenn du nicht rauskommst, dann kannst du eben weiterhungern,“ drohte sie.

Sie sah in die Schüssel und grinste über die Idee, die sie dabei durchfuhr. Am Boden hatte sich Blut angesammelt. Sie schöpfte es mit der hohlen Hand heraus und spritzte es unter die Krippe. Neugierig beobachtete sie die Reaktion. Zuerst passierte gar nichts, doch dann bewegte sich der Schatten langsam. Im Dunkel sah sie die gefletschten Zähne aufblitzen und hörte ein geräuschvolles Atmen.

„Komm her, wenn du noch mehr willst.“

Sie war sich sicher, es hervorlocken zu können. Als es noch an den Ketten gelegen hatte, war es so verrückt nach dem Geruch von Blut gewesen, dass es sich sinnloserweise bis zum Zusammenbruch verausgabt hatte. Warum sollte es nun anders sein?

Sie nahm ein großes Stück Fleisch heraus und hielt es in das Gehege hinein. Beinahe vorsichtig schob es sich ein Stück aus dem Schatten heraus.

„Warum plötzlich so schüchtern? Nun komm schon, mein Arm wird langsam lahm,“ sagte sie genervt. Auf allen Vieren kam es dann herausgekrochen, aber sehr bedacht und wachsam. Mourose war etwas unwohl bei der Sache. Anstatt ihr aus der Hand zu fressen würde es wahrscheinlich eher ihren Arm abreißen. Aber sie dürfte im Falle eines Angriffsversuchs schnell genug sein, also zwang sie sich zur Ruhe. Es war schon auf einen Meter rangekommen, da richtete es den Oberkörper vor ihr auf. Der lautlos hin- und herschlagende Schwanz war das einzige, was sich noch bewegte. Langsam wurde es unruhig und knurrte sie mit entblößten Zähnen an. Am reichlich fließenden Speichel war deutlich zu sehen, wie hungrig es sein musste.

„Nu nimm schon,“ lockte Mourose.

Es reagierte überhaupt nicht auf das Angebot, sondern starrte stattdessen weiter in ihr Gesicht. Jedenfalls kam es ihr so vor.

„Jaja. Mich zu jagen wäre wohl interessanter. Stell dich nicht so an, es ist ganz frisch.“

Ohne Vorwarnung schossen die Zähne auf ihre Hand zu, doch sie war schnell genug, die Hand zurückzuziehen. Mit einem lauten Scheppern knallte das Biest mit seinem Kopf gegen die Gitterstäbe. Es stieg ein verärgerten Schrei aus.

„Hey, das habe ich von dir gelernt. Rache ist süß!“ lachte sie. Das Wesen zischte ohrenbetäubend laut und krallte sich mit beiden Händen an das Gitter. Sie legte den Kopf schief.

„Ich könnte dir bestimmt nicht entlocken, wo du meine Waffen versteckt hast, oder? Auch auf die Drohung hin, dich verhungern zu lassen? Ich habe nämlich keine Lust, wochenlang auf meine Lieblingskatana verzichten zu müssen.“

Es schnaufte verächtlich.

Dir geht es doch nur um deine Überlegenheit. Mach dich nicht lächerlich.

Ihr wurde klar, wie blöd sie sich benahm. Der Transporter war nicht besonders groß, die Versteckmöglichkeiten waren wirklich nicht sehr vielfältig. Sie würde höchstens eine Stunde intensiv suchen müssen. In Gedanken wie sie war, nahm sie gar nicht wahr, was als nächstes geschah. Die Zunge schoss durch die Gitterstäbe auf sie zu, packte mit den Zähnen das Fleisch und riss es ihr aus der Hand. Sie realisierte erst, was geschehen war, als sie sah, wie das Wesen es in den Händen hielt und mit den Zähnen zerriss. Innerhalb Sekunden hatte es das große Stück komplett verschlungen und fletschte die blutigen Zähne provokativ. Mourose war immer noch paralysiert von der Schnelligkeit und Präzision.

„Eins zu Null für dich,“ sagte sie mit ehrlichem Respekt und schob die Schüssel unter dem Gitter durch. Es starrte sie noch einige Sekunden mit einem nicht deutbaren Blick an, machte sich dann aber gierig über die Ration her. Mourose hatte die Oberseite des gewaltigen Schädels nun unmittelbar vor sich. Zum ersten Mal fiel ihr auf, dass er teilweise durchsichtig war. Unter der glatten, glänzenden Korona waren rippenartige Strukturen zu erkennen. Ob das Teile des Gehirns waren? Oder ein merkwürdiges Sinnesorgan? Eine Art Antrieb für die Harpunenzunge? Oder ob es damit diese durchdringenden, schrillen Geräusche produzierte?

Neugierig betrachtete sie das Wesen, die unwirklichen Körperformen, die Auswüchse am Rücken. Das letzte Mal war es ihm längere Zeit so nahe gewesen, als es noch in Ketten gelegen hatte. Es wirkte durch die schlanken Gliedmaßen, die leichten Bewegungen und die meist vorgeneigte Haltung kleiner als es in Wirklichkeit war. So direkt vor ihr wurde ihr erst seine wirkliche Größe bewusst. Als sie es so ansah, realisierte sie das erste Mal, wie schön es eigentlich war. Eine fremdartige, beängstigende, faszinierende Schönheit.

Ob es wirklich schleimig war oder nur glänzte wie die trockene Haut einer Schlange? Sie streckte die Hand aus und wollte die Oberfläche der Korona berühren. Da schoss der Kopf plötzlich zurück, die Zähne schlugen mit einem lauten Knall aufeinander und sie hätte eine Hand weniger gehabt, wenn sie diese nicht schnell zurückgezogen hätte.

Verächtlich fletschte es die Zähne, an denen blutige Fleischfetzen hingen.

„OK, schlechte Idee,“ gab sie zu, seufzte und setzte sich ein Stück zurück. Sie schlang die Arme um ihre angewinkelten Beine und stützte sich mit dem Kinn auf ihren Unterarmen ab.

Irgendwie war es frustrierend, dass es nur Verachtung für alles und jeden aufbrachte. Eigentlich konnte man nahezu jedes Lebewesen wenigstens über das Futter konditionieren, je intelligenter es war, desto wahrscheinlicher war es sogar. Aber sie bezweifelte, dass es bei diesem Biest, so clever und lernfähig es auch war, nur ansatzweise funktionieren würde.

Sie seufzte noch tiefer. Vielleicht hatte Ben ja sogar Recht. Sie war wohl einsam genug um traurig darüber zu sein, dass es sie nicht mochte. Sie schüttelte den Kopf und spürte dabei, dass er ihr schwer geworden war. Sie brauchte wohl ihr Mittagsschläfchen.

„Wird dir eigentlich gar nicht langweilig da drin?“ fragte sie ihr Gegenüber, das darauf den Kopf hob. Ob nun auf die Frage hin oder weil die Schüssel leer war, wusste sie nicht zu beantworten.

Was interessiert dich das? Verschwinde endlich.

Mourose starrte auf ihre Füße. Was tat sie da eigentlich? Es hasste sie und würde sie töten wenn es könnte, was sollte also diese blöde Anbiederung? Sie stand auf und nahm sich vor, etwas vernünftiges zu tun, nämlich sich auf ihr gemütliches Sofa zu packen und ein Nickerchen zu halten. Es fehlte ihr schließlich immer noch der Schlaf von letzter Nacht. Sie sah in den Käfig auf das fremde Wesen und erinnerte sich an das Gespräch mit dem Tiermeister.

„Und glaub ja nicht, dass ich mir die Mühe mache, dir einen Namen zu geben,“ brummelte sie. Irgendwie konnte sie sich nicht aufraffen zu gehen. Stattdessen wurde sie ein bisschen schwermütig.

„Weißt du, eigentlich sind wir uns gar nicht so unähnlich. Du bist einsam, weil du gefangen bist. Und ich bin einsam, weil ich in mir selbst gefangen bin. Da wo wir sind, sind wir sind beide Fremde. Ich als Hybrid gehöre aber im Gegensatz zu dir nirgends so richtig hin.“

Sie dachte nach und grinste plötzlich.

„Ich bin sogar ähnlich hässlich wie du, wenn ich meine Gestalt wechsle. Dann solltest du lieber schnell das Weite suchen. Ich kann mich dann zwar schwer kontrollieren, aber ich bin mächtiger als du es dir vorstellen kannst. Du hättest keine Chance.“

Wir werden sehen.

Mourose stockte. Was war das eben gewesen? Waren ihre Gedanken durch den Schlafmangel mittlerweile so verworren, dass sie diese selbst nicht mehr nachvollziehen konnte? Sie sah auf das Biest herunter, welches sie herausfordernd angrinste. Konnte es sein...?

Nein, das wäre zu absurd.

Sie fragte sich, auf welcher Seite des Käfigs sie eigentlich stand.

© 2005 by Codo Stellaris