Der Skorpion, zehnter Teil
Mourose war auf einmal in einer fremdartigen, aber ihr doch irgendwie bekannten Umgebung. Leere Gänge lagen vor ihr, Wände und Böden aus strapazierfähigen Metall, helles Licht. Sie war verwirrt von der Situation, realisierte dann aber schnell, dass sie wieder auf dem fremden Schiff war. Hatte sie es etwa noch nicht verlassen? Dumpf erinnerte sie sich an eine Explosion, konnte den Gedanken aber nicht so recht einordnen. Oder war das nur eine Vision gewesen? Vorsichtig ging sie sich umsehen. Überall nur leere Gänge. Sie sah auf ihren Kartenschreiber. Sein Display war schwarz, ebenso das des Computers an ihrem Arm. Als würde sie plötzlich eine Erkenntnis durchzucken sah sie sich auf den anderen Arm. Aber er war unversehrt. Sie schüttelte den Kopf und ging weiter. Irgendwo würde sie schon wieder herauskommen. Sie würde an jeder Kreuzung einfach den breiteren Weg weitergehen, dann würde sie schon zu einen der wichtigen Orte des Raumschiffes kommen. Ihr war schwindelig und ihre Beine fühlten sich matt an. Auf einmal hörte sie helle Stimmen. Erschrocken hechtete sie zur Wand und presste sich dagegen. Die Stimmen kamen näher. Hektisch sah sie sich um, doch es gab keinen Fluchtweg für sie. Noch bevor sie irgendwie reagieren konnte, bogen vor ihr zwei menschliche Gestalten vor ihr in den Gang. Sie waren groß, und ungewöhnlich schlank, fast zerbrechlich, hatten zarte Gesichter, große aber nicht albern wirkende Ohren und Augen, wirkten völlig androgyn und trugen etwas, dass nach Laborkitteln aussah. Sie waren so in ihr Gespräch in einer fremdartigen Sprache vertieft, dass die beiden sie gar nicht wahrnahmen als sie direkt an ihr vorbeigingen. Mourose wunderte sich. Sie hätten sie doch sehen müssen! Ihr Schwindel wurde immer stärker und sie musste ein paar Mal tief durchatmen, um nicht zusammenzubrechen. Sie entschloss sich weiterzugehen. Auf einmal stolperte sie über etwas am Boden. Sie fing sich gerade noch so und wunderte sich nicht schlecht über das was sie sah. Es war eine Wurzel, eine dicke, knorrige Baumwurzel, die aus irgendwelchen Gründen über den Metallboden wuchs. Ihr Verstand war zwar vom Schwindel stark benebelt, aber sie wusste genau, dass dieses Gewächs nicht auf ein Raumschiff gehörte. Sie sah hoch und stellte fest, dass die Wurzel sich weit durch den Gang erstreckte und immer dicker wurde. Neugierig folgte sie ihr. Weitere Wurzeln kamen dazu und bald war der Boden fast nur noch mit dickem, knorrigen Holz überwachsen. Sie wunderte sich schon gar nicht mehr darüber, da hörte sie plötzlich Kinderstimmen. Sie hob den Kopf und sah das merkwürdigste, was sie jemals in ihrem Leben gesehen hatte. Ein gewaltiger, uralt aussehender Baum stand vor ihr, mitten im Raumschiff. Dicke, leuchtend rote Früchte wuchsen an ihm und bogen die grün belaubten Zweige tief zum Boden. Menschliche Kinder unterschiedlichen Alters liefen fröhlich um seinen Stamm, kletterten an seinen dicken Wurzeln herum und aßen von den verlockend duftenden Früchten. Mourose wusste gar nicht, was sie mit dieser Erscheinung anfangen sollte. Da erblickte sie plötzlich eine Frau neben sich. Sie war groß und wunderschön, ihr Gesicht zugleich jung aber von einer Weisheit gezeichnet, die man nur mit hohem Alter erreichen konnte. Graues langes Haar fiel wie ein Wasserfall zu ihren Füßen. Sie betrachtete die Szene mit einem Blick, den Mourose nicht deuten konnte. Er wirkte abwechselnd teilnahmslos, besorgt, liebevoll und resigniert. „Was geschieht hier?“ fragte sie die Frau. Doch diese reagierte überhaupt nicht, sondern starrte weiter die Kinder an. Mourose seufzte. Wie viel Irrsinn musste sie eigentlich noch ertragen? Sie ging näher auf den Baum zu, und auch die Kinder reagierten dabei überhaupt nicht auf sie. Ihr kam es mehr und mehr vor, als wäre sie für alle unsichtbar. Um sicherzugehen, dass der Baum auch wirklich da war, betastete sie die knorrige Rinde. Es erschien alles völlig real. Der Duft der Früchte drang süßlich und verlockend auf sie ein. Da bemerkte sie erst, wie hungrig sie war. Sie pflückte sich einen. Unsicher betrachtete sie die Frucht. Die Schale glänzte herrlich rot. Es durfte nichts dabei sein einen davon zu essen. Die Kinder taten es schließlich auch. Gierig biss sie hinein und schluckte das saftige Fruchtfleisch herunter. Sie atmete auf. Es tat so gut etwas zu essen. Ihr Schwindel verschwand fast sofort. Der Geschmack war süß, aber auch etwas salzig. Er kam ihr irgendwie seltsam bekannt vor. Dann wurde es ihr schlagartig klar: Es schmeckte wie Blut! Doch bevor sie darüber schockiert sein konnte spürte sie, dass noch etwas etwas nicht stimmte. Etwas in ihrem Mund bewegte sich! Angewidert spuckte sie aus und starrte die Frucht an. Das Innere war gefüllt mit dicken, sich windenden Maden, dessen scharfe, kräftige Kiefer auf und zu klappten! Sie warf die Frucht weg und spürte plötzlich einen stechenden Schmerz in ihrem Bauch. Sie schrie vor Verzweifelung und Qualen als sie spürte, wie die Maden begannen sich durch ihre Eingeweide zu fressen und sich wie glühendes Feuer durch ihre Adern in alle Körperteile fortbewegten. Sie brach zusammen und fühlte die Maden bereits hinter ihren Augen. Sie würden bald ihr Gehirn erreichen und sie würde sterben, das hoffte sie zumindest. Doch noch konnte sie sprechen. „Warum machst du nichts dagegen?“ schrie sie die Frau an mit letzter Kraft an, “die Früchte sind tödlich!“ Sie senkte traurig ihren Blick und Mourose sah, dass auch sie eine angebissene, madenwimmelnde Frucht in der Hand hielt, die ihr zuvor abgewendet gewesen war. „Was soll ich tun? Wir sind hungrig. Es ist schon zu spät.“ Das letzte was Mourose sah, als ihr Blick brach, waren die Kinder, die sich in Qualen schreiend und von Krämpfen geschüttelt über den Boden wälzten.
„Muhrose? Was machst du denn da?“ Mourose blinzelte verwirrt gegen das helle Licht, als sie wieder zu Bewusstsein kam. Wo war sie? „Hast du etwa die ganze Nacht da geschlafen? Hast du kein Bett, oder was?“ Die Stimme gehörte zu Ben. Ein unsympathischer Typ, der nie gelernt hatte, ihren Namen richtig auszusprechen. Er machte vom Aussehen und vom Verhalten einen recht dümmlichen Eindruck, aber er war fleißig. Da ihn aber keiner so recht ausstehen konnte und er mit seinen Respektlosigkeiten, ob sie nun aus Ungeschicklichkeit oder willentlich geschahen, allen auf die Nerven ging, wurde er von Luzifer dem Tiermeister zugewiesen und reinigte die Ställe. Seltsamerweise war er mit seinem undankbaren Job sehr zufrieden. Munter fegte er lautstark vor ihren Füßen den Flur vor dem Gehegen und wirbelte ungeschickt große Staubwolken auf. Sie stöhnte leise. Der Typ war das letzte, was sie nun gebrauchen konnte. „Zu viel Alkohol?“ grinste er auf sie herunter. Mourose schenkte ihm einen Blick, der jeden anderen um Vergebung flehend zu Boden gebracht hätte, doch er fegte unberührt weiter. Sie seufzte und rieb sich die schmerzenden Gelenke. Sie war es nicht gewohnt auf Steinboden zu schlafen. Wenigstens war er durch die Erdwärme nicht kalt gewesen. Im Augenwinkel sah sie wie Ben zu einem Hebel ging, als es sie wie einen Blitz durchfuhr. „Nicht aufmachen!“ kreischte sie und war sofort auf den Beinen. Ben versteinerte für einen Moment in der Bewegung. „Warum nicht? Das Gehege ist doch leer...“ „Leer?“ wiederholte Mourose und brauchte einen Moment um zu realisieren was das bedeutete. Das durfte nicht wahr sein! Sie rannte panisch zu den Gitterstäben und sah sich in dem kahlen Raum um. In einer Ecke lagen einige Werkzeuge, die jemand da zwischengelagert hatte, ein paar Heuballen, zwei Eimer und die Krippe. „Kann ich da jetzt rein oder nicht? Ich brauche meine Schaufel.“ Mourose hörte ihn gar nicht. Da fiel ihr die Krippe auf und warf sich auf den Boden um drunter zu schauen. Und sah einen Schatten mit verschwommenen, ihr aber mittlerweile wohlbekannten Strukturen. Erleichtert atmete sie auf und lehnte sich an das Gitter. „Was ist denn los, Muhrose?“ „Ben, öffne niemals und unter gar keinen Umständen dieses Gehege. Niemals! Auch wenn du glaubst, dass es leer ist. Hast du das verstanden?“ „Versprich mir das!“ „Warum denn? Das ist doch Blödsinn. Warum sollte ich da nicht reingehen dürfen?“ „Weil diese Zelle eben nicht leer ist!“ rief sie energisch und bemerkte plötzlich, dass sie in Reichweite des Biests war, so dicht wie sie mit dem Rücken an den Stangen stand. Sie sprang erschrocken davon weg. Was tat sie da eigentlich? Zum Glück hatte es sie wohl nicht bemerkt. „Aber da ist doch nichts!“ Sie verdrehte die Augen. „Dann schau unter die Krippe, du Hirni!“ „Wow. Was ist das? Eine Schlange?“ „Ich weiß nicht was es ist. Aber es ist extrem gefährlich und wird dich töten, sobald es auch nur den Hauch einer Chance wittert. Und es wird versuchen dich mit allen Mitteln reinzulegen. Also niemals aufmachen, verstanden?“ „Ja.“ „Ja.“ "Ja." Er stand wieder auf. „Gehört es dir?“ Sie seufzte und strich einige Strähnen aus ihrem Gesicht. „Von Besitz kann nicht die Rede sein. Sagen wir es mal so: Ich bin dafür verantwortlich.“ „Was denn? Ist das keine berechtigte Frage?“ „Ich weiß nicht ob es überhaupt so etwas wie ein Geschlecht hat. Und es interessiert mich auch nicht. Warum sollte es dich dann interessieren?“ Mourose spürte wie es sich bewegte. Bei dem Geschrei was die beiden verursachten war es verständlich. Langsam und lautlos kam es unter der Krippe vorgekrochen. Ben hatte es noch nicht bemerkt. Gut so. Es würde sicherlich den nötigen Eindruck hinterlassen, wenn es ihn erschreckte. „Warum hast du keinen Freund?“ Sie war so verwundert von der unerwarteten Fragerichtung, dass sie ihn erst mal blöd anstarrte. Er grinste in einer Art, die wohl charmant wirken sollte. „Sag mal hakt es jetzt irgendwo bei dir?“ fragte sie mit drohenden Unterton. Er zuckte mit den Schultern. „Ich denke, du würdest gerne einen Freund haben. Wenn du jetzt schon anfängst, solche Bestien zu halten. Ich habe mal gelesen das ist so eine Kompensationsgeschichte.“ Ben zuckte mit den Schultern. „Es ist doch nicht normal, dass eine junge Frau sich mit solchen Sachen wie Schwertkampf, Magie, Wissenschaft und Raumfahrt beschäftigt. Das ist ja alles interessant, aber fast alle anderen in deinem Alter haben schon eine eigene Familie." „Ich wäre jedenfalls noch frei. Weißt du, ich bin ja nicht so der Typ für eine Nacht. Nur mal kuscheln ist ja auch schön.“ Sie schnappte entrüstet nach Luft. „Glaubst du ernsthaft ich würde mit dir etwas anfangen wollen? Dann gehe ich doch lieber in das Gehege und treibe es mit diesem Vieh!“ „Sag ich doch.“ „Du überheblicher Idiot, dir werde ich...“ brüllte sie, da ertönte plötzlich ein schriller Schrei und ein lauter Knall. Ben kreischte mädchenhaft auf und sprang in einer ungelenken Bewegung vom Gehege weg. Mourose stockte einen Moment verwirrt, lachte dann aber laut auf. Das Biest hing mit allen Vieren an den Stangen und zischte verärgert. Es hatte versucht mit der Lanze durch die Stangen in Richtung Ben, der dichter an den Stangen gestanden hatte, hindurchzuschlagen, doch die Zwischenräume waren zu eng gewesen, um ihn in dieser Entfernung zu erwischen. Es war eine aussichtslose Aktion gewesen, doch das Geschrei hatte es wohl zu unbändiger Aggression getrieben. Ben stand mit zittrigen Beinen und Augen groß wie Suppentellern an die Wand gedrückt und starrte die grauenhafte Erscheinung an, unfähig in irgendeiner Weise zu reagieren. „Wie ich schon sagte: Nicht aufmachen,“ grinste Mourose.
Sie ging zum Tiermeister und informierte ihn über den Neuzuwachs. Er war wie erwartet sehr überrascht, aber er war trotz seines grobschlächtigen Aussehens ein loyaler Diener und ein sehr verständnisvoller Mensch, machte daher keine Schwierigkeiten. Sie bestand darauf, alleine für das Tier verantwortlich zu sein. Sie konnte es beim besten Willen nicht riskieren, Leuten wie Ben auch nur einen Teil der Verantwortung zu überlassen. Außerdem wollte sie niemanden gefährden. Für den Nachmittag bestellte sie eine zusätzliche Ration Fleisch. Dann ging sie in die Küche, um sich ein verspätetes Frühstück zu machen. Sie lehnte sich in ihren Stuhl und trank einen Schokoladenkaffee. Sie konnte wirklich ein paar Minuten Ruhe gebrauchen. Da kam plötzlich Luzifer um die Ecke. „Ach hier steckst du. Ich habe dich schon überall gesucht!“ Mourose wusste nicht, wie sie nach dem Streit letzte Nacht reagieren sollte. „Ist irgendwas?“ fragte sie so neutral wie möglich. Er seufzte tief und setzte sich auf den Stuhl neben ihr und schüttelte den Kopf. „Es war alles irgendwie zu viel auf einmal gestern Nacht.“ „Kaffee?“ fragte sie und hielt ihm die Kanne hin. Er lächelte dünn. „Gute Idee.“ „Und?“ begann er dann. „Was und?“ Mourose machte es schon fast nicht mehr wütend, dass das Wesen nun von allen als ihr „Haustier“ angesehen wurde. Letztendlich war es ja nun so etwas in der Art. „Naja. Ben hat rumgenervt, wir haben gestritten. Da hat es ihn angreifen wollen.“ „Endlich mal einer, der sich das traut,“ grinste er. Dann herrschte wieder unangenehme Stille. Mourose zwang sich einen Anfang zu machen. „Tut mir leid, dass ich dich angelogen habe. In dem Moment war mir gar nicht klar, wie das auf dich wirken musste,“ sagte sie leise. Er sah zu ihr hoch. „Ich dachte wirklich, ich würde das richtige tun,“ ergänzte sie, auch wenn sie die Aussage kurz darauf ziemlich überflüssig fand. Einige Sekunden der Stille verstrichen, und Mourose brachte die innere Anspannung fast um den Verstand. „Das ist schon in Ordnung. Ich hätte dir mehr vertrauen sollen. Letztendlich hast du es ja selbst regeln können. Auch wenn es sicherlich in gemeinsamer Aktion weniger gefährlich gewesen wäre, für dich und für uns alle. Aber so bist du wohl: Du musst immer alles alleine durchziehen. Du traust wohl niemanden die Fähigkeit zu, dir helfen zu können, was?“ „Tu mal nicht so, als wenn das bei dir anders wäre,“ sagte sie mit hochgezogener Augenbraue, und auf seinen gespielt fragenden Blick grinste sie ebenfalls. Man konnte regelrecht spüren, wie die Anspannung den Raum verließ. „Und was hast du nun mit deinem Fang vor?“ „Keine Ahnung,“ musste Mourose gestehen. „Ich denke ich werde erst mal meine Waffen suchen.“ „Wieso?“ „Es hat sie mir geklaut und versteckt.“ Er lachte. „Cleveres Bürschchen.“ „Außerdem hat es da überall rumgeschleimt. Ich glaub ich muss erst mal tagelang saubermachen,“ seufzte sie. „Nana, dazu bist du wirklich zu schade. Da schicke ich eine Putzkolonne rein. Wir sollten uns lieber mal hinsetzten und das Logbuch durchgehen. Es sind ja noch eine Menge Fragen offen geblieben. Außerdem musst du mir noch ausführlich von diesem Nest und den Labors erzählen.“ „Wann?“ „Heute Nachmittag im Observationsraum?“ „Klar.“ © 2005 by Codo Stellaris |