Der Skorpion, erster Teil
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Der Löwe fragte den Skorpion:
„Warum hast du das getan? Du wusstest, dass es auch dein Tod ist!“ Und der Skorpion antwortete ihm: „Ich kann nicht anders. Es ist meine Natur.“ Es war ein Tag wie jeder andere. Nur dass sich jeder andere Mensch über einen solchen Tag entweder gefreut oder ihn verwünscht hätte, und nicht wie Mourose vor Langeweile darin fast umkam. Eigentlich konnte sie sich nicht beschweren. Sie hatten einen guten bezahlten Job und lebte in einem prunkvollen, unterirdischen Palast, umgeben von Reichtümern und Dienern, hatte das technische und wissenschaftliche Wissen einer außerirdischen, hochentwickelten Zivilisation zur Verfügung, und war es eine der wenigen Mischlinge von Engeln und Menschen auserwählt, eine Ausbildung ihrer Fähigkeiten in einer Geheimorganisation machen zu können. Und sie war Luzifers Leibwächterin. Wenn es eine Aufgabe gab, von dem sie sich Prestige, Herausforderung und Aufregung versprochen hatte, dann diese. In Wahrheit war es aber ein lauer Job. Luzifer ging direkten
Konfrontationen aus dem Weg und wollte seit dem letzten Krieg nie wieder das Schwert
gegen jemanden erheben. Zudem hatte er die Kunst perfektioniert, Menschen
durch seine überirdische Schönheit, messerscharfe Rhetorik und Charisma zu
manipulieren. War sie überhaupt mal im Dienst, beschränkte sich ihre
Tätigkeit darauf, mit finsterer Miene neben ihm herumzustehen und einen
gefährlichen Eindruck zu machen. Sie kam sich dabei ziemlich lächerlich vor,
da sie wusste, dass Luzifer sie in erster Linie zur Schau trug. Eine
weibliche Leibwache war selten genug um als exotisch zu gelten. Wenigstens
genoss sie es, mit ihrer aparten Erscheinung von den anderen Frauen auf
gesellschaftlichen Anlässen mit verachtender Bewunderung angestarrt zu
werden. Es wäre ihr natürlich trotz allem lieber, wenn ihre Schwertkünste
überhaupt mal gefordert wären. Stattdessen plagte sie sich den Großteil ihrer Zeit mit den Alltagsproblemen ihres Arbeitgebers, seiner Geliebten Lilly und Tochter Lydia herum. Wenn es Streit gab, was ziemlich häufig der Fall war, war sie meist die Einzige, die schlichten konnte. Jeden Tag brachte sie Lydia zur Schule und half ihr bei den Hausaufgaben. Wenn es was zu reparieren gab, war sie sofort zur Stelle. Sie war für alle die Schulter zum Ausheulen. Der Kaffee schmeckte allen am besten, wenn sie ihn kochte. Kurz, sie war das Mädchen für alles. Nur keine Leibwächterin. Alle bewunderten ihre außergewöhnlichen Fähigkeiten und ihren unermüdlichen Einsatz für jede erteilte Aufgabe, aber sie reagierte auf Lob ausgesprochen zynisch. Sie hatte alles hingeschmissen, um dieses Leben und diesen Job zu haben. Nicht nur, dass sie ihre eigentliche Aufgabe verfehlte und die mühevoll in ihrer Ausbildung angeeigneten Fähigkeiten nicht einsetzen konnte, sie sah nun jeden Tag mit an, wie alle um sie rum einen auf glückliche Familie machten. Zwar beteuerten alle immer, sie wäre ein Mitglied dieser Familie, und die drei waren ihre besten Freunde, dennoch fühlte sie sich häufig wie das fünfte Rad am Wagen. Alternativen gab es für sie allerdings nicht. Wenn es eines gab, was sie wollte, dann war es Leibwächterin sein. Sie gab die Hoffnung nicht auf, dass sie eines Tages doch noch zum Einsatz kommen durfte. Beziehungen waren ihr mittlerweile egal. Sie war zu realistisch, um noch von irgendwelchen Prinzen zu träumen, die sie retten würden. Und welcher Menschenprinz würde schon eine Nephilim lieben, die ihm in allen Dingen haushoch überlegen wäre? Ihre letzte Beziehung scheiterte in dem Moment, als ihre wahre Natur in ihrem Menschenkörper erwachte. Sie hätte ihn trotzdem geliebt, er dagegen zog sich eingeschüchtert zurück. Lieber blieb sie alleine als sich noch einmal mit einem nackten Affen mit Kastrationsangst einzulassen. Sie strich sich ein paar Strähnen ihres blonden Haares, die sich aus ihrem Knoten gelöst hatten, aus dem Gesicht, setzte die Schutzbrille auf und schweißte eine Naht an ihrem Raumgleiter zu. Die Arbeit hatte für sie etwas Meditatives. Sie gab ihr das Gefühl, etwas Sinnvolles zu tun. Hier im Hangar war sie fast weit genug entfernt, um nicht die banalen Probleme der anderen mitzubekommen. Fast. Ihr Handy piepte. Es war Luzifer. „Sag mir, dass jemand stirbt oder ich leg sofort auf“, schnarrte sie mit ihrer dunklen Stimme. „Was ist denn mit dir
los? PMS?“ Mourose wurde bewusst, dass sie sich mal wieder in ihre Gedanken rein gesteigert hatte und Luzifer diese Behandlung nicht verdient hatte. „Sorry, ist nicht mein Tag. Was gibt es denn?“ „Komm bitte in den Observationsraum. Sofort.“ Mourose starrte das Gerät an. Das klang nicht nach dem üblichen Aufgaben á la „Kannst du Lydia mal Physik erklären, ich muss was Wichtiges erledigen“. Außerdem war es sehr seltsam, dass sie in den Observationsraum kommen sollte. Dort werden die Daten der Satelliten ausgewertet, die den interstellaren Raum um die Erde sondieren. Luzifer hatte das Observationssystem hauptsächlich aus dem Grund installiert, um eine Wiederkehr der Engelsschiffe rechtzeitig bemerken zu können. Die Begegnung mit anderen Spezies war recht unwahrscheinlich, da selbst die Engel, die erfahrene Weltraumforscher waren, nur sehr wenige höher entwickelter Spezies in der Galaxis bisher ausfindig machen konnten. Das meiste interstellare Leben bestand aus eher langweiligen Einzellern und Mikroben. Sollte es tatsächlich mal etwas zu tun geben, bei dem sie wirklich gefordert sein würde? Schnell kramte sie ihr Werkzeug zusammen und rannte aus dem Hangar. Sie musste nur den Steinkorridor herunterrennen, dann war sie schon im Observationsraum. Luzifer wartete bereits und starrte wie gebannt auf einen Monitor. Sie lehnte sich über seine Schulter. „Was gibt es?“ fragte sie neugierig. „Ein Schiff“, antwortete er tonlos. Mourose brauchte einen Moment um die Information zu verarbeiten. „Ein Schiff? Was für eines? Engel?“ Er schüttelte mit dem Kopf. „Unwahrscheinlich. Es ist zu klein und ein völlig anderer Typ. Um nicht zu sagen: Ich kenne den Typ nicht einmal. Und die Datenbank auch nicht.“ Sie sah auf den Monitor. Tatsächlich bewegte sich ein kleiner Punkt nicht weit von der Plutoumlaufbahn entfernt. Dort wo eigentlich Daten über das Schiff stehen sollten, standen fast nur Fragezeichen. Die Länge des Schiffes wurde nur sehr vage auf 200 bis 600 Meter geschätzt. „Es ist seltsam. So langsam, “ bemerkte Mourose. Luzifer nickte. “Deswegen haben die
Sensoren es bisher nicht als Schiff erkannt. Es fliegt ohne Antrieb. Genauer
gesagt, ist es komplett ohne Energie.“ „Was machen wir jetzt? Zerstören? So verhindern wir wenigstens, dass die Menschen das mitbekommen. Für die Erkenntnis, dass es außerirdisches Leben gibt, sind sie ja wohl noch nicht reif, “ sagte Mourose. „Wir wissen nicht, womit wir es zu tun haben. Wahrscheinlich ist es nur ein leeres Wrack, aber es könnte auch in einer Art Tiefschlaf sein, aus dem das Schiff erwacht, wenn es dem Ziel nahe genug kommt.“ Sie überlegte. „Wenn es keine Energie
hat, können auch keine Stasiskammern für
Lebensformen im Betrieb sein. Und selbst wenn sie in Stasis sind, dann würde
es eigentlich keinen Sinn machen, dass sie derartig langsam fliegen. Sie
müssten schon Jahrtausende unterwegs sein. Mmm,
auch wenn das Schiff im Moment keine Energie hat, es würde mich wundern, wenn
das Schiff rein zufällig auf diesem Kurs gewesen wäre.“ „Es wäre eine Erklärung. Oder es ist doch nur ein Haufen Schrott, der zufällig vorbeifliegt. Ein ziemlich großer Haufen Schrott.“ „Und ein ziemlich großer Zufall“, bemerkte Luzifer. Nach einer Weile des Überlegens beschloss er dann: „Wir werden es nicht zerstören. Vielleicht fassen wir unsere Vorstellung einfach zu eng.“ „Und wenn da irgendwas drin ist, was uns alle auslöschen will?“ Er grinste dünn, ohne dabei den Blick vom Monitor zu nehmen. „Dafür dass du als Halbengel selbst teilweise eine Außerirdische bist, denkst du ganz schön in Klischees.“ Doch sie blieb ernst. Er seufzte. „Du hast ja recht. Auch wenn ich es für ziemlich unwahrscheinlich halte.“ „Und was machen wir jetzt? Sagen wir es den anderen?“ fragte sie. „Ich weiß nicht ob das so klug ist. Das gibt wieder diese wilden Spekulationen, schlimmstenfalls Hysterie. Und das alles, wenn wir Pech haben, wegen eines Wracks.“ Mourose dachte nach. Luzifer wand erstaunt seinen Kopf zu ihr. „Meinst du das ernst?“ „Wir müssen wissen, womit
wir es zu tun haben. In unserem eigenen Interesse. Ich bin außer dir die einzige
hier, die Raumschiffe fliegen kann. Außerdem bin ich mit Abstand deine beste
Kämpferin. Und du bleibst schön hier wo du gebraucht wirst.“ „Denk doch mal nach, es
ist die beste Lösung! Außerdem kann ich dann endlich mal etwas machen, was
meiner eigentlichen Aufgabe nahe kommt.“ „Nein, mir gefällt der Gedanke nicht.“ „Dann mache ich es eben ohne deine Zustimmung. Und selbst wenn du mir nicht den Transporter gibst, nehme ich eben die Intruder, die gehört mir und ich alleine bestimme was ich damit mache, “ sagte sie bestimmend und sah fest in seine dunklen Augen. „Gegen deinen Dickkopf komme ich wohl nicht an“, seufzte er. „Eben. Außerdem solltest
du mir nicht immer das Gefühl vermitteln, dass ich beschützenswert
bin. Wenn es jemanden gibt, der für meine Sicherheit garantieren kann, bin
ich das selbst. Es wird Zeit, dass du das endlich zu schätzen lernst.“ „Na schön. Ich weiß, dass
du zurechtkommen wirst. Du kannst auch den Transporter haben, so hast du
wenigstens eine funktionierende Regenerationskammer dabei falls dir etwas
zustoßen sollte. Es gibt aber drei Bedingungen.“ „Erstens: Du hältst
ständigen Funkkontakt zu mir, bei jedem Schritt, den du auf dem Schiff tust.
Wenn du überhaupt reinkommst. Zweitens: Ich werde ein Tor installieren, was
dich bei Problemen sofort in dein Schiff transportiert. Und drittens: Kein
Wort zu irgendjemanden.“ „Dann such das Zeug
zusammen, ich will heute noch los“, rief sie voller Elan und rannte aus dem
Raum. © 2005 by Codo Stellaris |