Letzten Samstag war es endlich soweit: Übergabe unserer teuren, kalten, feuchten Wohnung. Lief verhältnismäßig glimpfig ab, aber wir mussten die Fenster noch mal putzen. Wir waren zwar nach Mietvertrag nur für “besenrein” verpflichtet, aber die Vermieterin meinte, wir wären “moralisch” dazu verpflichtet, weil sie damals auch geputzt gewesen wären.
Es wäre ja alles “pikobello” (ich hasse dieses Wort) gewesen. Ja ja, sicher! Oberflächlich war damals sauber, aber die Wohnung war damals so dreckig, dass wir bei Einzug zwei Wochen putzen mussten. Auf den Küchenschränken wachsartige, nach Fisch stinkende Ablagerungen. Überall ein roter Staub, der wahrscheinlich vom Abschleifen der Treppe kam. Die Dusche mit einem undefinierbaren, braunen Film (Seife und Menschenfett?) so verdreckt, dass nur noch Kloreiniger geholfen hat. Und das Beste: Zigarettenkippen steckten in der Schlafzimmerdecke. Aber die Fenster waren ja geputzt.
Überhaupt diese Frechheit, dass sie uns mangelndes “moralisches” Verhalten vorwerfen. Als wir auf eine entgegen ihrer Aussage nicht vorhandene Isolierung in der Fassade hingewiesen haben, wurde kurzerhand unser Parkplatz mit Findlingen zugestellt, und wir durften im Dreck parken. Angeblich Explosionsgefahr wegen Bodenabsenkungen über dem Gastank. Ein Gutachter ist nie gekommen. Andere Leute durften auch weiterhin parken. Uns war sofort klar, dass es nur eine kindische Racheaktion war. Und wir sollten uns nicht irren, denn das Mobbing ging noch weiter. Das ging so weit, dass wir Defekte lieber selbst behoben haben, denn jede objektive Kritik wurde sofort als persönlicher Angriff gewertet.
Aus unserem Beet wurden Kräuter rausgerissen, als wir im Urlaub waren. Beziehungsweise wurde die duckmäuserische Nachbarin dazu verpflichtet. War ja nicht ordentlich. Und dann haben sie als Rechtfertigung für die Aktion auch noch gelogen, dass sie sich ja sowieso um das Beet kümmern würden. Sie haben nicht einmal im Jahr davor in dem Beet gearbeitet, und es hätte auch ganz anders ausgesehen, wenn wir uns nicht drum gekümmert hätten. Für wie blöd halten uns diese Leute eigentlich?
Wir, zwei Physiker im 30ten Lebensjahr, wurden von denen sowieso nicht ernst genommen. Sie verglichen uns in unserer Lebenserfahrung ständig mit ihrem Sohn, der noch zur Schule ging.
Und das Beste: Sie haben mehrfach Hausfriedensbruch begangen. Wir wissen nicht wie oft, aber mehr als zwei Mal. Nicht nur der Vermieter ist in der Wohnung herumgeschlichen, es wurden ohne unser Wissen Heizungsfachleute in unser Schlafzimmer und Bad geführt. Aber wie sie selbst sagen: Das war doch nur gut gemeint, um uns Arbeit zu ersparen.
Ja klar, ein Verbrechen ist kein Verbrechen, wenn man es mit guten Absichten begeht. Wie sagt man so schön: Der Weg zur Hölle ist gepflastert mit guten Absichten.
Aber sie sind ja moralische Menschen. Und wie sie (optisch irgendwo zwischen Eva Herman und alternder Pornostar) sich mit stolz geschwellter Brust hinstellte “Ich bin ja auch gerecht!”
Was für eine dreiste und schamlose Selbstdarstellung! Kein Mensch kann gerecht sein. Das ist jedem klar, der über einen Funken Selbstkritik verfügt. Man kann sich nur um Gerechtigkeit bemühen. Ob man das tut, sollte man durch Taten und nicht durch Worte beweisen. Und sowieso dem Urteil anderer überlassen. Solches unumstößliches Selbstbewusstsein kann auch eine Folge vom Segen des schlichten Gemütes sein.
Ich kann nur jedem Mieter raten, in einen Mietverein einzutreten. Und knallhart die Miete zu kürzen, wenn irgendwas nicht in Ordnung ist. Wir sind viel zu oft viel zu nett mit diesem Pack umgegangen, weil wir keine Lust auf kleingeistige Streiterei hatten. Das bereuen wir jetzt zutiefst. Man darf sich nicht alles gefallen lassen. Spätestens wenn fremde Leute durch die Wohnung geführt werden, muss Schluss sein mit Duldung.
Und noch eine Sache haben wir gelernt: Die wahre Natur eines Menschen erkennt man an der Maske, die er versucht sich aufzusetzen. Wer anderen gegenüber immer ohne jegliche Ironie betont, wie moralisch und gerecht er wäre…ist es mit hoher Wahrscheinlichkeit nicht.
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