10.29.05

Der ganz normale Pathos

Man sitzt im Kino oder mit anderen zusammen vor der heimischen Glotze und schaut sich einen Film an. Alle sind ganz schrecklich ergriffen, haben rote Nasen und feuchte Augen, die Hände werden nervös geknetet. Und man sitzt dazwischen und wundert sich, wie der Chor noch so hoch singen kann, ohne zu platzen.

Oder warum vor dem Beginn einer großen Schlacht immer noch genug Zeit bleibt um sich in der Ausweglosigkeit der Situation zu aalen, aber trotzdem bis zum Tod kämpfen zu wollen. Denn man hat ja eine Bestimmung. Und selbst wenn diese nicht erfüllt würde, will man mit seinem Untergang der Nachwelt noch ein Zeichen setzen. Man will sich ja nicht kampflos dem Schicksal ergeben. Und der Chor kreischt mittlerweile jenseits des zweigestrichenen a.

Pathos wie er schlimmer nicht sein könnte.

Es scheint so als wären die Menschen heutzutage emotional so abgestumpft, dass man mit Weltuntergang und Bombastorchestern vermitteln muss, dass die Situation es wirklich wert ist, emotional ergriffen zu sein. Dabei sind es bei mir gerade die leisen Töne, die mich persönlich am stärksten berühren. Selbst in dem Pathos-Lehrstück „Herr der Ringe“ findet sich so eine Stelle. Als König Theodin am Grab seines Sohnes sagt: „Kein Vater sollte sein eigenes Kind zu Grabe tragen müssen.“

Kein orgiastischer Chor, nicht mal klagende Geigen. Nichts, nur diese Worte, die einen nicht stärker treffen könnten. Auch das Weinen des Königs ist leise, kein Aufreißen der Arme und zu höheren Mächten schreien. Hätte Gandalf darauf nur seine Klappe gehalten und nicht wieder von irgendwelchen „Hallen der Vorväter“ geschwafelt! Es schien fast so als würde hier versucht, diese emotional sehr belastende Szene wieder mit Jenseitsheilversprechen zu mildern. Es ist dem durchschnittlichen Zuschauer wohl nicht zuzutrauen, diese bedrückende und sehr menschliche Intimität länger als dreißig Sekunden zu ertragen. Gehen wir lieber wieder über zu erdmantelerschütternden Schlachten, in den Armen von Söhnen/Töchtern/Geliebten/Freunden sterben und ohrenfellstrapazierenden Musiklautstärken über. Das sind wir schon eher gewohnt.

Ach ja, die Schlachten werden von den Hauptcharakteren im Regelfall sowieso immer überlebt, auch wenn sie hundertmal sagen, dass sie gegen den übermächtigen Feind von der dunklen Seite keine Chance hätten. Also braucht man sich trotz Pauken und Trompeten und sonstiger gequälter Musikinstrumente nicht wirklich um seine Lieblinge zu fürchten.

Nichts gegen ein bisschen Pathos, das braucht man auch mal.
Aber mittlerweile will anscheinend jeder Film den Titel der bewegensten Momente der Filmgeschichte für sich beanspruchen. Und geben sich damit immer mehr der Lächerlichkeit preis.

Erinnert jemand Matrix 3 oder ist das schon verdrängt worden? Dann tut es mir nun sehr leid, diese Beleidigung des gesunden Menschenverstandes wieder ins Gedächtnis zurückgerufen zu haben.
Natürlich muss es auch hier eine große, scheinbar aussichtslose Schlacht gegen einen bösen, dunklen Feind geben. Und eine ergreifende Todesszene. Trinity ist zwar am ganzen Körper durchlöchert, aber sie labert und labert. Wie sehr sie ihn doch liebt. Und dann stirbt sie in seinen Armen. Ach wie traurig, ach wie dramatisch, ach wie schön.

An solchen Stellen höre ich innerlich schon immer Darth Vader sein nicht weniger peinliches „NAAAAAAAAAAIIIIIIIIINNNNNNN!!!!“ schreien. Mit daran anschließendem –wie könnte es anders sein- Chorgeplärre. Die Szene hat dank ihrer Lächerlichkeit schon Kultstatus erlangt. Was für ein bedauerliches Erbe für einen der beliebtesten Bösewichter der Filmgeschichte.

Nicht mal die Werbung schreckt davor zurück, tief in den Topf der pathetischen Stilmitteln zu rühren. Vorschauen für Fussballspiele werden musikalisch angekündigt als ginge es darum, in einer ultimativen und endgültigen Schlacht die Ritter der dunklen Seite mit den Schwertern des göttlichen Lichts zu zerschmettern.

Dabei wissen wir doch alle, was uns da erwarten wird. Ein rundes Lederdings wird ab und zu mal in ein Netz befördert. Zwischenzeitlich gibt es Männerschweiss, hässliche Fussballerbeine, eine ungesunde Portion Überflutung an Werbung, grölende Gruppen von ausgestorben geglaubten Neandertalern und jede Menge Testosteronausbrüche zu sehen. Und jetzt der zweihundertköpfige Chor bitte! Es geht darum die Welt zu retten!

Zu guter Letzt bleibt mir nichts anderes übrig als den herrlichsten Pathos aller Zeiten hier zu verlinken.

Mit vor Anstrengung die hohen Töne zu treffen fast kotzenden Chor, tollen New Age-Percussions, dramatischen Todesszenen, verzweifelten Kameraden, im Angesicht der Auswegslosigkeit und persönlicher Verluste zum Schöpfer schreien, bösartigen, übermächtig erscheinenden Monstern und allem drum und dran.

Enriiiique, porqueeee !!!

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Bislang 6 Kommentare:

CuahianoSmall

01.16.06, 14:40

Hi,

ich kann mich gar nicht erinnern, wo in welchem Film Darth Vader “NAAAAAAAAAAIIIIIIIIINNNNNNN!!!!” schreit und ein Chor einsetzt. Die Musik fand ich in “Star Wars” immer sehr gut und richtig platziert und der Situation angemessen, während mir das Toilettengespüle (dieser breite, undurchhörbare, nicht melodiöse, nicht komplett unharmonische, nicht harmonische Tonbrei aus durcheinander spielenden Orchesterinstrument-Samples) von “Herr der Ringe”, “Chroniken von Narnia” usw. nicht sonderlich gefallen hat. Das ist keine Musik mehr, das ist irgendeine wischige Sülze, die darum bemüht ist, einen gewünschten Effekt zu erhaschen, einen gewünschten Eindruck zu hinterlassen, und durch das banale Bemühen nicht mehr erreicht als einen tumben Geschmack; keine erzeugte Emotion, kein bleibender Eindruck. Nur wumm-wumm-bumm.
Kann jemand diese Hans-Zimmer-Klone abknallen, bitte?

Ciao, NTZ///Cua

Codo

01.17.06, 03:30

Hallo Cua!

Wo wir gerade bei ytmnds sind:

http://vadernein.ytmnd.com/

Das sollte die Szene ins Gedächtnis zurückrufen. ;-)

Ohne Chor, Megaorchester und ordentlich Paukeneinsatz funktioniert heute wohl kein Film mehr. Meist wirkt die Musik hinter dieser Bombastfassade aber auf mich eher durchschnittlich.

Buck

01.17.06, 12:54

Hallo ihr kleinen Laestermaeulchen (ich leibe Herr der Ringe, von daher fiel es mir besonders schwer diesen Artikel zu lesen ;-)

Kennt ihr die Bier-Werbung von Carlton Draught “This is ab big ad”? Einfach genial, denn sie spielt genauch mit dem Thema, das Codo hier aufgreift ;)

Guckt ihr hier: http://www.visit4info.com/details.cfm?adid=24190

Grueese,
Buck

CuahianoSmall

01.17.06, 20:45

Hi,

ach, aus dem Neuesten! Ist mir sofort wieder eingefallen. Es war wirklich ein überflüssiges “NAAAAAIIIIINNN”. ;-)
Aber dem armen John Williams blieb vielleicht nichts anderes übrig, die Musik so zu platzieren oder man hat es als Zuschauer an dieser Stelle erwartet bzw. irgendwie in den Ohren “gebraucht”. So gut kann ich mich an die Stelle, das davor und das danach gerade nicht erinnern, als dass ich das sagen könnte.

Ciao, NTZ///Cua

skion2000

02.14.06, 20:52

Hi,

also ich liebe Herr der Ringe - aber die Bücher, versteht sich!
“Ein Bluttag, ein Quaktag”-hehehe.
Ich persönlich habe nix mit Fußball am Hut, aber ich glaube das der Mensch sich nicht im Geiste (nicht die Anwendung des Geistes) wesendlich weiter vom Urmenschen entwicklet hat, er braucht solche Ritale immer noch–>”grölende Gruppen von ausgestorben geglaubten Neandertalern”
Gruß
skion2000

Flopse

06.02.06, 01:19

Hallo!

Mich hat der Artikel auch sehr amüsiert, obwohl ich mir an einigen Stellen etwas schwer tat, weil ich auch zu den Herr der Ringe-Fans zähle. Es ist ja ein Märchen und da findet man meistens eine Menge Kitsch und einen Schwall an Pathos.
Sehr gut fand ich den Link zu “Enrique - pour queeeeeeeeeeeeeeeeeeeeee!”, habe schon seit Langem nicht mehr so gelacht.

Grüße, Flo.

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